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Der zweite Weltkrieg: Die Fehlkalkulation

Eine Staffel des legendären britischen Jagdflugzeugs Spitfire


Unser Gastautor Waldemar Alexander Pabst wird in den kommenden Jahren den Verlauf des zweiten Weltkriegs nachzeichnen. Heute vor 80 Jahren griff Großbritannien in den Krieg ein und stellte sich gegen die deutsche Kriegsmaschinerie.
Für den Moment war Adolf Hitler ratlos. Er hatte das britische Ultimatum ablaufen lassen, natürlich den Angriff auf Polen nicht gestoppt und die Wehrmacht aus den schon besetzten Gebieten zurückgezogen. Um 9:00 Uhr am Morgen dieses 3. September 1939 war der britische Botschafter Henderson erschienen und hatte als Ultimatum bis 11:00 Uhr die Forderungen überreicht, über die seit Beginn des Überfalls auf Polen noch letzte, mehr verzweifelte Verhandlungen geführt worden waren. Sie waren jetzt klar formuliert. Einstellung der Kampfhandlungen und Einleitung des Rückzugs aus Polen durch die deutschen Truppen. Hitler war selbstredend nicht darauf eingegangen und nun lag sie ihm vor, die britische Kriegserklärung. “Unsere Gegner sind Würmchen, ich sah sie in München”, hatte er noch kurz zuvor getönt, gänzlich den Geist Großbritanniens verkannt und Chamberlains Wandlung nicht bemerkt. Die Franzosen sollten um 17:00 Uhr nachziehen. Sie nahmen den Krieg auf sich, den Tod, um die Deutschen, die sich als Ungeheuer entlarvten, zu stoppen, Osteuropa davor zu bewahren, versklavt zu werden. Der 3. September sollte schon seit Jahrzehnten der Gedenktag des Kampfes gegen die Tyranneien sein.

Des Reiches Führer aber war, wenn auch vorerst nicht für lange, in einen zwei Fronten Krieg verwickelt, er hatte beide großen Mächte des westlichen Europas gegen sich, wovor sich alle jene fürchteten, die noch den 1. Weltkrieg in den Knochen hatten. Vor allem aber hatte er seine einzige stringente Zielvorstellung, den Lebensraum im Osten, womit er das westliche Russland und die Ukraine meinte, abgesichert durch ein Bündnis mit England, ins Gegenteil verkehrt. Von dieser Stunde an führte er Krieg mit den Briten und nicht nur sein wichtigster Verbündeter war Russland, tatsächlich war der Nachschub von Stalin abhängig.

Das vergiftete Angebot

Das Verhängnis kam am 24. Oktober 1938 über Polen. Nachdem Herrmann Göring, der über gute Kontakte ins Nachbarland verfügte und gern in dessen großen Wäldern der Jagd frönte, was er hemmungslos nach der Okkupation weiterführte, schon zuvor auf halb privater Ebene vorgefühlt hatte, legte der Außenminister Ribbentrop den Polen einen Vertragsentwurf vor. Er enthielt außer der Forderung einer exterritorialen Autobahn nach einem wieder deutschen Danzig das Angebot einer engen Bindung an Deutschland. Der Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 sollte um weiter 20 Jahre verlängert werden, alle Grenzen Polens garantiert. Was für den jungen polnischen Staat nach mehr als einem Jahrhundert Aufteilung zwischen Preußen, Österreich-Ungarn und Russland auf den ersten Blick eine verlockende Sicherheit hätte bedeuten können, war damit verbunden, dass Polen dem Antikominternpakt Deutschlands, Italiens und Japans beitreten sollte. Die polnische Führung erkannte zweierlei sofort, zum einen würde ihr Staat damit nichts mehr sein, als ein deutscher Helotenstaat, dessen Armee für Hitlers Kolonialisierung der europäischen Sowjetunion würde ihr Blut geben müssen, während das polnische Volk zu geduldeten Menschen zweiter Klasse im großgermanischen Herrschaftsbereich degradiert wäre. Zum anderen war die Lage bereits mit der Übergabe dieses „Vorschlags“ aussichtslos für Polen geworden.

Adolf Hitler hatte in den ersten Jahren seiner Herrschaft permanent über seinen Friedenswillen und angebliche außenpolitischen Ziele gelogen, nach jedem Erfolg das bisher Versprochene vergessen und neue Forderungen aufgestellt. Verblüfft und empört allerdings konnte es nur diejenigen haben, die sich Illusionen über ihn machen und den Staatsführer Hitler vom Parteikämpfer Hitler der 20er Jahren unbedingt unterscheiden wollten. Die Wahrheit ist, dass Hitler auf eine verblüffende Weise offen und ehrlich gewesen war. In Landsberg hatte er „Mein Kampf“ geschrieben und unabhängig davon, dass er noch weniger als lausig schreiben konnte, ließ das Buch an seinen Hauptzielen keinen Zweifel. Er machte die völkische Rassenlehre, wonach Volkskörper miteinander um die Herrschaft stritten, der stärkste und würdigste von ihnen der germanische wäre, den er in gänzlicher Unkenntnis des Begriffs arisch nannte, zum Kernpunkt seiner Ideologie. Den Ariern würde die Aufgabe der Vorherrschaft zufallen, sie hätten die Slawen zu unterwerfen und sich den für ihre Versorgung angeblich notwendigen Lebensraum zu schaffen. Gleichfalls wurde der Rassenantisemitismus propagiert, das Schädlingsmotiv im deutschen Volkskörper, in dem der eliminatorische Mord schon enthalten war, die offene Aussage, der 1. Weltkrieg wäre nicht verloren worden, hätte man einige Zehntausend „Hebräer“ unter Gas gehalten. Die Unterwerfung eines nicht näher definierten Ostens aber würde nur durch Krieg möglich sein. Nämliche Illusionen konnte sich nur der machen, der unbedingt wegsehen wollte.

Davon aber gab es viele. Die westliche Appeasementpolitik beruhte darauf, die skrupellose Begeisterung, mit der die alte deutsche Rechte, Industrie und Armee sich auf das Hitlerreich einließen, gleichfalls.

Zur Überraschung Letzterer hatte sich Hitler schon zu Anfang seiner Macht von der strikt antipolnischen, der Revision des Versailler Vertrages verschriebenen Ausrichtung der deutschen Rechten, der es zur Republikzeit gelungen war, dies auch zur offiziellen Leitlinie aller Regierungen zu machen, abgewendet und mit dem legendären polnischen Herrscher, dem Marschall Piłsudski, einen Nichtangriffspakt geschlossen, gleichzeitig alle Verbindungen zur Sowjetunion samt der geheimen Zusammenarbeit mit der Reichswehr gekappt. Zwar zogen Hitlers altrechte neue Freunde mit, gleichwohl werden sie nicht glücklich gewesen sein und dennoch nicht verstanden haben, dass es Hitler nie um Oberschlesien und Danzig ging, was sie unbedingt zurückhaben wollten, sondern seine Tagträume um Vielfaches fantastischer waren. Der Pakt mit Piłsudski entfremdete einerseits Frankreich und Polen, was jenem, der unabhängiger operieren wollte, durchaus Recht gewesen sein mag, vergrößerte Hitlers Spielraum beim Aufbau seiner Armee und Kriegswirtschaft, zeigte aber dem Hellsichtigen schon die Optionen und das unbeirrte Festhalten an den Zielen von Mein Kampf. Lebensraum im Osten zu erobern, bedeutete Krieg und die Voraussetzung jedes Eroberungskrieges ist in ergreifender Schlichtheit die gemeinsame Grenze. Diese also müsste ihm Polen entweder eines gar nicht so fernen Tages freiwillig liefern oder er würde es angreifen und dauerhaft besetzen. Piłsudski war tot, seine Nachfolger, Marschall Edward Rydz-Śmigły und Außenminister Beck verstanden sofort. An jenem 24. Oktober 1938 bot ihnen Hitler an, die erste Option zu ziehen.

Die Polen versuchten, auf Zeit zu spielen und antworteten vorerst nicht. Das konnte nicht lange gut gehen, die Deutschen machten Druck, begannen fordernde Verhandlungen. Das bisher nahezu freundschaftliche Klima zwischen beiden Staaten zerfiel rasch. Hitler wusste, was er wollte und begann jenen Weg zu beschreiten, den er schon bei der Zerstörung der Tschechoslowakei benutzt hatte. Er entdeckte sein Herz für Danzig, Oberschlesien, die in Polen lebenden Volksdeutschen und hieß Goebbels, die Propagandamaschinerie anlaufen zu lassen. Polen gab nicht nach, ohne allerdings offiziell das Angebot abzulehnen.

Der Vertragsbruch

Hitlers größter außenpolitischer Triumph war das Münchner Abkommen. Die Westmächte unter Vermittlung Mussolinis lieferten die Tschechen Hitler aus, zwangen sie, ohne sie einzubeziehen, die Sudetengebiete kampflos und sofort den Deutschen zu überlassen. Unter grenzenlosem Jubel der Volksgenossen diesseits und jenseits der tschechischen Grenze zog die Wehrmacht ein, alsbald begannen die brutalen Vertreibungen der tschechischen Bevölkerung aus dem Sudetenland, was die deutschen Vertriebenenverbände nach dem Krieg viele Jahre verdrängten, während Chamberlain auf dem Flugplatz in London von „Peace in our time“ sprach. „Wir wollen gar keine Tschechen“, hatte Hitler verächtlich schwadroniert. Im März 1939 ließ er den schwachen tschechischen Präsidenten Hácha nach Deutschland holen und setze ihn so unter Druck, dass er physisch zusammenbrach, worauf er Hitler den Rest seines Staates überließ. Dieser teilte ihn auf, in das annektierte Reichsprotektorat Böhmen und Mähren und den neu entstehenden Satellitenstaat Slowakei. Offen vor aller Welt brach Hitler nach nur einem halben Jahr die Vereinbarung von München. Das hatte Konsequenzen. Adolf Hitler als glaubwürdiger Vertragspartner hatte, ohne es zu merken, für immer ausgespielt.

Die Polen, von den Deutschen bedrängt, sahen den Ernst der Lage und ordneten vorsichtshalber die Teilmobilmachung an, was die deutsche Propaganda aufnahm und Geschichtsverdrehern der germanischen Enkelgeneration heute dazu dient, polnische Mitschuld zu erlügen. Gänzlich desillusioniert war der britische Premier. Neville Chamberlain, er lief in den folgenden Monaten zur Höchstform auf, als wolle er sich für sein vorheriges Versagen rehabilitieren. Dies aber verstand Hitler bis zuletzt, bis zu jenem Vormittag am 3. September 1939, nicht.

Es ging Schlag auf Schlag. Hitler zwang Litauen schon wenige Tage später zum Abtreten des Memellandes, als wolle er den Westen verspotten, kam er persönlich mit einem Kriegsschiff nach Memel und nahm es in Besitz. Großbritannien sagte Polen militärische Unterstützung zu, es rückte davon nie wieder ab. Nahezu gleichzeitig entschied sich die polnische Regierung, das neue Abkommen mit Deutschland nach sechs Monaten vergeblichen Versuchs, die Katastrophe zu verzögern, abzulehnen. Hitler kündigte den Nichtangriffspakt. Frankreich zog nach und erneuerte das alte polnisch-französische Militärbündnis. Damit waren die Fronten aufgestellt.

Das Dilemma

Allein, so war die Frage, die sich Polen und Westmächte stellen mussten, wie würde eine tatsächliche militärische Verteidigung möglich sein? Auch ein in Aussicht gestellter Angriff der Westmächte 14 Tage nach einem deutschen Angriff, war kein wirklicher Widerstand gegen den Sturm der Wehrmacht. Die Geographie ließ nur einen Faktor zu, der wirksam würde eingreifen können – die Sowjetunion. Das machte die Aussichtslosigkeit der polnischen Position von vornherein aus. Damit sowjetische Soldaten Polen gegen Deutschland verteidigen, es war so schlicht wie in der umgekehrten Lage, mussten sie an die deutsche Grenze, an die Front, in jedem Falle nach Polen. Die Polen konnten mit den Deutschen gegen die Sowjets kämpfen oder mit den Sowjets gegen die Deutschen. Das war die einzig bestehende wirkliche Alternative. In beiden Fällen verloren sie ihre Freiheit, wurden zum blutenden Hilfsvolk eines ihrer übermächtigen Nachbarn und das würde auch das britische Weltreich nicht verhindern können.

Wie schon vergeblich den Deutschen gegenüber, versuchten sie es mit Verzögerung. Die Verhandlungen führten die Westmächte unter der Federführung Londons. Es wird den Polen nicht schwergefallen sein, die Engländer davon zu überzeugen, dass ein festes Bündnis und das Durchmarschrecht nicht das Ziel der Verhandlungen sein dürfe. Die britische Regierung war fest antikommunistisch und traute den Sowjets keinen Millimeter. Die Verhandlungen als solche waren der Zweck. Sie sollten Druck auf Hitler ausüben, sich den Krieg gegen Polen noch einmal zu überlegen. Die Deutschen konnten den Inhalt der Gespräche nicht kennen und mussten befürchten, bei einem Überfall auf Polen in einen Zweifrontenkrieg gegen überlegene Gegner zu geraten. Das verfehlte seine Wirkung nicht, Hitler wurde zunehmend nervös und reagierte wesentlich unsicherer als noch im Jahr zuvor, wo er unbedingt in den Krieg wollte. Er begann nach einem Ausweg zu suchen. Es lief grundlegend anders, als bei der Sudetenkrise, die Westmächte gaben nicht nach, die Polen zeigten ein Selbstbewusstsein, das heute völlig übertrieben scheint, wenn man sich die Kräfteverhältnisse ansieht. Es ist dadurch erklärbar, dass die polnische Führung die eigene Lage völlig nüchtern betrachtete; wenn Polen schon verloren war, dann mit erhobenem Haupt. Hitler hatte sich bei der Suche nach einem Kriegsanlass auf Danzig fokussiert. Er forderte wieder seine Autobahn, er forderte die sofortige Übergabe der unter einem Völkerbundsmandat stehenden Stadt, er forderte es von den Engländern, er forderte es von den Polen, er übermittelte es dem Völkerbund, aber die Polen lehnten es einfach ab, während Großbritannien nicht wankte.

So gesehen schien die Taktik, die Sowjetunion als Druckmittel ohne Vertragsabschluss zu verwenden, um Hitler nervös zu machen, nicht aussichtslos zu sein. Allein, sie konnte nur aufgehen, wenn Stalin Spaß daran hätte, als Springteufel ohne eigene Interessen zu agieren. Selten hat es einen untauglicheren Menschen dafür gegeben.

Ein Propagandasommer

Es begann der letzte Sommer vor dem europäischen Untergang. Ein wunderbarer Sommer, nach Aussagen der Zeitgenossen, ein aufgeheizter Sommer, der zunehmenden Hektik, wilden Hetzpropaganda, wirrer und kalkulierter Verhandlungen. Ein spannendes, empfehlenswertes Buch über die Tage des Augustes ist gerade erschienen, „Funkenflug: August 1939: Der Sommer, bevor der Krieg begann“, von Hauke Friederichs (nicht zu verwechseln mit Jörg Friedrich). Wie zur Sudetenkrise begannen die Deutschen täglich von polnischen Übergriffen auf Volksdeutsche zu lesen, die Zeitungen waren voll davon, bis zur Platzierung gab Goebbels vor, was zu schreiben war. Zusammenstöße mit dem polnischen Zoll wurden in Danzig konstruiert, immer plastischer erschien der Krieg zu werden. Kriegsbegeisterung entfachte das nicht, aber eine Kriegsatmosphäre, die die Deutschen mental vorbereitete. Noch immer wurde verhandelt. Herrmann Göring, der jovial wirkende, vollkommen gewissenlose zweite Mann, war es, der seinen privaten Weg ersann, den Krieg zu verhindern. Er hatte alles erreicht, empfand sich als Renaissancefürst, fast allmächtig fiel ihm der Reichtum zu, er hatte schlechte Zeiten in den 20er Jahren gehabt, er wollte das nicht aufs Spiel setzen. Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe kannte er zudem die Schwäche der Wehrmacht, wie der eigenen Waffengattung, das Aufrüstungsprogramm war bis 1943 vorgesehen. Er erstrebte mit einem zweiten München das Danzigproblem zu Deutschlands Gunsten lösen, wohl wissend, dass sein Führer das gerade nicht wollte oder zumindest die Engländer aus dem Krieg halten, wie es Hitlers Vorstellung entsprach. Dazu nutzte er den ihm bekannten schwedischen Industriellen Birger Dahlerus, der gut vernetzt in der britischen Oberschicht war und der von nun an zwischen London, Berchtesgaden, der Schorfheide und Berlin hin- und herflog, zwei Tage streng geheim mit Briten informell in einem Landhaus an der Nordsee konferierte, ohne Erfolg, versteht sich. Ebenso versuchte sich der Danziger Hochkommissar der Völkerbundes Carl Jacob Burckhardt, der britische Botschafter Henderson, der italienische Außenminister Graf Ciano. Hektisch und erfolglos. Hitler wollte nicht Danzig, Hitler wollte die Grenze zur Sowjetunion. Die Verhandlungen gingen an seinen Interessen vorbei.

Die rote Karte

Stalin war nicht verborgen geblieben, dass seine westlichen Verhandlungspartner auf Zeit spielten und nicht ernsthaft ein Bündnis suchten. Er hatte wenig für sie übrig, er war ein enger Verbündeter der Tschechoslowakei gewesen und in München düpiert worden, man hatte ihn nicht einmal konsultiert. Schon im März, nachdem Hitler scheinbar ohne westliche Reaktion das Münchner Abkommen gebrochen hatte, hielt er eine Grundsatzrede, in deren Verlauf er die Bemerkung machte, die Sowjetunion wäre nicht dazu da, für die Westmächte die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Einen Spalt hatte er damit dem Reich die Tür geöffnet, sich selber einen Plan B geschaffen. Die Deutschen hatten es bemerkt, in der Fortsetzung begannen sie und die Sowjets an einem Handelsabkommen zu arbeiten. Aus den immer ungeschickter verzögerten Verhandlungen mit dem Westen begann er zu schließen, dass sie nicht die Absicht hatten, seine Truppen nach Polen zu lassen, er keinen Preis für ein Bündnis bekäme. Andererseits war es für ihn, der ein hochbefähigter politischer Stratege war, vielleicht der beste seiner Epoche, unschwer zu erkennen, dass die Deutschen durch die konsequente britische Haltung in die Enge getrieben wurden und ihm ganz ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Über die Verhandlungen zum Handelsabkommen signalisierte er parallel zu dem Bündnisversuch mit dem Westen, den Deutschen Gesprächsbereitschaft, ohne allerdings ihnen konkrete Angebote zu machen. Er ließ sie kommen und lag richtig. Hitler sah seine Chance. Würde er sich mit den Russen einigen und damit England und Frankreich allein für Polen garantieren, wäre das doch für diese aussichtslos und Chamberlain kehrte zum Appeasement zurück. Er könnte Polen besetzen und sich dann wieder Russland und dem Lebensraum widmen. Die Westmächte, verraten von Stalin, hielten dann gewiss still. Nicht im Ansatz hatte er den Wandel in London und Paris verstanden. Hitler ließ Stalin die Bitte zukommen, seinen Außenminister zu empfangen, zeitgleich mit den sinnfreien Gesprächen, die Molotow mit subalternen britischen und französischen Militärs führte, die kein Mandat zum Abschluss hatten und mehr als eine Woche mit einem Frachtschiff zu ihm gefahren waren, um die Fahrzeit möglichst lang zu halten. Von ihnen wusste er aber, dass England in jedem Falle zu seinen Garantien für Polen stehen würde. Wenn er nun Hitler freie Hand gäbe, so würde Stalin den Krieg auslösen, ohne beteiligt zu sein, seine Armee konsolidieren können, während sich die Truppen aller Mächte westlich seiner Grenze gegenseitig dezimierten. Er ließ Ribbentrop kommen, teilte Polen mit ihm auf, bekam das deutsche Desinteresse am Baltikum, Finnland und dem Osten Rumäniens, der heute Moldawien heißt. Schon vor dem Abschluss teilte ein elektrisierter Hitler am 22. August 1939 auf dem Obersalzberg seinen Spitzenmilitärs mit, dass der Krieg bevorstünde und am 26. August 1939 beginnen würde.

Der Krieg

Am 24.08. unterzeichneten Molotow und Ribbentrop. Doch die nächsten Stunden waren eine einzige Enttäuschung und überforderten Hitlers Nerven. Die britische Regierung bekräftigte ihm gegenüber, dass auch der Hitler-Stalin Pakt an der Beistandsverpflichtung für Polen nichts ändern würde. Der italienische Botschafter Attolico gab ihm den Rest. Italien wäre nicht kriegsbereit und würde neutral bleiben. Der Krieg, der am nächsten Morgen beginnen sollte, wurde abgesagt. In letzter Stunde konnte der Angriff gestoppt werden, nur eine Kommandotruppe, die nicht mehr zu erreichen war, besetzte den Jablunkapass und einen Bahnhof in Polen, um diese vor der Sprengung zu bewahren, wunderte sich am Morgen, dass kein Krieg stattfand, mühsam konnten sie sich zurückschlagen.

Eine letzte Frist bekam der Kontinent. Wieder flogen Dahlerus und Henderson hin und her, Dahlerus beschrieb später eine gespenstische Begegnung mit einem völlig wahnsinnig wirkenden Hitler, der sich nun wieder selbst suggerierte, wenn er nur brutal genug vorginge, dann würde die Briten schon zurückweichen. Er richtete ein Ultimatum an Polen, mit viel zu kurzer Frist und forderte einen Bevollmächtigten innerhalb von 24 Stunden in Berlin. Die Polen wollten keinen zweiten Hácha und antworteten nicht. Sie hatten das Ultimatum auch gar nicht offiziell erhalten. Der Großangriff ohne Kriegserklärung mit dem verlogenen und unter Hinterlassen von Ermordeten miserabel konstruierten Überfall auf den Sender Gleiwitz und das Zollhaus Hochlinden durch als polnische Freischärler verkleidete Gestapomänner fand am 01. September 1939 statt, beginnend mit der Bombardierung einer wehrlosen Stadt mit schlafender Zivilbevölkerung im Frieden. Die britische und französische Regierung forderten umgehend den Rückzug und die Einstellung der Kampfhandlungen. Doch auch wenn dies zur Gesichtswahrung ausdrücklich nicht als Ultimatum verstanden werden sollte, Hitler war zu keinem Kompromiss in dieser Richtung bereit. Am 03.09. formulierten die Westmächte es als Ultimatum und zwei Stunden danach befand sich Deutschland im großen Krieg. Hitler, der Schritt für Schritt die Völker Osteuropas versklaven wollte, ohne in einen europäischen, geschweige denn einen Weltkrieg zu geraten, hatte sich grundlegend verkalkuliert. Die Niederlage war an jenem Tag angelegt worden, auch wenn sie fast sechs Jahre brauchen würde und mehr als 55 Millionen Menschenleben kosten.

Es ist Konsens, dass England und Frankreich dem Vorwurf ausgesetzt werden, nicht Deutschland angegriffen zu haben und so Polen keine Hilfe geleistet. Dabei wird vergessen, dass kein Heer der Welt aus dem Stand angreifen kann, auch nicht nach 14 Tagen, die Last auf Frankreich lag, dessen ganzes militärisches Denken im ersten Weltkrieg verharrte und allein defensiv war. Seine Generäle konnten sich Offensivhandlungen gar nicht vorstellen. Nach 14 Tagen aber war die polnische Armee zerschlagen und die Rote Armee marschierte ein. Selbst wenn eine Offensive machbar gewesen wäre, hätte sie an Polens Vernichtung nichts mehr verändert. Wohl aber lehnten Westmächte jedes Friedensangebot Hitlers konsequent ab. Sie führten von nun an den Kampf gegen das singulär Böse. Entschlossen und mit dem Blut ihrer Söhne.

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8 Kommentare zu “Der zweite Weltkrieg: Die Fehlkalkulation

  • #1
    Manfred Koch

    Waldemar Pabst hat zwar in der üblichen Weise Hitlers Schuld am Polenkrieg definiert, hat aber versäumt, den brutalen Einmarsch der Roten Armee am 17.09.39 zu analysieren. England und Frankreich ist mit Polen ein Bündnis eingegangen, danach hätten beide Stalin den Krieg erklären müssen.
    Das unterblieb, weil das wohl eine Nummer zu groß gewesen wäre, aber trotzdem inkonsequent. Es ging eben nur um Hitler. Dann hat es Churchill in Jalta zugelassen, dass Polen kommunistisch wurde und die Sowjetunion mit dem kalten Krieg an der Elbe begann!
    Manfred Koch Wunstorf

  • #2
    Stefan Laurin

    @Manfred Koch: Stichtag ist der 3. September 1939, der Tag, an dem Großbritannien in den Krieg eintrat. Zu diesem Zeitpunkt war die Rote Armee noch nicht in Polen einmarschiert.

  • #3
    thomas weigle

    Frankreich und England hatten 39 immer noch und zu recht die Blutbäder von Verdun bis Flandern vor Augen und in der Erinnerung. Sie setzten auf Zeit und wirtschaftliche Blockaden, sowie darauf, dass sie ihre Armeen materiell so ausstatten würden, dass ein Krieg mit Nazideutschland sicher gewonnen werden würde. Zu recht setzten sie auch darauf, dass ihre Wirtschaften v.a. a la longue stärker seien als die Nazideutschlands und seiner Verbündeten. Sie planten eine Offensive für 1941.
    Ihr Fehler war, dass sie glaubten die Maginotlinie sei unüberwindbar. Mit dieser leidvollen Fehleinschätzung standen sie nicht alleine da.
    Dass beide Staaten nicht auch Russland den Krieg erklärten mag man für einen Fehler halten. Ich tue das nicht. Allerdings entlarvt dieses Verhalten der beiden Staaten das langjährige Propagandageschrei der Kommis u.v.a. Thälmanns bspw. auf dem 12,. dem Weddinger Parteitag 29 der "D"KP, dass England, Frankreich und die USA bereit stünden, jederzeit im Bunde mit Deutschland die SU anzugreifen und zu liquidieren.
    Ich war dieser Tage im HK-Archiv. Da vermeldete die von Goebbels bzw. seinem Ministerium tagtäglich gelenkte Nazipresse kurz vor dem Überfall der Roten Armee auf das bedrängte Polen doch tatsächlich Grenzverletzungen polnischer Militärs an der polnisch-russischen Grenze…..So schreibt man Kriegsgründe.
    Gehört hier zwar nicht unbedingt hin, ist aber spannend. In Haller sollte am letzten Friedenssonntag eine Sportplatzweihe stattfinden. Neben allerlei sportlichen Wettbewerben war auch ein Auftritt des "Ersten Großdeutschen Fußballmeisters S04" angekündigt, zu dem 4000 Zuschauer erwartet wurden. Große Vorberichte natürlich im HALLER KREISBLATT, Freude im gesamten Kreis Halle und dann am Montag das große Schweigen. Kein Bericht, nicht mal eine Nachricht, dass die Veranstaltung abgesagt wurde. Überhaupt kein Sport bis etwa in die zweite Septemberwoche. Dafür wurden an jenem Sonntag die ersten Bezugsausweise für gewisse Lebensmittel und bspw Schuhe und Spinnstoffe ausgegeben. Ohne Vorankündigung in der Lokalzeitung.

  • #4
    hansemann

    Geschichte soll sich angeblich nicht wiederholen,da bin ich mir nicht so sicher oder glaubt jemand ernsthaft,daß der Westen einen Weltkrieg zur Wahrung der Souveränität der baltischen Staaten riskieren würde.

  • #5
    Hartmann

    Die Westmächte hatten offensichtlich nicht eingegriffen, weil Stalin an der von GB und Frankreich anerkannten Curzon-Linie stehenblieb.
    Er hatte sich nur die Gebiete zurückgeholt, die Polen sich entgegen der Abmachungen von Versailles widerrechtlich angeeignet hatte.
    Dann hatten sie wohl auch nicht vergessen, dass Polen sehr aktiv einen Pakt gegen Hitler verhindert hatte.
    Vgl. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13495365.html
    "Die Warschauer Junta, von der Garantie ermutigt, würde vor Hitlers Ansprüchen nicht zurückweichen, ihm sogar Krieg androhen. Das hieß: Polen zerrt England und Frankreich auf kürzestem Weg in den Kampf mit Deutschland und beraubt die beiden Westmächte obendrein der Hilfe Rußlands. 
    Um dieses Verhängnis abzuwenden, mahnte Winston Churchill: "Das britische Volk hat ein Recht, Polen aufzurufen, der gemeinsamen Sache keine Hindernisse in den Weg zu legen. Es muß nicht nur die volle Zusammenarbeit mit Rußland akzeptieren. Auch die drei baltischen Staaten, Litauen, Lettland und Estland, müssen in den Verbund eingebracht werden."
    Da ist ausführlich dokumentiert, wie GB und Frankreich geradezu verzweifelt versuchen, Polen zu einem Abkommen gegen Hitler unter Einbeziehung der Sowjetunion zu bewegen. Indirekt scheint auch der Vatikan mit seiner Etikettierung der Sowjetunion als Antichristl eine Rolle gespielt zu haben. Da schien manchen Polen sogar der frühere Ministrant Hitler, der zudem noch ein Konkordat mit dem Vatikan geschlossen hatte, das kleinere Übel zu sein.

  • #6
    thomas weigle

    Der Knackpunkt aus polnischer Sicht war, dass sie der Roten Armee keinen Blankoschein für das Durchmarschieren ausstellen wollten. Angesichts der späteren Entwicklung durchaus begründet, denn die Rote Armee war bekommen um zu bleiben bzw. um wieder zu kommen, falls es aus Kremlsicht als nötig angesehen werden würde.
    Außerdem bot Hitler den imperialen Moskauer Kommis ja viel mehr als nur die neue Grenze am Bug. also eine erneute polnische Teilung. Diese Angebote, dieser "Sommerschlussverkauf" vieler osteuropäischer Gebiete an die roten Zaren waren letztlich ausschlaggebend. Als Sahnehäubchen dann noch ein großer Kredit an Moskau und Warenlieferungen aus dem braunen ins rote Reich. Das war ein Angebot, dass "der beste Freund der deutschen Jugend"(Margot Honecker) nicht ablehnen konnte und dass die Westmächte nicht mal im Ansatz bieten konnten und wollten.

  • #7
    Waldemar Pabst

    Mich entsetzt es zunehmend, dass Geschichtsunkenntnis sich in diesem Land mehr und mehr damit paart, Exculpierendes für die Nazideutschen der Hitlerzeit zu finden und es ist darum zu meinem Anliegen geworden, die Vorgänge zu beschreiben und ihre Hintergründe zu benennen. Das begann mit den immer heftiger werdenden Selbstmitleidsfestspielen in Dresden, wo man beim Bombenkrieg Ursache und Wirkung nicht verstehen wollte, gipfelt aber seit einiger Zeit sogar darin, selbst die alleinige deutsche Verantwortung für den Kriegsausbruch relativieren zu wollen. Den Anfang machte ein pensionierter Bundeswehrgeneral und Geschichtsklitterer namens Schultze Rhonhoff, der in einem Buch sich auf Zitate britischer Führungspersönlichkeiten stützte, die allesamt nicht die Regierungsmeinung vertraten und das zum Teil ungeschickte Vorgehen der polnischen Regierung stürzte, um dem Krieg, wie er im Titel schrieb, viele Väter zuzuschreiben und das Eingreifen Großbritannien als den Versuch, einen Weltmarktkonkurrenten auszuschalten denunzierte.

    Man kann das ekelhaft finden, wenn aber immer mehr heutige Volksgenossen dem begeistert folgen, sollte man dazu den Versuch machen, zum einen die komplexen Geschehnisse darzustellen, zum anderen aber aufzuzeigen,

    dass es eine von Beginn an nie unterbrochene Linie von Mein Kampf zum Krieg gegeben hat,

    dass die Aufrüstung auf Pump es notwendig machte, die Wehrmacht zum Plündern der Kassen anderer Länder zu nutzen, also vom ersten Tag der Herrschaft Hitlers der Krieg eingeplant war,

    dass die Briten die Ausschaltung des Weltmarktkonkurrenten beim Einrücken der noch viel zu schwachen Wehrmacht ins Rheinland erheblich billiger hätten haben können,

    dass im Gegenteil bis zur Besetzung Prags alles Bestreben des Westens darauf gerichtet war, um wirklich jeden Preis den Frieden zu erhalten, unabhängig davon, welche Warnungen Churchill und andere verlauten ließen,

    dass Polen vom ersten Tag nach Überreichung des deutschen Vorschlages für ein Abkommen keine Chance hatte und deshalb auch frei aufspielen konnte, woraus sich die scheinbar ungeschickte Haltung und die verbitterten Übergriffe gegen Volksdeutsche erklären,

    dass auch die flexibelste Verhandlungsführung am Ergebnis nichts geändert hätte, weil sich Hitler weder für Danzig, den Korridor noch für Volksdeutsche interessierte, sondern an die Sowjetunion rücken wollte, um SEINEN Krieg beginnen zu können, wovon er kaum zwei Jahre später trotz Krieg mit England und Bündnis mit Stalin nicht lassen konnte.

    Das war die Intention dieses Aufsatzes.

  • #8
    thomas weigle

    Selbst der hinkende Vorzeigearier vom Niederrhein machte sich zumindest 38/39 in seinen Tagebüchern Sorgen um die Haushaltslage und fand, dass man Lösungen finden müsse. Die sind dann ja gefunden worden.
    Die Versorgung der Heimat mit Lebensmitteln funktionierte letztlich auch nur durch die Ausplünderung der okkupierten Gebiete, v.a. Polen und SU. Allein im Wirtschaftsjahr 42/43 wurden aus diesen Gebieten 6 Millionen Weizen herausgepresst.
    Bereits im Jänner 38 erklärte der damalige Haller Landrat Lewecke wo die Lebensmittelmarken gelagert seien-in versiegelten Kisten in der Kreissparkasse und wie die Ausgabe funktionieren würde. Die Nazis hatten das gut organisiert, denn sie wollten jede Erinnerung an das Ernährungsdesaster 14/18 tilgen, v.a. an den "Steckrübenwinter 16/17." Das funktionierte dann auch ganz gut zunächst, zumal die Ernte 39 gut bis sehr gut ausgefallen war-zumindest wird im HALLER KREISBLATT in 9/39 dies in immer neuen Variationen behauptet. Da die Nazipresse von Berlin aus scharf gelenkt wurde, stand dies in allen Zeitungen.
    Was das Rheinland 36 angeht, waren da wohl eher Frankreich und Belgien gefragt, die tatsächlich mit einem Einrücken ihrer Soldaten ins Rhein-und Saarland dies hitlerische Abenteuer hätten beenden können, denn die Wehrmacht hatte strikteste Anweisung, sich beim Auftauchen der ersten "feindlichen Soldaten" sofort ohne Kampfhandlungen zurückzuziehen. In Berlin herrschte jedenfalls höchste Nervosität, selbst Hitler sprach von den aufregendsten 48 Stunden seines Lebens.

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