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Der zweite Weltkrieg: Prolog

Deutsche Soldaten stellen die Zerstörung eines polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach, 1. September 1939 Lizenz: Gemeinfrei

Unser Gastautor Waldemar Alexander Pabst wird in den kommenden Jahren den Verlauf des zweiten Weltkriegs nachzeichnen. Der Auftakt dieser Reihe widmet sich der Vorgeschichte des Krieges in Europa.   

In seinen Memoiren schrieb der französische Ministerpräsident während der deutschen Eroberung Frankreichs, Paul Reynaud, dem Sieger des ersten Weltkriegs, dem Marechal Foch ein Zitat zu, das nach dessen Kenntnisnahme der alliierten Friedensbedingungen von Versailles, gefallen sein soll. “Dies ist kein Frieden, sondern ein Waffenstillstand für 20 Jahre”.

Natürlich übt diese Aussage eine ungeheure Faszination aus, sie fiel im Juni 1919, mit dem Überfall auf Polen begann Hitlers Deutschland den zweiten Weltkrieg am 1. September 1939.  Ferdinand Jean Marie Foch, Frankreichs berühmtester Heerführer seit Bonaparte, der selber 1929 starb, hatte sich als Prophet erwiesen. Deutsche griffen die Worte gierig auf, unabhängig davon, dass der Wunsch nach Verschärfung der Bedingungen Inhalt seiner Klage war (Foch wollte die Zerstückelung Deutschlands) wurden sie als Indiz hochgehalten, dass die wahren Schuldigen am Weltkrieg zwei die Alliierten gewesen wären, die in Versailles Deutschland zu Unrecht erniedrigt und ausgeplündert hätten. So wäre der Gedanke an Revanche ins deutsche Volk gepflanzt worden, der Hitlers Aufstieg und den nächsten Waffengang unvermeidlich machte. Der Versailler Vertrag als Grundübel auf dem Weg in den großen Krieg ist bis heute fester Bestandteil deutscher Geschichtssicht und des Geschichtsunterrichts. Es ist ein verzweifelter Erklärungsversuch dafür, weshalb sich die überwältigende Mehrheit eines mitteleuropäischen Kulturvolks, das sich selber als das der Dichter und Denker sah, mit dem singulären Bösen gemein machte und durch unvorstellbare Mordlust aufgeladen über Europa herfiel. In einer Zeit, in der es modern geworden ist, dass Nachgeborene nach Gründen zur Freisprechung der Groß- und Urgroßeltern suchen, wird die Legende der Kausalkette von Versailles zur Westerplatte vorerst auch nicht sterben.

Der Opfermythos

Unbestreitbar waren Umstände und Inhalt des Vertrages, der in der Tat ein Friedensdiktat war, das den Besiegten keinen Verhandlungsspielraum einräumte, keine Musterbeispiele weitsichtigen diplomatischen Geschicks. Es war eine Racheinszenierung, zu der der französische Ministerpräsident Clemenceau seine Alliierten überredete. Zu keinem Zeitpunkt setzte man sich im deutschen Volk mit der Frage auseinander, was zu diesem Vergeltungsbedürfnis Frankreichs geführt und was das kaiserliche Heer Frankreich angetan hatte, stattdessen suhlte man sich in der Empörung.

Vorausgegangen war dem Weltkrieg der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Er endete nicht nur mit der Reichsgründung, womit das europäische Gefüge sich mit einem Schlag vollständig veränderte, sondern mit einem Frieden für Frankreich, der an Verächtlichkeit und Demütigung Versailles um wirklich nichts nachstand. Das Kaiserreich war eben nicht nur ein neuer Player in Europa, es war mit seiner Entstehung die mit Abstand ökonomisch und militärisch stärkste Macht, schob Frankreich als bislang dominierendem Imperium allenfalls den zweiten Platz zu und drängte Österreich-Ungarn wie Russland an die Seite, mit denen es geschickter Weise einen Ausgleich suchte, um Frankreich vollständig zu isolieren. Damit genug wurden dem Kriegsverlierer horrende Reparationen auferlegt, obgleich nicht ein Schuss auf deutschem Boden gefallen war, zwei Provinzen annektiert und das neue Deutsche Reich zur Erniedrigung im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles gegründet. Entschlossener kann man kaum ein Revanchebedürfnis wecken. Und dieses war noch die Tat des Realpolitikers Bismarck. Die sich anschließende Politik des zweiten Wilhelm samt seiner verbalen Ausfälle, ließ nicht nur jede Versöhnung Illusion werden, sondern schaffte das Einzigartige, nach fast 1000 Jahren Krieg mit Unterbrechungen, aus den tatsächlichen Erbfeinden Europas, England und Frankreich Bündnispartner zu machen, denen sich Russland anschloss, als ihm signalisiert wurde, dass sein Gegner, die Doppelmonarchie, nunmehr der Partner des Reiches würde.

Der Krieg, der 1914 den Kontinent überzog, Frankreich zwei Mal an den Rand der Niederlage brachte, verwüstete Nordfrankreich und Belgien in einer Weise, die sich der realistischen Beschreibung entzieht. Hat der Luftkrieg zwischen 1943 und 45 die deutschen Städte pulverisiert, so wurde hier die gesamte Landschaft zwischen der Grenze zu Deutschland und der Kanalküste über eine Breite von Hunderten Kilometern umgepflügt und ausgelöscht. Das Ausmaß an Zerstörung durch Schützengräben und ihrem Dauerbeschuss mittels Artillerie und Giftgas, die Massen verwesender Leichen, sind dem Heutigen nicht vorstellbar. Frankreichs Rachebedürfnis hatte reale Grundlagen. Die Deutschen aber fühlten sich als Opfer, wie sie sich schon im Kaiserreich als die zu kurz Gekommenen vorgekommen waren, denen die Kolonialwelt verschlossen war und richteten sich in diesem Mythos ein. Denen, die mit dem Vertragsabschluss vertraut waren, auch jenen, wie dem Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau oder dem Regierungschef Scheidemann, die die Unterzeichnung des Friedensvertrages ablehnten und zurücktraten, waren die französischen Verluste noch bewusst, in der gesamten Debatte Deutschlands spielten sie hernach keine Rolle mehr. Selbstverständlich wurde auch der Frieden von Brest-Litowsk, ein Jahr zuvor, ausgeblendet, in dem das Kaiserreich Russland aufgeteilt hatte, ausgeplündert, kein Jota freundlicher behandelt, als man selber nun als Kriegsverlierer. Versailles, da war sich die Mehrheit der Deutschen einig, war ungerecht, die Deutschen Opfer, zu differenzierterer Betrachtungsweise vermochten sich Politik und Volksmeinung nicht mehr durchzuringen. Die Rheinlandbesetzung tat ihr übrigens. Die meisten Deutschen und die gesamte Rechte verfielen in die furchtbare Kombination aus Selbstmitleid und bornierter Selbstgerechtigkeit.

Die Chancen der Republik

Allein, der Weg zu Hitler war nicht zwangsläufig. Tatsächlich arbeiteten die Kabinette der Republik durchaus erfolgreich daran, die Bedingungen erst zu mildern und schließlich immer weitergehend auszuhebeln. Die stillschweigende Akzeptanz, mit der Hitlers frühe Maßnahmen, wie die Einführung der Wehrpflicht, die Einstellung der Zahlungen, die Schaffung der Luftwaffe, die Stationierung von Soldaten auf dem linken Rheinufer von den Westmächten hingenommen wurden, hatte dort ihre Ursache. Wie die wirtschaftliche Entwicklung hat auch dies zur Stabilisierung der Republik beigetragen und den Beginn einer deutsch-französischen Aussöhnung befördert, für den die Namen Briand und Stresemann stehen. Die Zeit würde die Wunden des großen Krieges heilen können und seinen Friedensvertrag zur Episode machen. Es war einzig die Weltwirtschaftskrise, die den Aufstieg der Nationalsozialisten beförderte, die Hitlerpartei hatte noch 1928 nur 6% der Stimmen. Erst mit der Massenarbeitslosigkeit und ihrem Elend, gerade auch für die Mittelschicht, zeigte sich die mangelnde Verankerung der parlamentarischen Demokratie in der Bevölkerung und die Republikfeindlichkeit der Rechten, die geistig im Kaiserreich verblieben war und für die Versailles ein immer währender Graben zu den Demokraten blieb. Die Wirtschaftskrise allerdings traf die ganze Welt, sie war kein deutsches Spezifikum und sie traf Sieger wie Verlierer, sie war ein ökonomisches Lehrbeispiel, Versailles hatte dies nicht verursacht. Ohne sie aber wäre Hitler nicht zur Macht gekommen, die Deutschen entschieden sich aus freien Stücken für das Böse als Ausweg, nur er war es, der um jeden Preis den neuen Krieg anstrebte. Die alte Rechte war republikfeindlich, sie wollte deutsche Geltung und eine diffuse Revision der Kriegsergebnisse, ein neuer Krieg aber stand nicht auf ihrer Tagesordnung, dazu bedurfte es der Nazis. So hatte die Prophezeiung Fochs zwar gestimmt, aber nur, weil ein Faktor eingetreten war, den er nicht vorhersehen konnte.

Der Kardinalfehler

Dennoch hatte der Frieden von Versailles einen kardinalen Grundfehler in einem seiner Kernpunkte. Einen Fehler, der der Gedankenwelt des Marschalls nahegekommen sein mag, dass die Deutschen gedemütigt würden, ohne sie ausreichend zu schwächen, dass sie sich nie erholen könnten. Das war das 100.000-Mann-Heer.

Die Sieger hatten vermutlich den Gedanken, den Deutschen einerseits eine Armee lassen zu wollen, damit die Preußen ihren Identifikationspunkt behielten und die Annahme des Vertrages nicht von vornherein ausgeschlossen wäre, sie aber so einzuschränken, dass jede Form von militärischer Aktion durch das Reich unmöglich würde. Den Deutschen wurde vorgegeben, ihr Heer auf 100.000 Mann zu beschränken, die Marine durfte 15.000 Soldaten haben, eine fliegende Truppe verboten, gleichfalls moderne schwere Waffen, kein Panzer war gestattet, der Generalstab abgeschafft. Diese Reichwehr war von allen Möglichkeiten abgeschnitten, die Aufgaben einer Truppe wahrzunehmen. Gleichwohl wurde zur Sicherheit eine Mindestdienstzeit von 12 Jahren vorgeschrieben, für Offiziere 25, damit sich gar nicht erst Reservisten bilden könnten. Tatsächlich wurde ein Monster erschaffen, genauer gesagt, das Skelett eines Monsters.

Am Anfang ist diese Konstruktion eine der wesentlichen Ursachen des Kapp Putsches. Die Soldaten, insbesondere die der irregulären Truppen der Regierung, die die roten Aufstände niedergeschlagen hatten, ohne sich der Demokratie zugehörig zu fühlen, packte das Entsetzen, ihre Armee würde lächerlich sein und mehr als 2/3 der Bewaffneten hätten den Weg in die Arbeitslosigkeit anzutreten. Der Bruch zwischen der Sozialdemokratie und den antidemokratischen Kämpfern sollte endgültig sein.

Das entscheidende Unglück aber wollte, dass an die Spitze dieser Reichswehr, wie alsbald ihr Name war, ein hochbefähigter Mann trat, der geradezu visionär die Möglichkeiten erkannte und pragmatisch an ihnen arbeitete, ohne lange dem Verlorenen nachzutrauern. Dieser Mann hieß Hans von Seeckt.

Seeckt wusste, was man mit der Reichswehr nicht konnte, nämlich das Land zu verteidigen. Darüber brauchte er sich daher keine Gedanken zu machen, seine Truppe nicht aufzustellen, Pläne zu machen, zu üben. Statt aber zu tun, was die Alliierten guten Glaubens gedacht haben mögen, nämlich eine Operettenarmee zu kommandieren, deren Haupttätigkeit darin bestehen würde, Paraden abzuhalten und Reitturniere auszurichten, mit Soldaten, die ohne Aussicht auf auskömmliche Beförderungsmöglichkeiten der Not gehorchend sich verpflichteten und eher eine Negativauslese darstellen würden, ging er unverzüglich ans Werk, seine Gedanken Realität werden zu lassen. Seeckts Idee war die Kaderarmee, eine Truppe, in der jeder Soldat, jede Einheit vorbereitet war, mindestens die nächst höheren Aufgaben zu übernehmen. Er konnte sich nun sehr sorgfältig seine Mitstreiter aussuchen. Die bestehenden bewaffneten Verbände wurden verkleinert und nur die Besten schafften es, in seine Reichswehr übernommen zu werden. Die Entschlossenheit der offiziell unpolitischen, aber in ihrer überwältigenden Mehrheit antirepublikanischen Soldaten hatten die Schöpfer des Friedensvertrages unterschätzt. Nicht nur jene meldeten sich, die sich vor dem Zivilleben fürchteten, sondern auch die Besten, die an der Restitution einer germanischen Großmacht mitwirken wollten, die Parteien verachtend. Sie fühlten sich als Elite und waren den Preis zu zahlen bereit, auch über viele Jahre unterbezahlt und mit wenig Silber oder Gold auf den Schultern betresst zu sein. Sie wurden ausgewählt. Sie, die Front- und Stabsoffiziere des Weltkriegs, die aus ihren Erfahrungen gelernt hatten, wie Kriege nicht geführt werden sollten, sie, die kräftigen jungen Männer vom Lande, unverbildet durch die Anfechtungen der städtischen Realität, gehorsam, tapfer und nichts hinterfragend.

Genesis eines Monsters

Die Offiziere hatten viel Zeit zum Denken. Darüber, wie eine neue Armee auszusehen hätte, welche Voraussetzungen ihre Reichswehr zu schaffen hatte, darüber, welche Waffen den künftigen Krieg prägen würden und vor allem, welche Strategien notwendig sein wären, ihn zu gewinnen. Sie brachten den geistigen Spagat fertig, einerseits kritiklos ihre kaiserlichen Vorgänger zu verehren, fest die durch und durch verlogene Dolchstoßlegende zu glauben und ihretwegen die Demokraten zu hassen, andererseits aber genau zu wissen, dass die Unfähigkeit der Obersten Heeresleitung mit ihrem ideenlosen Hinschlachten der eigenen Soldaten die Kraft der alten Armee zerstört hatte, dass Hindenburg im Oktober 1918 die Nerven verloren hatte und zur Kapitulation gedrängt, für die Erzberger ermordet wurde und daraus in aller Stille die Konsequenzen zogen, indem sie sich aus dem strategischen Denken des 1. Weltkrieges lösten und die Vordenker neuer Wege wurden. Sie zeigten, dass es im Manöver gleich war, ob die Panzer Automobile mit Pappverkleidung waren, bedeutend nur, zu lernen, sie einzusetzen. Die Planung war für jenes Reich, das der Republik folgen sollte, Versailles über Bord werfen würde und dem Gerippe der künftigen Armee das Fleisch geben.

Dennoch waren es die Regierungen Weimars, die von Anbeginn an dies unterstützten. Sie ließen in Polizei- und Milizeinheiten Reserven entstehen, sie deckten die kleineren und größeren Verstöße gegen den Vertrag, sie schufen die politischen Voraussetzungen der Zusammenarbeit mit anderen Staaten, wo Flugzeuge und U-Boote entstanden, die irgendwann auch einmal in Deutschland gebaut würden. In erster Linie aber war es die Kooperation mit der Roten Armee, die dem Rapallo Vertrag folgte, wo die scheinbaren Antagonisten der rechten Preußen und der Bolschewisten, beide Außenseiter der europäischen Nachkriegsstaatenwelt, gemeinsam zu ihrem Vorteil Waffen und Strategien erprobten. Die Deutschen lernten fliegen und Panzer fahren, die Sowjets ihre Technik kennen und Kriegskunst. Dass von Seeckt schon 1926 abgelöst wurde, als er zu selbstherrlich agierte, änderte nichts mehr. Die Reichswehr blieb auf ihrem Weg. Ihre Soldaten und Offiziere schufen das modernste militärische Denken ihrer Zeit und warteten auf jenen Tag, da sie die Früchte ernten würden.

Sie waren nicht festgelegt, wer es wäre, der sie aus der Dornröschenzeit erlöste, die Nazis in ihrer Primitivität waren nicht ihr Geschmack, die Republik war es sicher nicht, politisierende Generale wie Schleicher versuchten den Staat selber zu übernehmen, ganz im Sinne Seeckts, dessen Ausspruch, “das Heer dient dem Staat, nur dem Staat, denn es ist der Staat” den ungeheuerlichen Anspruch deutlich machte. Aber daran scheiterten sie. An die Macht kam Hitler, die Armee verhinderte es nicht, von Hammerstein sah die praktische Schwäche dieses Kaderheeres, gegen SA und Kommunisten nicht wirklich erfolgversprechend vorgehen zu können, Blomberg und Reichenau erkannten die Chancen, die Hitler bieten würde und stellten sich an seine Seite. In jenen 20 Jahren, von denen Foch sprach, gab es nur ein einziges Moment, in dem Seeckts sorgsame Planung in Gefahr geriet, einen einzigen Mann, der zum Gegenpart wurde. Das war Ernst Röhm, der seine SA zur neuen Armee machen wollte. Hatten die neuen Wehrmachtsführer anfangs gedacht, die SA Männer wären der ideale Stoff, ihr Knochengerüst aufzufüllen, stellen sie schnell fest, dass sie in der SA aufgehen sollten. Das brachte sie an die Seite Görings, Himmlers, samt Heydrichs und Röhm den Tod.

Hitlers Schwert zum Krieg

Danach geschah, wovon alle geträumt hatten, die Aufrüstung und die Wehrpflicht. Jene Heeresoffiziere, die auf verschwiegenen Posten mit niedrigen Rängen in Wahrheit die Luftwaffe geplant hatten, erhielten die blauen Uniformen der neuen Truppe Hermann Görings, gleich ihnen die angeblichen Polizeifliegerstaffeln, die Luft Hansa Piloten, die Reklameflieger, die alle dort geparkt waren, um am Tage X die neue Luftwaffe als eigenständige Waffengattung zu starten. Aus den Hauptleuten und Majoren des Heeres wurden in wenigen Jahren Obristen und Generäle, aus den 100.000 Mann, die nun die Führung übernahmen, 1,6 Millionen. Hitlers kreditfinanzierte gigantische Aufrüstung, vom Kleinheer ohne jede schwere Bewaffnung ausgehend, die die Konjunktur des ganzen Reiches zum Kochen brachte, ließ sie die modernste Bewaffnung der Welt bekommen. Grundsätze der Menschenführung hatte die Denkfabrik der Reichswehr entwickelt, die die Truppe mit einer Moral ausstatteten, die allen anderen überlegen war, statt in den Vorstellungen des letzten Krieges zu verharren, waren neue Strategien erdacht, die alles Alte beiseite geschoben hatten. Die Träume des Hans von Seeckt wurden Wirklichkeit. Nur sehr wenige Offiziere dieser nun Wehrmacht genannten Truppe, sahen den durch und durch verbrecherischen Charakter des Regimes, fast alle nahmen ihn einfach hin, er schien ihnen als angemessener Preis für ihre privilegierte Stellung.

Für sie war ihr Weg am Ziel. Es reichte ihnen die Weltgeltung, die Deutschland nun hatte, die offizielle Beerdigung des Pariser Friedens, natürlich war die Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete noch begehrenswert, einen Krieg aber, der dies alles in Gefahr brächte, wollten sie nicht. Als ihre Führer bemerkten, dass Hitler nichts weniger als die Herrschaft über Europa und die Versklavung der slawischen Völker anstrebte, bekamen sie kalte Füße. Blomberg und der Heereschef Fritsch wurden daraufhin durch Intrigen entfernt, die Generalität murrte – und zog mit, als mit dem Münchner Abkommen der Hasardeur als Führer zum Volkshelden mutierte.

Als Adolf Hitler die Macht übernahm und die Eroberung seines Lebensraums im Osten in wenigen Jahren beginnen wollte, hatte er scharfsichtig das geniale Konzept erkannt, das ihm die Seecktarmee, entstanden aus einer Fehleinschätzung der Alliierten, bot. Dafür nahm er die verachtete Generalität in Kauf und opferte Röhm. Nach sechs Jahren der Aufrüstung hatte er das schärfste Schwert der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Händen, ohne das seine wirren mörderischen Idiotien Hirngespinste geblieben wären. 20 Jahre nach dem letzten Friedensschluss gedachte er, es einzusetzen, jenen Lebensraum im Osten zu erobern, von dem er seit “Mein Kampf” fantasierte. Die skrupellosen und betriebsblinden Offiziere der Reichswehr in ihren nun bestaussehendsten Uniformen der Welt, hatten nicht einmal begriffen, dass die Eroberung fremder Staaten und ihrer Devisenreserven unausweichlich war, um die Wechsel einzulösen, die ihre Aufrüstung finanziert hatten.

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4 Kommentare zu “Der zweite Weltkrieg: Prolog

  • #1
    thomas weigle

    Mit der Rache ist das so eine Sache. Wenn man sie als verständlich ansieht, dann stellt sich die Frage, wie lange darf man an Rache denken. Darf ich bis zum 30jährigen Krieg zurückgehen, vielleicht nur bis ins 18.Jahrhundert oder bis Napoleon. Oder halten wir sie erst ab 70/71 für legitim?
    Die dreißig Jahre Krieg 18-48hatten für Deutschland verheerende Auswirkungen, die durchaus gleichberechtigt neben denen der beiden Weltkriege stehen. So war der Bevölkerungsverlust in D. erst 100 Jahre später aufgeholt. Dies zu einer Zeit, in der Handarbeit angesagt war. Dazu die heillose staatliche Zersplitterung Deutschlands, deren Zollgrenzen einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung im Wege standen. Denn gerade F. war an diesem Zustand nicht nur mitschuldig, es hatte ein vitales Interesse an der Beibehaltung dieses Zustandes. Deshalb ist Versailles 1871 eigentlich nicht Verächtlichmachung, sondern unter dem Gesichtspunkt der Rache gerade zu logisch.
    Ich wohne übrigens in einem ostwestfälischen Ort, der unter Napoleon ein paar Jahre französisch war. Kein Scherz.
    Ich würde also Rache nicht unbedingt als geschichtliche Kategorie durchgehen lassen. Nicht umsonst zählt Rache bei Mordprozessen als niederer Beweggrund. Tue ich es doch, komme ich in heillose Schwierigkeiten: siehe Versailles 1918ff.

  • #2
    Waldemar Pabst

    Ich weise in dem Text ja darauf hin, dass Versailles nicht von besonderer diplomatischer Weisheit bestimmt wurde. Vielmehr geht es um die Selbstgerechtigkeit, mit der dieser Frieden nicht nur von der deutschen Rechten, sondern einem Großteil des deutschen Volkes aufgenommen wurde. Sowohl 1871, der Frieden von Brest Litowsk als auch Die Verheerungen in Frankreich wurden völlig ausgeblendet und sich hemmungslos dem Selbstmitleid hingegeben. Darum geht es mir.

    Natürlich, da sind wir uns einig, war nicht der erste Weltkrieg, sondern der 30jährige Krieg die Urkatastrophe. Allerdings eine sehr deutsche, die Hingabe, mit der, auch wenn es eigentlich eine Machtauseinandersetzung von Fürsten und Kaisertum war, sich die Deutschen um die Frage, auf welche Weise man zu Gott beten sollte, gegenseitig ausrotteten nimmt viele hysterische und mörderische Aufwallungen der späteren Germanen vorweg. Das Frankreich dabei sich in der Endphase machtpolitisch klug mitbeteiligte, war völlig legitim nach den damaligen Vorstellungen, einen Anteil an der Barabarisierung des Krieges hatte es nicht, dafür hatten die Deutschen samt ihr der schwedischen und dänischen Retter des Protestantismus schon selber gesorgt.

    Die Zersplitterung Deutschlands mag den Herrschern Frankreichs Recht gewesen sein, für ihre Aufrechterhaltung sorgten die Fürsten schon selber. Österreich hat Frankreich nach der Revolution angegriffen, Napoleons Krieg gegen die Preußen ging von diesen aus. Die französische Besatzungszeit hatten die Deutschen schon selber verursacht. Bonaparte hat die Rechtsstaatlichkeit und die Judenemanzipation den Germanen mit Waffengewalt gebracht, so wie 146 Jahre später die Alliierten die Demokratie gewaltsam einführten. Insbesondere die Judenemanzipation empörte die Zeitgenossen Teutoniens, sie nannten den Kampf gegen den Kaiser bezeichnend Befreiuungskrieg.

    Der Umgang Bismarcks mit den Franzosen war dummerhaft und sehr kurzsichtig. Keine Vorgeschichte rechtfertigte das, vor allem aber hatte Deutschland von da an eine permanente Krise mit dem Nachbarn.

  • #3
    thomas weigle

    Nein,@ Waldemar Papst, die 30 Jahre waren ein europäischer Krieg auf deutschen Boden, die Religion diente nur als Vorwand für blankes Macht- und Eroberungsstreben, Und keine 10 Jahre nach dem "Frieden von MS und OS" ging es ja fröhlich auf deutschen Boden weiter, als es um die Macht an und auf der Ostsee ging.
    Dass auch England lange im Festlandeuropa mitmischte, um ja keinen zu groß werden zu lassen, egal wen, gehört mit zu den Ursachen für die vielen blutigen Auseinandersetzungen.
    Die deutschen Kleinstaaten hatten natürlich ein Interesse an der Aufrechterhaltung ihrer Macht, freundlichst unterstützt von außen. Warum sprach die Adelskaste so gern französisch und baute wie ein gewisser Luis.
    Deutschland ist ein schönes Land, aber höchst ungünstig gelegen in der Mitte Europas. Das hat schon immer Begehrlichkeiten geweckt, die ein gewisser Lenin auf den Punkt brachte: "Wer Deutschland hat, hat Europa." Danach haben viele lange gehandelt. Und wenn ich es nicht haben kann, dann zerstöre ich so viel wie möglich. Womit wir wieder bei einem gewissen Luis wären, der im 18. Jahrhundert eine "Brandrodung" in Teilen Süddeutschlands vornahm.
    Das alles entschuldigt nicht den Raubkrieg Hitlers und die Völkermorde der deutschen Truppen jeglicher Couleur. Dieses überhöhte Nationalgefühl, dass den unsäglichen Hohenzollern und den Nazis den Weg ebnete, leicht machte, das erklärt es m.E. schon. Und die "Erbfeindschaft" mit Frankreich eh.
    Und es ist ja nicht so, dass die Deutschen allein von Patriotismus angetrieben waren, man lese nur die ersten Zeilen franz. Hymne, andere regier(t)en die Wellen, bis heute übrigens. Andere dürsten azurblau nach dem Tod für`s Vaterland, übrigens auch eine "verspätete Nation", ein Begriff, der ja gerne für Deutschland gebraucht wurde.
    Das deutsche Selbstmitleid, das völlige Außerachtlassen des Friedens von Brest-Litowsk wenn`s um Versailles geht oder auch das Jammern über den angeblichen Bombenholocaust, ist absolut daneben, nur jämmerlich und Ablenken von den deutschen Völkermorden und sonstigen Kriegsverbrechen der deutschen Truppen und Polizeieinheiten.

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