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Die Digitalisierung scheitert an der Einstellung

In der Digitalisierung fehlt es den Deutschen an Mut. Symbolfoto: Mario Thurnes

In der Digitalisierung fehlt es den Deutschen an Mut. Symbolfoto: Mario Thurnes

„Die Zukunft ist digital.“ Selbst mit diesem banalen Satz kann man in Deutschland noch Eindruck schinden. Denn mental ist das Land bei diesem Thema so weit hinterher, dass es aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren. Den Deutschen fehlt es in der Digitalisierung schlicht an Mut.

„Hitesch.“ Das war das Lieblingsthema von Erich Honecker in den letzten Jahren seiner Amtszeit. Mal davon abgesehen, dass sich über Jahre kein Berater fand, der den Mut aufbrachte, ihm zu sagen, dass es „Hiteck“ ausgesprochen wird. So sind Diktaturen. Honecker versuchte sich genau in der wirtschaftlichen Entwicklung zu etablieren, an der letztlich sein Land und damit sein Regime zugrunde gegangen ist.

Der BRD droht nun ein ähnliches Schicksal. Konnte die DDR in den 80ern wie alle kommunistischen Staaten in der Elektronisierung nicht mithalten, droht die Bundesrepublik nun an der Digitalisierung zu scheitern. Denn den Deutschen fehlt in der Digitalisierung schlicht der Mut.

Am augenfälligsten sind die Rückstände im Bereich des Netzausbaus. Mittlerweile laufen afrikanische Entwicklungsländer in diesem Punkt dem Wirtschaftsriesen aus dem Norden den Rang ab. Aber das ist nur ein Folgeproblem. Der Kern des Übels liegt in der Mentalität: „Es spricht sich Hiteck aus und nicht Hitesch und es ist nicht die Zukunft digital – die Gegenwart ist es auch schon, Opa.“ In einer Demokratie sollte sich immer einer finden, der so etwas sagt.

Wirtschaft dient nicht mehr dem Kunden

Es ist höchste Zeit, es den Entscheidern ins Ohr zu plärren. Beispiel Bezahlen. In kaum einem anderen Industrieland ist es so schwer, online zu bezahlen wie in Deutschland. Lustig: Das Gleiche gilt für das Bezahlen mit großen Scheinen. Der Kunde soll sich gefälligst darum kümmern, dass der Bezahlvorgang für den Verkäufer bequem bleibt.

Da liegt das nächste Problem vergraben: Die deutsche Wirtschaft ist verkrustet. Etablierte Strukturen werden erhalten, auch wenn sie sich längst nicht mehr am Kunden orientieren, geschweige denn ihm dienen. Die Telekom und der Netzausbau sind da ein gutes Beispiel für.

Ein anderes sind die Verleger. Als es gut lief, haben sich einige von ihnen wie die Fürsten aufgeführt. Jetzt, da sie immer weniger Blätter verkaufen, gibt es Überlegungen, sie zu subventionieren – und ihnen so, auch das Privileg zu erhalten, sich wie Fürsten aufführen zu dürfen. Sozialistischer Feudalismus sozusagen.

Der Quatsch mit der Krise

Der Journalismus befindet sich im Dauergerede über seine Krise: Immer weniger verkaufte Zeitungen. Mimimi. Gefahr für die Demokratie. Krokodilsträne. Vielfalt erhalten. Schluchz. Alles Quatsch: Der Journalismus befindet sich in einer Blüte. Die Verbreitungswege haben sich in den letzten 20 Jahren multipliziert. Es gibt eine Gründerwelle. Im Netz. Wie das mit einer Gründerwelle so ist, werden es einige nicht überleben – und andere riesengroß daraus hervorgehen.

Was im digitalen Journalismus in der Krise ist, sind die etablierten Strukturen. Es ist ein Denkfehler, etablierte Führungsansprüche mit dem System an sich zu verwechseln. Es ist die Gefahr eines älter werdenden Landes, das Neue nicht mehr meistern zu wollen – und zu können – weil die Verklärung des Alten die Sicht trübt.

Wer als ehemaliger Printjournalist versucht, Ansprechpartner für digital erscheinende Interviews zu gewinnen, tut sich schwer. Was noch nicht den Stempel „etabliert“ trägt, wird gemieden. Zumindest nur vorsichtig bedacht und oder ignoriert. Spoileralarm: Wer sich gerne als digitaler Vorreiter darstellt, öffnet sich besonders zögerlich für digitale Medien.

Der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) hat das Nötige dazu gesagt: „Es ist nicht die Frage, ob die Digitalisierung kommt – es ist die Frage, ob man bei der Digitalisierung dabei ist.“ Vielleicht ist es Deutschland nicht. Oder nicht ausreichend. Dann gelten halt die Worte des Börsenguru André Kostolany: „Das Geld ist nicht weg, es haben nur andere.“

 

In der Digitalisierung fehlt den Deutschen vor allem eins: Mut.
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5 Kommentare zu “Die Digitalisierung scheitert an der Einstellung

  • #1
    Helmut Junge

    Selten habe ich beim Lesen eines Artikels so viel grinsend genickt.
    Und das alles gilt nicht nur für den Bereich der Digitalisierung. Bei dem ist es nur besonders auffällig, weil jeder glaubt, darüber reden zu müssen. Auch dann, wenn er (sie) keinen Schimmer davon hat, was es ist.
    Nur über einen Satz bin ich gestolpert "…die Gegenwart ist es auch schon, Opa." Der muß dringend mit "Oma" ergänzt werden, sonst glauben die alten Frauen in der Regierung nämlich, daß sie nicht gemeint seien.

  • #2
  • #3
    Nina

    Mich interessiert v.a. die geöffnete Seite auf dem Symbolfoto. Und die Frage, ob ein Teddy-Bär sowas überhaupt sehen darf. 😀

  • #4
    abraxasrgb

    #neuland
    ´nough said
    Das Netz ist Ü50 … und Deutschland verbessert die Arbeitsbedingungen für Brieftauben und glaubt, wenn man Nullen und Einsen per Fax versendet, zeitgemäß zu sein 😉

  • #5
    ke

    Wo fehlt es jetzt an der Einstellung? Hier fehlen mir die Argumente im Text

    Das Mobilfunknetz ist Mist. OK.
    Die Verleger sind flexibel wie Stahlträger. OK

    Politik studiert irgendwas mit Gedöns und wird nicht fertig. Dennoch reicht es für Deutschland und Europa. Wir könnten auch Politiker wählen, die etwas von Technik verstehen. Tun wir nicht. Immerhin ist unsere Kanzlerin Physikerin. Dennoch hat sie nur das Interesse, ihre Macht zu sichern, statt das Land zukunftsfähig zu gestalten. Das gehört wohl zur Politik DNA. Aber wir haben so gewählt.

    Beim Bezahlen muss jeder selber wissen, ob er mit Karte oder bar zahlt. Hier ist es wohl eher ein Mythos, dass wir im Barzahlen eine Spitzenposition haben. Ich finde es auch OK, denn Barzahlen hat auch viele Vorteile. Es ist nur nicht nachvollziehbar, dass die dt. Banken das Online-Bezahlen komplett verschlafen haben.

    Wo fehlt es also an der Einstellung? Ein paar Geschäftsmodelle werden die Entwicklungen nicht überleben. Das hatten wir immer.

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