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Die empörte Republik

Symbolfoto: Mario Thurnes

Symbolfoto: Mario Thurnes

Das Wort des Jahres wird zuverlässig gewählt. Aber im Corona-Trubel ist es untergegangen, einen Sieger des Jahrzehntes zu küren. Vermutlich wäre es „Empörung“. In all seinen Brechungen fasst es wie kein anderes Wort den Zeitgeist der zurückliegenden Dekade zusammen.

Für jede wichtige Aktivität gibt es einen Preis. Am berühmtesten dürfte der Oscar™ der Filmbranche sein. Doch für Empörung fehlt ein solcher Preis. Dabei ist die Empörung längst zu der Wachstumsbranche des Kulturbetriebs geworden. Während andere Branchen nur noch Avengers-Filme und „Menschen Leben Tanzen Welt“-Songs hinkriegen, erleben wir eine wahre Blüte der Empörung.

Gäbe es den Preis – nennen wir ihn mal Wokie – ginge er an diesem Mittwoch  an Serdar Somuncu. Der hat in einem Podcast das N-Wort benutzt sowie etliche andere, plastische Worte für sexuelle Tätigkeiten und Ausrichtungen. Das Schwein. Wie er das gemeint hat und ob das Satire war, ist letztlich Wurst. Schon ein Wort davon zu verwenden – offen – unverdruckst – ist ein Skandal. Mehrere davon aneinander zu reihen, rechtfertigt allemal den Shitstorm, der nun über Somuncu darnieder geht.

Hinter dem Wokie des Tages folgt viele weitere Empörung, die ungekrönt bleiben wird. Eine Schnellsuche bei Google-News ergibt: Die DLRG empört sich über den Widerstand gegen die Alster-Rettungswache. Günther Jauch über Ärzte-Murks. „Ivanka Trump empört mit Aussagen über Ausländer“. Wobei Nau.ch leider nicht mitteilt, wer sich da empört. Die EU ist empört über das britische Unterhaus, das Netz über Uli Hoeneß und die FPÖ über die SPÖ. Die Liste verweigert den Anspruch auf Vollständigkeit.

Ralf Stegner moderiert den Wokie

Wenn der Wokie erstmals verliehen wird, dann auf Twitter. Natürlich. Da ist die Empörung nämlich zuhause. Genau wie Ralf Stegner und Karl Lauterbach. An ihnen käme bei der Moderation des Wokies keiner vorbei. Damit sich keiner über fehlende Geschlechter-Diversität beschwert, könnten sich Simone Peter und Jutta Ditfurth ihnen zur Seite stellen.

Über Peters Twitter-Account hat die TAZ mal einen herrlichen Artikel geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Beschriebene lässt sich aber weiterdenken. Was kommt bei einer Politik raus, die dauerempört ist?

In Sachen Peter ist das schnell beantwortet: nicht viel. Wie erfolglos die Saarländerin war, zeigte so richtig erst ihr Nachfolger Robert Habeck. Aus der gleichen Ausgangssituation machte er eine Partei, die auf dem Weg ist, zweitstärkste Kraft zu werden. Unter Peter waren die Grünen 2017 froh, als sechststärkste Fraktion in den Bundestag einzuziehen.

In der Außenpolitik ist Deutschland besonders gerne empört. Wobei das Ergebnis absurd ist. Unsere Empörung über Trump und Brexit-Briten haben dazu geführt, dass wir das Mördersystem im Iran mittlerweile diplomatisch stärker hofieren als unsere wichtigsten, demokratischen Verbündeten.

Empörung macht nicht glücklich

Empörung bereichert auch nicht das Lebensglück. Sarah Diefenbach und Daniel Ullrich haben in „Digitale Depression“ beschrieben, was aus Menschen wird, wenn sie sich in der virtuellen Welt verlieren. Und auch ohne Abschluss in Psychologie erschließt es sich einem, dass es weniger glücklich macht, sich zu empören, statt sich Katzenbilder anzuschauen – zum Beispiel.

Scheinbar hat die digitale Evolution eine Spezies hervorgebracht, die sich auf das Durchstöbern des Netzes und anderer virtueller Welten spezialisiert hat. Barbara Schöneberger hat sich darüber lustig gemacht, dass das Zigeunerschnitzel nun Paprikaschnitzel heißen soll? Shitstorm! Dieter Nuhr hat irgendwas gesagt? Shitstorm! Eine unbekannte PR-Frau hat auf dem Weg nach Südafrika einen Scherz darüber gemacht, dass sich mehr Schwarze als Weiße dort mit AIDS infizieren? Vernichtet sie! Wenigstens in ihrer materiellen Existenz.

Die Jury für den Wokie wäre damit auch bestellt. Es sind die Twitter-Nutzer. Der Preis geht dann an den, der die meisten Tweets auf einen Hashtag vereint. Einen Sonderpreis erhält der, der die meisten Hashtags generiert.

Nur: Wohin führt das? Das Lebensglück des Einzelnen verbessert sich nicht. Die Ergebnisse der Politik auch nicht. Das ehrenwerte Ziel der Rücksichtnahme auf einzelne Gruppen wird auch nicht erreicht. Stattdessen wird das Gefühl für die Gruppenzugehörigkeit gestärkt. Das wiederum führt dazu – Soziologie für Anfänger – dass die Gruppen dazu tendieren, schneller aufeinander loszugehen. Mit unschönen Ergebnissen. Die dann wieder für neue Empörung sorgen. Ein Teufelskreis.

Die empörte Republik
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4 Kommentare zu “Die empörte Republik

  • #1
    GMS

    Twitter ist halt die Pest, nur in elektronischer Form.

    Würde das Medium nicht insbesondere von Journalisten so gehypt, wären wir besser aufgestellt.

    😉

  • #2
    Dirk Reimer

    Wer kennt sie nicht diese "Vernichtung" von Deutschen, denen ihr Menschenrecht auf rassistische Witze geraubt wird.

  • #3
    Angelika (also die Angelika, die schon länger hier als Angelika kommentiert ...)

    Die Twitterer sind nicht nur Empörte, die sind auch Stoiker.
    Wenn ich z.B. eine Breaking News der Jerusalem Post retweete "BREAKING: Rocket alert sirens sound across southern Israel…", dann löst das in meiner Timeline nix aus, nie. Wenn der Iron Dome soundsoviel Raketen abfängt, interessiert das (jedenfalls für mich beobachtbar) auch niemanden. Wenn ich aber per tweet in die Welt hinaus posaune, dass es bei mir samstags zum Frühstück Brötchen gibt, dann ist das schon anders … Nicht nur Empörung also, sondern Fokussierung auf Blabla. Ich twittere Belangloses, die Leser favorisieren das Belangslose, ich als Tweet-Leser auch usw.. Das ist der Ersatz für das Plaudern an der Straßenecke, als man noch alle Nachbarn kannte. "Haben Sie mitbekommen das…?"

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