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Die Political Correctness frisst ihre eigenen Kinder

Shitstorms gefährden das Niveau von Kunst und Kultur. Symbolfoto: Mario Thurnes

WDR 2 musste einen Satirebeitrag zurückziehen. Der Shitstorm, der sich an dem Satz „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ entfachte, war zu groß. Der Fall zeigt: Die Rechten haben gelernt, die Techniken der Political Correctness anzuwenden und gegen ihren politischen Gegner anzuwenden – die Political Correctness frisst ihre eigenen Kinder.

Könnte Harald Schmidt seine Show heute noch so zeigen, wie er sie um die Jahrtausendwende in SAT1 auf den Sender gebracht hat? So lautet eine beliebte „Was wäre wenn…“-Frage. Vermutlich nein. Denn Shitstorms wie in Sachen „Umweltsau“ würden ihn wohl täglich begleiten.

Nun hat der Beitrag, der WDR 2 Probleme bereitet hat, nicht das Niveau, das Schmidt erreichte. Doch er ist handwerklich gut gemacht. Und ja: sogar lustig. Relativ zumindest. Es ist die Verballhornung eines Schlagers, der ohnehin im Karneval zuhause ist. Und dessen Wurzeln in die 30er Jahre zurückgehen. Es ist das humoristische Niveau eines Landes, das Tante-Trude-Filme ins Kino brachte, als die Amerikaner schon „Is‘ was, Doc?“ zeigten.

Wobei es den Kritikern nicht um die Qualität der Pointe ging. Oder die der Kameraführung. Es ging ihnen um die Aussage, alte Menschen seien grundsätzlich dem Klimaschutz weniger offen eingestellt. Außerdem bemängelten sie die Gleichsetzung einer Menschengruppe mit Tieren.

Nun rächt sich die politische Kultur, die vor allem Linke in Deutschland etabliert haben. Zum einen die des Haltungsjournalismus. Wer sich als Künstler oder Journalist darüber definiert, eine politische Haltung zu vertreten, der wird eben als politisch Handelnder wahrgenommen.

Satire wird politisch Handelnden nicht abgenommen

Zwar hat der Sender schon in der Ankündigung versucht, den Beitrag als Satire einzuordnen. Aber Satire wird vielleicht einem Künstler oder Journalisten abgenommen – nicht aber einem politisch Handelnden. Bei dem bleibt in der Rezeption, dass er Alten pauschal vorgeworfen hat, den Klimaschutz zu ignorieren und sie dabei verbal herabgesetzt hat.

Gruppen pauschal zu verurteilen, verbietet die andere politische Bewegung – die mit dem Haltungsjournalismus oft gemeinsam auftritt: die Political Correctness. Die wurde vor allem von Linken etabliert. Zuerst in den angelsächsischen Ländern, mit Verzögerung auch in Deutschland.

Nun ist die Political Correctness eine Medaille mit zwei Seiten: Die eine strahlt. Dass niemand wegen seiner Herkunft, seines Geschlechts , seines Gesundheitszustandes oder seines Alters wegen herabgesetzt wird, ist ein definitiv wünschenswertes politisches Ziel.

Doch die andere Seite ist dunkel: Political Correctness wird eingesetzt, um unliebsame politische Diskurse zu ersticken – oder um andere Diskurse zu steuern. Unglückliche Formulierungen werden genutzt, um unerwünschte Meinungen zu diskreditieren. Selbst wenn sich der Kontrahent nicht unglücklich äußert, werden die Beiträge durch Interpretationen und falsche Zitate skandalisiert. Der Kabarettist Dieter Nuhr könnte ein Lied davon singen.

Political Correctness schadet kulturellem Niveau

Satire müsse alles dürfen, hat Kurt Tucholsky gefordert. Doch das Zitat ist alt, stammt noch aus der Zeit vor dem Holocaust und muss daher nicht mehr wörtlich genommen werden. Daran stimmt aber immer noch, dass Satire Ellbogen-Freiheit braucht. Und nicht nur die: Wenn Schriftsteller, Publizisten, Journalisten oder Politiker jedes Wort auf der Goldwaage prüfen müssen, dann schränkt das ihr Vermögen massiv ein – und die Qualität der Kunst, Kultur, des Journalismus und der politischen Debatte leidet.

Manche Anhänger der Political Correctness nehmen das als unerwünschte Nebenerscheinung in Kauf. Anderen geht es vielleicht auch genau darum. Mit diesen Techniken können sie die Wirkmacht ihrer politischen Kontrahenten einschränken. So sitzt der Nazi-Vorwurf in Deutschland mittlerweile locker. Die Liste an Dingen und Menschen, die schon öffentlich unter Verdacht standen, ist absurd.

Die Political Correctness stammt aus dem linken Lager. Ihre deutschen Anhänger haben massiv davon profitiert. Zuerst in der 2015 einsetzenden Debatte über die Kontrolle über die Grenzen und die Frage, wer einreisen und im Land bleiben darf. Mittlerweile in der Klimadebatte, in der schon der ein Klimaleugner ist, der es zum Beispiel für keine gute Idee hält, aus Kohle- und Atomstrom auszusteigen, den Kauf von E-Autos staatlich zu alimentieren und diese dann mit aus dem Ausland importierten Atomstrom antreiben zu lassen.

Das Vorschicken des „Kindes“ Greta Thunberg ist auch so eine PC-Technik. Die redet zwar vor den wichtigsten politischen Institutionen der Welt. Wer ihr aber widerspricht, der arbeitet sich an einem Kind ab. Der Frust über den so verpassten Maulkorb sitzt tief in der politischen Rechte.

Rechte kapern die Political Correctness

Nun hat der Frust einen Riss im Damm gefunden. Rechte wenden die Techniken der Political Correctness gegen Linke an: Alte pauschal kritisieren? Das geht nicht! Ihnen Tiernamen geben? Das geht erst recht nicht. Nicht mal im Scherz.

Das ist zum einen ein Punktsieg in der politischen Debatte, die das Jahr 2019 – zumindest in Deutschland – wie keine andere geprägt hat. Zum anderen ärgert es Linke ungemein. Die mögen ihre Rechte gerne dumm und eindimensional. Dass die clever sein können, passt nicht ins Weltbild. Und wer sich selbst als gut definiert, kann es logisch nicht verarbeiten, schlecht gehandelt zu haben. Nach dem eigenen Selbstbild dient alles, was sie tun, dem Guten und ist somit automatisch gut.

Vertreter von Fridays for Future merken den Gegenwind. Sie mussten schon mehrfach zurückrudern. Wenn es um Alte ging, die eh nicht mehr lange leben und daher nicht über Zukunftsthemen reden sollten. Oder um Haustiere, die wegen des Klimaschutzes besser abgeschafft werden sollen. Oder um politische Gegner, die „an die Wand“ gestellt werden sollen.

Sportlich gesehen hat das was von Fairness. Gesellschaftlich ist es indes verheerend. Kunst- und Meinungsfreiheit sind in Deutschland faktisch eingeschränkt. Zumindest ist es deutlich schwerer geworden, sie mit Leben zu füllen. Die Verballhornung der Oma auf dem Motorrad geht offensichtlich nicht – das Original aus den 30ern schon. Hoffen wir mal, dass beim WDR jetzt keiner die Tante-Trude-Filme ausgräbt.

Rechte übernehmen in Causa #Umweltsau Techniken der Political Correctness.
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13 Kommentare zu “Die Political Correctness frisst ihre eigenen Kinder

  • #1
    Johann

    Für Omas, die im Hühnerstall monatlich 1000l Superbenzin verfahren, und ihre Nachkommen, muss jetzt zuerstemal geklärt werden, ob die Kennzeichnung als “Umweltsau“ als unzulässig zu gelten habe. Alle anderen, also Omas, die nicht am viehställischen Verkehr teilnehmen, und diejenigen auf deren Omas das ebenfalls zutrifft, setzen auch mal hin, und halten den Schnabel.

  • #2
    Gerd

    "Der Fall zeigt: Die Rechten haben gelernt, …. Rechte wenden die Techniken der Political Correctness gegen Linke an"

    Die alte Leier. Es ist nicht an sich falsch, sondern nur weil die andere Seite wirksame Widerworte gibt. Anderswo nennt man sowas Meinungsfreiheit. Ihr wisst schon, dem Widerspruch von dem auch Frau Merkel sprach.

  • #3
    Daniel

    Meiner Wahrnehmung nach stand neben der Wortwahl allerdings auch die Instrumentalisierung der kinder des chors. Die werden nach den vorliegenden Informationen auch zu "klimaschützern" ausgebildet. Natürlich nicht in hinsicht auf das eigene praktisches Handeln, sondern als anleitung zur politischen agitation.
    Ich persönlich finde dies äußerst befremdlich. Hier werden wohl alle Klischeevorstellungen und Vorwürfe gegen greta bedient.

  • #4
    ke

    Wieso haben "die Rechten" gelernt?
    Wer ist ein Rechter, und wer ist ein Linker?

    Hier geht es doch eher darum, dass einfach im WDR eine sehr schlechte Leistung geliefert wurde, die irgendwie gar nichts ist, nur geschmacklos.

  • #5
    Helgo

    "Das Vorschicken des „Kindes“ Greta Thunberg ist auch so eine PC-Technik. Die redet zwar vor den wichtigsten politischen Institutionen der Welt. Wer ihr aber widerspricht, der arbeitet sich an einem Kind ab."

    Niemand muss sich an Greta Thunberg "abarbeiten".
    Niemand muss sie mögen, noch erst nehmen.

    Es geht nicht um Greta Thunberg – es geht um das Thema: Gibt es den Klimawandel mit den fatalen Folgen, den die meisten Wissenschaftler befürchten oder gibt ihn nicht?

    Man muss sich nicht an Greta Thunberg "abarbeiten", sondern sich mit dem Thema ernsthaft beschäftigen.

  • #6
    Maria Ludden

    Hier geht es nicht um Satire und auch nicht um einen Verstoß gegen die Political Correctness, die heute eindeutig linkes Hoheitsgebiet ist und ökologisch "inkorrekte" Einstellungen nun wahrlich nicht in ihre Tabuzone aufgenommen hat. Die Kritik richtet sich gegen eine neue Eskalationsstufe der politisch und medial geschürten Klimarettungshysterie, die über den größten ARD-Sender unverhohlen das Freund-Feind-Denken einschließlich der Entmenschlichung des politischen Gegners propagiert, mit "unschuldigen", fröhlich trällernden Kindern als Verkündern des Unhinterfragbaren. Das erinnert fatal an eine Zeit, aus der wir doch soviel gelernt haben wollen.

  • #7
    ke

    #5 Helgo
    Es geht nicht darum, ob es einen Klimawandel gibt. Das ist fix.
    Es geht darum, ob und wie wir darauf reagieren.

  • #8
    StefanieLZ

    Da habe ich aber schon wirklich einige schlimmere Parodien von Kindern gehört – die heutzutage in Kindergärten und Grundschulen verbreitet sind… Muss man das wirklich so ernst nehmen? Dann sollten sich zumindest viele Eltern erst einmal anhören, was so mancher YouTuber den Kids erzählt! Welche YouTuber? Nicht Bibi und Rezo, sondern Mois und Monte… Unbekannt? Sollte man als Eltern (leider?) kennen: https://www.online-durchstarter.de/2019/12/28/deutschlands-beliebteste-youtuber-2020-diese-fuenf-vlogger-gehen-als-favoriten-ins-rennen/

  • #9
    Berthold Grabe

    Wer sich falscher Methoden bedient senkt das Niveau und macht es auch denen leichter, die damit unlautere Absichten verfolgen.
    Das gilt auch für Gesetze wie das Netz DG und Ähnliches, am ende erhöht es nur das Risiko des Missbrauchs.
    Es ist wie im Krieg, wer als erstes statt Worte Waffen benutzt, rechtfertig nur den Waffeneinsatz der Gegenseite, völlig unabhängig davon wer Recht hat oder das bessere Konzept.

  • #10
    Achim

    In Russland ist man da nicht so zimperlich, und bringt
    z. B. Das hier:
    https://youtu.be/5Kqr08BM8XY

    Übersetzung:

    https://lyricstranslate.com/de/%D0%BB%D1%8E%D0%B1%D0%B8%D1%82-%D0%BD%D0%B0%D1%88-%D0%BD%D0%B0%D1%80%D0%BE%D0%B4-our-people-love.html-0#songtranslation

    Der Text würde bei uns wahrscheinlich größtenteils wegzensiert. Auch politisch trauen sich Künstler in Putins Reich mehr als hier, obwohl das heikel ist – oder vielleicht gerade deswegen…

  • #11
    Kevin

    Kritik gab es aus allen Richtungen der Gesellschaft. Der Intendant des WDR entschuldigte sich und reagierte darauf mit der Aussage: "Wir wollen Menschen nicht spalten, sondern einen Beitrag zu einem besseren Klima in der Gesellschaft beitragen".

    Auch Fridays for Future distanzierte sich deutlich und schrieb dass "Meine OMA ist kein Problem und schon gar #keine Umweltsau.

    Viele bekannte Politiker aus verschiedensten Parteien hatten sich ebenso kritisch über den WDR Kinderchor gäußert.

    Es gehört zur niveaulose Satire die an das Schmähgedicht von Böhmermannerinnert oder an religiös verunglimpfende Satire von Charlie Hebdo. Einer mittlerweile schleichenden Verrohung des sprachlichen Gebrauchs in der Öffentlichkeit.

  • #12
    Petra Ristow

    Das ist schon ein wenig albern, oder?

    Es geht (und ging) doch schon längst nicht mehr um den Inhalt. Das Bürgertum mit seiner scheinbar selbstständigen Empörung wird am Nasenring durch die braune Manege gezogen. So ensteht Mitläufertum. Plus dem vorauseilenden Gehorsam von Tom Buhrow bei der Löschung mit seiner hochdramatischen Krankenhausaussage.

  • #13
    Sabine Reyer

    "..Gruppen pauschal zu verurteilen, verbietet die andere politische Bewegung – die mit dem Haltungsjournalismus oft gemeinsam auftritt: die Political Correctness. Die wurde vor allem von Linken etabliert.."
    NUR DARUM GEHT ES:
    Basierend auf einem Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien(Rundfunkstaatsvertrag -RStV) und dort § 3 Allgemeine Grundsätze (1) – bitte lesen – finanziert sich der ÖRR über Rundfunkgebühren.
    Ich nehme an, WDR2 hätte niemals zugelassen, dass z.B. ein mit Hidjab betuchtes Rotkäppchen von einem deutschen Wolf gefressen wird – auch nicht als Satire.
    Und: Charlie Hebdo et.al. finanzieren sich anders.

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