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Die Zwietracht und ihr Zweck

Wenn die Freude im Haus stirbt; Gemälde von Pietro Saltini Lizenz: Gemeinfrei


Warum wir wen mögen oder auch nicht. Von unserem Gastautor Matthias Kraus.

Neulich plauderte ich mit Oliver, einem begnadeten Songwriter. Er schwärmte von einer Vision, zu der er mit seinen künstlerischen Mitteln versucht, beizutragen: Dass die Menschheit ihre ewigen Aggressionen ein für alle Mal beendet. Er ist überzeugt davon, dass der Weltfriede machbar ist. Ich finde sein Vorhaben gut, wir brauchen solche Leute. Wie es in dem Apple-Werbespot so treffend heißt: „Die, die verrückt genug sind, zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind die, die es tun.“ Was Olivers Vision betrifft: Was sollte uns schon hindern, einander Brüder und Schwestern zu sein, das ist doch eine echte Win-Win-Situation. Trotzdem habe ich die Sorge, dass Oliver am Ende doch enttäuscht sein könnte. Denn selbst, wenn ich die Erde auf die Größe unseres Häuschens schrumpfe, sieht die Realität anders aus.

Schon in frühesten Jahren weinte Kind B bitterlichst, wenn das Geschwisterkind A Geburtstag hatte und im Mittelpunkt stand. Ein kaum auszuhaltender Affront im Wettstreit um elterliche Aufmerksamkeit. Kurz darauf brachen die Nullsummenspiele aus. Kind A verzichtete lieber selbst auf umkämpfte Legosteine, indem sie vom Vater aus dem Verkehr gezogen wurden, weil sie für Kind B, welches die Klötzchen momentan dringender benötigte, somit unerreichbar wurden. Warum nicht einen kleinen Nachteil in Kauf nehmen, wenn der Nachteil des anderen größer ist? Netto wird das zum Vorteil. Es scheint geradezu so, als würden die lieben Kleinen eingebaute Konfliktstrategien durchspielen, um sie als Erwachsene virtuos zu beherrschen. Denn wir Großen sind nicht anders: Wir sind alle sehr für das Gute und spenden vielleicht auch mal für Erdbebenopfer, aber beim Elternabend gönnt keiner dem anderen die Butter auf dem Brot. Meine Frau, eine engagierte Lehrerin mit 50-Stunden-Woche, muss sich täglich anhören, wie ungerecht es sei, dass sie so wenig arbeiten müsse — im Gegensatz zum einem selbst. Gestern prahlte eine Bekannte damit, dass sie dank ihres Vielfliegerstatus auf dem Flug nach Tokio in die Business Class upgegradet wurde, wo es so angenehm leer war. Ich hasste sie. In der Elbchaussee brennen zum Anlass des G20-Gipfels Autos, Zerstörungslust im Namen eines höheren Ziels von eigens dazu angereisten Jungmännern. Vor wenigen Generationen noch hätten sie vielleicht statt der Kleinwagen ganze Dörfer in Brand gesetzt und bei der Gelegenheit die Einwohnerinnen vergewaltigt.

Neid und Konkurrenz von Anfang an — wie soll da der Weltfrieden jemals erreicht werden?

Zum Glück gibt es auch Selbstlose. Auf die Frage, ob er für seinen ertrinkenden Bruder in einen eisigen Fluss springen würde, antwortete der englische Genetiker John Haldane: „Nein, aber für zwei Brüder oder acht Cousins würde ich mein Leben hergeben.“ Mit einem Geschwisterkind teilt er im Schnitt 50 Prozent seiner eigenen Gene, mit zweien also 100 Prozent. Bei einem Cousin sind es noch 12,5 Prozent Übereinstimmung, mal acht genommen ergibt das ebenfalls 100 Prozent. Haldane hätte besser von drei Geschwistern und neun Cousins gesprochen, denn eigentlich wollte er sagen, dass er seine Verhaltensmaßregel aus der optimalen Zukunft der eigenen Gene ableitet und denen wäre mit bloßem Durchtauschen noch nicht geholfen. Richard Dawkins führt den Gedanken weiter, indem er Mensch, Tier und Pflanze zu Körpermaschinen erklärt. Diese werden nur deshalb evolutionär immer raffinierter, um durch diesen Fitnessvorteil die Chancen ihrer eigentlichen Chefs, der Gene, zu optimieren. Wer auch immer nun wirklich das Sagen hat, Gen oder Hirn — der Fortbestand der eigenen Gene ist das eine Kriterium, anhand welchem man Altruismus, Paarungsverhalten und Ritualkämpfe von Mauerseglern über Bienenvölker bis zu Vampirfledermäusen nicht nur erklären, sondern sogar berechnen kann.

Das klingt jetzt im ersten Moment nicht gerade nach Kant: Blut ist im Zweifel dicker als Wasser. Wer Kinder hat, weiß das. Ich selbst sehe meinen eigenen Nachwuchs in Zeitlupe über Blumenwiesen im güldenen Lichte springen, die Gören der anderen hingegen müssen mein kühl-objektives Urteil aushalten, ihre Erzeuger sowieso. Eltern kleiner Fieslinge finden ihre Psychopäthchen einfach nur aufgeweckter als die anderen Trantüten, wahrscheinlich reagieren die gewalttätigen Racker eh nur ihren Frust ab, weil sie ihre Hochbegabung im Scheißschulsystem nicht ausleben dürfen. Wie man es auch dreht: Mein Kind ist geiler als Dein Kind. Als ich selbst noch klein war, waren die Sitten rauer. Der erlebnisorientierte Schulkamerad Robert hat mich Pazifisten der ersten Stunde gerne mal „geärgert“. Einmal sagte seine Mutter, zusammen mit meiner das Schauspiel beobachtend, sie ginge keinesfalls dazwischen, das müssten die Buben unter sich ausmachen „ — und wenn sie sich totschlagen.“ Es waren halt andere Zeiten, man wusste noch nicht viel von Traumata und derlei. Totgeschlagen aber hätte allenfalls der liebe Robert mich und seinem Mütterlein war das tief in ihrem mitfühlenden Herzen glockenklar.

Jungs raufen. Das ist natürlich kein Hinweis auf emotionale Minderwertigkeit, sie laufen sich einfach schon mal warm für die Konkurrenzsituation, die sie zukünftig erwartet. Sie rührt daher: Während sie als Jungmänner prinzipiell zu jedem sexuellen Abenteuer bereit sind und deshalb ständig untereinander im Posing-Wettstreit stehen, sind die Mädels aus gutem Grund wesentlich anspruchsvoller bei der Partnerwahl.

Unterschiedliche Interessenlagen im Fortpflanzungsbereich existieren, seit die Panzerfische vor 400 Millionen Jahren den Sex erfanden. Selbst wir, die Beherrscher des Anthropozän, sind nicht frei von jenen fossilen Fallstricken der Geschlechter, denn als sich in grauer Vorzeit unser limbisches System und später unsere Psyche ausformten, gab es leider noch keine Düsseldorfer Tabelle. Dieses Regelwerk sorgt zumindest halbwegs für einen finanziellen Ausgleich der unterschiedlichen Kosten von sexueller Reproduktion. Welche Kosten? Während der Körper des Herren problemlos täglich Millionen umtriebiger Spermien produziert — man weiß ja nie, wo und mit wem der Abend endet — will es für die Dame sehr gut überlegt sein, wer ihr Mr. Right werden soll. Ein Fehlgriff kann bedeuten, für mindestens 18 Jahre und neun Monate auf den Folgen sitzen zu bleiben. Diese Kosten.

In den sechziger Jahren sollte die ungerechte Spaß- und Lastenverteilung seitens der Reproduktionsorgane mit einer neuartigen Verhütungsmethode endlich beseitigt werden. Die „Pille“ versprach „Lust“ nämlich „ohne Reue“. Doch wieder einmal erfüllte sich dieses Versprechen vor allem für die Männer. Exemplare mit ausgeprägtem Interesse an flüchtigen Intimbekanntschaften galten nun nicht mehr als „Heiratsschwindler“, sondern als progressiv. Die Spontidevise „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ eröffnete zwar auch den weiblichen Blumenkindern ganz neue antibürgerliche Freiheiten, doch Rudi Dutschkes Frau Gretchen durchschaute den Trick: „Letztendlich sollte freie Sexualität bedeuten, dass die Frauen den Männern immer zur Verfügung standen. […] Ich hatte schon ein Problem bei der Vorstellung, mit allen Männern schlafen zu müssen. Noch schwieriger fand ich jedoch die Vorstellung, was man mit den Leuten machen sollte, mit denen niemand schlafen wollte.“ Kein Wunder, dass die späten Töchter der Studentenbewegten, die heutigen Feministinnen der dritten Phase so obsessiv ihre Rachefantasien am alten, weißen Mann verfolgen: Selbst im Namen des gesellschaftlichen Fortschritts wurden ihre Feminismus-2.0-Mütter (denen es noch um rechtliche Gleichstellung und Selbstbestimmung ging) — gefickt.

Bis heute und trotz aller Verhütung empfingen mehr Frauen als Männer nach spontanem, zufälligen Sex spätestens am nächsten Morgen Abscheu und Reue. Klar, um den Eisprung herum sinkt die Hemmschwelle besonders gegenüber Testosteronprotzen, aber auch in der Ära von Tinder sind Gretchens in Jahrmillionen eintrainierte Intuitionen sinnvoll. Bei all den Blendern, Schwärmern und Nichtsnutzen da draußen, die nur das Eine im Sinn haben, bleibt Frauen nach wie vor gar nichts anderes übrig, als aufzupassen, mit wem sie sich einlassen. Dazu kommt soziale Kontrolle: Allzu große Beliebigkeit bei der Wahl der Sexualpartner wird vor allem unter Geschlechtsgenossinnen geahndet, weswegen frau vermeidet, als eines dieser Flittchen zu gelten, auf die so viele Schwestern herabschauen.

Und so scharwenzeln nicht etwa die Mädchen um die Jungs herum, sondern umgekehrt die Jünglinge um die demonstrativ desinteressierten Töchter (die dennoch vom Schulhof-Schaulaufen bis zum WhatsApp-Profilbild beträchtliche Energien darauf verwenden, für die tolleren Hechte da draußen ihre jugendliche Fitness mit textiler, kosmetischer und prothetischer Hilfe visuell zu bewerben). Und so kommen Honks vom unteren Ende der Statusleiter nur selten an die begehrte Telefonnummer. Und so muss ein weibliches „Nein!“ bedingungslos ohne ein männliches „Du willst es doch auch!“ gelten. Sexuelle Selektion bedeutet Damenwahl (wobei kreative Männchen immer wieder neue Methoden aushecken, diese naturgegebene Präferenz zur totalen maskulinen Kontrolle umzukehren, etwa mit Hilfe von Zwangsverhüllung, arrangierter Kinderheirat, dauerhaftem Hausarrest und Steinigung bei „Ehebruch“).

Bei zweigeschlechtlichen Arten mit einem ausgeglichenen Anteil von Männchen und Weibchen — obwohl doch rein ökonomisch gesehen ein paar wenige Samenspender genügen sollten — gilt in der Natur (und in nicht-patriarchalen Gesellschaften) dies: Auf dass die Dame den geeigneten Kandidaten erwähle, präsentieren die Herren ihren Status, leicht zu erkennen am bunten, scheinbar sinnlos exaltierten Federschmuck, an der Patek Philippe am Handgelenk oder am Neun-Elfer Porsche (Neider und subtileren Signalen zugeneigte Umworbene nennen ihn „Schwanzprothese“). Möge der beste die Gunst der Holden gewinnen! Je größer/stärker/prächtiger die Männchen im Vergleich zu den Weibchen sind, desto erbitterter die Konkurrenz um die jeweilige Angebetete. Von wegen die Vögelchen zwitschern so schön: Übersetzt heißt das: „Verpiss Dich aus meinem Revier, Du Arsch!“, den ganzen lieben langen Tag lang. Wurde sich dann erst mal gepaart, werden die Eier und Piepmätze gepampert bis zur Selbstaufgabe, die Loser-Männchen hingegen können sich gehackt legen.

Vielleicht liegt in den genetisch unterschiedlichen Interessenlagen von Geschwistern und anderen Verwandtschaftskonstellationen der Schlüssel auch für jenes aggressive menschliche Verhalten, das mein Freund Oliver so gerne wegsingen möchte. Geschwister lieben sich (sie teilen fünfzig Prozent der Gene), aber sie konkurrieren auch um Ressourcen (maximale Aufmerksamkeit der Eltern verschafft ihren eigenen Hundert-Prozent-Genen einen Vorteil). Während die Altvorderen sich ein Bein ausreißen, um ihren genetischen Unsterblichkeitsgaranten den bestmöglichen Startvorteil mitzugeben, interessieren sich diese, sobald die überlebenswichtige Abhängigkeit nachlässt, kaum noch für ihre Erzeuger. Die einst innig geliebten Eltern dünken dem erfolgreich aufgezogenen Nachwuchs nurmehr wie auszubeutende, nichts kapierende Verhinderer. Tschilp, tschilp!

Aus der Perspektive der lieben Gene ist aber nicht nur das Gefäß namens Körper von Bedeutung, sondern auch die Kiste, in der das Gefäß aufbewahrt wird, soll heißen die Gruppe. Soziale Wesen, wie wir es sind, sind auf eine stabile Gruppe angewiesen. Deshalb macht bei allem gehässigem Egoismus auch Selbstlosigkeit evolutionär betrachtet Sinn. Geht es unserem Nachbarn gut, gilt das für uns meist auch. Allzuviele Bekannte sollten es allerdings nicht sein. Ein Gehirn unserer Größe kommt mit Gruppen von bis zu 150 Individuen gut klar, darüber wird es schwierig mit der Stabilität. Deshalb gibt es bei Polizei und Militär „Hundertschaften“ und keine „Tausendschaften“. In dieser Größenordnung organisierten sich Steinzeitclans und später auch Dörfer. Bei Asterix könnte man ja mal checken, ob die Einwohnerzahl des 23 Häuser zählenden kleinen gallischen Dorfes ungefähr derjenigen der Teenager-Science-Fiction-Serie „The 100“ entspricht. Wenn es meiner Hundertergruppe gut geht, geht es mir gut. Deshalb stehe ich für meinen Clan ein. Und wenn es hart auf hart kommt und ich neun meiner Cousins und Cousinen vor dem hungrigen Höhlenlöwen retten muss, lohnt sich sogar mein altruistisches Selbstopfer, menschlich wie genetisch.

Und der Rest der Welt? Solange die ihr eigenes prähistorisches Ding machen, möglichst weit weg, interessieren uns die anderen nicht weiter (außer sexuell natürlich). Sobald sie jedoch um die gleichen Ressourcen konkurrieren, werden die Fremdlinge zur Bedrohung, und zwar mit allen Eskalationsstufen, die man sich nur ausmalen kann. (Das territoriale Unbehagen wegen fehlender Warentrennstäbe am Laufband der Supermarktkasse ist ein fernes Echo davon.) Ach, hätte man doch nur eine größere Sippe, vielleicht eine Allianz mit den fünf Nachbardörfern! Doch wie soll man das anstellen?

Hier kommt nun endlich die Kultur ins Spiel, in Form von Religion. In größeren Verbänden ist man allenfalls weitläufig verwandt, das macht den zwischenmenschlichen Umgang heikel. Religion nimmt die wilde Horde mit verbindlichen Geboten an die Kandare — Du sollst nicht töten, lügen, ehebrechen. Soweit nichts Ungewöhnliches, banale Umgangsregeln. Darüber hinaus aber entstehen komplizierte Regelwerke und Rituale für Fortpflanzung, Bekleidung und vor allem fürs Essen. Dawkins nennt solche Ideenbausteine „Meme“, weil sie auf der kulturellen Ebene ebenso in Konkurrenz miteinander stehen und, wenn sie erfolgreich sind, weitervererbt werden wie die Gene im Reich der Biologie. Unbekannte Nasen, die sich zu uns durchgeschlagen haben und unsere gottesfürchtigen Meme aus dem Effeff kennen, erweisen sich dadurch sofort als Teil unserer Leute. Für sie gilt beim herzlichen Abschied: Gehet hin in Frieden! Die Ungläubigen dagegen … au weia.

Einen Schritt weiter in der kulturellen Evolution und der Größe der Gruppe ist die Idee — oder das Mem — der Nation. Auch hier unterscheiden wir die jeweils anderen gerne anhand ihrer Essgewohnheiten: Froschfresser, Krauts/Kartoffeln und Käseköpfe können ein Lied davon singen. Die Nation ist die Kiste für ein noch abstrakteres Wir. Worte wie „Vaterland“ und „Muttersprache“ appellieren an eine quasi-biologische Verwandtschaft. Uns Deutschen läuft es bei solcherlei Themen natürlich kalt den Rücken herunter (okay, für eine Weile war ein unter Alkoholeinfluss gegröltes „Schland!“ semiakzeptabel). Doch in den allermeisten anderen Ländern mit einer glücklicheren Geschichte ist die Klammer „Nation“ nicht durchweg negativ besetzt. Franzosen, Briten oder Schweizer haben kein grundsätzliches Problem mit ihrer Nationalität, im Gegenteil. 2017, zum amerikanischen Nationalfeiertag am 4. Juli, hat Fender einen Werbespot veröffentlicht. Gitarrengötter wie Jimi Hendrix sind mit unbekannten großen und kleinen Gitarrist_innen zusammengeschnitten, wie sie die Nationalhymne „Star Sprangled Banner“ mehr oder weniger gekonnt auf Fender-Brettern dudeln. Würden Rio Reiser, Rammstein und Rocko Schamoni für Framus auf YouTube zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“ abrocken, wirkte das deplatziert bis geschmacklos, wir sind eben ein Ausnahmefall. In den Staaten hingegen stellt dieses Mem in Form einer Melodie sofort ein „wir“ her — the Land of the Free, the Home of the Brave. Hurrapatriotismus ist zum Glück passé und auch dieser Werbespot ist weder chauvinistisch gemeint, noch wird er so verstanden. Er ist ein gemeinsames Narrativ der Kiste namens USA, welcher die Marke Fender genauso zugeordnet sein will wie Marylin Monroe oder Martin Luther King es bereits sind.

Es geht noch eine Nummer größer. Heute streben wir zum Zwecke der Planetenrettung, des multilateralen Handels oder der Freizügigkeit Einheiten an, die noch imposanter sind als Nationen. Gruppen so hoch zu skalieren, wie wir es in den letzten vier Absätzen getan haben, verändert für den Einzelnen das Verhältnis zur Gesamtheit und somit die gesamte Gruppendynamik. Im Moment scheint es, als würden die Bindungskräfte von EU, UN, TTIP, NATO etc. nicht mehr ausreichen, um übernationale Menschenmengen unterschiedlicher Kultur, Geschichte und geografischer Lage, die zudem Sprachbarrieren überwinden müssen, verlässlich zu einer solidarischen Einheit zu verschwistern. Und so erleben wir derzeit weltweit, rechts wie links, einen Rückfall in das Stammesverhalten alter Väter Sitte. Für Meme scheint das gleiche zu gelten wie für Gene: Im Zweifel geht die Sippe vor. Wenn meine gefühlte Zugehörigkeit nicht mehr Europa ist — so erhebend das Mem von Beethovens Ode an die Freude vor der ESC-Liveübertragung auch sein mag — dann ist es vielleicht Großbritannien, hier sprechen wir die gleiche Sprache. Oder Yorkshire, für uns Einheimische ist das „God’s Own County“. Oder Sheffield, denn wir Stahlarbeiter müssen zusammenhalten. Links von Brexit und Co. läuft es auf das Gleiche hinaus: Welcome to Hell, Globalisierung!

Funktionieren wir nach wie vor nach alter Väter Uga-Uga-Sitte? Sind wir nichts anderes als von unseren Replikatoren-Meistern gesteuerte Roboter, immer nur den Vorteil für uns und unsere Sippe im Blick? Wenn man bedenkt, wie unsere Wahrnehmung abläuft, könnte man meinen: Verdammt, ja! Wer je auf einer Wiese liegend in die Wolken gestarrt hat, weiß: Wir interpretieren noch die diffuseste Form unweigerlich als Gesicht, Drache oder Hüpfehäschen, denn unser Gehirn ist ein Apparat zur Mustererkennung. Es unterscheidet Harmloses von Unbekanntem, das eine Gefahr darstellen könnte. Aus Überlebensgründen arbeitet es schnell, aber unpräzise — und somit fehlerbehaftet, also politisch unkorrekt. Das Kleinhirn, es lebt schon länger unter diesen Schädeldecken, nimmt die Realität in etwa so wahr, wie sie im alten Testament geschildert wird: voller dunkler Impulse, Reflexe, Stimmen aus dem Himmel und Blitzentscheidungen über Leben und Tod. Immer, wenn es ans Eingemachte geht, übernimmt dieses Reptilienerbstück das Steuer und zwingt uns mit massivem Einsatz von Chemie zum Angriff oder zur Flucht, ohne Rücksicht auf Konsequenzen oder UN-Resolutionen.

Doch so, wie es auch ein neues Testament gibt, das archaische Auge-um-Auge-Affekte in fortschrittliche Empathielektionen umwandelt, indem man zum Beispiel auch die andere Wange hinhalten soll oder nur frei von Schuld den ersten Stein nach der armen Frau werfen möge, hat uns die liebe Evolution ein Großhirn gebaut, inklusive Bewusstsein und ein paar IQ-Punkten. Damit ausgestattet haben wir uns von alten wie von neuen Testamenten losgelöst und uns selbst aufgeklärt. Warum also sollten wir unsere Gesellschaft in deterministischen Stil irgendwelcher dahergelaufener Gene nachbauen, nur weil wir vor kurzem deren beinharte Funktionsweisen entdeckt haben? Biologie und Moral sind unterschiedliche Kategorien. „Meine Gene haben mich dazu gezwungen“ das biologisch-tragische Pendant zur psychologischen Diagnose der Utopier, „meine Mutter/mein Vater/das System ist schuld“, beides drückt sich vor Eigenverantwortung. Dass die Natur so funktioniert, wie sie es tut, rechtfertigt nicht schlechtes Benehmen.

Nichts hindert uns daran, gemeinsam die Lebensumstände zu verbessern. Genauso, wie wir uns aus freiem Willen und gegen das „Interesse“ unserer Replikator-Overlords zum Beispiel entscheiden können, keine Kinder in die Welt zu setzen und trotzdem so glücklich zu sein wie ein Zimmer ohne Dach, können wir eine Gesellschaft bauen, in der es für alle okay zugeht. Unser Geist regelt das, nicht unsere Gene.

Wir sollten nur nicht so tun, als seien unsere evolutionären Schalter schlichtweg nicht vorhanden. Auch in dieser Streitfrage hülfe Empathie. Mein Bro Oliver könnte dazu auch mal einen Song schreiben.

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4 Kommentare zu “Die Zwietracht und ihr Zweck

  • #1
    Helmut Junge

    Ja, so sind wir eben. Da wir uns trotzdem vermehrt haben, muß es ein evolutuionärer Vorteil gewesen sein. Bisher jedenfalls. Aber früher gab es auch keine Atombomben, keine supertoxischen chemischen Waffen, keine biologischen Waffen mit der Fähigkeit, den Globus unbewohnbar zu machen. Das aber gibt es jetzt. Bin gespannt, wie lange es dauert, bis wir uns selber weggefegt haben. Alle, auch die, die es nicht glauben wollen. Vermutlich kriegen wir allein deshalb keine Nachricht von unseren Aliennachbarn, die es ja reichlich geben sollte, weil alle Zivilisationen im Universum, die es technologisch bis zu diesen genannten Waffenformen geschafft haben, keine 100 Jahre abwarten konnten, bis sie sie angewendet haben. Und dann aus, pfutsch, bevor ihre Sender so stark waren, daß ihre Infos die Erde erreichen könnten. Dein Freund Oliver hat eine gute Idee, Matthias. Denn sie schadet nicht. Und vielleicht hilft sie ja doch. Dann wird man in weiteren 100 Jahren darüber sprechen können. Sonst natürlich nicht.

  • #2
    Matthias

    Ich finde auch, dass das eine schöne Idee vom lieben Oliver ist. In den Massenmedien, die von der Angst leben und dem Konflikt leben, weil vor allem das Klicks generiert, wird die Welt täglich anders dargestellt, der Untergang steht denen zufolge seit Jahrzehnten schon morgen vor der Tür. Ich sehe uns nicht unbedingt an der Schwelle zur Selbstabschaffung, sondern eher als recht erfolgreich darin, Aggression Stück für Stück zu beseitigen — trotz unseres Primatendaseins.

    Checke doch mal die Bücher „Gewalt“ oder „Aufklärung jetzt!“ von Steven Pinker oder mach Dir ein Bild bei ourworldindata.org oder bei Hans Rosling: ted.com/playlists/474/the_best_hans_rosling_talks_yo.

    Die realen Daten erzählen eine andere Geschichte als die der Angst und des unausweichlichen Niedergangs.

  • #3
    Helmut Junge

    klar, das gute an solchen "wird schon nix passierentheorien" ist, daß sie nie widerlegt werden können.
    Das liegt in der Natur des Overkills.
    Dagegen können wir ganz sachlich darüber sprechen, daß die Angstmachertheorien alle falsch waren.
    Stimmt. Waren alle falsch.
    Und gelernt haben wir auch. Stimmt nur bedingt. Denn Kriege sind zwar räumlich begrenzt. Aber diese Begrenzung muß nicht unbedingt vom Lernerfolg herrühren, sondern könnte auch darin begründet sein, daß es Heute nur noch Kriege um Rohstoffe gibt. Und die Rohstoffe sind lokal begrenzt zu finden. Und wenn der Preis stimmt, wird selbst innerhalb der Kriegszonen der jeweilige Feind beliefert. Wäre es anders, gäbe es in Syrien schon lange keinen Schuß mehr. Was aber geschieht, wenn Rohstoffzufuhr, bzw. Energiezufuhr behindert wird? Das werden wir vielleicht bald wissen.

  • #4
    Matthias

    Hallo Helmut.
    Ich habe in Kommentar #2 keine, wie Du es nennst „wird schon nix passierentheorien“ ausgebreitet, sondern auf nachprüfbare Daten verweisen, die Deinen Pessimismus aus Kommentar #1 in meinen Augen nicht rechtfertigen. Und, um auf den Inhalt des Artikels zurückzukommen, dass wir als soziale Tiere auf eine Weise ticken, die jenseits von Vernunft auch tiefe biologische Wurzeln hat — wie sollte es auch anders sein? — müssen dürfen wir icht außer Acht lassen, wenn wir unsere „Moves“ verstehen (und verbessern) wollen.

    Und da Du intergalaktisch von Aliens etc. sprichst: Ich glaube, nicht dass wir der Krebs dieses Planeten sind, sondern einfach das, was die Biosphäre derzeit hervorbringt. Ommmm!

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