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Dirk große Schlarmann im Ruhrbarone-Interview: „Schalke ist nicht mehr sexy…“

Immer vor Ort: Dirk große Schlarmann. Foto(s): privat

Reporter Dirk große Schlarmann ist als Vertreter des Senders Sky seit Jahren tagtäglich bei den großen Ruhrgebietsvereinen vor Ort. Er beobachtet dort nicht nur die Trainingseinheiten, er spricht auch regelmäßig mit den Protagonisten. Wer könnte also mit mehr Expertise für eine Saisonvorschau der großen Ruhrgebietsklubs für die Ruhrbarone Rede und Antwort stehen?

Ruhrbarone-Autor Robin Patzwaldt hat mit dem 40-jährigen Journalisten, der Zeit seines Lebens dem Ruhrgebiet treu geblieben ist, kurz vor dem Saisonstart des Fußballoberhauses am kommenden Freitag ein Interview geführt und sich über die Perspektiven der Teams aus Gelsenkirchen, Dortmund und Bochum ausgetauscht. Auch die SG Wattenscheid 09 war ein Thema.

Lest heute hier bei uns im Blog der Ruhrbarone exklusiv, warum Dirk große Schlarmann Schalke nicht mehr für sexy hält, er den BVB bereits als titelreif einschätzt, dem VfL zu einem Strategiewechsel raten würde und warum er Wattenscheid zu einer Sprengung von ‚Gedankenmauern‘ raten würde:

Schalke:

Ruhrbarone: Die Vorsaison lief für Schalke ja deutlich schlechter, als auch von Dir nach der Vizemeisterschaft zuvor erwartet. Woran lag das, aus deiner Sicht?

Dirk große Schlarmann: Es war eine Mischung aus Aufbruch, Überraschungseffekt und Glück. Domenico Tedesco hat durch seine Art viele Spieler über ihr Können gebracht, hat neue Defensiv-Taktiken auf dem Platz angewendet und damit viele Mannschaften überrascht und verzweifelt. Dass zugleich die Konkurrenz nahezu durchweg ein schlechtes Jahr hatte, kam ebenfalls hinzu. Das soll aber den Erfolg nicht schmälern – in dem Jahr war es verdient, wenn auch nicht wirklich ansehnlich.

Durch die Veränderungen im Kader entstand aber plötzliche ein Ungleichgewicht an schweren Charakteren zu homogenen Mannschaftsteilen. Die Auftaktpleiten ließen keine Bildung eines neuen festen Gerüsts zu. Tedesco wirkte schnell überfordert, da er eine solche Situation als junger Trainer noch nie zu bewältigen hatte. Er hatte kaum bis keinen Rückhalt und hat sich selbst stark verändert, ist von seiner Linie abgewichen und hat sich so ungewollt auch von den Spielern entfernt.

Ruhrbarone: Wie ist der Verein aktuell aufgestellt? Siehst Du Fortschritte im Vergleich zum Ende der vergangenen Spielzeit?

Dirk große Schlarmann: Die sehe ich derzeit nur im Team um das Team. Schalke hatte hier enormen Nachholbedarf. Im Vergleich zu anderen Teams, die sich zu den Top-6 der Liga zählen, hatte Schalke den kleinsten und jüngsten Staff. Hier ist man jetzt quasi von 0 auf 100 in 6 Wochen gesprungen. Daher klingt es überdimensioniert, ist aber jetzt angemessen. Das Fundament, der Rahmen – das passt jetzt. Aber der Inhalt, sprich die Mannschaft muss jetzt nach und nach mit Leben gefüllt werden. Das wird mit Sicherheit 3-4 Transferperioden dauern.

Ruhrbarone: Was fehlt Schalke noch? Woran muss noch gearbeitet werden?

Dirk große Schlarmann: Es fehlt weiterhin Geschwindigkeit, Kreativität und ein gemeinsamer Gedanke – wie wollen wir Fußball spielen?! Ein Gedanke, der so fest verankert bei jedem Spieler ist, dass er eingewechselt wird und keine Lücke entsteht. In den letzten Jahren ließ Schalke (mit Ausnahme des gezielten, aber teilweise halt auch erfolgreichen Zerstörungsfußballs von Tedesco) jeglichen Plan auf dem Platz vermissen.

Da man sich selbst jeglicher Identifikationsfiguren beraubt hat, muss man diese neu aufbauen…das wird dauern. Große Namen wird man erst wieder anlocken können, wenn man sportliche Perspektive bieten kann.

Ruhrbarone: Wie siehst du die bisherige Amtszeit von Schneider und Wagner? Was haben die beiden richtig gemacht, wo hapert es vielleicht auch noch?

Dirk große Schlarmann: Sie sind beide zurückhaltend und bodenständig. Das tut Schalke gut. Die personellen Entscheidungen rund um das Team wirken durchdacht und bislang stimmig. Transfers sind mangels eines funktionierenden Scoutingsystems und leerer Kassen nicht im großen Stil, aber die Baustellen wurden erkannt.

Die Kommunikation nach außen, auch wenn beide damit direkt nicht viel zu tun haben, ist stark verbesserungsbedürftig.

Ruhrbarone: Was erwartest Du von Schalke in der Saison 2019/20? Wo landet das Team am Ende?

Dirk große Schlarmann: Schalke ist auf Fanfang. Viele Sympathien hat die Mannschaft, hat der Verein durch die letzte Saison verloren. Schalke ist nicht mehr sexy…das wird die Hauptaufgabe sein, die Fans wieder in die Arena zu locken und zu begeistern. Ich denke, dass aktuell ein Platz zwischen 8-12 realistisch ist.

Dortmund:

Ruhrbarone: Der BVB scheiterte ja im Vorjahr nur knapp an den Bayern, wäre fast Meister geworden, womit kaum jemand gerechnet hatte. Was hat der Verein besser gemacht im Vergleich zur Saison unter Bosz/Stöger?

Dirk große Schlarmann: Ich glaube, dass der Faktor Favre eine große Rolle gespielt hat. Er hat eine tolle Mischung gefunden und lässt Fußball spielen, der zu dieser Mannschaft passt. Das Duo Favre/Reus war schon in Gladbach ein Schlüssel zum Erfolg.

Ruhrbarone: Wie siehst du die Entwicklung in Dortmund über den Sommer? Der Verein hat ja viel in neue Spieler investiert. Steckt darin vielleicht auch ein Risiko?

Dirk große Schlarmann: Ich glaube, dass Dortmund im Vergleich zu anderen Top-Vereinen vergleichsweise noch wenig ausgegeben hat, für das, was sie bekommen haben. Schulz, Brandt, Hazard sind in meinen Augen alle drei super Verstärkungen. Junge Spieler, die schon weit sind, aber sogar noch weitere Schritte machen können, und Spieler, die die Liga kennen. Klar sind beim BVB die Gehälter explodiert, ich denke aber, dass es in der Region, in der Dortmund mitmischen will und wird, fast normal ist.

Ruhrbarone: Hat der BVB wirklich das Zeug Deutscher Meister zu werden, so wie er es diesmal als Saisonziel auch ausgegeben hat?

Dirk große Schlarmann: Ich glaube generell, dass offensive Saisonziele immer unnötiger Ballast sind. Als Verfolger hast du es gefühlt immer leichter, diese Rolle hat auch einen gewissen Charme.

Der BVB wirkt bislang homogen und komplett auf einer Linie, fokussiert auf das Ziel…den Eindruck habe ich beim FC Bayern derzeit nicht. Wenn Dortmund seinen klasse Fußball der Vorsaison sogar noch weiterentwickeln kann, dürfte es schwer für Bayern werden sie abzuschütteln.

Ruhrbarone: Was ist dein Tipp für die Saisonendplatzierung der Dortmunder?

Dirk große Schlarmann: Ich denke, dass der BVB aus den Fehlern der letzten Saison gelernt hat – auch wenn es nicht viele waren. Die Mannschaft wurde verstärkt, hat den nächsten Schritt gemacht – und das Resultat sollte die Deutsche Meisterschaft sein.

Bochum:

Ruhrbarone: Der VfL Bochum hat als inzwischen einziger Zweitligist aus dem Pott den Saisonstart schon hinter sich. Was traust du dem VfL in dieser Spielzeit am Ende zu?

Dirk große Schlarmann: Es wird brutal schwierig. Der Umbruch war sicherlich nötig, eventuell auch längst überfällig, aber die Umsetzung wirkt nicht stimmig. Die Idee, dass Robin Dutt eine Art „Freiburger Modell“ installieren soll, ist keine schlechte, aber dafür müsste es insgesamt anders angegangen werden. So ein System muss reifen, verinnerlicht werden. Vielleicht braucht das Ganze aber auch einfach nur Zeit…aber Zeit im Fußball ist halt so eine Sache.

Ruhrbarone: Was kann der Verein grundsätzlich tun, damit die sportliche und wirtschaftliche Kluft zu den beiden Rivalen aus Schalke und Dortmund nicht noch größer werden zu lassen? Kann er überhaupt etwas tun?

Dirk große Schlarmann: Das versucht man beim VfL ja schon seit Jahren. Ob es wirklich möglich ist…ich glaube kaum. Aber vielleicht muss man ja auch nicht in den direkten sportlichen oder wirtschaftlichen Wettstreit mit Schalke und Dortmund gehen. Warum nicht ausnutzen, dass man anders ist, dass man hier noch Fußball pur in dem wohl schönsten Fußballstadion in Deutschland geboten bekommt. Viel mehr Nostalgie, Bratwurst unter Flutlicht und Gras riechen geht eigentlich nicht. Diese Karte würde ich spielen, dieses Gefühl vermitteln, dass der Kommerz der großen Klubs hier nicht stattfindet. Diese Nische sehe ich als Erfolgsmöglichkeit für den VfL.

Ruhrbarone: Was wünscht du den Bochumern, damit sie dieses Image der vermeintlichen ‚Grauen Maus‘ möglichst bald wieder loswerden können, was sich in den vergangenen Jahren leider etwas ausgebildet hat?

Dirk große Schlarmann: Ich glaube, dass Sie diesen Umbruch erst einmal schadlos überstehen müssen…das wird schwer genug. Sobald dann Ruhe eingekehrt ist, hoffe ich, dass man sich langsam wieder in die Spitze der 2.Liga einordnet.

Wattenscheid

Ruhrbarone: Kommen wir zum Schluss noch einmal kurz zur SG Wattenscheid 09, dem Klub vor deiner Haustür. Der Verein kämpft seit einiger Zeit um das wirtschaftliche Überleben. Was ist da deiner Meinung nach schiefgelaufen, dass es soweit kommen konnte?

Dirk große Schlarmann: Die Personen, die sich in den letzten Jahren in diesen Verein eingekauft haben, waren sicherlich nicht die, die dem Verein gutgetan haben. Die Versprechen und Träume, die hier öffentlich gemacht wurden haben bei mir für Kopfschütteln gesorgt. Das war ja teilweise größenwahnsinnig. Schade, dass man dies scheinbar im Klub nicht, oder zu spät erkannt hat. Klar fehlt das Geld, klar, will man schnell da raus und da sind vielleicht auch alle Mittel recht, aber das war hier wirklich „vor die Wand“ mit Ansage.

Ruhrbarone: Hat der Verein noch eine Zukunft? Was muss dort getan werden, damit die Zukunft wieder rosiger aussieht?

Dirk große Schlarmann: Ich glaube schon, dass Trainer Farat Toku ein richtig guter Typ ist. Er kann etwas bewegen, Spieler besser machen. Ich glaube auch, dass die Expertise von Josef Schnusenberg für den Verein sehr wichtig sein kann. Vielleicht entstehen hierdurch auch gute und lukrative Verbindungen mit neuen Partnern. Insgesamt finde ich es schade, dass der Verein nicht intensiver den Weg einer Kooperation mit den großen Klubs der Region anstrebt. Schalke, Dortmund, und ja, auch der VfL Bochum könnten von Wattenscheid profitieren und umgekehrt. In einer Zeit, in der zweite Mannschaften zur Diskussion stehen und Jugendspieler bei den Profiklubs oft zu lange auf der Bank sitzen, könnte Wattenscheid als eine Art Farm-Team im Ruhrgebiet wachsen…aber dafür müssten sicherlich viele Gedankenmauern gesprengt werden…vielleicht erhoffe ich mir das auch nur persönlich, damit ich beim Klub umme Ecke (ich wohne 5 min mit dem Rad von der Lohrheide entfernt) wieder öfter coole Spiele sehen kann, und ich mich dabei über die beste Wurst Deutschlands freuen kann. 😉

Ruhrbarone: Danke für deine Zeit, Dirk! Es war wieder einmal ein Vergnügen!

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