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Dirk große Schlarmann: „Vereine wie Spielzeug zu behandeln ist ein Schlag in die Magengrube eines jeden Fans“

Dirk große Schlarmann im Einsatz. Foto(s): privat

Er gehört zu den wenigen Leuten die nahezu tagtäglich bei den großen Fußball-Vereinen des Ruhrgebiets vor Ort sind. Somit kennt sich bei den Revierclubs eben auch kaum jemand so gut aus wie ‚Sky Sport News HD‘-Reporter Dirk große Schlarmann.

Und in seinen daraus resultierenden TV-Analysen nimmt er in der Regel auch kaum ein Blatt vor den Mund, scheut sich somit auch nicht sich einmal unbeliebt bei den Vereinen zu machen, wenn es die Situation erfordert. So brachte ihm sein Mut Anfang 2016 die Diskussion um Ex-schalke-Trainer Andre Breitenreiter mit anzustoßen seinerzeit auch viel Kritik ein. Am Ende bewahrheitete sich jedoch seine Schilderung der internen Zustände auf Schalke, der Trainer musste am Saisonende tatsächlich gehen. Auch uns stand er Anfang 2016 in diesem Zusammenhang schon einmal für ein Interview ausführlicher Rede und Antwort.

Jetzt, wo die neue Bundesligasaison in den Startlöchern steht, da haben wir in Person von Ruhrbarone-Autor Robin Patzwaldt noch einmal die Gelegenheit ergriffen und uns mit Dirk große Schlarmann über die aktuelle Lage in der Liga, mit Schwerpunkt Schalke und dem BVB natürlich, auszutauschen.

Hier das Ergebnis:

 

Ruhrbarone: Der FC Schalke 04 hat ja mal wieder einen Trainerwechsel im Sommer durchgeführt. Hat Dich das letztendlich noch überrascht?

Dirk große Schlarmann: Ich war schon überrascht, auch wenn es nicht überrascht. 😉 Ich war etwas verwundert über den Zeitpunkt. Ich glaube, dass man das etwas sauberer über die Bühne hätte bringen können. Markus Weinzierl hat sich sicherlich denken können, dass so etwas passieren kann, allerdings waren die Signale kurz nach dem Saisonende ihm gegenüber nicht dementsprechend. Aber so ist dieses Geschäft – vielleicht hat man die Ruhe gebraucht, um die neue Lösung intensiv zu prüfen und zu beschließen. Unterm Strich kann ich es rein sportlich verstehen. Es gab keine wirkliche Weiterentwicklung bei den meisten Spielern, es war fast in keinem Spiel ein Plan zu erkennen, oder ein Lösungsansatz, wenn der Gegner plötzlich umgestellt/sich auf Schalke eingestellt hat. Jetzt kam immer mehr heraus, dass es nahezu keine Kommunikation zwischen Trainern und Spieler gab. Weinzierl wollte eine professionelle Distanz als Respektperson, so hat er den Abstand zur Mannschaft begründet – das war definitiv der falsche Ansatz, vor allem für einen so jungen und unerfahrenen Trainer. Am Ende ist es dann halt immer der Coach, der dafür verantwortlich ist. Ich persönlich tue mich aber schwer damit, die komplette Verantwortung auf Weinzierl zu wälzen, denn die Spieler haben nahezu komplett ihre mögliche Leistung nicht abrufen können oder wollen…beides spricht eben nicht für Profis. Dass Heidel das Risiko nicht eingehen wollte die Trainer-Diskussion mit in die neue Saison zu nehmen und womöglich nach 3-4 Spieltagen einen Neuanfang zu starten, ist aber auch verständlich – hätte man aber, meiner Meinung nach, eher vollziehen müssen.

Ruhrbarone: Aktuell hört man ja viele Statements auf Schalke wie ‚Tedesco macht das alles ganz anders‘, ‚Er hat eine persönlichere Ansprache an die Spieler‘, ‚Das Verhältnis zu den Fans ist nun wieder entspannter‘ usw.. Täuscht mein Eindruck, oder war das nicht im vergangenen Sommer nach dem Wechsel von Breitenreiter zu Weinzierl schon ganz ähnlich?

Dirk große Schlarmann: In den ersten Wochen auf Schalke sind alle Trainer „aktiv“ „anders“ „laut“ „nah an den Fans“ – irgendwie ist es im Sommer immer wie ein Deja-Vu. Aber das ist ja auch normal. Die Trainer wissen auch, dass gerade in den ersten Tagen und Wochen alle Spots, Augen und Kameras auf sie gerichtet sind. Sie wollen und müssen sich präsentieren, daher fand ich es schwierig nach kurzer Zeit ein Fazit zu ziehen, dass Tedesco ganz anders ist. Aber mittlerweile merkt man es schon, dass seine Kommunikation intensiver ist. Er mischt sich ständig ein, switcht zwischen den Sprachen im Sekundentakt und versammelt immer wieder die ganze Mannschaft um sich und wirbelt mit den Spielern, wie Marionetten an seinem Arm als Anschauungsobjekt umher. Das ist schon imposant zu beobachten. Es wirkt als hole er jeden einzelnen Profi ab. Aber bei ihm gilt, wie bei jedem anderen Trainer – es zählt erst, wenn er Druck bekommt…und der wird auf Schalke zwangsläufig irgendwann kommen.

Ruhrbarone: Christian Heidel ist mit sehr vielen Vorschusslorbeeren auf Schalke ins Amt gekommen, konnte bisher aber nur sehr wenig erreichen. Worin siehst Du seine Fehler im ersten Jahr? Was muss er vielleicht in Zukunft anders machen?

Dirk große Schlarmann: Christian Heidel hat es geschafft dass der Club gefühlt erstmals in allen Bereichen auf einer Spur lief. Das war ein komplett neues Gefühl. Ein Gefühl dass bei vielen vielleicht auch ein bisschen zu Naivität geführt hat, dass das alleine reicht, um direkt Erfolg zu haben. Umbrüche gab es gefühlt zuletzt jedes Jahr, der Begriff ist so inflationär eingesetzt worden, dass das Umfeld mittlerweile nicht mehr den Kredit zulässt, den man noch in den letzten Jahren eingeräumt hat. Heidel hatte viel Geld zur Verfügung, und hat dies auch zu einem sehr großen Teil ausgegeben – das Resultat war Platz 10, die neu formierte Mannschaft wirkte nie wie eine Einheit, die Zusammenstellung passte einfach nicht. Die teuersten Einkäufe, wie Konoplyanka oder Stambouli floppten in der ersten Spielzeit komplett, die Hoffnungsträger Embolo und Coke waren eigentlich die komplette Saison verletzt. Natürlich war viel Pech dabei, aber so ganz hat Heidel sein viel gelobtes Händchen bei Spielerkäufen nicht rechtfertigen. Dass der Trainer ein Fehlgriff war und er es auch nicht geschafft hat Sead Kolasinac weiter an Schalke zu binden (hier hat man schlichtweg die Chance im letzten Sommer verpennt), werfen beim Gesamtbild der ersten Saison kein gutes Licht auf die erste Bilanz von Christian Heidel. Aber man muss ihm zu Gute halten, dass er die Situation im und rund um das Schalker Feld und sein Projekt „das neue Schalke“ einfach unterschätzt hat. Denn hier lag insgesamt deutlich mehr im Argen, als er im Vorfeld zu wissen glaubte. Vielleicht hat er sich einfach an zu vielen Baustellen (im wahrsten Sinne des Wortes) gleichzeitig versucht und so viel Energie an vielen Stellen verbrannt.

Ruhrbarone:  Nach dem Mittelfeldplatz in der Vorsaison ist Schalke ja quasi zum Erreichen des internationalen Geschäftes verpflichtet. Hältst Du das in Anbetracht der bisherigen Zu- und Abgänge überhaupt für realistisch in der kommenden Spielzeit?

Dirk große Schlarmann: Es ist riskant fast ausschließlich auf den Trainereffekt und die „alten“ Neuzugänge zu setzen, denn Tedesco ist ein Nobody in der Liga, zu glauben, dass er so einschlägt, wie ein Nagelsmann, nur weil beide zusammen den Lehrgang gemacht haben, halte ich für spannend und ziemlich optimistisch…aber nicht unmöglich. Dass ein Breel Embolo nach der bösen Verletzung DER Mann für Schalke sein wird, ist schwer zu glauben. Ich denke, dass der Schweizer bestimmt noch einige Monate braucht, falls er es überhaupt so schnell wieder auf sein Level schafft, auch wenn ich es ihm gönne, denn er ist ein wirklich sympathischer Kerl, der kein leichtes Jahr hinter sich hat.

Ruhrbarone: Der Trainer hat ja am Wochenende mit der Entscheidung überrascht, dass Höwedes nicht länger Kapitän der Mannschaft sein wird. Damit hat er die Hierarchie im Team ja ganz offensichtlich dramatisch verschoben. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Wie interpretierst Du diese Entscheidung?

Dirk große Schlarmann: Der Zeitpunkt ist nicht günstig, so kurz vor dem Start in die Saison, aber wohl überlegt von Tedesco. Er hat sich ausreichend Zeit genommen, um die Spieler kennenzulernen, die Gruppen innerhalb der Mannschaft zu erkennen und die Strömungen zu analysieren. Klar, dass Höwedes über diese späte Entscheidung nicht glücklich ist, er dürfte innerlich kochen, aber er zeigt auch hier, dass er Größe hat. Er tritt nicht nach, zeigt, dass er die Entscheidung nicht versteht, aber akzeptiert. Unterm Strich ist die Umstrukturierung schon eine Degradierung, auch wenn der Verein das dementiert. Höwedes, der in den letzten Jahren oft den Kopf hinhalten musste, sich den Journalisten stellte und öffentlich, sowie intern auf den Tisch gehauen hat, hat etwas an Gehör verloren. Vielleicht, weil sich das Ganze auch abgenutzt hat. Tedesco will die alten Strukturen aufbrechen, will zeigen, dass er bei seinen Entscheidungen keine Rücksicht auf Namen nimmt – das stärkt durchaus sein Profil, aber er nimmt auch in Kauf, dass die Fans durchaus kritischer auf ihn schauen. Das ist mutig, aber in meinen Augen auch richtig. Er stellt klar, dass er die Mannschaft im Ganzen mehr in die Verantwortung ruft – eine Reaktion, die nach der letzten Saison durchaus Sinn macht. Zwar betonen die Verantwortlichen dass die Entscheidung keine sportlichen Gründe hat, das dürfte aber nur die halbe Wahrheit sein, denn Höwedes ist sicherlich nicht der Paradespieler für das neue, Offensive Tedesco-System. Ich bin mir sicher, dass Höwedes nicht komplett gesetzt sein wird in der Saison.

Ruhrbarone: Wechseln wir mal den Verein und die Stadt. Du warst an dem Abend des Anschlags auf den BVB-Bus im Einsatz im Stadion in Dortmund. Dabei hast Du, wie ich fand, einen wirklich guten Job gemacht. Was ist von diesem extremen Abend bei Dir hängengeblieben?

Dirk große Schlarmann: Das war ein ganz bitterer und verdammter schwerer Abend für die Spieler, eigentlich gar nicht vorstellbar, was die Jungs da durchmachen mussten. Gott sei Dank steht Marc Batra wieder auf dem Platz. Ich fand es bemerkenswert, wie die Fans im Stadion mit dieser Situation umgegangen sind – die Welle der  Hilfsbereitschaft nach der Partie war einfach nur toll! Es ist schwer von solchen Ereignissen zu berichten, vor allem weil viele Informationen und Gerüchte durch die Internetwelt geisterten. Auch für alle Journalisten war das eine Extremsituation. Ich hoffe, dass wir so einen Wahnsinn niemals wieder erleben müssen. Mehr möchte ich dazu eigentlich gar nicht sagen.

Ruhrbarone: Auch die Schwarzgelben haben sich dann nach internen Streitigkeiten nach dem Pokalsieg in Berlin von ihrem Trainer Thomas Tuchel getrennt. Hinterher wurde darüber diskutiert, ob Tuchel nicht auch ein guter Trainer für Schalke hätte sein können. Hättest Du das direkt nach seiner BVB-Zeit auf Schalke für möglich gehalten?

Dirk große Schlarmann: Naja, er war ja schon einmal so gut wie einig mit Schalke. Damals konnte er es sich also scheinbar vorstellen…aber sein damaliger Boss, Christian Heidel, hat dem Ganzen einen Riegel vorgeschoben…ich finde es fast schon interessanter zu überlegen, wo Schalke jetzt stünde, wenn Tuchel damals zu den Königsblauen gekommen wäre. 😉 Heidel hält viel von Tuchel, die beiden kennen sich gut. Heidel weiß um die Eigenarten seines ehemaligen Coaches, aber ich glaube dass ein solcher Wechsel jetzt einfach unglaubwürdig gewesen wäre.

Ruhrbarone: Der Neymar-Transfer hat kürzlich für viele grundsätzliche Diskussionen über die zunehmende Kommerzialisierung des Profifußballs ausgelöst. Wie siehst Du die jüngsten Entwicklungen auf dem Transfermarkt grundsätzlich, und auch den Neymar-Wechsel speziell?

Dirk große Schlarmann: Als ich vor sieben Jahren vom VfL Bochum zu Gelsenkirchen-Süd gewechselt bin, hat das den Verein vier Kisten Bier gekostet. 🙂 Na gut, ist ja auch Amateur-Handball – finde ich trotzdem sehr sympathisch 🙂 Die Kluft zwischen den Top-10/15 und dem Rest wird halt immer größer. Das ist schade, weil es dem Sport einen großen Teil der Spannung nimmt. Vereine wie Spielzeug zu behandeln ist ein Schlag in die Magengrube eines jeden Fans. Das finde ich sehr schade. Aber so lange es Investoren möglich gemacht wird in der Art bei vereinen einzusteigen, wird diese Spirale immer weitergehen.

Ruhrbarone: In Kürze startet die Bundesliga bereits wieder in die neue Saison. Das Unterhaus hat bereits wieder Fahrt aufgenommen. Was wünscht Du Dir für unsere großen Revierclubs im Einzelnen?

Dirk große Schlarmann: Ich bin ein Pottkind – bin hier geboren, aufgewachsen, habe hier studiert und meine Frau kennengelernt. Ich war nie weg und will es auch nicht, weil ich hier eigentlich alles liebe und toll finde…und ja, man mag es mir nicht glauben, aber ich finde, dass wir hier die tollsten Stadien haben: Das Größte in Dortmund, das Modernste in Gelsenkirchen, das Geilste in Bochum – hier wird Fußball gelebt, geliebt, geatmet. Wenn es nach mir ginge würden Dortmund und Schalke die Champions-League belegen, Bochum aufsteigen, Duisburg ganz sicher die Klasse halten und Essen aufsteigen…und die SGW müssen wir auch mal wieder etwas weiter nach oben schieben, denn es gibt keine bessere Bratwurst, die man samt Hund im Stadion (das ist tatsächlich dort erlaubt) genießen kann, als in der Lohrheide…außerdem ist das quasi mein Vorgarten. 😉 Der echte Fußball und diese Fans hier haben es verdient, dass der Ruhrpott wieder deutlich mehr im Fußball mitmischt.

Ruhrbarone: Danke Dir, Dirk, für das erneut sehr nette Interview! Auf eine schöne Saison an der wir alle irgendwie unseren Spaß haben können!

 

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