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Dresden: Bis zum nächsten Anschlag

Dresden – Abendliche Elbe am Terrassenufer Foto: Nikater Lizenz: CC BY-SA 3.0

Von unserem Gastautor Waldemar Alexander Pabst
Dresden. Berüchtigt als die Stadt des rechten Gedankenguts, der Selbstmitleidsfestivals im Februar, hat die sächsische Metropole dennoch weiterhin Besucher, so auch ein in tiefer Liebe verbundenes schwules Paar aus Nordrhein-Westfalen. Die beiden bummeln am 4. Oktober durch die Stadt, als ein junger Mann von hinten auftaucht und brutal mit einem Messer auf sie einsticht. Einer der beiden stirbt.

Die Polizei ermittelt und hat nach fünf Tagen einen Verdächtigen, ein ihr lange bekannter rechtsradikaler Gewalttäter, gerade aus dem Knast entlassen, Spuren erhärten die Hypothese.

Auf einer Pressekonferenz gibt die Polizei am sechsten Tag die Festnahme bekannt, worauf ein Entsetzenschrei nicht nur aus der schwulen Community erschallt, Klaus Kleber mit einer schwarzen Krawatte zum Dienst erscheint und mindestens eine Sondersendung über den Zusammenhang von Homophobie und Rechtsextremismus gegeben wird. Da die Motivlage offensichtlich ist, wird sie auch nicht mehr unter den Gesichtspunkten einer detaillierten Beweiswürdigung öffentlich debattiert. Vielmehr meldet sich nun die Politik zu Wort, Steinmeier bemüht wieder seine Kiste mit den salbungsvollen Textbausteinen, auch die Kanzlerin gibt mit faltiger Stirn und traurigen Augen ihr Statement ab, in Dresden gibt es Mahnwachen, die große Regenbogendemo und die übliche Randale.

Wieder ein Opfer rechten Terrors, wieder ein Zeichen, dass Schwule in größerer Gefahr leben als Heterosexuelle, dass die Gesellschaft noch lange nicht wirklich Gleichheit zu garantieren weiß. Vor allem aber erfolgt die Feststellung, dass es in Deutschland weiter rechten Terror gibt, von vernetzten Tätern ausgeübt, die eine tödliche Bedrohung für von ihnen diskriminierte Bevölkerungsgruppen darstellen. Bis heute wäre es Thema.

Dies war die fiktive Geschichte. Nur die ersten beiden Absätze entsprechen (fast) der Realität. Das Wort „rechtsradikaler“ hätte durch das Wort „islamistischer“ ersetzt werden müssen. Die beschriebene, so selbstverständliche und notwendige Reaktion auf den Terror aber blieb aus. Etwas ganz anderes geschah. Als die Polizei nach den fünf Tagen den Verdächtigen im Fokus hatte, schwieg sie still. Es dauerte zwei Wochen, bis der Täter bekannt gemacht wurde. Obwohl gerade in Frankreich einem Menschen der Kopf bei lebendigem Leibe abgeschnitten wurde, weil der im Unterricht die Meinungsfreiheit anhand der Mohammedkarikaturen behandelt hatte und ein Ruck durchs Nachbarland ging, war die Reaktion hierzulande gleich Null. Es wurde durchweg in den Medien kurz die Frage angerissen, ob der mutmaßliche Täter, einschlägig als Gefährder bekannt, vielleicht ein islamistisches Motiv gehabt haben könnte.

Die Tatsache, dass die Opfer schwul waren, blieb gänzlich unerwähnt. Wahrscheinlich wollte das keiner so genau wissen, weil es ja hätte ein Hinweis darauf sein können, weshalb der Mörder auf die Erbauung seines Gottes hoffte. Erst die ergreifende Traueranzeige des Überlebenden machte es allgemein bekannt.

Warum ist die Glaubwürdigkeit von Medien und Politik bei vielen Menschen so tief gesunken? Warum glauben viele, dass zweierlei Maß inzwischen der Normalzustand der Republik wäre? Kann es sein, dass ursächlich für die katastrophale Abwendung vom besten politischen System in der Geschichte Deutschlands auch Vorkommnisse wie die Diskrepanz zwischen der fiktiven und realen Erzählung vom Terroranschlag in Dresden sind? Fragen über Fragen.

Schönen Samstag, bis zum nächsten Anschlag, von wem auch immer und der jeweils vorgesehenen Reaktionsblaupause

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4 Kommentare zu “Dresden: Bis zum nächsten Anschlag

  • #1
    thomas weigle

    Sehr schöne Fiktion im ersten Teil. Eigentlich traurig, dass es nur eine solche ist, sein kann. Wird wieder für Ärger bei sog. Linken und anderen "Gutmenschen" sorgen. Betrachtet man insgesamt die ausbleibenden Reaktionen aus dieser Ecke, muss man sich schämen, noch immer links zu denken.

  • #2
    EinLipper

    "Warum ist die Glaubwürdigkeit von Medien und Politik bei vielen Menschen so tief gesunken? Warum glauben viele, dass zweierlei Maß inzwischen der Normalzustand der Republik wäre?"

    Das sind leider sehr berechtigte Fragen. Ich rätsele immer noch, warum die "Linken" (Linke, Grüne, SPD) sich gegenüber dem Islam sehr oft so klein machen, sonst sind wir doch gegenüber der Religion immer kritisch gewesen (OK, die Grünen haben sich inzwischen mit der ev. Kirche stark eingelassen, da kam aber der Kuschelwunsch eher von Seiten der EKD), kann es sein, dass es nach dem Schema funktioniert, dass der Feind meines Feindes (USA) mein Freund sein muss? Wobei ich dieses alte linke Feindbild auch für falsch halte …

  • #3
    Yilmaz

    Das laute Schweigen der Regierenden dazu ist unerträglich.

    Und wo bleiben die Mahnwachen oder Demonstrationen?

    Frankreich ist da gefühlt schon etwas weiter.

  • #4
    thomas weigle

    @ Ein Lipper War da nicht mal was mit Opium und Religion? Dass ausgerechnet die Murxisten-Leninisten das vergessen zu haben scheinen, gehört zu den großen Rätseln seit dem Niedergang und Verschwinden des realen Sozialismus. Und v.a. die weiblichen Grünen werden zu einer Ansammlung von Betschwestern, gruselig. Aber der Grundstein dazu wurde schon von A.Vollmer in den 80ern gelegt. Und die SPD? Erst hat man sich in der zweiten Hälfte der 80er fast mit der SED versöhnt, jetzt versöhnt man sich mit einer autoritären Religion, so scheint`s. Auch unverständlich, denn in vielen muslimischen Ländern gibt es nicht nur keine freilaufenden Kommunisten, es gibt auch keine ungehindert agierende Sozialdemokraten. Die Evangelen scheinen zu glauben, wenn sie nur lang genug Muslime umarmen, gibt es für Christen Religionsfreiheit ohne ständige Mordüberfälle in muslimischen Ländern….

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