Duisburg-Hochfeld: „ Wir brauchen Unterstützung“

Über 5000 Zuwanderer aus Südosteuropa stellen die Stadt Duisburg vor Probleme, die sie alleine nicht bewältigen kann.

Er steht zusammen mit zwei Kollegen an dem Dreieck an dem in Duisburg die Wanheimer Straße und die Heerstraße zusammen kommen. Seinen Namen will er nicht nennen, aber klar, er kommt aus Bulgarien. Und er sucht Arbeit. Hier und an viele anderen Stellen in Duisburg-Hochfeld stehen Männer den ganzen Tag an der Straße und warten auf Jobs: Als Hilfsarbeiter in Lagern oder auf dem Bau, für drei, vier oder acht Euro in der Stunde. Mit ihrem kargen Einkommen schlagen sich nicht nur in Deutschland durch, sondern unterstützen auch noch ihre Familien in der Heimat: Viele leben in alten vergammelten Häusern, zahlen Wuchermieten für einen Matratzenplatz, Geld, für das andere in Duisburg  auch eine Wohnung bekommen könnten. Die Häuser werden von den Vermietern oft überbelegt. Zu viele Menschen leben in den Gründerzeithäusern in Hochfeld, Rheinhausen oder Bruckhausen, als das die Mülltonnen für ihren Dreck reichen würden. In den Stadtteilen, auch nach Duisburger Maßstäben Problemquartiere, droht die Situation zu eskalieren: In Rheinhausen haben hunderte Bürger Unterschriften gesammelt. Ihre Forderung: Die Bewohner eines „Roma-Hochhauses“ sollen umgesiedelt werden. In Hochfeld ist der Zuzug mittlerweile gestoppt. Der Stadtteil gilt als „voll“. Für noch mehr Zuzügler ist kaum noch Platz.

Über 5000 Männer und Frauen aus Ländern wie Bulgarien oder Rumänien leben zur Zeit in Duisburg. Seit 2007, als die beiden Staaten in die EU aufgenommen wurden, kommen sie nach Deutschland. Viele von ihnen, aber längst nicht alle, sind Roma. Alle fliehen sie vor der Armut und Perspektivlosigkeit der wirtschaftlichen Lage in Südosteuropa. Kein Land hat in den vergangenen Jahren so viele Einwohner verloren wie Bulgarien: Eine Million Menschen haben den von Korruption und ethnischen Konflikten geprägten Balkanstaat in den vergangenen Jahren verlassen Nur noch gut sieben Millionen Menschen leben in Bulgarien, nach dem Human Development Index, der den Entwicklungsstatus eines Landes misst, liegt Bulgarien hinter Chile, Argentinien und Kuba.

Sie dürfen in Deutschland als Selbstständige arbeiten.  Jobs als Arbeiter oder Angestellte dürfen sie nur übernehmen, wenn der Arbeitgeber einen Antrag bei der Agentur für Arbeit stellt. Eine Sonderregel, die nur in Deutschland und Österreich gilt, in den anderen EU-Staaten werden die Rumänen und Bulgaren längst als ganz normale europäische Mitbürger behandelt, in Deutschland wird das erst ab dem 1. Januar 2014 der Fall sein. Für Karl-August Schwarthans, den Geschäftsführer der Duisburger AWO Integrations gGmbH, ist genau dies das Problem: „Die Menschen haben kaum eine Chance auf einen normalen Job. Das führt zu Problemen, die eigentlich unnötig wären.“ Schwarzarbeit, Prostitution und die gestiegene Kriminalität – das seien auch Folgen der verweigerten Perspektiven für die Zuwanderer. Schwarthans stört das Gerede vom Roma-Problem: „Die Menschen die zu uns kommen, kommen aus Südosteuropa und es sind nicht alle Roma: Es kommen auch Mitglieder der türkischen und mazedonische Minderheiten  Bulgariens, slawische Bulgaren und Rumänen. Und auch die Roma, die zu uns kommen, sind keine geschlossene Gruppe. Die einzelnen Gruppen unterscheiden sich seht stark voneinander. Aber allen ist eines gemein: Sie fliehen vor der Armut und die meisten von ihnen haben nur einen Wunsch: Das es ihren Kindern irgendwann besser geht als ihnen selbst. Das auch problematische Menschen unter den Duisburger Neubürgern sind, unterschlägt Schwarthans nicht: „Einige haben andere Vorstellungen von Eigentum und Gewalt als wir, aber das lässt sich nicht an bestimmten Gruppen festmachen.“ Deutschland, sagt der AWO-Geschäftführer, muss sich damit abfinden, dass die Zuwanderung weiter zunehmen wird. „Wir tun uns damit immer noch schwer. Aber wir vergeben Chancen. Qualifizierte Arbeitnehmer machen um Deutschland einen Bogen und gehen lieber nach England oder in die USA, weil man sie dort willkommen heißt und nicht nur auf Zeit dahaben will.“ Aber auch die Zuwanderer, die in Duisburg für Diskussionsstoff sorgen, seien eine Chance: „Wir sind eine rapide alternde  Gesellschaft. Wer soll denn in ein paar Jahren die Senioren pflegen und die Busse fahren, wenn nicht die Kinder der Menschen, die wir jetzt am liebsten verjagen würden?“

Chancen kann Michael Willhardt in den Zuwanderern bislang nicht erkennen. So wie sein Haus sollten nach seinem Wunsch mehr in Hochfeld aussehen: renovierte Fassade, mit Ökomaterialien ausgebaute Räume, viel Holz und viel Glas haben aus dem Altbau ein Schmuckstück gemacht. Willhardt ist Sprecher einer Initiative in Hochfeld und sorgt sich um den Stadtteil: „Die Häuser sind überbelegt, die Kinder gehen nicht in die Schule, die Menschen hängen auf der Straße rum. Aber das ist kein Hochfelder Problem, es ist ein Duisburger Problem. Die Stadtverwaltung und die Politik kümmert sich nicht um die Bürger, sie ist mit sich selbst beschäftigt.“ Die Stadt, erinnert Willhardt, habe im vergangenen Jahr ein Handlungskonzept erstellt, im März wurde es beschlossen. Es sah Maßnahmen gegen illegale Vermietung ebenso vor wie  bessere Schulmöglichkeiten für die Kinder und eine umfassende Gesundheitsfürsorge. Es war ein Maßnahmenkatalog der auf Integration setzte und nicht auf Ausgrenzung. „Umgesetzt worden ist so gut wie nichts.“ Stattdessen hätte sich der Rat mit der Versorgung des grünen Stadtdirektors Peter Greulich beschäftigt, der bald Geschäftsführer einer städtischen Gesellschaft wird. „Die Stadt sagt immer, sie hat kein Geld,
aber wenn es um die Versorgung von Politikern Greulich geht, spielt Geld keine Rolle.“ Duisburg, so sein Fazit, gehe nicht an den Zuwanderern zugrunde, sondern an der Unfähigkeit von Politik und Verwaltung.

Das sieht Leyla Özmal naturgemäß anders. Özmal ist Leiterin des Referats für Integration. In Ihrem Büro in der Innenstadt präsentiert sie die Erfolge der Duisburger Arbeit: Es seien zahlreiche Integrative Klassen eingerichtet worden, das Ordnungsamt sei schneller geworden, wenn irgendwo Müll liegt. „Aber seit Sarrazin hat sich die Stimmung verschlechtert, die Menschen sind aggressiver gegenüber Zuwanderern geworden, auch in einer Stadt wie Duisburg, wo fast alle Menschen irgendwann einmal zugewandert sind. Dass es Probleme gibt, welche die Stadt nicht lösen kann weiß auch Özmal. Sie verweist  auf die Not der Stadt, deren Haushalt schon seit Jahrzehnten marode ist. „Wir brauchen Geld vom Land, vom Bund und von der Europäischen Union. Duisburg ist eine Haushaltssicherungskommune und Integration ist immer noch eine freiwillige Leistung.“ Alle bemühten sich um Fördermittel aus Europa. „Aber um die zu bekommen, müssen wir einen Eigenanteil aufbringen und den können wir uns auch nicht leisten.“

Vielleicht will Duisburg sich das Geld für die Integration der Zuwanderer aus Südosteuropa auch nicht leisten: Erst 2010 beschloss die Stadt, dass sich die Stadtwerke an dem Energieversorger Steag beteiligen. Finanziert wurde das riskante Geschäft über Millionenkredite. Duisburg besitzt zahlreiche kommunale Unternehmen, geleitet von gut bezahlten Geschäftsführern – zumeist Versorgungsposten für treue Mitglieder nahezu aller Parteien im Rat der Stadt.

Der Artikel erschien in ähnlicher Version bereits in der Welt am Sonntag

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5 Kommentare

  1. #1 | allemachtdendrähten sagt am 3. Oktober 2012 um 14:19 Uhr

    Der Satz „seit Sarrazin“ dient immer mehr menschen als Rechtfertigung für die eigenen Blödheit .

  2. #2 | Links anne Ruhr (04.10.2012) » Pottblog sagt am 4. Oktober 2012 um 07:09 Uhr

    […] "Wir brauchen Unterstützung" (Ruhrbarone) – Über 5000 Zuwanderer aus Südosteuropa stellen die Stadt Duisburg vor Probleme, […]

  3. #3 | S.Ooker sagt am 4. Oktober 2012 um 10:07 Uhr

    Schöner Beitrag, der endlich einmal die Probleme differenziert beschreibt ohne in Hetze, Verallgemeinerungen oder Panikmache auszubrechen. Danke

  4. #4 | Achim sagt am 5. Oktober 2012 um 02:05 Uhr

    Die Arroganz und Dummheit der deutschen und österreichischen Politikerm ist erschreckend. In keinem anderen Staat der Welt gibt es die Kombination von Freizügigkeit und Arbeitsverbot.
    Offiziell ist die EU zwar (noch) kein Staat, aber faktisch ist sie ein Staat. Bei den bulgarischen Wanderarbeitern handelt es sich nicht um ausländische „Gastarbeiter“ sondern um wandernde Bürger.
    Alle mindestens 16 Jahre alten Bulgaren, die aus Bulgarien uiwandern, werden genau zum gleichen Zeitpunkt wahlberechtigt wie ein aus Essen nach Duisburg zuwandernder Deutscher.
    Näheres ergibt sich aus dem Maastrichtervertrag, einer EU-Ricjhtlinie und dem Kommunalwahlgesetz.
    Alle ihre hier geborenen Kinder sind nach dem Abstammungsprinzip wohl automatisch deutsch.
    (Von einer Ausnahmeregelung ist mir nichts bekannt…)

    Eine auf vorbeugende Abschreckung
    und nachträgliche Vertreibung setzende
    Politik ist zum Sdcheitern verurteilt.
    Allerdings werden hier gerade „Altlasten“ wie die massenhafte „Entwöhnung“ von normaler Arbeit erzeugt.
    Der durch die „Bombenlotterie“ erzeugte
    „Sozialhilfeadel“ ist von den Sozialverwaltungen
    immer noch nicht abgearbeitet.
    (Durch den Bombenkrieg entstand Obdachlosigkeit,
    die sich zur „erblichen Obdachlosigkeit“
    verfestigt hatte. Kinder aus Schlichtwohnungen ohne Bad etc. hatten eben nicht den richtigen „Stallgeruch“ für eine normale Schulkarriere mit
    anschliessender Erwerbskarriere.)

    Hier gibt es nur zwei Möglichkeiten:
    1.)Aufhebung aller Arbeitsverbote.
    2.)Gezielte Massnahmen wie einen ausreichenden
    branchenunabhängigen!!!! gesetzlichen Mindestlohn
    und die Einführung einer kommunalen Sonderabgabe auf überfüllte
    Wohnungen. (Dies liesse sich mit einer erhöhten
    Nutzung von öffentlichen Flächen begründen.
    Wenn z.B. 6 erwachsene Menschen in einem Zimmer „wohnen“,
    dann sagt bereits der gesunde Menschenverstand, dass
    diese auuserhalb von Arbeitszeiten und Schlafzeiten
    nicht alle gleichzeitig dort leben werden.)

    Achim

  5. #5 | florfisch sagt am 5. Oktober 2012 um 12:09 Uhr

    Probleme mit den Zuwanderungen aus Bulgarien und Rumänien gibt es auch in anderen Ländern, wie z.B. Tschechien. Dort mietet die russische Mafia ganze Dörfer oder große Siedlungen an, füllt sie mit Zuwanderungen aus Südosteuropa, hilft bei der Beantragung von Wohngeld und Sozialhilfe-ähnlichen Leistungen und kassiert dann Miete und die Hälfte der Sozialleistungen ab ! Tschechische und deutsche Neonazis nutzen das dann politisch aus !

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