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Episoden eines Schreckensendes: Die SS mühte sich, die Häftlinge am Fliehen zu hindern

Cap Arcona 1927 Foto: Unbekannt – Fachzeitschrift “Werft*Reederei*Hafen” Lizenz: Gemeinfrei

Hamburg kapituliert und die SS begeht ein weiteres Massaker. Von unserem Gastautor Waldemar Alexander Pabst.

Donnerstag, 03. Mai 1945

Friedeburg und seine Delegation trafen am Morgen bei dem nach Hamburg zurückgekehrten Wolz ein, um sich mit ihm zum britischen Hauptquartier aufzumachen, wo Wolz die bedingungslose Übergabe Hamburgs unterzeichnen sollte. Er hatte Dönitz Gesandte am Vortag den britischen Verhandlungspartnern angekündigt. Während er seinen Schlussakt hinter sich brachte und am Nachmittag nach Hamburg zurückkehrte, versuchte Friedeburg Montgomery einen Waffenstillstand vorzuschlagen, der die Übernahme der deutschen Truppen in Mecklenburg und Schleswig-Holstein in britische Obhut vorsah, die Absicherung von Flüchtlingen vor den Sowjets und die (bereits erfolgte) Sperrung Schleswig-Holsteins gegen die Russen. Montgomery lehnte brüsk ab und verlangte die sofortige bedingungslose Kapitulation aller deutschen Soldaten und Dienststellen im Nordraum. Die Deutschen gaben sich geschockt und wurden durch die Linien zur Rücksprache mit Dönitz geleitet. Montgomerys Sinn für Inszenierungen ließ derweil auf einem Hügel bei Wendisch-Evern einen malerischen Kapitulationsort aufbauen, er hatte keinen Zweifel, dass die Deutschen unterschreiben würden. Sie hatten gar keine andere Wahl.

Der Krieg aber ging auf diese Weise einen Tag weiter und Kämpfe werden geführt, bis ihr Ende befohlen ist. Am Morgen des 3. Mai tobte überall dort der Krieg, wo die Deutschen ihre Arme nicht hoben. Die Briten kämpften sich nach Norden voran, die Royal Air Force hatte zwar kaum noch Gegner, aber noch immer Aufgaben. Ihre Aufklärung hatte die Schiffe in der Neustädter Bucht längst entdeckt. Nach heutigem Forschungsstand wurde den Fliegern der Typhoon Staffel in Plantlünne, wenige Wochen zuvor ein Luftwaffenfliegerhorst, gesagt, es wären SS Truppen auf den Schiffen, die damit fliehen wollten. Sollten die Aufklärer Fotos gemacht haben, dann ist diese Interpretation naheliegend. An Deck befanden sich nur Marineangehörige und SS-Männer. Die KZ-Häftlinge in den Bäuchen der Schiffe dicht gedrängt, kaum versorgt, jeden Tag ein Tag des Sterbens, waren nicht zu sehen. Die Schiffe waren als Truppentransporter ausgerüstet und bewaffnet, dass sie nicht mehr fahrfähig waren, konnten die Engländer nicht wissen. Möglich ist, dass am Abend des 2. Mai durch das Rote Kreuz Informationen über die wahre Nutzung der Schiffe an britische Stellen gelangt waren. Die Flieger an diesem Morgen erreichten sie nicht mehr.

Das entsetzliche Geschehen nahm seinen Lauf. Die mit Raketen bewaffneten Typhoon, schwere Jagdbomber, feuerten. Erst auf die Deutschland, die leer war, die Athen war im Hafen geblieben, dann aber auch auf die Thielbeck und die Cap Arcona. Sie gingen in Flammen auf. Die SS mühte sich, die Häftlinge am Fliehen zu hindern. Die Rettungsschiffe, die aus Neustadt ausliefen, stießen die Gefangenen zurück, suchten nur nach SS und Marineangehörigen. Aus manchen Booten wurde auf die ertrinkenden Gefangenen geschossen. Gnadenlos setzten die Deutschen das Mordwerk im buchstäblichen Untergang fort. Die Cap Arcona kenterte langsam im flachen Wasser, legte sich auf die Seite. Auch wenn das Land nicht weit entfernt war, in der eisigen Ostsee starben die entkräfteten Menschen schnell. Auf jene wenigen, die das Ufer erreichten, warteten blutjunge Marinesoldaten, die erbarmungslos mit ihren Karabinern ein Massaker unter ihnen anrichteten, eines der letzten Endphasenverbrechen. Dies alles zu einer Zeit, da alle Beteiligten wussten, dass der Krieg nur noch Stunden, allenfalls Tage dauern würde. Keine 700 der mehr als 7000 auf den schwimmenden KZ zusammengepferchten Menschen überlebten die Katastrophe. Noch Monate, Jahre, wurden die Toten angespült. Am Abend dieses Tages erreichten die britischen Panzer Neustadt.

Karl Kaufmann empfing zu dieser Stunde den englischen General Spurling im Rathaus und übergab seine Stadt. Er wurde einen Tag danach verhaftet und verbrachte einige Jahre in englischer Gefangenschaft. Für die Hamburger seiner Zeit mutierte er zum Helden, der ihre Stadt gerettet hätte. Mit der Cap Arcona, auf die er seine ihm gefährlich werdenden Häftlinge aus Neuengamme entsorgt hatte, brachte ihn keiner in Zusammenhang. Kaufmann wirkte Anfang der 50er Jahre sogar bei nazistischen Infiltrationsversuchen in die nordrheinwestfälische FDP mit, nach dem Scheitern zog er sich ins Privatleben zurück. Er wurde Direktor im Gerling Konzern, konnte unangetastet und tatsächlich angesehen seinen Lebensabend genießen.

Kaufmanns Rechnung war vollständig aufgegangen. Im Grunde waren seine Interessen und die der Hamburger auch bezüglich Neuengammes deckungsgleich gewesen. Niemand hatte den Wunsch, die zweifelhafte Prominenz von Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen zu bekommen. Nachdem die Engländer das leere KZ übernahmen, machten sie es zum Internierungslager für Nazis, als sie es zurückgaben, rissen die Hamburger es postwendend ab und bauten geschmackvoller Weise ein Gefängnis darüber. Mit den Toten der Cap Arcona verschwanden auch tausende Zeugen, die unangenehme Berichte hätten verfassen können.

Eine würdige Gedenkstätte wurde erst in den 80er Jahren errichtet. Dachau und Buchenwald sind weltweit bekannte Orte des Schreckens. Neuengamme kennen nur Historiker, Opferverbände, am Thema Interessierte und Hamburger Schüler, zu deren Unterricht ein Ausflug dorthin gehört.

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4 Kommentare zu “Episoden eines Schreckensendes: Die SS mühte sich, die Häftlinge am Fliehen zu hindern

  • #1
    Bochumer

    Sehr gute Artikelserie. Die Geschehnisse um Hamburg sind wirklich erschreckend.

  • #2
    Waldemar Pabst

    Die Hamburger Ereignisse sind in ihrer Bedeutung bis heute sicher weitgehend unterschätzt. Das richtig zu stellen, ist eines der Motive dieser Episoden aus dem Kriegsende. Zum einen führt der Weg den Wolz und Kaufmann wählen, kausal nach Reims zur bedingungslosen Kapitulation. Dass das Ende so und nicht anders verlief, ist der Kombination aus Hitlers Entscheidung für Dönitz als Nachfolger und Wolz Kontakten zu den Engländern, die er Dönitz zur Verfügung stellte, zu verdanken. Stalin musste sich daher mit der sinnfreien Show in Karlshorst zufrieden geben, was ihm gar nicht gefallen hat. Die Cap Arcona Katastrophe stellt wohl den größten Einzelfall der Endphasenverbrechen dar und es ist ein böser Zynismus, dass sie nicht nur ungesühnt blieb, sondern der Urheber genau das erreichte, was er am 26. April allenfalls sehr vage zu hoffen wagte. Bis heute ist Kaufmanns Verantwortung, die dank Heinz Schön herausgearbeitet wurde, kein Allgemeinwissen, selbst heute bringt der Spiegel eine Geschichte zur Cap Arcona, in der Name Kaufmann nicht einmal vorkommt.

  • #3
    Hajo Voß

    Wenn ich das aber richtig verstanden habe , wurde die Cap Arcona durch britische Bomber versenkt?

  • #4
    MARTIN MAHADEVAN

    Eine andere zynische Nebengeschichte
    In Hamburg: Nach den britischen
    Vernichtungsangriffen vom Juli 1943 wurden Schiffsladungen von
    Möbel und Haushaltsgegenstände deportierter
    niederländischer Juden an die unzähligen
    ausgebombten Hamburger verteilt. Es ist
    also durchaus denkbar, dass heute
    Leute zwischen Möbeln leben, die im
    Zusammenhang mit dem Holocaust stehen.

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