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Episoden eines Schreckensendes: „Nicht gerade eine Geburtstagslage“

Marschall Iwan Stepanowitsch Konew Foto: Mil.ru Lizenz: CC BY 4.0

Am 20  April 1945 begann die Rote Armee mit dem  Beschuss Berlins. Von unserem Gastautor Waldemar Alexander Pabst.

Freitag, 20.April 1945

„Leider nicht gerade eine Geburtstagslage“, notierte Martin Bormann in seinen Kalender. Am Vortag war es nach drei Tagen Gemetzels Schukows Heeresgruppe gelungen, die Linien der 9 Armee unter dem General Busse bei den Seelower Höhen zu durchbrechen und auf Berlin vorzustoßen, Im Laufe des Tages erreichten sie Positionen, von denen aus die Artillerie in die Stadt schießen konnte. Der Deutschen Führer sah einem Geburtstag entgegen, der weniger zeremoniell begangen würde, als in den letzten 11 Jahren. Und er konnte keinen Zweifel daran haben, dass dieser 56. auch sein letzter wäre.

So wenig wie die illustren Gäste, die sich einfanden, fast alle darauf bedacht, rechtzeitig wieder weg zu kommen. Bormann, Hermann Göring, Heinrich Himmler, Albert Speer, Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg, Arthur Axmann, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Karl Dönitz, Hans Krebs und Wilhelm Burgdorf gehörten dazu.

Göring, der sich damit befasste, wann er die Macht aus Hitlers Händen bekäme und mit Eisenhower die Zukunft verhandeln könnte, erklärte Hitler, wie dringend er in Süddeutschland gebraucht würde, Hitler ließ ihn nach dem Sektglas ziehen. Bormann hoffte vergebens, Hitler würde zum Berghof flüchten, damit er ein paar Tage länger Leben hätte. Keitel und Jodl verblieben in der Loyalität von speichelleckenden Lakaien, bis Hitler sie einige Tage später selber fortschicken würde. Dönitz sah zu, wieder nach Norddeutschland zu kommen, Ribbentrop und Rosenberg ebenso. Krebs und Burgdorf hatten sich mit dem sinnlosen Ende in Bunker abgefunden. Goebbels aber blieb aus Überzeugung. Er würde mit seiner ganzen Familie in das Loch ziehen, um am Ende der zu sein, der dem Führer treu geblieben wäre, der Mann nach ihm zu werden, der er immer sein wollte.

Arthur Axmann, der Reichsjugendführer, blieb auch. Er suchte das Lob Hitlers durch das Opfern seiner Jungen, die zu Hunderten, vielleicht Tausenden auf seinen Befehl im Straßenkampf sterben würden, bei der Verteidigung von Brücken, über die nicht vorhandene Entsatztruppen eintreffen sollten. Ihretwegen verließ Hitler ein letztes Mal den Bunker, um Halbwüchsige zu tätscheln und ihnen Eiserne Kreuze gemeinsam mit Axmann zu verleihen. Axmann sorgte für sein eigenes Überleben und wurde zum beliebten Zeitzeugen der Nachkriegszeit.

Wirklich grotesk sind aber die Geschehnisse dieses Tages, die sich auf dem Landsitz von Felix Kersten, dem umtriebigen Masseur Himmlers, abspielten. Heinrich Himmler nämlich hatte durchaus die Absicht, den Krieg zu überleben. Bereits seit 1943 sinnierte er darüber, wie er das anstellen könnte, er, der leibhaftige Exekutor des Judenmordes. Himmler, grundfeige, agierte zögerlich, er sprach mit Randfiguren des konservativen Widerstandes, sorgte aber auch dafür, dass diese nach dem Scheitern des 20. Juli schnell ermordet wurden, er versuchte über das Komitee für Hilfe und Rettung der Juden in Budapest durch Mittelsmänner Kontakt zu den Westalliierten zu bekommen, nicht nur, um das offizielle widerwärtige Lastwagen gegen Juden Geschäft vorzuschlagen, sondern auch, um zu signalisieren, dass er zu wesentlich weiter gehenden Dingen bereit wäre. Er nutzte die ungarischen Juden als Geiseln, während er sie gleichzeitig im entsetzlichen letzten Akt der Shoa in Auschwitz ermorden ließ. Viel zu viel Angst vor Hitler hatte er, um tatsächlich das Töten auch nur zu unterbrechen. Natürlich waren seine Bemühungen erfolglos, lediglich Rudolf Kasztner vom Rettungskomitee und einige andere versuchten, sein Spiel zum Schein mitzuspielen und retteten über 1000 Menschen inmitten des hunderttausendfachen Sterbens das Leben. Ein Kapitel für sich.

Himmler versprach, als der Krieg sich zum Ende neigte, die KZ ohne weitere Tötungen zu übergeben, nichts davon hielt er ein, die Westalliierten wussten zu jedem Zeitpunkt, mit wem sie es zu tun hatten, mit dem schlimmsten Abschaum, den das Menschengeschlecht hervorzubringen vermochte. Die jeden Ansatz eines Realitätsbezugs ausblendende Hybris des völkischen Esoterikers, der mit Überzeugung und allem organisatorischen Können daran gegangen war, 11 Millionen Menschen zu ermorden, von denen er am Ende sechs Millionen auf dem Gewissen hatte, vom Neugeborenen bis zum Greis, brachte Himmler dazu, mehr noch als sein erbärmliches Leben mit den letzten Überlebenden erkaufen zu wollen. Seine Vorstellung war es, der Staatsführer Deutschlands in Übereinstimmung mit den westlichen Mächten zu werden.

Nun endlich, da er Hitler von den Russen eingeschlossen wusste, traute er sich, das auch auszusprechen. Kein Filmemacher kann sich ausdenken, dass er am 19. April mit einem der letzten dort landenden Flugzeuge, Norbert Masur, als Unterhändler des Jüdischen Weltkongresses über Tempelhof einfliegen, durch eine SS-Wache zum Landgut Kerstens bringen ließ. Auf direktem Wege begab sich Himmler von Hitlers Feier zu Masur, um ihm einen Frieden zwischen der SS und den Juden vorzuschlagen, was der höflich als etwas spät zurückwies und dafür einen letzten Deal einzufädeln begann, der dem schwedischen Roten Kreuz ermöglichen würde, tausende Menschen aus den KZ, vorzugsweise Ravensbrück, zu holen und nach Schweden zu verbringen.

Eva Braun hingegen veranstaltete am Abend eine wilde Party ohne den Lebensgefährten in der Reichskanzlei, die russischer Artilleriebeschuss beendete.

Auch Konews Heeresgruppe hatte von Süden her Berlin erreicht. Er machte fette Beute. Bei Zossen befand sich das Oberkommando des Heeres samt seiner neuen Bunkersysteme. Die Generalstäbler waren nur kurz zuvor überstürzt geflohen. Unbeschädigt wurden die Anlagen und Akten den Sowjets von den verbliebenen Wachtruppen übergeben. Die Rote Armee wird dort das Hauptquartier ihrer Westgruppe in der DDR einrichten und bis zu ihrem Abzug nach der Wiedervereinigung belassen. Nur werden sie es jetzt nach einem Stadtteil von Zossen, Wünsdorf benennen. Zossen, das klang zu vorbelastet.

Eine andere Schlacht, die am 16.04. begann, endete am 20.April. Die Amerikaner nahmen Nürnberg ein, der Weg nach Süden, zur angeblichen Alpenfestung, war frei.

Die Wüstenratten des Feldmarschalls Montgomery rückten auf Hamburg vor.

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