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Ermittlungen und anonyme Vorwürfe sind für Journalisten heikel

Symbolfoto Medien: Mario Thurnes

Die Berichterstattung über die Ermittlungen gegen Christoph Metzelder zeigt: Die Branche hat aus ähnlichen Fällen nicht viel gelernt. Dabei sind Strafanzeigen, Ermittlungen oder anonyme Vorwürfe das heikelste Terrain, das sich ein Journalist vorstellen kann.

Strafanzeigen sind im Journalismus das, was abgestandener Salat in der Gastronomie ist: Fehlt auf keinem Teller. Sieht gesund aus und lässt einen an eine vernünftige Mahlzeiten glauben. In Wirklichkeit kommt hinten nur Kot raus.

Strafanzeigen können jeden treffen. Auch den Unschuldigen. Schon für Normalbürger ist das eine Belastung. Für Prominente ist es viel schlimmer. Christoph Metzelder zum Beispiel. Sollte sich herausstellen, dass die Vorwürfe gegen ihn unberechtigt waren, so wird er doch verurteilt. Öffentlich. Das Strafmaß lautet Diskreditierung. Wie das funktioniert, haben die Fälle Andreas Turk oder Jörg Kachelmann gezeigt.

Nun könnten Journalisten sagen: Wir berichten bei Strafanzeigen, Ermittlungen oder anonymen Vorwürfen grundsätzlich nicht. Doch so einfach ist die Welt nicht. Journalisten werden jedes mal abwägen müssen.

Besteht gesellschaftliches Interesse an den Ermittlungen?

Da gibt es den mutmaßlichen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde. Bei den Ermittlungen kommt es zu Unstimmigkeiten. Jetzt ist Berichterstattung wichtig. Zum einen wegen der Chronistenpflicht. Zum anderen wegen des gesellschaftlichen Interesses: Denn der öffentliche Druck zwingt die Beteiligten zu größerer Sorgsamkeit und Gründlichkeit.

Der Fall Kachelmann hat gezeigt, wie es nicht laufen sollte: Da wurde vor Gericht auch das Sexualleben des Moderators verhandelt. Und Alice Schwarzer machte daraus in der Bild, dass wer so lebe, per se ein Vergewaltiger sei. Die Emma-Chefin schrieb sich regelrecht in Rage, weil sie Staatsversagen darin sah, dass ein Richter kein Strafmaß ausspricht, obwohl sie den Angeklagten schon verurteilt hatte.

Doch Schwarzer war nur das Extrembeispiel. Auch andere Medien ließen den Dreiklang zu: Kachelmann – bemerkenswertes Sexualleben – Vergewaltiger. Obwohl es von Anfang an massive Zweifel an der Tragfähigkeit des Verfahrens gab. Letztlich stellte sich heraus, dass der Verdächtigte unschuldig war. Doch öffentlich verurteilt war er da schon. Es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis Kachelmann sich ins Berufsleben zurück geboxt hatte.

Die Faustregel für Journalisten lautet: Können sie auf die Berichterstattung nicht verzichten, dann müssen sie das Umfeld von Anzeigen, Ermittlungen und anonymen Vorwürfen präzise beschreiben. Das ist die Arbeit, die sie leisten: Einordnung.

Schamdebatten in Mainz

Zum Beispiel Mainz. In der rheinland-pfälzischen Hauptstadt läuft das Rennen, wer Oberbürgermeister wird oder bleibt. Gegen die drei wichtigsten Kandidaten gibt es Vorwürfe: Zwei sollen zu viel fliegen, einer zu teure Autos fahren. Gar nicht berichten? Wäre eine Option. Doch das Drumherum berechtigt die Berichterstattung.

Zum einen wird den drei Kandidaten keine politische Begünstigung vorgeworfen. Nicht einmal politische Fehlentscheidungen. Sondern der falsche Konsum. Genau das rechtfertigt die Berichterstattung. Denn derzeit gehen Schüler auf die Straße, um Konsumscham zu fordern. Für andere. Sie selbst wollen erst verzichten, wenn der Gesetzgeber wirklich sichergestellt hat, dass auch kein anderer konsumiert.

Doch das sind Schüler. Die dürfen naiv und inkonsequent sein. Schlimmer sind Politiker, die aus nacktem Opportunismus dieser Bewegung blind hinterher laufen und diese somit inhaltlich adeln. In Mainz fahren sie gerade die Ernte solcher Debatten über Konsumscham ein.

Politsoldaten verhalten sich wie Hater

Der Mainzer Fall ist noch aus einem anderen Grund interessant: Die Politik fährt seit Jahren Kampagnen gegen Bots und Hater im Netz. Das sei ein so schlimmes Problem, dass sogar Gesetze wie das “NetzDG” gerechtfertigt sind, obwohl diese massiv in Grundrechte einschneiden.

Nun könnten die anonymen Vorwürfe gegen die Mainzer OB-Kandidaten von Bots und Hatern kommen. Theoretisch. Wer sich den Duktus anschaut, weiß aber, dass sich da Wahlkampfmanager, wissenschaftliche Mitarbeiter oder andere Parteisoldaten hinter eigens geschalteten anonymen Accounts verstecken. Eine politische Landschaft, die sich den Kampf gegen Hassklima im Netz verschreibt, sollte so selber nicht handeln.

Fazit: Manche Strafanzeige sollte nicht in die Berichterstattung finden. Selbst wenn sie gegen einen AfD-Funktionär gestellt wird und den “Kampf gegen Rechts” – dieses mal wirklich – entscheidet. An Ermittlungen gegen Prominente kommen Journalisten manchmal nicht vorbei. Dann sollte aber die Unschuldsvermutung in der Berichterstattung wichtiger sein als die Beschuldigung. Und anonyme Vorwürfe sollten nur dann in die Medien finden, wenn sie über die Gesellschaft etwas aussagen.

Strafanzeigen, Ermittlungen und anonyme Vorwürfe sind für Journalisten ein heikles Terrain.
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4 Kommentare zu “Ermittlungen und anonyme Vorwürfe sind für Journalisten heikel

  • #1
    Klaus Lohmann

    Und wie soll ein Journalist die Unschuldsvermutung als Prinzip hoch halten, wenn die/der Beschuldigte es auch nach längerer Zeit unterlässt, sich zu Anschuldigungen und Verdächtigungen zu äußern??

    "Nix sagen" = "Unschuld" funktioniert nicht als öffentliche Person.

  • #2
    Bochumer

    Der aktuelle Fall ist einfach: Die Bild hätte aufgrund der erwarteten Folgen nie berichten dürfen: und schon gar nicht so. Aber dieses Blatt fällt eh nicht in die Kategorie Journalismus.

  • #3
    Klaus Lohmann

    @#2 Bochumer: Wenn Journalisten es wegen "der erwarteten Folgen" ab jetzt unterlassen, Berichte und Artikel zu verfassen, hat das im Printbereich zumindest eine positive Folge für die Umwelt, wenn kaum noch Bäume für die Papierzeitung gefällt werden – weil sowieso nichts mehr drin steht. Für rechtliche Probleme bei und nach Veröffentlichung stehen ganze Schwadronen von Rechtsanwälten für die BILD bereit.

  • #4
    Gerd

    So langsam nimmt es zwanghafte Züge an. Was den MSM Trump, ist den Ruhrbaronen die AfD, die mit diesem Fall null und gar nichts zu tun hat, aber dennoch Erwähnung findet!?

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