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Es ist der Virus, Stupid

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions Bild: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM - This media comes from the Centers for Disease Control and Prevention's Public Health Image Library (PHIL), with identification number #23312 Lizenz: Gemeinfrei

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions Bild: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM – This media comes from the Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), with identification number #23312 Lizenz: Gemeinfrei

Politiker nutzen das Corona-Virus zunehmend, um andere politische Ziele als den Kampf gegen dessen Verbreitung zu rechtfertigen. Das ist ein gefährliches Spiel. Denn es gefährdet den Grundkonsens, den wir noch bitter nötig haben werden, falls eine zweite oder dritte Welle kommt. Bei allen Maßnahmen sollte daher nur ein Maßstab gelten: Es ist der Virus, Stupid.

Als im März die Kneipen geschlossen wurden, passierte das nicht wegen des Alkoholgenuss, den sie ermöglichen. Als die Spielhallen in eine Zwangspause geschickt wurden, war es nicht wegen der Sucht, der manche Spieler verfallen. Und als die Prostitution eingestellt werden musste, ging es nicht um deren moralischen Wert. Es war der Virus, Stupid.

Die vorläufigen Schließungen haben Bund und Länder einheitlich mitgetragen. Sie waren nötig, da der Virus sich in einer gefährlichen Weise ausbreitete: Wären Tempo und Infektionszahlen nicht gebremst worden, hätte Krankenhäuser eine Überbelegung gedroht und hätten Ärzte entscheiden müssen, wen sie retten – und wen sie als hoffnungslosen Fall dem Tod überlassen.

Dieses Szenario ist glücklicherweise ausgeblieben. Aktuell droht es nicht. Zumindest nicht kurzfristig. Also haben Bund und Länder sich darauf geeinigt, die im März beschlossenen Maßnahmen wieder zu lockern. Dieses mal allerdings nicht einheitlich.

Lockerungen werden zum Politikum

Das Argument, warum es 16 unterschiedliche Regelungspakete gibt, lautet: Föderalismus. Doch damit ist der Weg dafür geöffnet, Lockerungen zum Politikum zu machen. So fiel zum Beispiel auf, dass links regierten Ländern Spielhallen den Betrieb später wieder gestattet, als es christdemokratisch geführte Länder taten. Auch in Rheinland-Pfalz dauerte das länger.

Rheinland-Pfalz war indes nun das erste Land, das Bordellen den Betrieb wieder erlaubte. Aus den Reihen der CDU kam darauf Kritik. Es sei eine merkwürdige Schwerpunkt-Setzung, wenn Bordellen der Betrieb erlaubt werde, aber noch nicht alle Kitas wieder eröffnet seien. Etwas, das so pfuibäh sei, hätte mit der Wiedereröffnung doch noch warten können.

Für eine konservative CDU war das nach all den Jahren der offenen Grenzen, der Rezo-Schelte und der Nullzinspolitik ein schöner Moment: In der moralischen Entrüstung fühlte man sich endlich wiedervereint. Zumal einige Kommentatoren in dem Chor mitsangen, die 2019 den Weltuntergang in Folge des Klimawandels quasi minütlich erwarteten.

Doch so sehr die moralische Empörung über Bordelle rechts- wie linkskonservative Seelen umschmeichelt: Es geht bei den Corona-Maßnahmen nicht darum, welche gesellschaftliche Tätigkeit man gut findet – es ist der Virus, Stupid. Entweder eine Maßnahme ist notwendig, um die Verbreitung des Virus gering zu halten. Dann muss die Politik sie auch umsetzen. Oder eine Maßnahme ist nicht notwendig als Mittel gegen die Corona-Infizierung – dann ist sie auch nicht zulässig.

Geisterspiele sind kein Kampf gegen Ultras

Niemand untersagt Fußballspiele vor Zuschauern auszutragen, weil sich so das Ultra-Problem erledigt oder die Fettsucht, weil keine Stadionwurst mehr verkauft wird. Auch wird das Oktoberfest nicht als Signal gegen den Alkoholismus abgesagt: Was ist das für eine Schwerpunktsetzung, wenn Bordelle erlaubt, aber der Besuch von Fußballspielen verboten wird? Das klingt nur viel unsinniger als die CDU in Rheinland-Pfalz, gibt sich vom Quatsch-Faktor aber nicht viel.

Nun sprechen durchaus gute Gründe gegen die Prostitution. Vor allem das zunehmende Problem der Zwangsprostitution. Doch es sind drei unterschiedliche Fälle:

  1. Wer Zwangsprostitution unterbinden will, hat auf jeden Fall Recht.
  2. Wer Prostitution allgemein verbieten will, weil es Zwangsprostitution gibt, hat zumindest ein Argument auf seiner Seite.
  3. Wer Corona nutzen will, um die Prostitution zu verbieten, weil er das eh wollte, schiebt den Kampf gegen den Virus nur vor.

Virologen sollten mitreden

Bei der Frage, ob Prostitution wegen Corona verboten bleiben soll, geht es ausschließlich um den Virus, Stupid: WIe hoch ist die Ansteckungsgefahr? Lässt sich im Falle einer Ansteckung die Kontaktkette verfolgen? In diesen Fragen sollten Virologen zumindest mitreden. Doch so viel Geduld hat keiner, der in kurzfristigen Presseeffekten denkt.

Renate Künast fordert eine alternative Landwirtschaft. Das ist ihr gutes Recht. Jüngst hat sie gesagt, Corona habe sich wegen unserer Art der Landwirtschaft verbreitet, darum müsse diese geändert werden. Nun war Künast nie für intellektuelle Trennschärfe bekannt. Doch die Instrumentalisierung des Virus für ihr Anliegen ist gefährlich.

Viele Wähler unterscheiden nicht zwischen einem ausgemusterten grünen Aggressive Leader und Politikern in Verantwortung. Schiebt Künast so offenkundig den Virus vor, unterstellen Wähler Politikern, die sich wirklich um die Verbreitung sorgen, ihre Argumente seien auch nur vorgeschoben und gälten einem anderen Zweck. Dann wird es in einer zweiten oder dritten Welle wirklich schwer, Menschen von der Notwendigkeit neuer Maßnahmen zu überzeugen.

Es ist der Virus, Stupid
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2 Kommentare zu “Es ist der Virus, Stupid

  • #1
    Bochumer

    Yep. Guter Standpunkt: Es ist wichtig, dass hier keine Instrumentalisierung stattfindet.

  • #2
    Wolfram Obermanns

    Geschlechtsverkehr ist der mikrobiologische Kurzschluss schlechthin, eine fortgeschriebene Untersagung der Dienstleistung ist darum aus epidemiologischer Sicht gut begründbar.

    Die Frage nach der aktuell extrem prekären Lebenslange der Prostituierten sollte allerdings auch die Politik beschäftigen und nicht nur Sozialverbände und Kirchen.

    Der krasse Welpenschutz, den eine Politikerin wie Künast bei den Medien genießt, könnte eine Rolle dabei spielen, wie sie andererseits beim Pöbel und vor Gericht zu Freiwild geworden ist. Die irren Perspektiven auf Künast sind das Trump-Moment der deutschen Öffentlichkeit und offenbart ähnliche strukturelle Defizite in Teilen der Bevölkerung und der Medien auch hier bei uns. Die USA sind uns in Sachen wahnhafter politischer Diskussion nicht so fremd und so weit von uns entfernt wie viele glauben möchten.

    (Klugscheißmodus an: Es ist DAS Virus, nicht nur einmal sondern immer.)

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