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Es macht Spaß, ein Liberaler zu sein

Symbolfoto: Mario Thurnes

Symbolfoto: Mario Thurnes

Ich bin 1974 geboren. Im Goldenen Zeitalter der Liberalität. Die ersten 40 Jahre habe ich nur Zuspruch geerntet, wenn ich mich für die Freiheit eingesetzt habe. Das ist vorbei. Im Zeitalter der Empörung wird Liberalität angefeindet. Doch das ist kein Grund zu jammern. Im Gegenteil. Für Freiheit einzustehen, beginnt letztlich erst, wenn Dir jemand widerspricht – und es macht Spaß. Obendrein.

Eine der wichtigsten Filme zum Thema Freiheit ist “Wer den Wind sät” mit Spencer Tracy: Ein Lehrer wird im Tennessee der 20er Jahre angezeigt, weil er verbotenerweise die Lehre Darwins an Schüler verbreitet. Erst soll der Prozess niedergeschlagen werden. Die Stadtväter fürchten negative Werbung. Dann bietet sich ein Starredner als Ankläger an. Die Stadtväter hoffen nun auf Touristen und ziehen den Prozess durch. Die Dinge eskalieren, es kommt zu Pogrom-Stimmung. Das wiederum ruiniert den Ruf der Stadt und um das abzuwenden, erhält der angeklagte Lehrer ein lächerlich mildes Urteil.

Tracy kündigt an, dass er als Anwalt auch das milde Urteil nicht akzeptieren und in Revision gehen wird. Die Lehre: Es genügt nicht, die Freiheit zu verteidigen, wenn es den Umständen entsprechend günstig ist. Die Freiheit muss ihretwillen verteidigt werden. Denn Umstände können sich ändern und gerade dann ist die Freiheit wichtig.

Der Film ist 60 Jahre alt. Trotzdem würde es sich für Christian Lindner und Volker Wissing lohnen, sich ihn mal anzusehen. Denn die Führung der FDP versucht sich an einer den Umständen angepassten Liberalität. Und fährt den Gelben Wagen damit endgültig gegen die Wand, wie es die NZZ richtig analysiert hat.

Hang zur Normativität

Die Analyse der NZZ ist in vielen Punkten klug. Auch weil sie auf die Probleme hinweist, denen Liberale des Jahres 2020 ausgesetzt sind. In einem Land, das sich erfolgreich um die tatsächliche Aufklärung rechtsradikaler Terrormorde gedrückt hat, sind Liberale häufig Gegenstand im Kampf gegen den Alltagsrassismus, frei nach dem Grundsatz: Wer sich nicht empört, macht sich verdächtig.

“Jeder Mensch mit Restanstand kotzt gerade ueber Somuncu” leitet ein Kritiker seine Philippika gegen einen Beitrag ein, der sich an dieser Stelle über Empörungswillen lustig macht. Da steckt alles drin, was über die Empörten gewusst sein will: Die maßlose Sprache, die allzeit bereite Emotionalität, die fehlende Sensibilität für Aussagen über sich selbst auf der Metaebene und vor allem der Drang zur Normativität. Jeder Mensch kotzt – wie kann sich wer erdreisten, etwas anderes zu tun…

Nun gibt es ein Argument gegen Normativität, das alle schon als Vierjährige gehört haben. Es lautet: “Und wenn der XY von der Brücke springt, springst du dann auch?” Jetzt macht es wenig Spaß, sich argumentativ mit jemanden auseinanderzusetzen, der auf dem Stand eines Vierjährigen stehen geblieben ist. Sinn macht es auch nicht. Denn wer seine Trotzphase nicht von alleine überwinden kann, den wird erst recht kein anderer überzeugen.

Zum Kotzen genötigt

Was bleibt zu tun? Aufgeben? Jenes höheres Wesen, an das wir glauben, bloß nicht. Zum einen müssen wir Tracy im Sinn allen denen gerecht werden, die Freiheit dann erobert haben, wenn es etwas gekostet hat. Oft genug das Leben. Das ist eine ernste Aufgabe.

Aber: Die Freiheit zu verteidigen, macht auch Spaß. Und genau das ist und bleibt das beste Argument für Freiheit: Es ist schön, Dinge zu machen, weil sie gut sind, klug, richtig, helfend und obendrein eben Spaß machen. Das bleibt allemal der bessere Lebensentwurf, als kotzen zu müssen, weil man sich genötigt sieht zu kotzen, weil schließlich alle kotzen.

Einfach sagen, was man denkt. Dann dazu stehen. Konsequenzen ertragen. Und sich über die lustig machen, die sich deshalb zum Kotzen aufgerufen sehen. Und akzeptieren, dass pflichtgemäßes Kotzen ihr Beitrag zur Welt ist – um wie viel wertvoller sind da eigene Gedanken.

Die 70er waren das Goldene Zeitalter der Freiheit. Dann kam AIDS und hat einen Teil der Freiheit gewaltig eingeschränkt. Andere sind geblieben. Freiheit wurde so verlockend, dass sie mit Waffen verteidigte Mauern zum Einstürzen brachte. Die Epoche blühte bis weit ins neue Jahrhundert hinein.

Harald-Schmidt-Show nicht mehr denkbar

Es lohnt sich, sich auf Youtube alte Folgen der Harald-Schmidt-Show anzusehen. Sie wären im Jahr 2020 nicht mehr denkbar. Sat1 müsste ein Dutzend Shitstorm-Beauftragte einstellen, um all die Empörungswellen zu brechen, die zu erwarten wären.

Wer den Shitstorm aushält, findet hier seine Aufgabe: Schreiben, Senden, Aussprechen – auch wenn ein Shitstorm zu erwarten ist. Gerade wenn ein Shitstorm zu erwarten ist. Sat1 wird da nicht dabei sein, die werden abwarten, bis die Umstände wieder danach sind.

Was wieder zurück zur FDP führt. Eine Frage zu beantworten, traut sich die NZZ nicht. Warum Lindner so merkwürdig zögerlich agiert? Dabei ist die Antwort einfach: Er will anschlussfähig bleiben. Dabei geht es auch um die Zeit nach der aktiven Politik. Dann gilt es, als Politik-Zombie ordentlich mit Vorträgen und Berater-Verträgen zu verdienen – und um den Status eines wichtigen Menschen zu erhalten, ab und an unerbetene Ratschläge abzugeben, die als Platzhalter für echte Nachrichten sogar abgedruckt werden.

Die Freiheit muss um ihretwillen verteidigt werden. Von Menschen, die bereit sind, einen Preis zu zahlen. Christian Lindner gehört da ganz gewiss nicht dazu.

Es macht Spaß, die Freiheit zu verteidigen.
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