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Es muss etwas geschehen

FridayForFuture (Foto: Links Unten Göttingen/ Flickr/ CC BY-SA 2.0)

FridayForFuture (Foto: Links Unten Göttingen/ Flickr/ CC BY-SA 2.0)

Die Öko-Ideologen vertreten momentan zwei Kernbotschaften: „Die anderen sind doof“ und „Es muss etwas geschehen.“ Für einen Medienhype mag das reichen. Um aber eine nachhaltig gestaltende Kraft zu werden, ist das viel zu wenig. Dabei steht die Kernforderung wie ein Rosa Elefant im Raum.

„Es muss etwas geschehen!“ Mit dieser Botschaft auf den Lippen läuft der Chef durch das Büro. So karikiert Heinrich Böll in einer Kurzgeschichte aus dem Jahr 1954 den Aktionismus des Wirtschaftswunder-Deutschlands.

In ihrer Hamburger Rede vertrat auch Greta Thunberg die Kernbotschaft: „Es muss etwas geschehen!“ Konkreter ist sie noch nicht oft geworden. Sie hat kritisiert, dass Deutschland erst 2038 aus der Kohleenergie aussteigt. Also nicht schnell genug. Letztlich ist das nur eine Variation des „Die anderen sind doof“-Themas.

Dabei gibt es eigentlich eine Forderung, die sich den Öko-Ideologen nahezu aufzwängt: Konsumverzicht. Egal ob jetzt Fleisch der Klimakiller ist, Butter, Urlaubsflüge, Kreuzfahrten, Dieselfahren oder Holzheizen. Am Ende der Einzeldebatten müsste im Sinne der Öko-Ideologen stehen, dass wir eine Gesellschaft brauchen, die ein Weniger an Konsum organisiert.

Problem Überbevölkerung

Doch das wiederum verursacht Probleme, die weit schwerer zu lösen sind, als zu einer Demo am Freitag-Vormittag aufzurufen: Zum einen liegen die Ursachen außerhalb des Zugriffs westlicher Demokratien. Allen voran die Überbevölkerung. Denn selbstverständlich belastet es das Klima, wenn innerhalb weniger Jahre eine Milliarde Menschen mehr da sind, die essen, sich bewegen und Kohlendioxid ausatmen.

Nur ist die Überbevölkerung ein Thema, das keine einfache Lösung zulässt. Die Grenze zu menschenverachtenden Forderungen ist schnell überschritten, wie jüngst eine Autorin erfahren durfte, die das Zeugen von Babys als Klimakiller abtat. Zu den wenigen Vorschlägen, wie sich der Überbevölkerung entgegen wirken lässt, ohne menschenverachtend zu sein, gehört die Förderung der Geburtenkontrolle. Das ist aber ein Schritt, der sich nicht mit einem einfachen „Wuschen und Wedeln“ umsetzen lässt, sondern der ­– wenn überhaupt – nur mittelbar wirkt.

Zum anderen ist Konsumverzicht nicht gerade eine populäre Forderung. Die Amerikaner haben erlebt, was passiert, wenn „Wir retten die Welt“ gegen „Wir kümmern uns zuerst um uns“ antritt: Am Ende sitzt ein infantiler Senior als oberster Repräsentant im Weißen Haus.

In Religionen gab es zwar immer Strömungen, die auf Konsumverzicht setzten. Etwa die Bettelorden im Christentum. Und religiöse Züge trägt die Bewegung der Öko-Ideologen auf jeden Fall. Doch die Konsumverzichtler konnten öfters sich zwar zur populären Bewegung entwickeln. Politische Macht gewannen sie aber eher selten.

Strategie der Minderheit

Genau darin liegt auch der Grund, warum die Öko-Ideologen den Rosa Elefanten Konsumverzicht nicht offen benennen: Sie können die Debatte im Rahmen einer Demokratie nicht dauerhaft gewinnen. Verzichten liegt nicht in der Natur der Menschen. Mehr zu wollen ist auf Dauer attraktiver als Abgeben.

Und wenn eine Mehrheit nicht zu erreichen ist, muss sich eine Minderheit per se einen anderen Weg suchen, sich durchzusetzen. Offene Benennung der Ziele würde dabei aber nur schaden.

Also werden die Klima-Ideologen weiter durch die Straßen ziehen und fordern: „Es muss etwas geschehen.“ Die Angestellten in Bölls Kurzgeschichte reagieren pragmatisch. Sie antworten ihrem Chef: „Es wird etwas geschehen.“ Das von der Bundesregierung geplante Klimakabinett passt da ganz gut.

Über ihre Kernforderung sprechen die Öko-Ideologen nicht gerne: #greta
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8 Kommentare zu “Es muss etwas geschehen

  • #1
    Urlich

    Ich denke, eine ökologischere Wirtschaft kann auch erreicht werden ohne Konsumverzicht, und zwar in den Fällen, wo das, was bereits jetzt konsumiert wird, über eine ökologischere Produktion hergestellt wird. Wenn Server weniger Strom verbrauchen, verbraucht Surfen weniger Strom. Wenn Lieferwagen emissionsfrei fahren, verbraucht Liefern keine fossilen Energien. Wenn Häuser gedämmt sind, verbraucht Heizen weniger Energie. In diesen Beispielen ist kein Verzicht nötig.

  • #2
    Mario Thurnes Beitragsautor

    Hallo Ulrich,

    Danke für Deinen Kommentar. So oder so müssen wir uns der konkreten Debatte widmen, nicht folgenlosen Absichtserklärungen.

    Herzliche Grüße

    Mario Thurnes

  • #3
  • #4
    Nina

    Konsumverzicht… So gesehen bin ich ein ziemlicher Öko. Fahre kein Auto, fliege nicht in den Urlaub, verbrauche wenig Strom, esse sehr wenig Fleisch, … Aber das meinen die Ökos um mich herum gar nicht, wenn sie darüber sprechen. Sie reden hysterisch darüber, dass man im Supermarkt das Obst auch ohne Plastiktüte an der Kasse auswiegen lassen kann und dass man manchmal das Auto auch stehen lassen kann. Hüstel, nun ja, ich erwarte ja kein Lob angesichts meiner Lebensweise, aber dass ausgerechnet die Leute, die viel verbrauchen, zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen, ihr Fleisch nicht beim Bio-Metzger kaufen (das können sie sich nämlich nicht leisten, hüstel)…sich gut fühlen, weil sie ihr Obst nicht in einer Plastiktüte transportieren….
    Ich persönlich glaube ja, dass es spätestens seit den 90er Jahren keine richtigen Ökos mehr gibt sondern nur mehr Hipster, Vegan-Terroristen und Lifestyle-Fuzzis.

  • #5
    Arnold Voss

    Wer von grundsätzlich begrenzten Recourcen ausgeht, für den ist auch Technik kein Ausweg. Es sei denn, Jemand würde wirklich das Perpeto Mobile erfinden, was aber bislang nicht abzusehen ist. Unter dieser Denkrestriktion ist dann auch die Bevölkerungsentwicklung ein Thema, dem mensch nicht ausweichen kann. Mehr Menschen bedeuten, selbst bei technischer Öko-Optimierung, am Ende mehr Recourcenverbrauch. Da es für die Geburtenreduzierung aber keine moralisch vetretbare Lösung gibt und der durchschnittliche Öko-Fan sich als Moralist empfindet, wird dieses Thema einfach verdrängt.

    Andere nehmen dafür jedoch dieses Thema auf, in dem sie Moral Moral sein lassen und stattdessen ihre eigenen Konsuminteressen in den Vordergrund stellen. Teilen, sprich Verzicht, wird dabei nur in den seltensten Fällen in Erwägung gezogen, und wenn, dann nur was Menschen betrifft, die einem nahestehen. Der Rest der Menschheit wird stattdessen durch Mauern jeder Art außen vor gehalten, bzw. sind dessen Konsumnotwendigkeiten genauso wenig ein Thema, wie bei den Öko-Fans das Bevölkerungswachstum.

    Die praktische machbare Lösung liegt sehr wahrscheinlich irgendwo dazwischen, und sie hängt sehr wohl mit Öko-Technik zusammen. Nur so lässt sich nämlich das moralische Dilemma lösen. Wer nicht teilen will, der wird nur dann was abgeben, wenn es ihn nicht benachteiligt, sprich aus Überschüsssen gespeist wird, die durch produktivere und zugleich recourcenschonende Technik entstehen. Im Gegenzug werden sich die Moralisten bremsend in die weltweite Demographie einmischen müssen, um überhaupt einen Kompromiss möglich zu machen.

    Der Königsweg dazu ist wissenschaftlich schon lange bekannt und belegt: Die weltweite Emanzipation der Frauen. Je gebildeter und unabhängiger sie sind, desto wenige Kinder gebären sie, und das ohne jeden gesellschaftlichen Druck. Der weltweite Kampf gegen das Patriarchat ist deswegen neben der recourcenschonenden Technikentwicklung der Schlüssel für einen ökologische orientierte Entwicklung, die nicht (nur) auf Verzichte basiert. Für die weltweite, postmoderne Linke ist das allerdings eine Herausforderung, der sie sich bislang nur sehr widerwillig stellt.

  • #6
    walter stach

    "Es muß etwas geschehen", sagt Mario Thurnes.

    Sein Berufskollege Stefan Laurin hat -vorausschauend- darauf bereits am 18. 3. hier bei den Ruhrbarone geantwortet mit: "Proteste werden…….". Damit hat er allerdings nicht die Proteste der Kinder und Jugendlichen in Sachen Klimaschutz gemeint, sondern………….

    Und Sara Wagenknechts Antwort auf "Es muß etwas geschehen" hat sie schon vor Monaten gegeben: " :Aufstehen" und darüber hinaus dieser ihre Antwort folgend eine die Bewegung : "Aufstehen" gegründet.

    Es muß etwas geschehen. Es wird Proteste geben. Es wird die Bewegung "Aufstehen" gegründet.
    Warum erinnere ich mich , wenn ich dieses lese und höre , an den Aufruf/den Schlachtruf
    "Deutschland, erwache" aus dem Jahre (?)…seitens der….(ß) und komme dabei nicht umhin, über die Wirkung dieses "Schlachtrufes" nachzudenken.

    Könnte die AFD ihr "Urheberecht" gefährdet sehen, wenn Andere propagieren; "Es muß etwas geschehen";" Es wird Proteste geben…" oder die Bewegung "Aufstehen" gründen?

    Sorgen mache ich mir dieserhalb momentan allerdings nicht – Gefährdung demokratischer Prinzipien? Auflösung der repräsentativen (Parteien-) Demokratie? Geltung des Mehrheitsprinzipes (nebst Minderheitenschutz) u.ä.mehr, jedenfalls solange nicht, wie die Bürge, wie die Wähler regelmäßig zu rd.85 % ein "Vertrauensvotum " zu Gunsten der der demokratischen Parteien im Bundestag abgeben; "Sie wollen sie wiederwählen"!!

    "Wehret den Anfängen" ; Ja, das zu bedenken und danach zu handeln scheint mir allerdings momentan naheliegend, jedenfalls seitens all diejenigen, die auch in "schwierigen Zeiten" und angesichts anscheinend von Tag zu Tag quantitativ und qualitativ anwachsender Probleme für Gesellschaft und Staat davon überzeugt sind, daß das Ordnungssystem des freiheitlich- demokratischen Rechtstaates und das Modell der repräsentativen Parteiendemokratie nach wie vor unter allen denkbaren Ordnungssystem und Demokratiemodellen " die am wenigsten Schlechte" sind -so sinngemäß Winston Churchill.

    In diesem Sinne:

    Es muß was geschehen"; es wird Proteste geben; steht auf: oder ganz einfach und traditionstreu: "Deutschland erwache!"

    "Dann macht `mal" schön,", sage ich dazu

    Und wenn "man" dabei im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung bleibt……
    Ansonsten:. Die verfassungstreuen Bürger und der Verfassungsstaat würden sich zu wehren wissen..

  • #7
    ke

    @4 Nina:
    Naja, mit dem Verzicht auf Plastikstrohhalmen, dem Cafe to go in der Design-Thermokanne und dem Elektro-SUV als Dritt-Wagen ist man nun mal ein richtiger Öko.


    Es ist eben nicht alles so einfach:
    – Energie gibt es nicht für lau, sie wird oft nur woanders umweltschädlich produziert.
    -E-Autos lösen fast kein Problem des Individualverkehrs. Schwere Luxus-E-Autos sind ein Witz , der auch noch subventioniert wird.
    -Einsparungen führen häufig zu einem Mehrverbrauch (siehe LED, schwerere Autos)
    -Die Ökobilanz von Mode-Ökothemen in Sachen Mehrweg ist oft schlimm. Man nutzt Mehrweg eben nicht häufig genug.
    -Gedämmte Häuser bringen eben nicht immer ausreichend viel Zusatznutzen

    Bzgl Überbevölkerung: Hier könnte bspw. die Kirche das Thema Verhütung mal auf die Tagesordnung bringen.

  • #8
    Klaus Lohmann

    Die Öko-Ideologen von heute sind die Spießer von gestern. Kann mich noch gut an die Anfänge der Mülltrennungs-Fanatiker erinnern, die sich in ihren Samstags-ist-Autowaschtag-Siedlungen einen erbitterten Kampf gegen die Nachbarn um die "wirklich richtige, echt vorschriftenmäßige" Trennung von Verpackung und Inhalt einen Wolf trennten, aber gleichzeitig die Meldungen über Müllkartelle und Müllmafia, verbrannten Recycling-Rohstoffen, geplante Überkapazitäten bei MV-Anlagen oder Gaga-Regeln beim "grünen Punkt" geflissentlich ignorierten. Das war ja der Staat und der war doch gut, oder?

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