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Euromayday Ruhr – Techno against Capitalism

Foto: Stefan Laurin

Foto: Stefan Laurin

Die Abendsonne taucht den Buddenbergplatz in Bochum in warmes Licht. Die zwei Lautsprecherwagen werden vorbereitet, schließlich kommt ihnen heute eine besondere Bedeutung zu. „Wir sind heute hier, um gegen den Kapitalismus zu tanzen“, sagt Klaus. Der Student ist, wie alle der insgesamt 400 Leute, dem Aufruf gefolgt, am Vorabend des 1. Mai die Verhältnisse zum tanzen zu bringen. Dass dies durchaus wörtlich gemeint ist, beweisen die DJs, die ihre Plattenteller auf der Ladefläche eines Lastwagens installiert haben, mit kantigen Drum ’n Bass Stücken, wummerndem Dubstep und sonstigen Elektro-Spielarten. Es sind so ziemlich alle Spektren vertreten, die die linke Bewegung zu bieten hat. Gekommen sind Globalisierungskritiker, Autonome, Punks, Hippies und viele mehr. Was auffällt: Bei allem demoüblichen Geschnipsel, das verteilt wird, bei allen Transparenten, Fahnen und Pappschildern, die hoch gehalten werden, ist von den politischen Parteien keine Spur. Das würde auch nicht zu dem bunten Haufen passen, der hier ein erfrischend neues Demonstrationskonzept zelebriert.

„Der Kapitalismus ist heute mehr Ideologie als Theorie“, sagt Marius von Occupy Bochum. „Er hat zu viele Konstruktionsfehler, daher muss er überwunden werden.“ Auch Occupy, sagt Marius, habe „die Lösung noch nicht gefunden“. Es komme darauf an, ohne vorgefertigte Meinung zusammen zu kommen, um über mögliche Ansätze zu diskutieren. Ein „gesamtgesellschaftlicher Konsens“ solle dabei erzielt werden.

 Leben unter Finanzierungsvorbehalt

Gegen 19. 30 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Die Stimmung könnte nicht besser sein, zwar hat die Polizei den Konsum von Alkohol verboten, halten tut sich hier allerdings niemand daran. Die Reaktion der Beamten beschränkt sich auf ein paar missgünstige Blicke. „Wir fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen!“ schallt es der Menge durch die Lautsprecher entgegen. „Unser Leben steht unter Finanzierungsvorbehalt, es ist ein Kampf um’s Leben und Überleben!“ Die kämpferische Stimme gehört der linken Journalistin und Soziologin Mag Wompel. Sie thematisiert die Notwendigkeit sozialer Kämpfe anhand der andauernden Arbeitskämpfe der Opel-Belegschaft. Die Bewegung in Deutschland müsse „den Bogen zu den Arbeitskämpfen in Spanien und Griechenland“ ziehen.

 „Neue Herausforderungen“

Mittlerweile ist der feierwütige Demozug auf rund 1000 Leute angewachsen. Aktivistinnen schreiben mit Kreide Parolen auf den Asphalt. Bastian Pütter vom Straßenmagazin Bodo ergreift das Wort für die Erwerbs- und Wohnungslosen. Das Magazin bietet professionelle journalistische Inhalte, mit dem Verkauf sollen Wohnungs- und Erwerbslose wieder zu geordneten Alltagsstrukturen und einem kleinen finanziellen Zuverdienst kommen. „Wir haben in den letzten 15 Jahren vieles erreicht, das gilt es jetzt zu sichern“, sagt Pütter. Deutschland stehe vor „neuen Herausforderungen“ was das Problem der Wohnungslosigkeit angeht. „Wir haben neue Gruppen von Obdachlosen in der Stadt, viele kommen aus den neuen EU-Ländern wie Bulgarien oder Rumänien.“ Da gerade diese Länder massiv von Armut geprägt seien, müsse man seine Kapazitäten vergrößern, um allen Menschen eine würdige Existenz zu gewährleisten. „Allein in Athen gibt es seit letztem Jahr 10.000 neue Obdachlose!“ sagt er.

In eine ähnliche Kerbe haut auch Norbert Harmann von der Erwerbslosen-Initiative Bochum Prekär. Er sieht angesichts der sozialen Schieflage hierzulande „keine Hoffnung“ auf Besserung. Harmann, der sich selbst „Anti-Hartz IV-Aktivist“ nennt, spricht von „Terror gegen Betroffene durch die verschärften Hartz IV-Gesetze“.

 Das Ende von Bier und Bratwurst

Doch auch Kulturpolitik steht im Fokus der Kritik. An der Viktoriastraße, da, wo einmal das Musikzentrum gebaut werden soll, haben sich Aktivistinnen augenscheinlich Zugang zu dem Baukonstrukt verschafft, welches, als Halterung für ein großes Werbebanner, phallisch in den Abendhimmel ragt. Von innen wurde das Banner besprüht und dann „zugeschnitten“, so dass nun in großen schwarzen Lettern „Kultur darf kein Luxus sein. Prestigeobjekt?“ von der Straße aus zu lesen ist.

Für Nervenkitzel und Revolutionsstimmung sorgt zudem eine Gruppe Vermummter, die auf dem obersten Balkon eines leerstehenden Gebäudes an der Rottsraße den Demozug mit Feuerwerk und Transparenten begrüßen. Die Menge bleibt stehen, zusammen skandieren alle „Alerta, Alerta, Antifascista!“, auf dem Transparent steht „Die Grenzen überwinden, die uns trennen“.

Um halb elf am Abend endet die Tanzdemonstration. Etwas verloren stolpern viele Teilnehmer hinein ins Bochumer Nachtleben, im Sozialen Zentrum ist Aftershow-Party. Müde, aber glücklich, treten Andere den Heimweg an. Der Tag hat mehr als deutlich gezeigt, dass die traditionellen Bier-und-Bratwurst-Rituale der Gewerkschaften und Parteien am 1. Mai ein Auslaufmodell sind. Die junge Bewegung will tanzen, feiern, diskutieren und kämpfen. Hier. Jetzt.

 

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6 Kommentare zu “Euromayday Ruhr – Techno against Capitalism

  • #1
    Martin Budich

    Die Interviews wurden nicht auf dem Lautsprecherwagen geführt sondern daneben. Sie waren schlecht zu sehen. Es waren aber keine Aufzeichnungen sondern Live-Interviews. Wir haben bei bo-alternativ.de ein paar Fotos vom Euromayday veröffentlich: http://www.bo-alternativ.de/2012/04/30/bilder-von-super-euromayday/#more-31097. Hier ist auch ein nettes Bild von Mag Wompel bei ihrem Interview zu finden.

  • #2
    Martin Niewendick Beitragsautor

    @ Martin B., Danke für den Hinweis, das Ganze war etwas unübersichtlich.

  • #3
    doppelkopp

    Waren das wirklich nur 400 menschen!? Es waren sicherlich weniger als die vorjahre in Dortmund aber meiner meinung nach mehr als 400! Hätte so auf 5-600 geschätzt. Alles in allem mal wieder ganz nett. Doch der Pott muss sein Pot(t)ential mal ausschöpfen, sicher kreativ Wirtschaft gibt es hier, zum glück!?, nicht wie in anderen deutsche großstädten, aber die leute werden doch was zu sagen haben. Gerne auch dinge die über Techno hinaus gehen 😉

  • #4
    Springorum

    „Made im Speck“ dürfte dem gemeinen Ruhri etwas sagen.
    Aber „Made in Common“?
    Besonders sinnig die Bettlaken-Parole an dem in einer augenscheinlich selbstverwalteten Automanufaktur entstandenen Kraftfahrzeug; nennen wir es Polo…

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