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Eurovision Song Contest: Düsseldorf: 0 Punkte!

Heute feierte sich Düsseldorf selbst: Die Stadt verkündete den Beginn der Lena-Festspiele. Auch der Protest gegen den ESC-Rummel formiert sich. Bei der Feier im Apollo-Variete zeigten sie Flagge.

„Was haben wir DüsseldorferInnen vom ESC, die kein Hotel, Restaurant oder Taxi besitzen?“ fragt sich die Gruppe „Recht auf Stadt“ aus Düsseldorf.

Und weiter in der veröffentlichten Erklärung:

Der ESC sei eine großartige Gelegenheit für die Stadt sich international zu präsentieren. Das sei gut für die Wirtschaft. So steht es in der Zeitung. Doch was soll hier präsentiert werden und wer hat etwas davon?

Die meisten DüsseldorferInnen sicher nichts. Der mit öffentlichen Geldern finanzierte Schlagerwettbewerb subventioniert die Hoteliers und GastronomiebesitzerInnen, aber nicht die Menschen, die eh schon wenig haben. Und wenn die kurze Eventhysterie sich wieder gelegt hat, leben wir immer noch hier. In einer Stadt, in der die Mieten bereits bundesweit zu den höchsten gehören – Tendenz steigend. Und in Zukunft droht massive Wohnungsnot. Doch statt preiswertem Wohnraum fördert die Politik den Verkauf ihrer Grundstücke und Gebäude an Investoren, die noch mehr Luxus-Wohnungen bauen. Die Gentrifizierung in den Stadtteilen wird forciert und die Vertreibung von finanziell schwachen DüsseldorferInnen zur Inwertsetzung der Stadt ist politisch gewollt. Auch über 700.000 m² Büroleerstand, während weitere zur Abschreibung vorgesehene gläserne Büropaläste genehmigt werden, sprechen eine deutliche Sprache.

Die Stadt putzt sich raus – doch was steckt hinter der Fassade?

Dahinter steht ein System: Unsere Stadt wird als eine Marke betrachtet, die man bewerben muss, als ein Unternehmen, das Gewinn abwerfen muss. Im Kampf um die stärksten InvestorInnen und die finanzkräftigsten BewohnerInnen verlieren diejenigen, die sich all dies nicht leisten können oder wollen. Und alle die sich ihr Recht auf Stadt trotzdem nehmen und dabei das innerstädtische Konsumparadies stören, werden immer stärker und systematisch vertrieben, kontrolliert und schikaniert. Öffentliche Orte an denen man sich, ohne Geld ausgeben zu müssen, aufhalten kann, werden immer weiter dezimiert, reglementiert und privatisiert.

Und immer mehr schaffen es überhaupt nicht mehr bis in die Innenstadt: Sie verlieren durch die immensen Kosten für Miete und öffentliche Verkehrsmittel oder durch den Absturz in Hartz 4 den Anschluß an das kulturelle und soziale Leben der Stadt. Während für ESC, Wehrhahnlinie, Kö-Bogen u.a. Unsummen verbraten werden, steht z.B. die Finanzierung eines Sozialtickets immer noch in den Sternen. Aber zum Glück wird der ESC ja auch im Fernsehen übertragen.

Uns verwundert nicht, dass Düsseldorf sich bei der Bewerbung um den ESC durchgesetzt hat. Geld, Wirtschaftlichkeit oder demokratische Verfahrensweisen spielen für die Stadtpolitik, wenn es um Prestige geht, keine Rolle. Da werden vom OB eigenständig schon mal Millionen zugesagt, Geheimverträge mit dem NDR unterzeichnet, die tatsächlichen Kosten geheimgehalten oder kleingerechnet, ein fiktiver Werbewert erdacht oder für 3 Fortuna-Spiele ein Wegwerf-Stadion für 20.000 ZuschauerInnen gebaut.

Wenn ab heute medial aufgebauscht und von der Stadt forciert angeblich ganz Düsseldorf ins ESC Fieber fällt, dann wissen wir, dass das nicht stimmt. Denn viele DüsseldorferInnen haben andere Probleme als sich für Schlagerwettbewerbe zu interessieren und berechtigte Kritik an dieser Stadtentwicklung der Gentrifizierung, Städtekonkurrenz, Privatisierung und Prekarisierung. Deswegen sagen wir:

ESCape the Hype! Ein soziales Düsseldorf für alle statt Prestigeprojekte und Trendevents!
Bezahlbaren Wohnraum und lebenswerte Viertel statt Büroleerstand und Gentrifizierung!
Düsseldorf: 0 Punkte!

Bewegung in der Schickimicki-Stadt. Die hämischen Kommentare über das Dorf an der Düssel erspar ich mir mal.

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8 Kommentare zu “Eurovision Song Contest: Düsseldorf: 0 Punkte!

  • #1
  • #2
    Bernd Berke

    „Lena-Festspiele“ = Ganz oben auf der Liste der Pseudo-Ereignisse, die schon nerven, bevor sie begonnen haben.

  • #3
    Matthes

    @Bernd Berke: Prinzipiell d’accord. Andererseits – wenn ich mich über jedes dieser Pseudo-Ereignisse aufregen würde, wäre ich dem Herzinfarkt doch sehr nahe. Glücklicherweise verfügen mein Fernseher und mein Radio über Knöpfe zum Um- und für ganz harte Fälle sogar zum Ausschalten. In den Kneipen und Clubs, die ich bevorzugt besuche, ist mit ESC-Übertragungen oder gar Lena-Parties eher nicht zu rechnen. In Kaufhäusern mit Musikuntermalung halte ich mich ohnehin nicht länger als nötig auf. So what.

  • Pingback: Links anne Ruhr (18.01.2011) » Pottblog

  • #5
  • #6
    Bernd Berke

    @Matthes: Ich fürchte, dass man dem einschlägigen Mediengwitter auch beim besten Willen kaum entkommen kann. Es sei denn, man wäre ein Eremit.
    Den Infarkt trachte ich natürlich dennoch zu vermeiden…

  • #7
    Eva

    Die Düsseldorfer sind um ihre Probleme zu beneiden… Sie wünschen sich, dass nicht noch mehr Gutverdiener in die Stadt kommen, die Mieten weiter in die Höhe treiben und die sozial Schwachen vertreiben. Anstelle von Veranstaltungen wie dem ECR sollen eher zusätzliche Sozialleistungen finanziert werden. Und was wünschen wir im Ruhrgebiet uns? Dass Gutverdiener hierhin ziehen, davon können wir nur träumen; wir wären schon froh, wenn sie nicht in Scharen abwandern würden. Da die Häuser hier sichtbar weniger instand gehalten werden als in anderen Regionen, sind die Mieten günstig, und sozial Schwache bleiben bzw. ziehen deswegen sogar noch hierhin. Und hohe Kosten für Sozialleistungen, aber nur wenig Geld für kulturelle Events sind im städtischen Etat schon lange an der Tagesordnung. Liebe Düsseldorfer „Recht auf Stadt“-Aktivisten, wir haben hier also genau das, was Ihr Euch wünscht. Wollt Ihr das tatsächlich auch so haben?

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