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Flüchtlingsarbeit im Täterland

Tanja_Hetzer
Zwischen dem 16. und dem 18. Oktober fand in Düsseldorf die Tagung „Flüchtlingsarbeit im Täterland“ der BafF (Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer) statt. Wie beeinflusst die deutsche Vergangenheit die Flüchtlingsarbeit von heute? Und wie beeinflusst das unsere Meinung zu Israel? 

Viele Familien in Deutschland haben eine Vergangenheit, die vom NS-Regime beeinflusst wurde. Bei der einen Familie war die Oma eine Shoa-Überlebende, bei der anderen der Opa ein NS-Täter. Oder auch anders herum. Denn das will Dr. Tanja Hetzer, die erste Referentin am 17.8.,  direkt am Anfang ihres Vortrages klar stellen. Es gab auch weibliche NS-Täterinnen. Dr. Tanja Hetzer ist Historikerin mit therapeutischer Ausbildung, geborene Züricherin und erzählt den Anwesenden mit einem leicht schweizerischen Akzent, wie sie mit 12 Jahren nach Deutschland wollte, um „die Deutschen“ kennenzulernen. So fing sie an, über die deutsche Geschichte und ihre eigenen deutschen Wurzeln zu forschen.

Die bloßen Fakten über die NS-Zeit, also die Antworten auf die Fragen Was, Wie, Wann und Wer seien weitestgehend erforscht, die persönliche Familiengeschichte jedoch nicht. Davor scheue man sich. Tanja Hetzer sagt, dass bei einer Umfrage von 2002 nur 1% angaben, dass sie es für möglich hielten, dass eigene Angehörige direkt an NS-Verbrechen beteiligt gewesen seien.

Sie erzählt die Geschichte einer Frau, die auf einem Bild von NS-Wärterinnen im SPIEGEL ihre Mutter wiedererkannte. Sie erzählt auch von einem Mann, dessen Vater bei der Waffen SS war und sich anschließend der Entnazifizierung entzog.

Hätte der Vater dies nicht getan, wäre der Mann wohl nie geboren worden, da der Vater zu dem Zeitpunkt in Haft gewesen wäre. Die Kinder von NS-Tätern kann das, so Tanja Hetzer, in eine tiefe Krise und in ein moralisches Dilemma stürzen.

Eva van Keuk, Mitorganisatorin der Tagung und Traumatherapeutin, hat so etwas selbst schon mitbekommen. Da ist die Richterin, die als Kind nachts von den Schreien des traumatisierten Vaters aufwachte, der jedoch nie etwas von der Gefangenschaft im Lager erzählte. Durch diesen Umstand hat sie, wenn zum Beispiel ein Flüchtling über seine eigene Gefangenschaft in einem Lager erzählen kann, das Gefühl, dass der Flüchtling lügen könnte, wie die Richterin am Rande einer Veranstaltung preisgab. Sie kennt von dem Vater nur, dass man zwar schreiend vor Angst aufwacht, aber nicht darüber reden kann. Der Fall kann also nicht frei von Gefühlen beurteilt werden.

Deutschland kann mehr Flüchtlinge aufnehmen

Die Tagung will die Flüchtlingsarbeit mit der NS-Vergangenheit verbinden. Flüchtlingshelfer mit deutscher Biographie haben einen persönlichen Bezug zur NS-Zeit, der ohne Reflektion für persönliche Verwicklungen und Verstrickungen führen kann. Laut van Keuk müsse aus dieser Verantwortung heraus mehr bei der Flüchtlingsarbeit gemacht werden. Das Thema Flüchtlingsarbeit ist hochaktuell. Es gebe so viele Flüchtlinge auf der Welt wie seit Ende des 2.Weltkrieges nicht mehr. Deutschland gebe dabei nicht immer ein gutes Bild ab – gemessen an der Wirtschaftskraft Deutschlands und seiner historischen Verantwortung könnten wir mehr Flüchtlinge besser unterstützen.

Barbara Eßer, auch Mitorganisatorin der Tagung, ergänzt hinsichtlich der aktuellen Asylverschärfung: „ Ein aktueller Bezug der NS-Vergangenheit zu der Flüchtlingsarbeit heute ist die Ignoranz gegenüber der erlittenen Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Trotz der katastrophalen Situation von Roma infolge massiver Diskriminierung und zum Teil auch Schutzlosigkeit vor gewaltsamen Übergriffen in Serbien und Mazedonien  sollen diese per Gesetz als sichere Herkunftsländer eingestuft werden. Deutschland ignoriert damit die auch historisch begründete Verantwortung, den vor Gewalt und rassistischer Diskriminierung fliehenden Roma Schutz zu gewähren.“

Dr. Astrid Messerschmidt, zweite Referentin am 17.8., geht in ihrem Vortrag auf die erforderliche Unterscheidung der Shoah und des Völkermordes an den europäischen Sinti und Roma im Gesamtkomplex der NS-Verbrechen ein. Angesichts des aktuellen inflationären Gebrauchs des Genozidbegriffes betont sie die Bedeutung einer differenzierenden Auseinandersetzung. Messerschmidt ist der Überzeugung, dass diejenigen, die nach dem Nationalsozialismus geboren wurden, keine Schuld im persönlichen Sinne haben, sie jedoch die allgemeine gesellschaftliche Verantwortung für den Umgang mit den Folgen der NS-Geschichte teilen. Dagegen laufe der Appell, dass sich so etwas nie mehr wiederholt, ins Leere. Auch wenn sich Auschwitz nicht wiederholt, so habe doch in der Zwischenzeit vieles stattgefunden, was Analogien zu den Verfolgungspraktiken im NS aufweist, ohne damit identisch zu sein.

„Es gibt aber innerhalb linker Bewegungen antisemitische Positionen, denen nicht ausreichend widersprochen wird.“

Im Interview danach kommt Messerschmidt auf die antisemitischen Vorkommnisse im Sommer dieses Jahres zu sprechen. „Die Metapher Israel wird benutzt, um sich antisemitisch zu äußern ohne das Wort „Jude“ zu sagen.“. Laut ihr ist der aktuelle israelbezogene Antisemitismus in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft verankert und solle nicht als Problem von Migrantengruppen aufgefasst werden. Personen, die sich biographisch mit dem Raum des Nahen Ostens verbunden sehen, würden ihrer Meinung nach diesen Antisemitismus in einer verschärften Weise äußern. „Es werden dabei Muster benutzt, die zu der längeren Geschichte des Antisemitismus gehören, insbesondere die Verdächtigung, dass Juden einflussreiche Akteure im Hintergrund der Weltpolitik seien.“

Der reale Konflikt im Nahen Osten werde somit zu einer reinen Projektionsfläche.

Antisemitismus sieht Messerschmidt auch innerhalb der politischen Linken. „Die Linke ist nicht per se antisemitisch. Es gibt aber innerhalb linker Bewegungen antisemitische Positionen, denen nicht ausreichend widersprochen wird.“. Diskussionen über die Fragwürdigkeit israelischer Politik sollten im Zusammenhang der Komplexität des Konfliktes geführt werden und nicht benutzt werden, um Statements abzugeben, die die Legitimität des Staates Israel bestreiten. Mann muss diskutieren, sagt sie.Über die realen Probleme im Nahen Osten. Aber nicht auf diese Art und Weise.

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