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Freiherren, Freigeister und diese Sehnsucht: ein Wintermärchen als Vorschlag zur Güte

Die stellvertretende Vorsitzende der Partei „Die Linke“ Katja Kipping hat die Weihnachtspause genutzt, die Abschaffung der Adelstitel zu fordern.

Die stellvertretende Vorsitzende der Partei „Die Linke“ Katja Kipping hat die Weihnachtspause genutzt, die Abschaffung der Adelstitel zu fordern. Unter Bezug auf das österreichische „Adelsaufhebungsgesetz“ von 1919 sagte Kipping: „Es ist an der Zeit, dass wir das auch in Deutschland tun.“ Adelstitel seien nämlich in einer Demokratie überflüssig.

Auch in Deutschland wurden zwar seit 1918 keine Adelstitel mehr verliehen, und mit der Weimarer Reichsverfassung alle Privilegien des Adels zumindest juristisch beseitigt, nach wie vor ist es jedoch gestattet, den Titel als Namenzusatz zu führen – wenn man adelig ist, versteht sich. Derlei Traditionspflege hat keinerlei juristische Konsequenzen; man kann nicht einmal einen Anspruch darauf geltend machen, entsprechend angeredet zu werden.
Schon insofern hat Frau Kipping Recht: solch ein Titel ist so überflüssig wie nur was. Und dennoch scheinen diese mehr oder weniger hübschen Titel ganz so überflüssig doch nicht zu sein. Immerhin ließe sich mit all den Vons und Zus eine „vordemokratische“ Sehnsucht stillen, die Kipping „in Teilen der Bevölkerung“ auszumachen glaubt.
Diese werde insbesondere von Verteidigungsminister Guttenberg ausgenutzt, der versuche, „sich als jemand darzustellen, der anders ist als das politische Establishment“, erklärte Kipping der Süddeutschen Zeitung. Damit knüpfe Guttenberg „an die Unzufriedenheit mit der real existierenden Demokratie“ an und spiele „mit dem Bedürfnis nach einem aristokratischen Führungsstil“.

Ganz offensichtlich hat Katja Kipping mit ihrer Forderung nach Abschaffung der Adelstitel ein gutes Näschen bewiesen. Denn kaum hatte sie ihren Vorschlag gemacht, hagelte es auch schon Widerspruch von allen Seiten. Mehr ist über Weihnachten kaum zu erwarten. Sowohl in den Kommentaren unter den entsprechenden Meldungen als auch in den Blogs war zu vernehmen, dass nicht die Adelstitel, sondern vielmehr Forderungen nach ihrer Abschaffung überflüssig seien.
Schließlich sei doch der Adel in Deutschland seit 1919 abgeschafft, die heutigen Namenszusatzträger genössen keinerlei Privilegien, bei dem ganzen blaublütigen Gedöns handele es sich ohnehin nur um ein Unterhaltungssegment der Klatschpresse, und außerdem gäbe es im Lande weitaus wichtigere Themen.
Mit diesen sollten sich Politiker, insbesondere linke Politiker befassen, anstatt zu versuchen, um der eigenen Profilierung willen unpolitische Diskussionen über unpolitische Sachverhalte zu entfachen. Adelstitel seien letztlich bedeutungslos, und deshalb messe ihnen auch kein Mensch – von einigen den Lady-Di-Heftchen verfallenen älteren Damen einmal abgesehen – auch nur irgendeine Bedeutung zu.

Gewiss wäre es schade, wenn jetzt – ausgerechnet an Weihnachten – Zank und Streit darüber entstünde, wie wir es in diesem unserem Lande mit den vom blauen Blute zeugenden Titeln halten. Deshalb halte ich es mit Kippings Kritikern: eine solche Debatte wäre überflüssig. Die kann dieses Land nun wirklich nicht gebrauchen. Und sie tut auch nicht Not.
Denn bei allen Differenzen im Detail stimmen ja ihre Kritiker mit Frau Kipping überein, dass nicht nur eine Diskussion über sie, sondern auch die Adelstitel selbst heutzutage absolut überflüssig sind. Deswegen mache ich um des lieben Friedens willens folgenden Vorschlag zur Güte:
ausgehend von der Einigkeit aller Demokraten in dieser Sache verständigen sich die Fraktionen des Deutschen Bundestages darauf, ohne viel Aufhebens – sagen wir: eingestilt über den Ältestenrat – unter dem Tagesordnungspunkt „ferner liefen“ die Adelstitel abzuschaffen und das Tragen dieser Namenszusätze zu verbieten.

Dieses ganze Prozedere kann ohne eine solche einer Demokratie absolut unwürdigen öffentlichen Debatte über die Bühne gehen. Das Parlament beschließt diese reine Selbstverständlichkeit ohne irgendeine Aussprache, so wie der Bundestag alle möglichen anderen Lappalien ebenfalls beschließt, ohne dass irgendjemand irgendeine Notiz davon nähme. Der Beschluss kommt ins Bundesgesetzblatt, und fertig ist die Lauge.
Die Betroffenen erhalten nach Inkrafttreten des Gesetzes eine amtliche Mitteilung, wann und wo sie sich ihre neuen Personalausweise, Pässe, Führerscheine etc. abzuholen haben. Die Gebühren für diesen Verwaltungsakt dürfen die üblichen kommunalen Preise nicht überschreiten. Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger sind von den Kosten der Entadeligung ihrer Namen freizustellen. Gewiss kämen mit dieser massenhaften Streichung von Namenszusätzen erhebliche Kosten auf die Städte und Gemeinden zu.
Doch dieses Geld ist den Demokraten die Demokratie wert. Das Adelstitelaufhebungsgesetz regelt im einzelnen, dass und wie Bund und Länder den Kommunen den Großteil dieser (Opportunitäts-) Kosten abnehmen. Obgleich sie sich in den vertraulichen Beratungen des Ältestenrats nicht mit ihrem Ansinnen durchsetzen konnte, dem ehemaligen sog. Adel selbst diese Kosten aufzubrummen, trägt die Linksfraktion diesen interfraktionellen Antrag mit.

Die Linke ist froh, diesen Fremdkörper aus der Demokratie verbannt zu haben, und bildet sich ein, auf ihrem Weg zum demokratischen Sozialismus ein Stück voran gekommen zu sein. Die anderen Fraktionen sind froh, Frau Kipping in ihrer Agitation gegen die „real existierende Demokratie“ etwas Wind aus den Segeln genommen zu haben. Die ehemaligen sog. Adeligen sind froh, diese absolut lächerlichen Namenszusätze endlich losgeworden zu sein, ohne befürchten zu müssen, auf ihren Sippentreffen blöde angeguckt zu werden.
Und alle Demokraten sind froh, dass nach langer, langer Zeit ein weiteres Stück Mittelalter abgeschüttelt werden konnte. Grafen, Fürsten und Barone und wie sie alle heißen gibt es jetzt nur noch im Märchen. Wohlbemerkt: das war jetzt nur so ein Vorschlag zur Güte von mir. Wenn Sie so wollen: ein Märchen. Denn selbstverständlich lassen sich die Adelstitel nicht einfach mal so nebenbei abschaffen.
Für solch ein Wintermärchen gäbe es nie und nimmer eine politische Mehrheit. Das weiß jeder; das weiß auch Katja Kipping. Man mag über ihre Motive streiten, man mag ihr Wort von der „real existierenden Demokratie“ für verunglückt halten, doch es ist ihr Verdienst, darauf aufmerksam gemacht zu haben. Adelstitel abschaffen, Revolution spielen, und sei es auch nur eine bürgerliche Revolution. So etwas gibt es hier nicht! Nicht in Deutschland. Wenn hier überhaupt mal Revolution gemacht wird, dann …

Ach, lassen wir das! Es ist noch Weihnachten.

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17 Kommentare zu “Freiherren, Freigeister und diese Sehnsucht: ein Wintermärchen als Vorschlag zur Güte

  • #1
    Stefan Laurin

    Ich habe eine Idee wie wir die Umbenennungsaktion finanzieren: Wir streichen einfach alle Pensionen der ehemaligen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit.

  • #2
    Helmut Junge

    Einfacher wäre es diese „von-und-zu“ Namenszusätze als Künstlernamen zuzulassen. Dann könnte sich jeder solch einen Namen selbst gestalten.
    Dadurch verlören diese Zusätze ihre Bedeutung.
    Ich würde es nicht machen, weil mein Großvater schon der Meinung war, daß das „e“ am Ende unseres Familiennamens, wegen der Seltenheit, bereits ein Adelsattribut sei.

  • Pingback: zoom » Umleitung: Kreationismus, Schalke, Adel, Pop araund the clock, Weihnachtslied 2010 «

  • #4
  • #5
    Erika

    Ich habe eine Idee wie wir die Umbenennungsaktion finanzieren: Wir streichen einfach alle eventuellen Ansprüche aus den Sozialkassen für Stefan Laurin! 🙂

  • #6
    Frank (Frontmotor)

    #5 Erika,

    warum sollten wir das tun? Die Aktion sollten selbstverständlich diejenigen finanzieren, deretwegen wir sie tun müssen.

  • #7
    Paul Pretzel

    man könnte jetzt so im allgemeinen darüber spekulieren, ob in gewissen zeiten, gewisse meldungen eben unbesehen durchgehen, oder anders, ob nicht das sommerloch diesmal schon sehr früh begonnen hat.

    ansonsten ist frau kipping, nun, nicht eben die hellste. sind alte ddr-traditionen, wer da richtige körperliche oder geistige arbeit scheute, dafür flott daherplaudern konnte, dem wurden in der politik möglichkeiten geboten.

    mein vorschlag:
    einrichtung eines heroldsamts bei der landesregierung in düsseldorf – nobilitierung war im zweiten kaiserreich sache der landesfürsten – welche die in den adelsstand erhobenen in eine adelsmatrikel immatrikuliert (in ein verzeichnis einträgt) , gegen eine im voraus zu erlegende immatrikukulationsgebühr (das wort selber braucht wohl nicht erklärt werden, im einzelnen schlage ich für das einfache „von“ vor, soviel wie einen kleinwagen zu verlangen, für den freiherrn etwa soviel wie eine golf-kasse, den grafen etwa soviel wie ein fahrzeug der gehobenen mittelklasse und für den fürsten etwaa soviel wie ein fahrzeug der oberklasse. dabei setzt eine erhebung die vorherige voraus, wer schneller aufsteigen will, zahlt auch für die aufbauenden erhebungen) und schon hat die not in nrw ein ende: neue arbeitsplätze für akademiker werden so geschaffen und, vor allem, der rubel rollt ohne ende, weil auch ausländer, gegen vorkasse, versteht sich.

    für mehr bürgerliche naturen verleiht das nrw-wirtschaftsministerium den titel „hofrat“ (für etwa soviel wie den von, einem kleinwagen entsprechend) und darauf aufbauend den „ökonomierat“, den „kommerzienrat“, den „bergrat“, den „medizinalrat“ und den „pahrmazierat“ (für zusäzlich etwa eine golf-klasse).

    vielleicht bietet auch die biografie von karl marx einen hinweis, er promovierte in jena, für eien promotion in jena genügte zu jener zeit die einreichung einer doktorarbeit und die entrichtung der promotionsgebühr, dei urkunde wurde per post zugestellt. so könnten sich die universitäten in nrw die studiengebühren sparen.

  • #8
    Frank (Frontmotor)

    Körperliche arbeit zu scheuen, bzw. sich dabei ungeschickt anzustellen, war und ist privileg der von und zu’s. Geistige arbeit ging im laufe der zeiten wegen der gepflegten inzuchten auch immer weniger. Eine frau kipping muss keinen vergleich mit „fürstin“ gloria scheuen. Wohl aber müsste gloria das leistungsprinzip scheuen, wenn es für sie bald gelte. Oder denken sie an den hannoveraner rabauken, dem unter drogenEinfluss die faust so locker sitzt.

  • #9
    Olaf Mertens

    #6 Frank
    Frau Kipping war 11 als die Mauer fiel. Unwahrscheinlich, dass sie für die Stasi gearbeitet hat.

  • #10
    Olaf Mertens

    …darüber hinaus halte ich das für Quatsch. Liegt doch an uns ob wir im „von und zu“ mehr als einen Teil des Namens sehen. Rechtlich ist es nicht mehr als das und wir zwingen ja auch sonst niemanden seinen Namen zu ändern. Nicht mal die, die potentiell Ärgernis-erregende Namen wie Fuck tragen. (So heißt hier bei mir ein Metzgereibetrieb 😉 )

  • #11
  • #12
    Olaf Mertens

    @Frank
    …dachte Du beziehst Dich auf Stefan Laurins Beitrag (Kipping -> Linkspartei -> Stasi) und meintest Frau Kipping als „Verursacherin“ eines eventuellen Namensänderungsgesetzes. Hab ich falsch verstanden, pardon.

  • #13
    Erika

    #6 Frank

    „warum sollten wir das tun? Die Aktion sollten selbstverständlich diejenigen finanzieren, deretwegen wir sie tun müssen.“

    Wir müssen überhaupt nichts tun.
    Stefan nervt nur mit seinem ewigen indirekten Linken-Bashing.
    Wo sind eigentlich mehr Mitglieder der ehemaligen SED aufgegangen, bei den Linken oder in der CDU???

  • #14
    Märchenprinz

    Da geht zur Kipping-Forderung auf Abschaffung von Adelstiteln in Deutschland einiges reichlich und verwirrend durcheinander, wenn z.B. der Autor Werner Jurga schreibt: “Auch in Deutschland wurden zwar seit 1918 keine Adelstitel mehr verliehen, und mit der Weimarer Reichsverfassung alle Privilegien des Adels zumindest juristisch beseitigt, nach wie vor ist es jedoch gestattet, den Titel als Namenzusatz zu führen – wenn man adelig ist, versteht sich. Derlei Traditionspflege hat keinerlei juristische Konsequenzen; man kann nicht einmal einen Anspruch darauf geltend machen, entsprechend angeredet zu werden.
    Schon insofern hat Frau Kipping Recht: solch ein Titel ist so überflüssig wie nur was.“

    Also zunächst mal: Adelsbezeichnungen sind 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung Bestandteil des bürgerlichen Namens geworden. Mit Artikel 109 wurde nicht nur der Adel, es wurden auch alle Adelstitel, Adelsprädikate und Adelsanreden abgeschafft. Es geht somit nicht darum und versteht sich auch nicht, „den Titel als Namenzusatz zu führen – wenn man adelig ist“, wie der Autor schreibt. Die Adelsbezeichnungen sind – im Unterschied zu Österreich, wo selbst von und zu wegfiel – Bestandteil des bürgerlichen Familiennamens geworden, bei Guttenberg und allen anderen, und folglich keine Adelstitel mehr. Insofern hat Frau Kipping nicht Recht, sie hat das Verfassungsrecht, das heute Bundesrecht ist, nur nicht verstanden, weil sie im Geschichtsunterricht wie viele andere nicht richtig hingehört hat und jetzt etwas Unsinniges fordert, was es bereits seit 90 Jahren ohnehin nicht mehr gibt. So einfach ist das.

  • #15
    Flusskiesel

    “[…] den Titel als Namenzusatz zu führen – wenn man adelig ist” stimmt leider nicht. Auch wenn z.B. ein „Bürgerlicher“ eine „Adelige*“ heiratet, kann er deren Nachnamen annehmen, auch wenn er nie in den Adelsspiegel aufgenommen wird (seine Ehefrau fliegt dann übrigens auch aus dem Spiegel heraus).

    * die es natürlich nicht mehr gibt. Aber es gibt ja noch so Traditionsvereine, welche Stammbäume malen und sich was auf ihre Vorfahren einbilden.

  • #16
    Märchenprinz

    @15: Was Du als Traditionsvereine erwähnst, dazu gehören die Adelsvereinigungen, das sind privat organisierte Vereine wie jeder Schützenverein, die die Traditionspflege der früheren Adelsfamilien und deren Nachkommen betreiben. Das ist zwar rein historisch-genealogisch zu sehen, beabsichtigt aber mit dem Auftreten in der Öffentlichkeit als vermeintliche “Adelige“ vielfach auch, gesellschaftlich weiter anerkannt und “oben“ bleiben zu wollen, obwohl der Adel als “Stand“ nicht mehr existiert. Durch Heiraten hat sich das einstmals ’standesgemäße“ Publikum inzwischen ohnehin vermischt. Nur: Das erstaunliche ist, in allen möglichen Medien geistern sie als “Adelige“ herum, obwohl alle keine Adeligen sind, sondern normale Bürgerliche wie Du und ich.

  • #17
    Flusskiesel

    @16 Ja, genau die „Adelsvereinigungen“ meinte ich. Ich wollte nur der Aussage widersprechen, dass man für so einen Nachnamen entsprechender Abstammung sein müsse.

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