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Gab es wirklich keine Hetzjagden in Chemnitz?

Am Karl-Marx-Monument sammelten sich die Nazis Foto: André Karwath Lizenz: CC BY-SA 2.5


Die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz sind mittlerweile zwei Wochen her und der mediale Diskurs über die Vorfälle nimmt immer merkwürdigere Formen an. Nicht nur Personen aus dem rechten Spektrum bestreiten, dass es Angriffe auf Migranten gegeben hat, obwohl diese eindeutig dokumentiert sind.

Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte in der Regierungserklärung vor dem sächsischen Landtag behauptet: „Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd“. Der Präsident des Bundesamt für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, schlug in die selbe Kerbe, als er über ein Video, auf dem eine Hetzjagd dokumentiert ist, sagte: „Nach meiner vorsichtigen Bewertung sprechen gute Gründe dafür, dass es sich um eine gezielte Falschinformation handelt, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken.“

Was an dieser Bewertung vorsichtig sein soll oder wie eine weniger vorsichtige Bewertung Maaßens klingen würde, weiß wohl nur er selbst. Seine Aussage hat in den letzten Tagen hohe Wellen geschlagen, denn sie lässt ja nur zwei Möglichkeiten offen, die man beide nicht so recht glauben mag. Entweder hat der Verfassungsschutz tatsächlich Erkenntnisse darüber, dass dieses Video eine Fälschung ist, oder aber der Inlandsnachrichtendienst wird von einem Verschwörungstheoretiker geleitet.

Unabhängig davon, welche der beiden Möglichkeiten der Wahrheit entspricht, wirft das Zitat weitere Fragen auf. Wenn Maaßen tatsächlich Hinweise über eine Fälschung vorliegen, wieso hat er seine These dann nicht mit Belegen untermauert? Wieso wendet er sich dann mit diesen Informationen an die Bild-Zeitung und nicht an Angela Merkel? Und wer sollte überhaupt ein Interesse daran haben, von der Tötung von Daniel H. abzulenken? Wieso spricht Maaßen von Mord? Es könnte nach derzeitigem Kenntnisstand schließlich auch Totschlag gewesen sein.

Klar ist: Sowohl Kretschmer als auch Maaßen sowie dessen Vorgesetzter Horst Seehofer haben ihre Ämter schwer beschädigt. Seehofer zeigte Verständnis für die rechten Demonstranten, sprach dem Verfassungsschutzpräsidenten sein Vertrauen aus und soll sogar dessen Interview mit der Bild-Zeitung abgesegnet haben. Es spricht jedoch vieles dafür, dass das besagte Video echt ist. Der Dresdner Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein sagte, dass es keine Anhaltspunkte für einen Fake gebe. Einer der Betroffenen hat Anzeige erstattet und sich gegenüber ze.tt zu dem Vorfall geäußert. Zudem gibt es viele weitere Videos, die die zahlreichen Angriffe auf Migranten, Journalisten, Polizisten und Gegendemonstranten zeigen.

Eines dieser Videos stammt von der Chemnitzerin Rola Saleh, die sich bei „Jugend ohne Grenzen“ engagiert und sich mutig den Nazis entgegen stellte, woraufhin sie von einem Polizisten, der zwar Verständnis für ihren Unmut äußerte, sich aber offensichtlich nicht in der Lage sah, sie zu schützen, weggeschickt wurde.

Hooligans von Lokomotive Leipzig wandelten ihren Schlachtruf „Wir sind die Krieger – wir sind die Fans – Lokomotive Hooligans“ kurzerhand in „Adolf Hitler Hooligans“ um, was von umstehenden Demonstranten mit Applaus und Gelächter quittiert wurde.

Das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus dokumentierte Gewalttaten von Teilnehmern der AfD-Kundgebung am 1. September. Wie erst kürzlich herauskam, wurde bereits am 27. August ein jüdisches Restaurant angegriffen. Der Zentralrat der Juden kritisierte, dass die Sicherheitsbehörden den Fall erst mit einer Verzögerung von einigen Tagen bekanntgaben.

Die AfD musste ihre Versammlung letztlich auflösen, da es Gegendemonstranten gelungen war, die Demonstrationsroute zu blockieren. Einige Teilnehmer der AfD-Demo durchbrachen daraufhin eine Polizeikette.

Einer der angegriffenen Journalisten ist Jan-Henrik Wiebe. Er verlor bei dem Angriff sein Mikrofon, erlitt jedoch keine Verletzungen. Wiebe berichtet, dass die Polizei überfordert gewesen sei. So wurde ein Wasserwerfer zeitweise von Teilnehmern des Nazi-Aufmarschs eingekesselt, wie eins seiner Videos zeigt. Am selben Tag filmte er Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Demonstranten:

Angesichts der etlichen dokumentierten Gewalt- und Straftaten irritiert es, dass nun ernsthaft darüber diskutiert wird, ob es Hetzjagden gegeben habe oder nicht. Selbst wenn man dafür lieber andere Begriffe verwenden will, ändert das doch nichts daran, dass die Geschehnisse absolut zu verurteilen sind. Allein am 26. und 27. August wurden 140 Ermittlungsverfahren registriert, wie die Generalstaatsanwaltschaft auf Anfrage bekanntgab. Bei den Delikten handelte es sich demnach hauptsächlich um Körperverletzung, Landfriedensbruch und die Verwendung verfassungswidriger Symbole. Einige weitere Videos, die die Gewaltbereitschaft der Nazis belegen, kann man auf Twitter finden.

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39 Kommentare zu “Gab es wirklich keine Hetzjagden in Chemnitz?

  • #1
    Gerd

    Die einzigen Vertreter der Medien, die bei den angeblichen Hetzjagden vom 26. August vor Ort waren -und um die ging es als Merkels Pressesprecher den Begriff in die Welt gesetzt hat-, waren Reporter der Freien Presse und der Chefredakteur der Zeitung bestreitet, dass es diese Hetzjagden gegeben hat. Straf- und Gewaltaten schon, aber eben keine Hetzjagden. Ab Minute 8:50.

    https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2018/08/28/chemnitz_was_ist_los_in_dieser_stadt_drk_20180828_1217_a158d364.mp3

    Und der Gegenbeweis ist ein einziges Video? Das muß man sich mal vorstellen. Da gab es Hetzjagden(Plural) in einer Großstadt und obwohl fast jeder ein Handy mit Kamera hat, gibt es nur einen Clip, der zeigt wie ein Mann einem anderen hinterherläuft. Der Clip nur 19 Sekunden kurz, sodaß man nicht sagen kann was vorher oder nachher passiert ist. Und zu guter letzt wurde der Clip ohne Kontext auch noch von Linksextremisten ins Netz gestellt. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat bis heute auch keine Beweise für die Hetzjagden vom 26. bekommen, sodaß man fünf gute Gründe hat, dem Clip der Antifa mit Skepsis zu begegnen.

  • #2
    Klaus Lohmann

    @Gerd: Definieren Sie Hetzjagd, und zwar so, wie es auch die Polizei gerichtsfest in ihren Berichten tun würde. Sie werden schnell merken, dass es diesen Begriff *juristisch* nicht gibt, also taucht er auch nicht in den Berichten der Staatsgewalt auf.

    Im Übrigen wiederholen Sie nur die Lügen von Kretschmer und Maaßen.

  • #3
    Robert Müller

    Im Internet kann man viel finden wenn der Tag lang ist. Genauso wie zu 9/11. Ich vertraue lieber den Geheimdiensten. Die wissen wohl am besten was wirklich passiert ist und würden niemals liegen. Nur Verschwörungstheoretiker halten soetwas für möglich.

  • #4
    paule t.

    @ Gerd

    Es gab durchaus mehr Zeugen, auch von der Presse, es gibt auch mehr Videos (die teils das von ihnen bezweifelte Video bestätigen), es gibt Strafanzeigen. Alles im vom Autot verlinkten Faktenfinder-Beitrag nachzulesen. Sie verbeiten also fröhlich Fake News. Warum?

    Ferner: Wenn es Straf- und Gewalttaten gab, warum ist es dann so unglaublich wichtig, ob diese als "Hetzjagden" bezeichnet werden oder anders? Bei den Rechtsextremen wird diese Diskussion dazu benutzt, um die ganze Berichterstattung (wieder einmal) als "Lügenpresse" zu diffamieren und so zu tun, als habe es überhaupt keine Straf- und Gewalttaten gegeben. Warum machen sich Demokraten zu Stichwortgebern dieser Rechtsextremen, indem sie diese völlig nebensächliche Diskussion über die Wortwahl so in den Vordergrund rücken, so als sei die (angeblich) falsche Bezeichnung der Gewalttaten schlimmer als die Gewalttaten selbst?

  • #5
    Eiermann

    @Klaus Lohmann: " die Lügen von Kretschmer und Maaßen."
    Es stinkt in Deutschland ganz gewaltig vom Kopfe her. Die Heftigkeit der Reaktion von Medien und Politik sagt doch schon alles: Angst vor der Warheit.

  • #6
    ke

    Die Vorkommnisse in Chemnitz zeigen ganz deutlich, dass unsere Politik und Sicherheitsorgane mit der derzeitigen Situation überfordert sind.
    Die Performance ist derart schlecht, so dass ich eher an eine Hidden Agenda glaube, die verfolgt werden soll.

    Wie kann ein Chef des Verfassungsschutzes, der um die Sensibilität seiner Aussagen wissen müsste, so komische Aussagen machen? Das erinnert fatal an die Aussagen des Ex-Innenministers nach dem abgesagten Fußballspiel.

    Politik, Polizei und Dienste müssen klare Aussagen treffen und diese auch belegen. Sonst verschwindet das letzte Stück Vertrauen der Bevölkerung.

    Dass es in Zeiten von Überalldabei-Handys, Überwachungen etc. keine besseren Infos geben soll, ist doch nicht nachvollziehbar. Ebenso ist davon auszugehen, dass viele Informanten dabei waren.

  • #7
  • #8
    Michael

    @7

    "Klar gab es eine WESENTLICHE Straftat: Den Mord* an Daniel H..

    * Meine Diktion"

    … ist nicht relevant. In einem demokratischen Rechtsstaat werden Urteile von unabhängigen Gerichten gefällt – nicht vom Mob auf der Straße und in den Foren.

  • #9
    abraxasrgb

    Och Michael,
    was Du so findest, ist für mich ebenso irrelevant 😉

    Nebenbei ist Totschlag, was ja als andere juristische Bewertung durch die Medien geht, nicht nur der auf Mord folgende Paragraph im StGB, sondern ebenso eine vorsätzliche Tötung.

    PS: Ist es "Mobbing", wenn man als Mob tituliert wird?
    #scnr
    PPS: Mob sind immer nur die anderen, auch wenn man gerne (Gruppen-)Mehrheit ist?
    #scnr
    PPPS: Der Schritt vom Herden- zum Hordentier ist kürzer als ein Vokal 😉

  • #10
    bob hope

    In Chemnitz fand erstmals in aller Öffentlichkeit der Zusammenschluss von AfD, Pegida und militanten Neonazis statt. Die AfD hat also die Hosen runtergelassen. Das hat es in der Eindeutigkeit vorher noch nicht gegeben. Die Diskussion darum, ob es Hetzjagden gegeben hat und wie man eine solche definiert, soll davon ablenken, dass die AfD ihre bürgerliche Fassade (die ja eh nur ein Fake ist) fallengelassen hat.

    Ist natürlich verständlich, dass Funktionäre, Wähler und Sympathisanten der Partei versuchen, die Geschichte zu verschleiern, indem sie Nebenkriegsschauplätze eröffnen – dennoch ist die Radikalisierung am rechten Rand der Gesellschaft nicht zu übersehen. Seehofer, Maaßen, Kretschmer oder Dobrindt tragen mit ihren Äußerungen ihren Teil dazu bei. Wer das nicht sehen will (einige Kommentare gehen ja in die Richtung), verstärkt den Prozess.

  • #11
    Moby Dick

    @ abraxasrgb

    bist du beleidigt, weil jemand zu dir "Mob" gesagt hat? erträgst du die Wahrheit nicht?

  • #12
    abraxasrgb

    Seehofer, Maaßen etc. tragen dazu bei, die Nazis einzudämmen (nicht alles, was AfD ist, ist Nazi, wer das meint, sagt oder schreibt ist genau so eine Hohlbirne, wie es z.B. ein Skinhead ist).

    Ich weiss, politische Dialektik ist für Linke schwer zu verstehen 😉

  • #13
    abraxasrgb

    @ #11 Viel schlimmer … ich fühle mich nicht einmal angesprochen 😉

    BTW "Wahrheit" im Zusammenhang mit einer Meinung ist ein Kategorienfehler …

  • #14
    Robert Müser

    @#6:

    "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern"

    Passt immer …

    … der große Multiple-Choice-Spaß für die ganze Bevölkerung, Politik, Justiz, Journalismus, kritische Öffentlichkeit und mehr …

  • #15
    puck

    #12
    Seehofer und Co. tragen dazu bei, Ansichten von Nazis gesellschaftsfähig zu machen.

    Und wie bitte soll man denn die Anhänger einer Partei, deren Vorturner regelmäßig Nazi-Ansichten "mausrutschen" und Begriffe wie "völkisch" wieder positiv besetzen wollen, denn nennen?

    #6
    Ja, ich habe mich auch erstmal gewundert, dass nicht mehr Filme existieren. Allerdings: Als Zeuge – also nicht als Akteur – hat man wahrscheinlich in der Situation besseres zu tun, als Filmchen zu drehen, sich in Sicherheit bringen vielleicht… das ist schließlich was anderes, als wenn man das Handy zückt, wenn ein Kätzchen aus einer misslichen Lage befreit wird.

  • #16
    paule t.

    @#12
    Zitat "Seehofer, Maaßen etc. tragen dazu bei, die Nazis einzudämmen"

    Ungefähr so, wie man mit Benzin löscht.
    Wie soll es denn zum Eindämmen der Nazis beitragen, für deren "Lügenpresse"-Geschrei völlig unnötig und mit wahrscheinlich falschen Verdächtigungen den Stichwortgeber zu machen?

  • #17
    Ines C.

    Bob Hopes Beitrag ist die Quintessenz: Chemnitz war der Augenöffner, dass die AfD die Grenze zu militanten Neonazis und gewalttätigen Antisemiten nicht schließen will. Das immer weiter und deutlicher zu kommunizieren ist der beste Widerstand.
    Meiner Meinung nach sind aber auch Konservative ein wichtiger Teil der Resistance (zeigt der Blick ins Geschichtsbuch und über den großen Teich, siehe McCain/Trump), mit ihnen verliert der Mob die Straßen schneller. Ich hoffe, dass es in der Behörde noch genügend wirkliche und auch gerne konservative "Verfassungsschützer" gibt.

  • #18
    Steve

    Allerspätestens seit den Verquickungen zwischen VS und NSU dürfte doch offensichtlich sein, dass der VS Teil des Problems und nicht der Lösung ist.

    @ #17: Konservative sind also "ein wichtiger Teil der Resistance"? So wie derzeit in Österreich? Oder so wie 1933, als das Zentrum geschlossen dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt hat? Was lesen Sie denn für Geschichtsbücher?

  • #19
    Arnold Voss

    Die zentrale Frage ist doch, wieso der Antifaschismus der Nachkriegszeit in Deutschland nicht verhindern konnte, dass der Faschismus in diesem Land nicht nur nie aufgehört, sondern sich wieder neu etabliert und verstärkt hat. Wieso es im deutschen Verfassungsschutz und in den Inlandgeheimdiensten eine lange braune Spur gibt, die sogar wieder breiter geworden ist. In einem Land, in dem sich fast jeder für einen geborenen Antifaschisten hält, dürfte das doch eigentlich gar nicht möglich sein.

  • #20
    Werntreu Golmeran

    @ Robert Müller

    Selten so gelacht!

    Das Geschäft der Geheimdienste ist es, zu lügen, zu täuschen und zu manipulieren. Nur selten hört die Öffentlichkeit von ihnen die Wahrheit. Lesen Sie mal die – noch freundlich geschriebene – Geschichte der CIA die vom New York Times Journalisten TIm Weiner geschrieben wurde. Gibt es auch auf Deutsch. Und wenn man sich anschaut, was in den Ämtern nach dem Tod von Mundlos und Böhnhardt geschehen ist, sollte man auch Zweifel daran haben, dass die deutschen Geheimdienste ein Interesse daran haben, der Bevölkerung die Wahrheit über ihre Aktivitäten im braunen Sumpf zu offenbaren.

  • #21
    Werntreu Golmeran

    Mittlerweile Frage ich mich immer öfter, ob Herr Maaßen nicht Teil des Problems ist, das er eigentlich bekämpfen sollte.

  • #22
    thomas weigle

    Warum, Arnold warum? In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik gab es auf allen Ebenen einfach zu viele, die zuvor fleißig beim NS mitgemacht haben, ganz viele Lehrer bspw.. "Es kann doch nicht alles schlecht gewesen sein in den 1000 Jahren", war für viele das Motto. Oder auch das berüchtigte Filbinger`sche "was gestern Recht war, kann doch heute kein Unrecht sein."
    Antifaschismus war zudem spätestens mit der Gründung der beiden deutschen Staaten im Westen kein Publikumserfolg, war äußerst schlecht beleumdet durch die, die den "antifaschistischen Schutzwall" errichten ließen., um die "Abstimmung mit den Füßen" zu stoppen.

  • #23
    abraxasrgb

    #19 Arnold
    Weil 1. der geborene Antifaschist einer bleibt / ist, auch wenn er ein Faschist ist / wird und
    2. mich z.B. die Kontinuität des totalitären und engstirnigen im Osten nicht verwundert, denn die einseitige Prägung von InternationalSOZIALISTEN und NationalSOZIALISTEN ist im Kern identisch egalitär nach innen und exklusiv nach außen ist. Rasse und Klasse reimt sich nicht nur sprachlich … eschatologisch und apokalyptisch sind beide Ideologien.

    Die Kontinuität nach dem WK II ist trivial zu erklären, es waren keine anderen Kandidaten mehr da (tot oder emigriert).
    Der Rest wäre unfähig bzw. dritte, vierte Wahl, wenn es um die sachliche / fachliche Eignung geht.

  • #24
    abraxasrgb

    Ines C. Chapeau, endlich mal jemand der kapiert wie wichtig es ist, auch konservative Meinungen in das "etablierte Parteiensystem" zu absorbieren, um der sog. "Alternative" das mediale Wasser auf die Windmühlenflügel abzugraben.

    @all
    Noch einmal: Wer immer noch im Sommernachts(alp)traum von 2015 "Refugees Welcome" skandiert, darf sich, meiner Einschätzung nach, nicht über wachsende Ressentiments wundern. Dass sich die Radikalen an die (mediale) Spitze setzen, ist doch bei linken Demos mit der Antifa nicht anders, als bei konservativen / besorgten Demos. Die Antifa wird bagatellisiert und die Nazis werden skandalisiert, weil die Mehrheitsmedien klare Sympathien haben. So what …
    Hätte mir jemand noch vor vier oder fünf Jahren gesagt, dass ich stellenweise CSU Positionen sinnvoller finde, als SPD Positionen zur Ausländerpolitik, dem hätte ich einen Vogel gezeigt.
    Eher friert die Hölle zu, hätte ich gedacht. Nun ist Eiszeit im politischen Klima und ich habe leider damit gerechnet, als es losging. Da dachte ich mir schon, das geht schief … Scheiße*, ich habe leider Recht behalten.

    *ist eine "farbige" Metapher 😉

  • #25
    Klaus Lohmann

    @24: "wachsende Ressentiments" waren und sind in einer Demokratie duld- und diskutierbare Entwicklungen, Bagatellisierung von linkem/rechtem Extremismus und wachsender Faschismus nicht. Oder wir fangen sofort damit an, unsere Geschichtsbücher zu verbrennen und stattdessen schon mal Arier-Ausmalbücher auswendig zu lernen – von wegen "farbig".

    Seit ich einigermaßen geradeaus laufen kann, hat mich die Vorahnung begleitet, der ekelhaft den deutschen "Deep State" lähmende, braune Spuk wird auch in hundert Jahren nicht so einfach vorbei sein – ich habe leider Recht behalten.

  • #26
    bob hope

    @abraxasrgb:
    In Ihren Beiträgen steckt wenig Substanz. Zu den verschiedenen Punkten trotzdem mal ein paar Anmerkungen: Sympathie für die Antifa und linke Positionen kann ich im Westen nicht wirklich erkennen (letztes Beispiel G20). „Refugees welcome“ war eine medial aufgeblasene Geschichte. Es gab vorher Leute, die sich engagiert haben und es gibt sie immer noch. Dass nicht nur nette, dankbare Menschen ins Land kommen, dürfte jedem klar sein, der geradeaus schauen kann. Dass aber weltweit knapp 70 Millionen Menschen auf der Flucht sind und allein im Mittelmeer jährlich mehrere Tausend ertrinken, ist eine Tatsache. Die Wahlergebnisse in den Problemvierteln der „alten“ BRD zeigen, dass der Rechtsruck in der Gesellschaft kein rein ostdeutsches Problem ist – auch wenn die Konstellationen andere sind: hier Armut und Arbeitslosigkeit plus hoher Anteil an Migranten, dort Armut und Arbeitslosigkeit plus niedriger Anteil an Migranten. Mögen die Ursachen unterschiedlich sein, in jedem Fall sind es beides „stolze Deutsche“ und das ist immer ein Problem – und daran haben auch 73 Jahre Demokratie – im Osten minus 40 Jahre von oben verordneter „Antifaschismus“ – nichts geändert. Übrigens auch so ein Wunder: Am 9. Mai 1945 waren über Nacht aus zig Millionen überzeugten Nazis plötzlich „überzeugte Demokraten“ geworden. Warum soll es nicht auch andersrum gehen?

    Und weil immer gerne auf den Sommer 2015 verwiesen wird: Die Sache ist schon viel früher gekippt. Sarrazins Interview in Lettre International von 2009 (Stichwort: Kopftuchmädchen) und sein millionenfach verkaufter Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ (Rassismus, Antisemitismus, Biologismus kurz: alles was den dumpfen, ressentimentgeladenen Kleinbürger erfreut, zwischen zwei Buchdeckel gepackt) haben dafür gesorgt, dass man endlich wieder sagen darf, was vorher angeblich verboten war. Es hat zwar zwei, drei Jahre gedauert, bis sich die „besorgten Bürger“ organisiert haben, aber AfD und Pegida haben da ganze Arbeit geleistet. Die Ironie der Geschichte: Aus „Eure Armut kotzt mich an“ (Thilo Sarrazin verkürzt dargestellt) wurde der Klassiker: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“. Dass Sarrazin eigentlich die ganze Unterschicht hasst – egal ob deutsch oder nicht – hat der Wutbürger nie kapiert und sich Sarrazins krude Thesen zu eigen gemacht, denn: Im Gegensatz zum Muselmanen hat er ja immer noch den deutschen Pass. Und die deutschen Pässe der Migranten, die in zweiter oder dritter Generation hier leben, sind eh gefälscht, da an ihnen das falsche Blut klebt. Viele Konservative sehen das ähnlich. Wenn Teile der Union oder die Wagenknecht-Linke inhaltlich darauf reagieren, indem sie die Positionen der AfD übernehmen, werden die Probleme nur transformiert und nicht gelöst. Mit „Wasser abgraben“ ist da nix zu machen, zumal es schon lange verseucht ist.

    Das Problem: Analyse und Kritik geht immer, konstruktive Vorschläge zu machen, ist verdammt schwierig.

  • #27
    abraxasrgb

    @ #26 Bob hope
    Hm, da haben wir etwas gemeinsam. Wenn in Schlagworte(sic!) verpackte Umverteilungspropaganda substantiell ist, dann kannst Du ziemlich warten, bis / ob mir so etwas aus der Tastatur kommt.
    Wo Sarrazin (einer der wenigen klugen Sozis) antisemitisch, rassistisch ist, würde ich gerne mal mit Textstellen aus dem Original belegt haben. Ich habe das Buch anders in Erinnerung.
    Biologische Argumentationen mögen die (de)konstruierte Identität irritieren, sind aber bei einer natürlichen Spezies nicht kategorisch falsch. Wir können natürlich auch scholastisch über die Anzahl queerer transgender Engel auf einer Nadelspitze diskutieren, die nicht wissen, wie oder wo sie auf´s Klo gehen sollen 😉
    Wenn man stolpert und sich das Knie aufschlägt, kann man wahlweise Newton für die Formulierung des Gravitationsgesetzes verfluchen oder Schwerkraft als inhuman und verletzend bezeichnen, sie wirkt trotzdem. So ähnlich ist es mit Darwin, Lamarck, Evolution und Genetik. Naturwissenschaftler sehen das vermutlich deskriptiver (und entspannter), als Sozialwissenschaftler 😉
    Wo oder wie man für die Randale beim G20 in HH Sympathie aufbringen soll oder kann, wird mir vermutlich bis an das Ende meiner Tage ein unlösbares Rätsel bleiben.

    Hysterisches "Nazi", "Nazi" Gekreisch (oder wahlweise "Rassisten", "Rassisten", wie im oben verlinkten Video, das mich frappant an Rex Kramer, Danger Seeker – in der Bronx als Weisser "Nigger" schreien, erinnert) ändert keine problematischen Wahlergebnisse (wohl der einzige Punkt, den wir ähnlich sehen, wenn auch anders erklären).

    Wenn jede Erwähnung des "Deutschen" (Staates, Bürgers etc.) per se "alles Nazi" ist, dann wird eine Diskussion über Sachfragen in normaler Lautstärke und ohne schnappatmende Hyperventilation schwierig. Plakativ formuliert fängt soziales Handeln mit reziproker Nächstenliebe an und hört dann – irgendwann später – bei anonymer Fernstenliebe auf. Das ist zwar wieder ein soziologischer Gemeinplatz, der eher der moralischen Intuition Rechnung trägt, als der Sonntagspredigt im Proseminar über universale Meta-Ethik, dürfte im politischen Diskurs aber nicht die schlechteste Ausgangsposition sein, um hehre Ziele zu erreichen 😉

    Ertrinkende im Mittelmeer kann Frontex auch verhindern, wenn man dann noch die Anreize für die Überquerung (ich weigere mich, das "Flucht" zu nennen, denn das diskreditiert Menschen, die wirklich flüchten müssen/ mussten), wird sich die Zahl schnell verringern.
    Wenn ich mich nicht völlig täusche, ist die europäische Politik auch schon darauf gekommen? Ok, bis auf den deutschen (be)Sonderweg … der sich vermutlich als Sackgasse (hoffentlich) oder als Vollgasfahrt in den Abgrund erweisen könnte.

    YMMV

  • #28
    Helmut Junge

    Ich habe zwar nicht die Absicht,, mich in dieser emotionalen Diskurssituation mit heldenhaften anonymen Nicknamenkommentatoren, die vielleicht sogar in der Öffentlichkeit nur maskiert auftreten, weil nur so die Demokratie gerettet werden kann, zu fetzen, aber weil Sarrazin auf unterschiedliche Weise ins Feld geführt wurde, denke ich, daß ich auf diesem winzigen Feld fern von der Kernfrage dieses Diskurses, etwas Klarheit in den Diskurs hineinbringen bringen kann. Viel ist es ja nicht, weil mein Text schon älter ist. Aber wer es lesen mag, bitte sehr.
    https://www.ruhrbarone.de/das-thema-ja-aber-sarrazin-nein

  • #29
    bob hope

    Zurück zur Ausgangsfrage. Die Hetze geht weiter, vor allem die verbale: «Mit einem Kriminellen kann ich nicht gegen die Herrschaft des Unrechts angehen». Aktuelles Zitat von Gauland zu Bachmann. Politisch hat er an Bachmann und seinen Volksgenossen also nichts auszusetzen, lediglich, dass er vorbestraft ist, stört ihn. Und die Formulierung „Herrschaft des Unrechts“ hat ja schon Seehofer missbraucht. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hat sie ursprünglich benutzt, um den NS-Staat zu beschreiben. In diesem Zusammenhang legitimiert Bauer den Widerstand gegen das Unrechtsregime als „Notwehr“. Gauland legitimiert mit seiner Aussage allerdings die rechtsextremen Ausschreitungen von Chemnitz, indem er sich seinerseits auf Notwehr beruft. Ich traue Gauland zu, dass er weiß, in welchem Zusammenhang die Formulierung ursprünglich gebraucht wurde. Eine Frage nicht nur an abraxasrgb: Wann darf man jemanden als Nazi bezeichnen, wenn nicht in dem Augenblick, in dem er gemeinsame Sache mit militanten Rechtsextremen macht?

    @#27:
    „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ Allein der Satz Sarrazins genügt schon, um zu erkennen, dass er sich antisemitische und rassistische Klischees zu eigen macht. Seine Bücher sind voll davon. Zitate können Sie sich selbst zusammensuchen, wenn Sie die denn finden wollen. Und: Sarrazin ist zwar Mitglied der SPD aber in allem was er verkörpert ist er ein: Anti-Sozi. Und eigentlich auch ein National-Sozi. Was daran intelligent oder klug sein soll? Aber in die „IQ-Falle“ ist er selbst getappt, spätestens als er Intelligenz als angeboren und je nach „Ethnie“ unterschiedlich verteilt definiert hat. Abgesehen davon, dass es natürlich (im wahrsten Sinne) keine „Ethnien“ gibt.

    @# 28: Danke für den Link. Ansonsten: Im richtigen Leben laufe ich tatsächlich unmaskiert durch die Gegend, im Forum ist es manchmal aber bequemer.

  • #30
    Helmut Junge

    #29bob hope ,
    Ich habe damals diesen Satz „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“ von Sarrazin zitiert und genau wie Sie heute als Beweis für seinen Rassismus genommen.
    Dummerweise war mir zum Zeitpunkt, als ich den Artikel schrieb nicht bekannt, daß Sarrazin sich auf eine Untersuchung des Genforschers Gil Atzmann bezogen hat. mit dem die WELT ein Interview gemacht hat. Dieses Interview habe ich heute erst entdeckt.
    https://www.welt.de/kultur/article9307900/Teilen-alle-Juden-wirklich-ein-bestimmtes-Gen.html
    Mittlerweile teilen viele Wissenschaftler allerdings die Auffassung, und auch ich, daß es heute nur eine einzige Menschenrasse gibt, weil es eben selbst mit den Neanthalern fruchtbare Nachkommen geeben hat un gibt. Und wenn selbst der Neanderthaler keine andere Art, sondern nur eine andere Rasse war, gehören wir alle nicht nur zur gleichen Art, sondern sogar zur gleichen Rasse. Gut, daß ich noch einmal meine damaligen Artikel im Licht der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse lesen mußte. Es gibt gar keine Rassen bei den Menschen! Das, was uns unterscheidet, reicht nicht aus, um Rassen zu konstruieren. Vielleicht sollte ich darüber mal was schreiben.
    Nur, und das ist wichtig, gibt es nach wie vor das, was allgemein als Rassismus bezeichnet wird. Rassismus gibt es nach wie vor, auch wenn es überhaupt keine Rassen gibt..

  • #31
    abraxasrgb

    @Helmut … Über den Artikel haben wir uns, wenn ich mich richtig erinnere, schon einmal unterhalten?

    Meiner Meinung nach diskutiert Ihr hier völlig an der Sache vorbei, bei all der fröhlichen Definierei. Ob jemand Rassist, Nazi, Sozi whatsoever ist, kann ich und will ich gar nicht abschliessend und verobjektivierend feststellen … was soll es auch bringen. Diskursverbot? Wohl kaum, denn die Arschlöcher unter den Mitmenschen diskutieren in der Regel nicht, sondern handeln (zumeist brutal).
    Relevant ist die Frage, ob sich jemand an die "Spielregeln" hält oder nicht. Nicht einmal die gesinnungsethisch gern genommene Motivation interessiert mich dabei. Was allerdings auch bedeutet, das gut gemeint meist schlecht gemacht ist, bzw. der Zweck keine Mittel heiligt.
    Unterkomplexe Verurteilungen sind genau so blöd (siehe oben, alles Nazis außer Mutti), wie unterkomplexe Schlussfolgerungen aus wenig verstandenen wissenschaftlichen – willkürlich aus dem Zusammenhang genommen – Sätzen. Achso … nur weil ein "Arschloch*" mal dieselbe Meinung hat, wie ich, heisst das noch lange nicht, dass ich mich mit dem gemein mache oder er oder ich unrecht haben. Noch gilt Meinungsfreiheit und ich habe mich sogar schon in der partiellen (Meinungs-)Gesellschaft von Kommunisten wieder gefunden 😉
    Die Logik kennt neben den binären Urteilen "wahr" und "falsch" auch noch die Schnittmengen 😉

    Solange jeder, der aus welchem Grund auch immer, die Flüchtlingspolitik Merkels kritisiert (ich personalisiere das absichtsvoll, auch wenn ich weiss, dass das vermutlich mal wieder falsch verstanden und ich völlig falsch einsortiert werde), als Nazi, Fascho, Völkischer etc. abqualifiziert wird, sollte man sich nicht wundern, wenn das immer mehr werden.
    Die politisch inkorrekte Beobachtung, die ich seit ein paar Jahren mache, lässt sich dahingehend zusammen fassen: Mehr Flüchtlinge, mehr politischer Unmut in der Bevölkerung. Man kann natürlich auch wegen seiner / mit seiner Haltung und dem Kopf durch die Wand wollen, aber dann darf man sich nicht über Beulen und blutige Nasen wundern.
    Wer das nicht wahrhaben möchte und weiter mit der rosa Brille die Welt betrachtet, kann das gerne machen, nur leider kann ich denjenigen nur als naiv und weltfremd, bestenfalls idealistisch im umgangssprachlichen Sinn, bezeichnen. Eine Demokratie, die auf dem Mehrheitsverfahren beruht ist inhärent vulnerable, wenn sie den Souverän ignoriert. Das ist eine bittere Pille, aber ich befürchte, die "Alternative"(sic!) ist bitterer.
    YMMV

    PS: Zum Thema Rasse und Sprache mal "Euphemismus-Tretmühle" bei Slavoj Zizek (der dürfte hier weitesgehend unverdächtig sein) nachlesen … ich singe ja auch gerne Schiller … alle Menschen werden Brüder, aber mir ist dabei klar, dass ich eine Utopie skandiere 😉

    *Gemeint sind die Typen, die von den Ärzten besungen werden … die, die nicht einmal wissen, was Attitüde heisst (kommt nennt mich Bildungschauvi) …

  • #32
    Arnold Voss

    Wo wir dabei sind, was viele nicht wahr haben möchten. Unter anderem die Tatsache, dass eine zunehmende Menge Menschen eben nicht mehr Zuwanderung in welcher Form auch immer haben wollen. Es gibt ein paar Grundlogiken der Zuwanderung die jenseits moralischer und ethischer Überzeugungen verlaufen und die habe ich hier am 30. September 2015 gepostet und sie sind immer noch gültig:

    Willkommen in jeder Art von Kooperationsgemeinschaft, und das gilt auch für lokale, regionale und nationale Gesellschaften, ist auf Dauer nur der, der etwas mitbringt, und nicht der, der sich nur etwas holt. Der, der verspricht ein fairer Kooperationspartner zu sein, bzw. dazu zu werden. Der, der Kooperationspotentiale hat die zumindest für die Zukunft seinen Kostenanteil an der gemeinsamen Nutzung des Ortes, der Region oder des Landes sicherstellen.

    In den oder die es sich lohnt gemeinschaftlich zu investieren, weil der oder die sehr wahrscheinlich nicht zu einem abhängigen sondern zu einem gleichberechtigten Mitglied der Kooperationsgemeinschaft werden wird, und das ganz egal aus welchem Grunde er oder sie an den Ort, die Region oder in das Land gekommen ist. Ob Flüchtling oder Migrant, ob aus Not oder aus freien Stücken, es geht um das, was er zur gemeinsamen Zukunft der bestehenden Kooperationsgemeinschaft dazu tun kann.

    Viel wichtiger als die Anzahl und/oder die Art der Kooperationspartner ist den Menschen nämlich der faire Umgang zwischen ihnen. Nicht (nur) die Fremdenangst dominiert ihr Verhalten sondern auch und vor allem die Angst vor der dauerhaften und einseitigen Kostenübernahme für die Hinzukommenden. Fremde sind erst einmal nur Fremde, ob sie zu Feinden oder Freunden werden, hängt aber nicht nur von den Fremden ab.

    Es hängt vor allem davon ab, dass die Aufnehmenden ihnen von Anfang an und ohne jede Einschränkung die Möglichkeit geben, zu zeigen, was sie mitbringen. Was sie jetzt und vor allem in Zukunft zu der bestehenden Kooperationsgemeinschaft hinzufügen können, wenn man ihnen dafür die Voraussetzungen schafft, bzw. sie erst einmal nur das tun lässt, was sie ohne äußere Hilfe tun können. Wenn man genau die Energien nutzt, die ihnen die Kraft gegeben hat, herzukommen.

    Die Motivation zur Erlernung der Sprache steht dabei an erster Stelle. Ist sie nicht vorhanden, ist dies zugleich der erste Grund, ihren Willen, ein zukünftiger Kooperationspartner zu sein, mit Recht in Frage zu stellen. Das gilt im Kern für die Lernmotivation überhaupt, denn die Lernpflicht des Eingewanderten ist nichts anderes als die andere Seite der Aufnahmebereitschaft derer, die schon da sind. Erst beides zusammen ist der Garant einer auch zukünftig gerechten Kooperationsgemeinschaft.

    Menschen wandern nicht für Spaß aus oder ein, sondern weil sie es besser haben wollen. Dazu zählt mehr Sicherheit genauso wie mehr Einkommen. Migration ist nichts anderes als Aufstieg durch Ortsveränderung. Ob ich dabei das politische Gefängnis gegen eine Wohnung ohne Gitter tausche oder das Verhungern gegen eine Arbeit zum Mindestlohn, oder das bisherige Gehalt gegen ein wesentlich höheres, ist prinzipiell gleich. Es geht einzig allein darum, dass es einem am Ende besser geht als vorher.

    Das Einwanderungsland sollte, anstatt diese Tatsache moralisch zu kritisieren oder ökonomisch zu ächten, die dahinter liegende Potentiale nutzen und in produktive Bahnen lenken. Dabei teilt sich dann wie von selbst die Spreu vom Weizen. Der Integrationsprozess ist dann das entscheidende, und nicht eine irgendwie geartete Eingangsprüfung. Es sei denn die absolute Menge der Einwandernden macht eine solche Vorauslese unumgänglich.

    Die Grenzen eines Landes sind nämlich nicht nur zum Öffnen sondern auch zum Schließen da. Sonst sind es keine. Grenzen die die, die hinter ihnen wohnen, nach außen nicht schützen können, sind genau das, was auch und gerade die Flüchtlinge nicht wollen, die über diese Grenze kommen. Sie wollen nicht nur Freiheit und ein besseres Leben. Sie wollen vor allem beides endlich in Sicherheit haben. Sie selbst wären für die Auslese, wenn sie diese Sicherheit zu verteidigen hätten, auch wenn sie als Flüchtlinge aus verständlichen Gründen für möglichst offene Grenzen plädieren.

    Wer ein besseres Leben will, der will dieses auch geschützt wissen. Was hätte die Flucht sonst für einen Sinn. Da sind sich die Flüchtlinge mit denen, die sie aufzunehmen bereit sind, erst einmal einig. Es gibt deswegen auch ein grundsätzliches gemeinsames Interesse an für alle geltenden rechtlichen Regelungen. Bei der Art des Rechtes und seiner gesellschaftlichen Verfasstheit allerdings fangen die Probleme schon an. Erst recht, wenn die Zuwanderer diesbezüglich aus ihre Religion heraus überweltliche Regeln für absolut halten.

    Das gleiche gilt für die Demokratie. Einwanderer aus anderen Kulturen haben sehr wohl ein grundsätzliches Interesse an den damit verbundenen Mitbestimmungsmöglichkeiten. Sie sind für ihren Aufstieg im Land ihrer Wahl, zumindest für die von ihnen, die das wollen, von geradezu existenzieller Bedeutung. Deswegen werden sie aber nicht gleich zu überzeugten Demokraten, sofern ihr kulturellen Werte und/oder ihrer religiösen Bindungen dem entgegenstehen.

    Soziokulturelle Auseinandersetzungen sind deswegen unvermeidlich, ja sie sind unabdingbarer Teil einer Einwanderungsgesellschaft, und genau deswegen wird diese Seite der Einwanderung im Aufnahmeland so ungerne öffentlich thematisiert und diskutiert. Im Gegenteil, sie wird sogar systematisch verdrängt. Einwanderung bedeutet ab einer bestimmten Größenordnung für alle Beteiligten nicht nur, aber auch sozialen und kulturellen Stress und das selbst dann, wenn die Werteunterschiede sich nicht diametral gegenüber stehen.

    Diesen Stress muss auch die Mehrheitsbevölkerung auszuhalten bereit sein, und jedes Land was damit ausreichend Erfahrung gesammelt hat, rollt deswegen auch keinen roten Teppich aus, wenn eine neue Einwanderungswelle, egal wie sie sich konkret zusammensetzt, ansteht, um seine moralische Überlegenheit zu demonstrieren, bzw. sich selbst als Aufnahmeland zu feiern. Fast niemand nimmt Menschen zum Spaß oder aus reiner Herzensgüte auf, wenn sie nicht nur zu Besuch kommen sondern für länger oder sogar für immer bleiben wollen oder müssen.

    Der größte Selbstbetrug besteht aber darin, dass die Durchschnittsbevölkerung im Einwandererland jenseits unmittelbarer Soforthilfe mit beherztem Vergnügen oder opferbereitem Großmut bereit ist, ihren Lebensstandard zu senken und (noch) näher zusammenrücken, damit die „Neuen“ auch ausreichend Platz und Versorgung haben. Nicht nur dass das viele gar nicht können, selbst wenn sie es wollten. Es ist auch für die Eingewanderten keine dauerhafte Lösung.

    Sie sind in der Regel weder gekommen um anderen auf der Tasche zu liegen noch um die Verhältnisse im Land ihrer Wahl auf Dauer zu verschlechtern, selbst wenn ihre eigenen sich dadurch kurzfristig verbessern. Sie wollen dass das Land indem sie eingewandert sind wächst und gedeiht, weil nur so auch ihr Anteil am großen Kuchen größer werden kann. Einwanderer wollen Wachstum und dadurch mögliche Standardverbesserungen. Was hätte ihre Migration und die damit verbunden Sorgen und Nöte sonst für einen Sinn gehabt.

    Dafür und nur dafür sind sie auch bereit kulturelle Kompromisse und Anpassungsleistungen zu vollbringen. Was auch immer die Moralapostel und Wertehomogenisierer dieser Welt verkündigen, der eigentliche Deal lautet ganz pragmatisch und realistisch: Gebt uns die Chance zum Aufstieg und wir werden eure Gesetze befolgen und eure kulturellen Werte tolerieren. Ansonsten möchten wir gerne so weiter leben, wie wir es für richtig halten.

    Wird dieser Deal von Seiten der Aufnahmegesellschaft nicht ernst genommen, ja permanent in Frage gestellt und/oder praktisch torpediert, hat sie über kurz oder lang ein Integrationsproblem, das sich weder mit Werterelativismus noch mit kultureller Repression, geschweige denn durch den sogenannten interkulturellen Dialog lösen lässt. Wer auf Dauer nichts bekommt und deswegen auch nicht vorwärts kommt, der gibt auch nichts her und schließt sich stattdessen in seiner Wertewelt ein.

    Spätestens dann aber, wenn auch die Migranten, die bislang der Demokratie eher skeptisch bis abweisend gegenüber stehen, selbst begreifen, dass die g e g e n se i t i g e Einhaltung dieses Deals eben diese demokratischen Werte voraussetzt, entsteht das, was eine Einwanderungsgesellschaft im Kern und dauerhaft zusammenhält: Die feste Verankerung der gemeinsamen Verfassung in Kopf und Herz und das unabhängig davon, welchen kulturellen Migrationshintergrund Jemand hat.

    Erst auf der Basis dieses Verfassungspatriotismus kann Einwanderung nicht nur akzeptiert, gewünscht oder gebraucht, sondern auch praktisch gelebt werden. Dazu gehört aber auch, dass die Einwanderer, die prinzipiell zu dieser Verfassungstreue nicht bereit sind, bewusst als Verfassungsfeinde unter gesellschaftlichen Druck gesetzt, und bei Vergehen gegen die Verfassung und darauf basierendem Recht ohne jede kulturelle und/oder religiöser Relativierungsrücksicht verurteilt und bestraft, ja sofern sie (noch) abgeschoben werden dürfen, auch des Landes ohne jedes Recht auf Wiederkehr verwiesen werden.

    Einwanderung ist keine Einbahnstraße sondern ein gegenseitiges und prozesshaftes Verhältnis mit erst einmal offenem Ausgang. Geduld ist dabei nur eine Seite der Medaille. Die andere ist Konsequenz und Klarheit. Geduld hat nämlich nur dann einen Sinn, wenn sie nicht überfordert wird, d.h. dass sie auch ein Ende haben können muss. Notfalls auch eins mit Schrecken, denn Niemand – die Einwanderer eingeschlossen – kann daran Interesse haben, dass eine Gesellschaft an der Einwanderung zerbricht.

  • #33
    bob hope

    @#31: Jetzt mal ernsthaft. Alles was ich aus Ihrem Geschwurbel herauslesen kann, ist: die „Wut“ der „besorgten Bürger“ über „die Flüchtlingspolitik Merkels“* gefälligst akzeptieren, ansonsten werden die immer mehr! Bullshit: Die Akzeptanz hat dazu geführt, dass die Nazis, Faschos, Völkischen etc. immer mehr und mutiger werden. Sorry, wenn ich an der Stelle Adorno zitieren muss: "Die bewahrende Hand, die immer noch ihr Gärtchen hegt und pflegt … ist bereits die, welche dem politischen Flüchtling das Asyl verweigert."

    *was genau ist das?

  • #34
    abraxasrgb

    @ #32 Arnold
    D´accord. Besonders der Teil der eigenen Veränderung hat mir, an meinem interkulturellen Hochzeitstag, gut gefallen 😉

  • #35
    abraxasrgb

    @ #33
    We agree to disagree?

    Die GGG, die größte gesellschaftliche Gefahr, geht nicht von Nazis, Wutbürgen, Konservativen, Kommunisten, Identitären oder Identitätspolitischen etc. aus, sondern vom Verlust des entspannten Umgangs mit völlig konträren Meinungen und der Tendenz zu einer kompromisslosen Konfrontation untereinander bzw. Verlust des politischen Miteinanders, bei der das eigentlich Sachproblem in den Hintergrund gerät.

    Aber den Tenor meiner Beiträge hast Du verstanden. Wer unangeschnallt und mit Vollgas, defekter Bremse und arretierter Lenkung auf die Mauer zufährt und "Airbag, Airbag" singt, dem wünsche ich viel Glück 😉

    Man kann auch zum gutmenschlichen Gesinnungsfascho werden, ohne es selbst zu bemerke(l)n 😉

  • #36
    Helmut Junge

    abraxasrgb, ich wollte mich wirklich nicht an dieser Diskussion beteiligen, bin umgeknickt und hab es dann doch getan.
    Aber ehrlicherweise betrifft mich die Frage über dem Artikel nicht.
    Es geht doch darum, ob ich all den ungezählte Medienberichten Glauben schenke oder eben nicht.
    Was ist das für eine Frage? Es geht um die empfundene Glaubwürdigkeit der Medien, der Politiker und der höchsten Beamten im Lande.
    Und darüber gibt es seit vielen Jahren Umfragen. Die letzten Umfragen sagen, daß in Ostdeutschland nur 29% der Menschen den Medien vertrauen und in Westdeutschland sind es mehr, aber mit 48% weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Und das ist eben genau nicht mein Problem, sondern daß der Medien. Ich kann die Medienvrtreter auch nicht beraten, wie sie wieder mehr Vertrauen erwerben könnten. Wollen die auch gar nicht hören.
    Dazu ein ganz frischer Artikel aus der TAZ
    http://www.taz.de/!5534014/
    Die Zahlen über Politiker und Spitzenbeamte weiß ich nicht mehr.
    Ein besonderer Spitzenbeamter, der Herr Maaßen, erzählt Gedanken, die er nicht belegen kann. So etwas ist speziell bei seinem Amt, hochgefährlich.
    Über die Glaubwürdigkeit von Politikern muß ich nichts sagen, denn ich glaube persönlich kaum einem.
    Und dann geht es noch um eine Stadt, die ich nie esehen habe.
    Wenn die Medien darüber, was in dieser Stadt geschieht berichten, und in Westdeutschland werden diese Berichte geglaubt, aber in Ostdeutschland weniger, und speziell in dieser Stadt noch weniger, ist das dann mein Problem?
    Auch hier im Blog gibt es Leute, die es glauben und solche, die es nicht glauben. So ist das eben mit den Menschen, haben doch nicht mal alle Jünger die Wunder von Jesus geglaubt.
    Und dann kommt noch eine ganz wichtige neue Untersuchung dazu. Eine Forschergruppe hat nämlich Menschen im Experiment mit Aussagen , die nicht ihrer üblichen Filterblase entsprachen konfrontiert.
    im Experiment ZItat
    "mittels Bots (also speziellen Computerprogrammen) mit politisch jeweils gegenläufigen Meinungen versorgt. Bei den Demokraten führte das zu einer ganz leichten Intensivierung ihrer liberalen Orientierung, bei den Republikanern hingegen zu einer massiven Verstärkung ihrer konservativen Haltung" –
    derstandard.at/2000086465564-2000016804768/Was-passiert-wenn-die-Filterblase-durchbrochen-wird
    Über eine Diskussion sind solche Leute also kaum zu beeinflussen. Die andere Seite aber auch nicht.
    Also gucke ich hier von Zeit zu Zeit rein und frage mich, ob eure Diskussion zu den Aussagen solcher Studien paßt.
    Ach, und noch was abraxasrgb. Wir beide haben sicher über Sarrazin gesprochen. Wahrscheinlich auch über meinen Artikel. Da schlägt wohl bei mir das Alter mit brutaler Härte zu. Hab ich irgendwie vergessen. Du hast den Artikel doch hoffentlich wohl nicht runtergemacht?

  • #37
    bob hope

    @abraxasrgb:
    Es gibt imho keinen entspannten Umgang mit dem Thema. Das ist eine gefährliche Verharmlosung. Dass Migration eine Herausforderung ist, haben mittlerweile auch die „Gutmenschen“ kapiert. Von Rechtsaußen wird das Thema aber ausschließlich benutzt, um das hohe Lied der Volksgemeinschaft zu singen, um völkische Inhalte in den Mainstream zu tragen. Die Volksgenossen wollen endlich mal wieder die Sau rauslassen, so wie in Chemnitz. Identitätspolitik hat immer schon Krisen geschaffen und verstärkt. Den Krisen kommt man natürlich weder mit „Gutmenschentum“, das Sie mir vermutlich unterstellen (keine Ahnung übrigens aufgrund welcher Aussagen) noch mit völkischen und autoritären Lösungen bei.

    Eine interessante Statistik: 2017 gab es laut BKA 731 Morde und Tötungsdelikte (83 davon durch „Ausländer“). Für AfD und Kameraden 731 oder doch nur 83 verpasste Möglichkeiten, zu trauern…. anyway. In den 1970er und 80er Jahren allein auf dem Gebiet der alten BRD jährlich mehr Morde und Tötungsdelikte als in jedem Jahr seit der Jahrtausendwende. Vermutlich war der Anteil „ausländischer Täter“ damals geringer, das Land ist aber wesentlich sicherer geworden

    Arschlöcher gibt es immer und überall und manchmal sind es eben auch diejenigen, die als (vermeintlich) Schutzsuchende um Asyl bitten. Politisch unkorrekt ausgedrückt: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Doch die Ethnisierung von Konflikten (sozialer oder manchmal auch nur persönlicher Art) sorgt für die Eskalation, die wir seit Jahren nicht nur in Deutschland erleben.

  • #38
    Helmut Junge

    @bob hope "Doch die Ethnisierung von Konflikten (sozialer oder manchmal auch nur persönlicher Art) sorgt für die Eskalation, die wir seit Jahren nicht nur in Deutschland erleben."
    Aber mit dem ausschließlichen Bezug auf die deutsche Geschichte kann niemand ähnliche Entwicklungen in anderen Ländern erklären, wie z.B. in Schweden.
    Und diesen ausschließlichen Bezug auf die deutsche Geschichte finde ich in fast allen Kommentaren diesseits und jenseits der Ruhrbarone.
    All diese Erklärungsversuche, manch einer bemüht sich sogar ernsthaft Trump in die Nähe der deutschen Naziszene einzuordnen, stehen auf wackligem Boden. Die derzeitige Populistenbewegung ist ein weltweites Problem, und die Populisten verschiedener Länder suchen sogar den Schulterschluß untereinander. Das ist nicht vergleichbar mit der gut untersuchten deutschen Geschichte.

  • #39
    Wolfram Obermanns

    Maaßens Einlassungen auf dem Boulevard haben das Vertrauen in seine Amtsführung, in die Behörde und in die Funktionalität des Rechtsstaats beschädigt. Der Schaden bleibt selbst dann bestehen, wenn man seinen letzten Erklärungen folgt.
    Schaden genommen hat dabei aber auch das Ansehen der Medien, die zunächst ungeprüft Bilder einer unzuverlässigen Quelle nutzen, um ihr " Klickvieh" möglichst schnell zufrieden zu stellen. Diese Medien können nur sehr begrenzt als Unterstützung im Kampf gegen Radikalismus gelten.

    Auch durch die Massenmigration haben sich die Anforderungen geändert und sind gestiegen. Offensichtlich findet sich an vielen Schaltstellen Personal jeder Profession und politischen Couleur, daß es nicht schafft, die neuen Gegebenheiten hinreichend zu antizipieren. Da diese Leute nicht einfach austauschbar sind, werden wir uns für einige Zeit mit der sichtbaren Präsenz von Radikalität, Dummheit und Inkompetenz abfinden müssen. Die kommenden Jahre wird das bundesrepublikanische System erneut und in anderer Weise seine Stressfestigkeit erweisen müssen.

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