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Gastarbeiter, Islamismus und die aufgeklärten Deutschen

Unser Gastautor Werner Jurga beschäftigt sich mit der Frage, ob Kritik am Islamismus sowie das Thematisieren von Parallelgesellschaften rechtspopulistischen Tendenzen in Deutschland in die Hände spielt.
Dr. Werner Jurga ist Sozialwissenschaftler und lebt in Duisburg. Er betreibt eine politische Website und ist Mitglied der SPD.

Türken beim Public-Viewing Foto: Flickr/ak42

1964 – ich besuchte die Grundschule – zog der erste Türke zur Untermiete bei uns ein. Etwas später folgte ein mit ihm befreundetes Ehepaar. Nein, ich komme nicht aus besserem Hause, wie man so sagt. Im Gegenteil: unser Haus war sogar ziemlich klein. Folglich waren die beiden Zimmer, in denen die Türken wohnten, auch verdammt klein. Aber meine Großeltern konnten die Mieten als Zubrot gut gebrauchen, und die Türken waren heilfroh, bei uns untergekommen zu sein. Sonst wären sie wohl in so einem Gastarbeiterheim gestapelt worden, mit denen sich windige Immobilienspekulanten eine goldene Nase verdient hatten.

Obgleich man schon etwas verunsichert war, ob so ein Südländer nicht einfach mal so auf die Idee kommen könnte, den armen, kleinen, blonden, blauäugigen Jungen, also mich, abzustechen, zumal „die ja alle immer ein Messer dabei haben“, lehrte man mich, freundlich zu den Mohammedanern zu sein. Erstens seien dies auch Menschen, und zweitens wollte man sich nichts nachsagen lassen.

Unser Gastautor Werner Jurga beschäftigt sich mit der Frage, ob Kritik am Islamismus sowie das Thematisieren von Parallelgesellschaften rechtspopulistischen Tendenzen in Deutschland in die Hände spielt.
Dr. Werner Jurga ist Sozialwissenschaftler und lebt in Duisburg. Er betreibt eine politische Website und ist Mitglied der SPD.

Türken beim Public-Viewing Foto: Flickr/ak42

1964 – ich besuchte die Grundschule – zog der erste Türke zur Untermiete bei uns ein. Etwas später folgte ein mit ihm befreundetes Ehepaar. Nein, ich komme nicht aus besserem Hause, wie man so sagt. Im Gegenteil: unser Haus war sogar ziemlich klein. Folglich waren die beiden Zimmer, in denen die Türken wohnten, auch verdammt klein. Aber meine Großeltern konnten die Mieten als Zubrot gut gebrauchen, und die Türken waren heilfroh, bei uns untergekommen zu sein. Sonst wären sie wohl in so einem Gastarbeiterheim gestapelt worden, mit denen sich windige Immobilienspekulanten eine goldene Nase verdient hatten.

Obgleich man schon etwas verunsichert war, ob so ein Südländer nicht einfach mal so auf die Idee kommen könnte, den armen, kleinen, blonden, blauäugigen Jungen, also mich, abzustechen, zumal „die ja alle immer ein Messer dabei haben“, lehrte man mich, freundlich zu den Mohammedanern zu sein. Erstens seien dies auch Menschen, und zweitens wollte man sich nichts nachsagen lassen. Schließlich waren es noch nicht bzw. eben gerade mal zwanzig Jahre her, dass sich Deutsche gegenüber einer anderen Minderheit extrem unfreundlich verhalten hatten. Also die Parole: „Wir verhalten uns anständig gegenüber den Mohammedanern!“ Für diese sprach immerhin, dass sie ziemlich fromm waren. Ganz puzzelig: „So wie wir an Gott glauben, glauben die an ihren Allah.“ Den gab´s natürlich nicht in echt, trotzdem: „Lach da bloß nicht drüber!“ Ich hatte verstanden: die sind zwar nicht ganz dicht. Aber man darf es denen nicht sagen, weil die alle ein Messer haben. Ansonsten sind sie ganz possierlich, so ähnlich wie unsere Haustiere, allerdings schon auch Menschen.

So oder so ähnlich wurde das auch im Fernsehen erzählt. So oder so ähnlich stand das auch in allen Zeitungen. Kurioserweise ist aus den ehrenhaften Absichten dann doch nicht so richtig was draus geworden. Erstens bedeutete nämlich der Umstand, dass die Gastarbeiter auch Menschen waren, dass sie sich nicht dauerhaft damit zufrieden gegeben hatten, sich als Hilfsarbeiter, Müllmann oder Straßenfeger ausbeuten und als Mieter abziehen zu lassen. Damit hatte man eigentlich nicht gerechnet und zog die üblichen Konflikte nach sich, die notwendig auftreten, wenn Zugezogene auf Eingeborene treffen. Zweitens wollten einige, ehrlich gesagt: eine ganze Menge Deutsche es nicht mehr einsehen, dass sie auch bei Konflikten mit den Kanaken – wie man sich inzwischen angewöhnt hatte, die Türken liebevoll zu nennen – freundlich zu sein hätten, „nur weil wir den Krieg verloren haben.“

Langer Rede kurzer Sinn: diese Generation der Deutschen erwies sich im Großen und Ganzen nicht als aufnahmebereit. So etwas wie Integration konnte überhaupt nicht gelingen, weshalb die Politik sicherheitshalber der Nachkriegsgeneration verschwiegen hatte, dass die Gastarbeiter in großer Zahl im Lande bleiben werden. Die nachwachsende Generation, die sich – wie ich – das ganze Elend ansehen und feststellen musste, sah ein, dass die Alten doch sehr stark von der Hitlerzeit geprägt wurden. Ihre Eltern und Großeltern waren folglich wieder einmal Opfer, weil ihnen ein menschlicher Umgang mit denen, die so anders waren, nicht gelingen konnte.
Die nächste, also meine Generation ist dann in der Demokratie groß geworden. Viele von uns konnten sogar die höhere Schule besuchen. Es konnte also alles nur noch besser werden! Wir waren nämlich direkt international. Wir gingen in ausländische Restaurants essen. Sogar beim Türken. Später kamen auch noch Araber, also auch Moha…, Quatsch – natürlich: Muslime. Haben Sie schon einmal beim Ägypter gegessen? Klasse!

Es musste endlich Schluss sein mit dieser Ausländerfeindlichkeit! Die gab es nämlich immer noch. Bei den Alten, klar. Und auch bei den – ach, wie sagt man: einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten. Die wohnten und wohnen zwar in denselben Vierteln wie unsere muslimischen Einwanderer, die wir sicherheitshalber zunächst einmal Zuwanderer nennen wollen. Niemanden verschrecken! Aber da gibt es halt Reibereien, und die einfachen Leute sind halt nicht so weltoffen wie wir.
Gehen wir ins Jahr 1989! Ein Vierteljahrhundert später als 1964, heute vor zwanzig Jahren. Schon seit einiger Zeit ist das Wort „Ausländerfeindlichkeit“ – auch bei cleveren Einwanderern – zum Kampfbegriff mutiert, gegen den sich ein anständiger Deutscher, der ja auch anständig gegenüber Muslimen zu sein hat, zu wappnen hatte. Aber es gab 1989 auch Ausländerfeindlichkeit. Und zwar mächtig! Kein Vergleich mit der heutigen Situation.
Zur Erinnerung: als 1990 die deutsche Nationalmannschaft Fußballweltmeister geworden war, wurden in etlichen deutschen Städten wahllos Türken verprügelt. Die Wiedervereinigung war in vollem Gange, Weltmeister: wir waren wieder wer.

Im Februar 1989 verurteilte der iranische Staatschef Khomeini den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie zum Tode. Khomeini rief die Moslems in aller Welt zur Vollstreckung auf. Um die Durchführung zu beschleunigen, wurde ein Kopfgeld von drei Millionen US-Dollar ausgesetzt.

Obwohl das Kopfgeld zwischenzeitlich verdoppelt wurde und das iranische Mullah-Regime bis heute an dem Mordaufruf festhält, lebt Salman Rushdie bekanntlich noch heute – gut versteckt und strengstens bewacht. Einige Übersetzer der Satanischen Verse sind allerdings islamistischen Anschlägen zum Opfer gefallen.
Auch in Deutschland herrschte große Aufregung allerorten. In der Duisburger WAZ debattierten Politiker wie Leserbriefschreiber wochenlang – in der Regel hochemotional. Eine sozialdemokratische Ratsfrau mahnte alle Seiten zur Besonnenheit und gab zu bedenken, dass einen streng gläubigen Muslim eine Beleidigung des Propheten tief verletzen müsse.

Damit hatte sie selbstverständlich nicht den Mordaufruf legitimieren wollen, doch die mit ihrem Verständnis für das muslimische Seelenleben verbundene Schuldzuweisung war freilich weder zu übersehen noch zu überhören. Sie bildete ja den Sinn der Wortmeldung.

Der „Fall Rushdie“ ist das erste mir erinnerliche Beispiel in einer langen Kette von Ereignissen, die in den zwanzig Jahren bis heute folgen sollten. Und wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ schließt sich daran eine Reaktion an, die mich an die zitierte Duisburger Stadträtin erinnert. Es könnte doch alles so schön sein, wenn …
… ja wenn da nicht ewig diese Störenfriede wären! Was muss der Herr Rushdie auch über den Herrn Mohammed herziehen?! Warum müssen diese dänischen Karikaturisten auch unbedingt den Herrn Mohammed zeichnen?! Das ist doch allen ausdrücklich gesagt worden, dass das streng verboten ist. Das haben die uns doch so gesagt! Oder vor einem Vierteljahr in Duisburg dieser antideutsche Student, der israelische Flaggen in die Fenster seiner Wohnung gehängt hat. Das war doch die reinste Provokation. Da darf man sich doch nicht wundern! So ein Schnösel: bringt aus ideologischen Gründen alle möglichen unschuldigen Menschen, die Polizeibeamten und nicht zuletzt sich selbst in Gefahr!
Wie leicht dieses Argumentationsmuster inzwischen in die Tasten geht! Vor einigen Tagen brachte es der Polizeigewerkschaftler Frank Richter in den Streit um den Duisburger Flaggenskandal ein. Und zwar mit einer Bräsigkeit, die – als sei es nicht ohnehin schon allen klar – jedem vor Augen hält, wie selbstverständlich eine solche Sicht der Dinge inzwischen geworden ist. Wie gesagt und wie man weiß: die genannten drei Beispiele könnten beliebig ergänzt werden.

Die Serie islamistischer Einschüchterung hat dabei ihre Wirkung bei denjenigen, welchen sie gegolten hat, keineswegs verfehlt. Die Rede ist von der aufgeklärten Intelligenzija, den Lehrern, Journalisten und Intellektuellen, den Linken und Liberalen. Die Rede ist von all denen, die in jedem neuen Computer für die Polizei einen Überwachungsstaat Orwellschen Ausmaßes wittern, und die sich bei jeder x-beliebigen reaktionären Einlassung irgendeines x-beliebigen CSU-Zweitligapolitikers berufen fühlen, vor einem vermeintlichen Wiedererstarken des Faschismus zu warnen. Die Zivilcouragierten pflegen dann Unterschriften gegen die Zensur zu sammeln und mobilisieren zum Kampf gegen Rechts.
Doch viele von ihnen haben es vorgezogen zu schweigen, als die Schere der Zensur in einem bislang nicht für möglich Ausmaß Einzug in unsere politische Kultur hielt. Eine Rezension der Satanischen Verse? Das Publizieren – sagen wir – einer einzigen Mohammed-Karikatur? Oder auch nur eine beiläufige – bislang als Zeichen der Selbstidentität unerlässliche – religionskritische Äußerung. Über den Koran? Oder auch nur über einen reaktionären Geistlichen. Ich meine: einen muslimischen? – Fehlanzeige.
Nun gut, ließe sich sagen, was soll´s. Auf derartigen nicht einmal akademischen Schnickschnack reagieren wir ganz aufgeklärt säkular nach dem Motto: lieber einmal feige als immer tot. Okay.
Aber auch Beobachtungen wie Zwangsheiraten – etwas vornehmer: arrangierte Ehen – oder „Ehrenmorde“ – wobei sich die „Ehre“ durch vollständige Abschottung von der europäischen Gesellschaft und deren Kultur definiert – konnten, jedenfalls bis vor Kurzem, das Schweigen nicht brechen. Und es waren auch nicht die linken und liberalen, „multikulturell“ gesonnenen deutschen Mittelschichtler, die derartige Themen auf die Tagesordnung setzten.

Es waren türkische Intellektuelle, in den meisten Fällen Frauen, die das Schweigen in der deutschen Öffentlichkeit und in der türkischen Community einfach nicht mehr länger hinnehmen wollten. Es sind türkische – und damit meine ich selbstverständlich auch türkischstämmige – Schriftstellerinnen und Rechtsanwältinnen, Künstlerinnen und Politikerinnen, die ein ungleich höheres Maß an Mut und Courage aufbringen, als das einen deutschen Durchschnittslinken kosten würde, wenn er (oder sie) einfach einmal sagen würde: „Du ey, irgendwie finde ich das nicht so gut, dass die MigrantInnen so für die Frauenbewegung und so Sachen noch nicht das Feeling haben.“
Folglich wäre es zu kurz gegriffen, erklärte man das Schweigen der kritischen Öffentlichkeit allein mit Feigheit. Es ist auch die (richtige) Lehre der Eltern, dass die muslimischen Einwanderer als Menschen in all ihren Facetten zu respektieren sind. Und dazu gehört nun einmal auch die Tradition, die Kultur und die Religion. Und so erinnerte man sich an den Hinweis der Großeltern, freilich ohne dies derart angestaubt zu formulieren, dass Türken nun einmal eine ganz andere Mentalität hätten. Und genau deshalb durfte man gegen die nichts sagen und über die nicht lachen. Alles andere wäre ja mehr als ausländerfeindlich. Es wäre rassistisch.

Die kritischen Intellektuellen scheuen aber nichts mehr als den Vorwurf, rassistisch zu sein. Und weil es nun einmal in der ganz anderen Mentalität der Muslime begründet liege, schweigen deutsche Linke und Liberale auch dann, wenn die Ehefrauen geschlagen und die Töchter sexuell ausgebeutet werden. Man greife diese Grässlichkeiten ja durchaus auf und an, ohne sie freilich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zuzuordnen. Wer will denn auch bezweifeln, dass Gewalt gegen Frauen und sexuellen Missbrauch auch in der deutschen Mehrheitsbevölkerung anzutreffen sind? Dasgleiche gilt auch für die Kriminalität unter – vorwiegend männlichen – Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Auch hier lassen sich die Beispiele beliebig fortführen …bis das Problem tabuisiert und das Phänomen verschwunden ist.

Abgesehen von der Wirklichkeit: da hat die Welle der Islamisierung in der muslimischen Welt die türkische Bevölkerung in Deutschland längst erreicht. Umfragen belegen, dass die Frömmigkeit unter den Türken erheblich zugenommen hat. In der Wirklichkeit gibt es, wie jeder weiß, auch Erscheinungsformen wie (das Entstehen einer) Parallelgesellschaft, also Gettobildung. Es gibt islamistische Netzwerke, die antidemokratisches und antisemitisches Zeug unter die Leute bringen, auch einige wenige, die heilige Kriege für den Dschihad in Zentralasien oder den Terrorismus hier rekrutieren. Und es gibt die jugendlichen Kleinkriminellen, die ihre Opfer freilich vorwiegend unter den (sozial) Schwachen finden.
Weil Demokraten nicht darüber schreiben oder reden wollen, ist das Feld – im Grunde zwingend – den Antidemokraten überlassen: den Ausländerfeinden, den Rassisten, also, wie man seit einiger Zeit zu sagen pflegt, den Rechtspopulisten.
Selbstverständlich ist von den Braunen nicht zu erwarten, dass sie klar machen, was eben auch zur Wirklichkeit gehört, nämlich dass

•    die überwältigende Mehrheit der Türken in Deutschland, auch der nach eigenem Bekunden gläubigen bzw. stark gläubigen, mit islamistischen Netzwerken und Ideologien nichts am Hut hat,
•    fast alle Türken in Deutschland ein „normales“, sprich: westliches Leben führen wollen,
•    die meisten Türken ihren Kindern eine gute Bildung und Ausbildung anstreben, und
•    sich die türkischen Erwachsenen, und in ganz starkem Maße die frommen, sich schämen, weil recht viele türkische Jungs auf die schiefe Bahn geraten sind.

Insofern lassen die aufgeklärten Deutschen die „integrationsbereiten“ Türken ein zweites Mal im Stich. Erst sehen die, denen die Frauenemanzipation ein besonders wichtiges Anliegen ist, weg, wenn Frauen unterdrückt, misshandelt oder gar ermordet werden. Nämlich dann, wenn es sich um muslimische Frauen handelt. Und als zweites überlassen sie die – ohnehin notwendige, im Superwahljahr wahrscheinlich intensiv geführte – politische Diskussion über die Schwierigkeiten, Defizite und Rückschläge im Prozess der Integration denen, die der türkischen Bevölkerung alles Mögliche wünschen, nur eben nichts Gutes.

Aber was will man erwarten? Soll man auf die Solidarität derer setzen, die sich selbst nicht viel zu bedeuten scheinen? – Ja, man soll. Und man soll nicht nur. Man muss!
Den Zuwanderern oder Einwanderern, Türken und Türkischstämmigen oder – das ist das Neueste – „Neuen Inländern“ bleibt gar nichts Anderes übrig, als auf ein Bündnis mit den kritischen, demokratischen und aufgeklärten Intellektuellen zu setzen.
Diese wiederum werden nicht darum herumkommen, noch einmal gründlich nachzudenken, um zu erkennen, dass das Böse auch dann böse ist, wenn es türkisch spricht.
Und dass, wenn man drüber nachdenkt, ein Mädchen auch dann ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung und eine gute Schulbildung hat, selbst wenn es weder blonde Haare noch blaue Augen vorweisen kann.

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38 Kommentare zu “Gastarbeiter, Islamismus und die aufgeklärten Deutschen

  • #1
    Andreas

    Lieber Dr. Jurga,
    ehrlich es nervt.
    Sie betreiben das Geschäft von ProNRW und anderen Populisten – aber halt das stimmt gar nicht. Sie betreiben ihr eigenes von ihren eigenen Ressentiments geprägtes Geschäft.
    Warum gelingt es Ihnen nicht gegenüber Muslimen zu differenzierten Aussagen zu kommen.
    Sie sind doch promovierter Sozialwissenschaftler. Schade eigentlich.
    Es gibt weder in Recklinghausen noch in Duisburg noch sonstwo eine homogene muslimische community.
    Die „Zuwanderer“ sind so untershiedlich wie die Eingeborenen.
    Einige trauen sich auch mal zu demonstrieren und sind dann ein wenig temperamentvoller als deutsche Linke. Es gibt bei ihnen Nationalisten von der MHP, Kommunisten, die mit Allah genauso wenig zu tun haben wie unsere Agnostiker mit dem lieben Gott. Und es gibt natürlich auch gläubige Muslime.
    Sogar fanatiosch gläubige soll es geben. Wenn allerdings muslimische Terrorzellen in Deutschland irgendwas planen, kann man sicher sein, dass die führenden Köpfe deutsche Konvertiten sind.
    Liegt wahrscheinlich an den besonderen Führungsfähigkeiten der Deutschen. Schon mal drüber nachgedacht?

  • #2
    Werner Jurga

    @Andreas

    Lieber Andreas,

    etwas verwundert bin ich über die von Ihnen gewählte Anrede („lieber“), weil Sie mir doch immerhin unterstellen, das Geschäft der Rechtspopulisten zu betreiben bzw. meine, wie Sie sagen: ausländerfeindlichen Ressentiments zu verbreiten.
    In der von Ihnen kommentierten Sache selbst, nämlich die Beurteilung der muslimischen Community in Deutschland, vermag ich keinerlei Unterschied zwischen uns beiden zu erkennen.
    Ich stimme Ihnen zu, dass die Einwanderer genauso unterschiedlich sind wie die Eingeborenen. Ich gebe Ihnen zu, dass ich in diesem Zusammenhang noch nicht über die von Ihnen konstatierten „besonderen Führungsfähigkeiten der Deutschen“ nachgedacht habe. Ich sehe auch keinerlei Anlass, den von mir im Text erhobenen Rassismus-Vorwurf mit jedem möglichen Stuss zu untermauern.

    Was Ihren Vorwurf betrifft, mein „nerviger“ Text sei Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten, so möchte ich Sie bitten zu überlegen, welche politischen Vorschläge sich aus meinen Überlegungen ableiten ließen, und was Rassisten vom Schlage der ProNRW so alles fordern.
    Dass Sie mir ausländerfeindliche Ressentiments unterstellen, kann ich nur darauf zurückführen, dass in der jetzt publizierten Form der Text Passagen enthält wie „ganz andere Mentalität“, die selbstredend kursiv gestellt oder in Anführzeichen gesetzt gehören. Sollten Sie nach dieser Klarstellung an diesem Vorwurf festhalten, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich dergleichen zu überhören pflege.

    Lieber Andreas, gestatten Sie mir eine Gegenfrage: ist an meiner Darstellung, dass es durch „Rushdie“ oder den „Karikaturenstreit“ zu einer Beeinträchtigung der Meinungsfreiheit gekommen ist, etwas dran oder nicht?

  • #3
    Arnold Voss

    @ Andreas

    Schon vergessen, dass 9.11 wesentlich in Deutschland und das nicht von deutschen Konvertiten geplant und vorbereitet worden ist? Oder wollten sie das einfach vergessen weil es nicht zu ihrem Weltbild passt ? Schon mal drüber nachgedacht?

    Ich weiß nicht wo sie ihren Alltag verbringen. Ich leben seit über 20 Jahren inmitten türkisch-muslimischen Communitys. Im Rurhgebiet und in Berlin. Politisch sind die sehr differenziert und auch die Gläubigkeit der Muslime ist sehr unterschiedlich. Was das patriarchale und tendenziell frauenverachtende Verhalten und dessen kollektive Duldung betrifft sind sie allerdings homogener als sie denken. Und noch mehr was die Feindlichkeit gegenüber Homosexuellen betrifft. Und fanatische Gläubige gibt es wesentlich mehr als noch vor 10 Jahren. Einschließlich der offen Straßenagitation und Missionierung.

  • #4
    Andreas

    Lieber Dr. Jurga, lieber Arnold Voss,
    wenn es denn sein muß drehe ich halt noch eine runde an der Gebetsmühle mit.
    Beginnen wir mit den zitierten türkisch-stämmigen Intellektuellen.
    Wenn sich Seyran Ates oder Necla Kelek ihren Markt mit einem Thema suchen, ist das zunächst mal ihr gutes Recht. Damit ist nichts darüber ausgesagt, ob sie wirklich relevante Probleme ansprechen.
    Es gibt in der Sozioloigie durchaus auch Stimmen, die der meinung sind, dass „Parallelgesellschaften“ in der pluralistischen Gesellschaft eine unmöglichkeit sein.
    Für mich sind sie nicht Wirklichkeit sondern Kampfbegriff.
    Ebenso wie Ehrenmorde keine eigene Art der Tatausführung eines Verbrechens gem. § 211 StGB sondern eben auch ein Kampfbegriff sind.
    Vor dreißig Jahren konnten wir in Deutschland noch aus guten Gründen darüber streiten, warum wesentlich mehr Frauen, die ihren Partner getötet hatten, als Mörderinnen verurteilt wurden während Männer überwiegend „nur“ totschläger waren, wenn sie das gleiche Ergebnis erzielt hatten.
    Heute – bei einem beachtlichen Rückgang der Tötungsdelikte insgesamt – brauchen einige den rassistichen Thrill, um Beziehungstaten zu beschreiben.
    Das ist zum Kotzen.
    Was menschliches Leben wert ist, könnten wir auch am Beispiel der Spätabtreibung diskutieren – wir diskutieren es aber lieber an den Anwaltshonoraren, die durch alle drei bis fünf Jahre begangene einzelne Taten natürlich nicht zum Leben (des türkischstämmigen Intellektuellen) reichen können.
    Was männlichen Sexismus angeht, da sehe ich eher einen kleinen Vorsprung bei deutschen Männern, die samsstags ihr Familienhuhn zum shoppen schicken.

  • #5
    Andreas

    Nachsatz
    Schade, dass man Kommentare nicht bearbeiten kann.
    Noch zur Meinungsfreiheit: Nein, Dr. Jurga, die Meinungsfreiheit in Deutschland hat weder durch Rushdie noch durch den Karikaturenstreit gelitten.
    „Die letzte Versuchung Christi“ hat die Rechtgläubigen ebenso selbstverständlich vor die Kinos gezogen, wie es zuvor schon andere blasphemische werke getan haben.
    Ich kann es nicht beurteilen, ob die Fatwa nur Rushdies Auflage dient oder ihn gefährdet. Ist mir aber auch egal, weil es ein allgemeines Lebensrisiko dessen ist, der sich besonders exponiert, dass er Neider und Psychopathen anlockt.

  • #6
    Arnold Voss

    @Andreas
    Lieber Andreas, der einzige der hier an einer Gebetsmühle dreht sind sie. Alles was nicht da reinpasst wird von ihnen schlicht geleugnet oder mit platter Polemik abgefertigt.Fragen die ihnen nicht passen, beantworten sie natürlich nicht. Ihre Aussage zu Rushdie sagt eigentlich auch alles über ihre menschenverachtende Denke. Sowie der Tiervergleich Familien-Huhn für ein Haus-Frau sie als genau das Mitglied der sexistischen deutschen und türkischen Männergemeinde ausweißt, der sie hier angeblich so fern stehen.

    Der Begriff der Ehre ist – wenn überhaupt – ein Kampfbegriff der türkischen Community. Und wegen der Ehre mit dem Gedanken zu spielen, jemanden zu töten, ist Teil des dortigen männlichen Weltbildes.

    Die Frauenemanzipation ist in Deutschland wesentlich weiter fortgeschritten als in den muslimischen Communitys und erst recht in der Türkei selbst.

    Eine sich offen outender schwuler politischer Führer wäre weder in der Türkei und erst recht nicht in der türkischen Community in Deutschland möglich.

    Bevor sie also weiter hier herumschwadronieren und das ganze noch als „links“ und als „Wirklichkeit“ verkaufen ein paar Fragen:

    1. Leben sie in einer türkischen Community oder nicht?
    2. Welcher Partei gehören sie an?
    3. Bezahlt sie jemand für die Plattheiten die sie hier verbreiten?

    Ich gehöre übrigens keiner Partei an und mache das hier wie alle Ruhrbarone ohne Entgeld. Und wie gesagt, ich lebe in einer muslimischen Community und zwar mit ihr und nicht gegen sie.

  • #7
    Andreas

    Lieber Arnold Voss,
    Ihre Fragen beantworte ich gern.
    Ich lebe in Recklinghausen. Eine nette Stadt mit ca. 120000 Einwohnern. Hier leben auch Türken und türkisch-stämmige Deutsche. Mit ein paar wenigen davon bin ich auch bekannt. Einer Partei gehöre ich heute nicht an, obwohl ich es für richtig halte, dass man sich in organisierter Form politisch engagiert.
    Für meine Meinungsäußerung möchte ich nicht bezahlt werden, werde mich aber von der unbezahlten auch nicht abhalten lassen.
    Haben Sie sonst nocht Gedanken zu Einflüsssen auf Meinungsfreiheit?
    Ich halte Honosexualität übrigens nicht wirklich als Qualifikation, deshalb weiß ich auch nicht, ob sich irgendwelche politischen Führer outen müssen. wer es machen will, soll es halt tun. Aber Sie haben schon recht auch das Private ist politisch.

  • #8
    Angelika

    M.E. versuchen immer wieder Muslime, die Meinungsfreiheit einzuschränken.

    Ein Beispiel:

    „Muslime drohen mit Gewalt – Berliner Ausstellung vorerst geschlossen

    Nachdem sich mehrere aufgebrachte Muslime über die Vernissage einer dänischen Künstlergruppe beschwert hatten, schloss am Mittwoch die Berliner Galerie Nord ihre Pforten. Sechs Männer drohten damit, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen…“

    ((Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.02.2008)

    http://www.tagesspiegel.de/kultur/Galerie-Nord-Surrend;art772,2485662

    Ferner interessant die Leserbriefe zum erwähnten Artikel.

  • #9
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Andreas: Niemand hat gesagt das Homosexualität eine Qualifikation ist. Aber klar ist doch: Ein schwuler Politiker wäre in muslimischen Staaten undenkbar. Warum eigentlich? „Ich kann es nicht beurteilen, ob die Fatwa nur Rushdies Auflage dient oder ihn gefährdet. Ist mir aber auch egal, weil es ein allgemeines Lebensrisiko dessen ist, der sich besonders exponiert, dass er Neider und Psychopathen anlockt.“ Dieser Satz ist zynisch bis zum erbrechen: Da muß sich ein Mensch seit Jahrzehnten verstecken weil Fundamentalisten ihn mit dem Tod bedrohen – sorry, aber, das kann einem nicht egal sein. Und: Jeder hat in unserer Gesellschaft das Recht sich zu exponieren. Dafür muß er damit leben verlacht, bewundert, verspottet und beschimpft zu werden – aber nicht damit, mit dem Tod bedroht zu werden. Sie stellen sich nicht auf die Seite der meisten Menschen muslimischen Glaubens, sondern auf die Seite der Fundamentalisten. Der Text von Werner Jurga hat genau diese Problematik gut heraugearbeitet.

  • #10
    Arnold Voss

    @ Andreas

    Danke für die offene Beantwortung meiner Fragen. Und noch zwei weitere, sozusagen als Zugabe:
    Was ist das eigentlich, was sie (und ich natürlich auch) hier vor einer Menge Leute tun? Ja sogar vor einem potentiellen Weltpublikum, denn wir befinden uns im Internet? Wenn das kein Exponieren ist, was ist es dann?

    Und was die Meinungsfreiheit betrifft. Wann gab jemand einem Platt-Demagogen wie Ihnen schon mal die Gelegenheit einer solchen Einschaltquote wie wir sie hier haben?

  • #11
    Manfred Michael Schwierske

    Ich finde die Schärfe des Tons, den freilich Andreas angeschlagen hat, nicht passend. Die Lage ist viel zu verzwickt, um mit eindeutigen Aussagen zu arbeiten.

    Z.B. was die letzten, auf türkische Migranten gemünzte Zeilen Werner Jurgas angeht: das Recht von auf Mädchen auf gewaltfreie Erziehung und gute Schulbildung.

    Dies Recht gilt erstens gleichermassen auch für türkische Jungen; es liegen zweitens, was die Schulbildung der Mädchen angeht, diese weit vor den Jungen; und da liegt, wenn es um die bekannten Bildungsdefizite geht, der Schlüssel keineswegs bei den Eltern, sondern bei den Möchtegerneliten im Lande, die das verdammte deutschen Schulsystem noch lange gegen Aufklärung, Vernunft und Anstand verteidigen werden.

  • #12
    Malte

    Man merkt, wenn man hier liest, wie schwierig dieses Thema ist, wie die Meinungen auseinander gehen und wie schnell man mit verständlichen aussagen in die Nähe von z.B. Pro-Nrw gedrängt wird…!

  • #13
    Barbara Underberg

    Bei dieser Art von Debatten kommt es mir immer so vor: egal, was man sagt, man steht mitten im Fettnapf. Und man handelt sich unglaublich schnell einen Rassismusvorwurf ein, wenn man bestimmte Themen überhaupt anspricht. Kein gutes Zeichen für linke Diskussionskultur.

    Beim Migrationsthema prallen sämtliche Widersprüche aufeinander. Selbstverständlich sind Frauen und Männer gleichberechtigt (bzw. sollten es sein). Genauso selbstverständlich will man anderen Gesellschaften/Kulturen nicht die eigene aufzwingen. Selbstverständlich soll jeder hier leben können wie er will. Genauso selbstverständlich sind Intoleranz, Gewalt und Fanatismus (von jeder Seite) dafür eher abträglich. Das passt alles schon mal nicht immer gut zusammen. Und selbstverständlich gibt es nicht „die“ türkische Community.

    Heute morgen gab es im WDR-Fernsehen genau zu diesem Thema eine Diskussionsrunde. Ein türkisch-schwäbischer Kabarettist erzählte dort, dass die Deutschen in seinen Programmen oft erleichtert lachen, wenn er Witze über Türken macht – der darf sowas ja sagen.

    Die Linke erstickt glaube ich ein wenig an ihren eigenen Tabus. Letztens habe ich im Freundeskreis erzählt, dass mir diverse Makler berichtet haben, dass überwiegend türkisch bewohnte Stadtteile oft nicht beliebt und daher billiger als andere Stadtteile seien. Diese zunächst rein beschreibende Aussage der Makler wurde bereits als rassistisch eingestuft. So kommt man glaube ich nicht weiter.

    Wie so oft wäre auch hier hilfreich: Weg mit den Tabus, vernünftige Analysen, Aufklärung, Aufklärung, Bildung, Bildung, Bildung. Fördern und fordern (ja, ich weiß), Integration ist immer eine Leistung von zwei Seiten.
    Erinnern wir uns: Bis in die 1970er Jahre musste eine deutsche Ehefrau die Erlaubnis ihres Ehemanns haben, wenn sie arbeiten wollte. Also kein Anlass für Überheblichkeit in keine Richtung.

  • #14
    Andreas

    @all
    Bitte zählen Sie bei der nächsten Kommunalwahl die Ratsmandate, die mit Muslimen besetzt sind. Sie können jetzt schon mal die Kandidatenlisten durchforsten.
    Obwohl sich sozialdemokratische, oder konservative türkisch-st#mmige Zuwanderer seit mindestens 25 Jahren in deutschen Parteien einbringen und eben nicht nur in Kulturvereinen verstecken, haben sie bislang keine echte Chance auf Beteiligung.
    Sie sind allerdings auch ein wenig zurückhaltend, diese zu fordern.
    Und die Mehrheitsgesellschaft beschäftigt sich, wie auch hier, mit Zuschreibungen.
    Ich behaupte, gerade um die Teilhabe zu behindern.
    Was haben türkichstämmige Zuwanderer mit einer iranischen Fatwa zu tun?
    Übrigens, ich schätze die Möglichkeit, hier zu schreiben, aber ich überschätze die Wirksamkeit nicht.

  • #15
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Andreas: „Bitte zählen Sie bei der nächsten Kommunalwahl die Ratsmandate, die mit Muslimen besetzt sind.“ Da liegt doch ein Teil des Problems: Sie reduzieren die Türken, Araber etc. auf ihre Religion – und die Fixierung auf die Religion ist das Problem. (Sie wäre es auch bei einem fundamentalistischen Christentum). Wir leben in einer halbwegs säkularen Gesellschaft. Wir wählen hier keine Katholiken, Protestanten, Aleviten oder Sunniten in die Parlamente sondern Konservative (Die eher eigentlich nur aus Tradition das C im Namen haben), Sozialdemokraten, Ökologen Liberale oder Sozialisten in die Parlamente. Die Fixierung auf die Religion bei uns in der Sicht auf Teile der Migranten und bei ihnen als Ideologie der Selbstdefinition ist doch der Kern des Problems. Und etwas anderes als sehr alte Ideologien mit spirituellen Elementen sind Religionen nun einmal nicht…

  • #16
    Andreas

    @ Stefan Laurin
    ich verwende „Muslime“ als Synonym für Zuwanderer aus einem fremden Kulturkreis. Wobei ich schon den islamischen Raum meine, weil es einfach die größte Zuwanderergruppe ist, die, wäre sie homogen, locker jede Sperrklausel überwinden könnte.
    Das hätte ich vielleicht vorher verraten sollen. Für mich war es allerdings eine Selbstverständlichkeit, dass die Religiosität in anderen Kulturen sicherlich lokal eine andere Bedeutung haben kann. Die Menschen, die diese Kulturkreise verlassen, bringen bereits hierdurch ihre innere Distanz zum Ausdruck.
    Auch sonst leben die anderen Kulturen nicht hinter dem Mond.
    Sie, lieber Stefan Laurin, sind schon wieder beim Fundamentalismus, wenn wir über die Religion von Türken, Arabern, pp. reden.

    Die Fixierung auf die Religion ist unvermeidlich. Wobei für mich Fixierung hier lediglich Identifikation bedeutet. Es ist die äußerlich wahrnehmbare Zugehörigkeit zu der Gruppe, die der selbst höchst fraktionierten Mehrheitsgesellschaft Probleme verursacht und einen Strohhalm zur eigenen Idendifikation gibt.

  • #17
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ Andreas Scholz: Ich bewundere Ihre Leistung, eine Religion äußerlich wahrnehmen zu können, verstehe aber nicht wieso die Fixierung auf die Religion angeblich unvermeidlich sein soll. Das ist eine Reduktion auf eine einzige Komponente der Persönlichkeit, die dazu noch frei wählbar ist. (Nicht wenige Menschen wechseln ja ihre Religion. Einige betreiben ein regelrechtes Religionshopping: Aus dem Protestantismus zu Baghwan, zu den Suffis und im Alter dann ab in ein katholisches Kloster) Ich kenne zudem etliche Türken, für die die Religion nicht weiter wichtig ist. Und da die Mehheitsgesellschaft wie sie ja sagen stark fragmentiert ist, gibt es doch offensichtlich zahlreiche andere Möglichkeiten anzudocken, so dass der ganze Bohei um die Religion noch weniger nachvollziehbar ist.
    Aber das alles lenkt von der entscheidenden Frage ab: Haben bekennende Muslime größere Probleme als andere Migranten hier zu Recht zu kommen und wenn ja, woran liegt das? Ist es die Religion oder sind es Bestandteile archaische Strukturen, die aus einigen arg abgelegenen Gegenden mitgebracht werden wie das Konzept der „Ehre“, das es ja früher auch in christlich dominierten Gegenden gab (gibt?) und nichts anderes als ein Symbol für ein massives Modernisierungsdefizit ist.

  • #18
    Andreas

    @ Stefan Laurin

    es ist in der Tat die spannende Frage, wer den Bohei um die Religion macht und warum.
    Wenn man weiß, dass von den Zuwanderern aus der Türkei maximal 10 % in Kulturvereinen organisiert sind, scheinen die es eigentlich gar nicht zu sein.
    Aber auch die anderen neunzig % kommen nicht auf die Listen der etablierten Parteien.

  • #19
    Jimmy

    @ Andreas,

    Hast Du evt. auch Zahlen darüber, wie hoch die Quote der Zuwanderer unter den Mitgliedern der etablierten Parteien ist? Mir scheint das Problem mit der Repräsentation nämlich schon an der Stelle zu beginnen. Grundsätzlich halten es meines Wissens alle Parteien so, dass ein vorausgegangenes ehrenamtliches Engagament eine grundlegende Voraussetzung dafür ist, auf einer Reserveliste zu landen. Wenn sich nun Zuwanderer nicht in einer Partei engagieren, dann wird es ihnen entsprechend auch schwer fallen, auf eine Liste zu kommen.

  • #20
    Arnold Voß

    @all

    Es ist nicht ganz so kompliziert wie es hier geschildert wird. Religion ist – nicht nur in der türkisch-muslimischen Community – eben nicht nur persönlicher (mehr oder weniger starker) Glaube sowie kollektive Tradition und Werthaltung. Sie wird immer auch für die eigenen individuellen und kollektiven Interessen instrumentalisiert. Und hier besteht (nicht nur) in der muslimischen Gemeinde ein enger sozial- und individualpsycholgischer Zusammenhang zum patriarchalisch-frauenfeindlichem und homophoben Verhalten der männlichen Mehrheit. Hier zeigte sich auch am stärksten der von Stefan aufgezeigte Modernisierungs- und Reformrückstand in der muslimischen Community, der sehr wohl auch den Männer zu schaffen macht.

    Ein türkischer Bekannter sagte mir vor kurzem wortwörtlich: Der größte und schwierigesten Kampf den wir zu Zeit führen ist nicht der mit den Deutschen sondern der mit unseren Frauen. Und der vorletzte Spiegel (Nr.18/27.04.09) berichtet meines Wissen zum ersten Mal ausführlich über muslimische Männer respektive Vätergruppen in Berlin.

    Der Grad der Gläubigkeit muslimischer Männer ist dabei positiv mit ihrer Angst vor selbstbewussten und vor allem unabhängigen Frauen korreliert. Und diesbezüglich ist einerseits ein Rollback in Richtung verstärkter Unterdrückung in der Mitte der türkischen Community festzustellen und andererseits – vor allem in den zahlenmäßig großen und großstädtischen Communitys wie z.B. in Berlin-Kreuzberg oder Berlin-Wedding – ein verstärktes Aufbegehren (nicht nur der Frauen) vom „Rand“ der Community zu bemerken.

    Vielleicht etwas vereinfacht will ich damit sagen, dass viele männliche Muslime auch deswegen ihre persönliche Identität durch den Glauben/die Religion so überdurchschnittlich definieren, weil ihnen so eine Herrschaftsposition gesichert bzw. kollektiv legitimiert wird, die sie in einer konsequent sekularisierten Welt nicht (mehr) aufrecht erhalten könnten. Andersherum formuliert: Diese Männer sehen in der sie umgebenden Mehrheitsgesellschaft sehr wohl was sie zu verlieren haben, wenn sie ihr Glaube nicht mehr schützt. Der Hass auf die „Ungläubigen“ ist zu einem großen Teil in eben dieser Angst vor dem Verlust von sozialen, ökonomischen und vor allem körperlich-geschlechtlichen Privilegien gespeißt und nicht aus dem Glauben als solchem.

  • #21
    Arnold Voss

    @ Andreas

    Es gibt nur ein wirksames Mittel um die demokratische Repräsentation der Einwanderer in Deutschland kurzfristig zu stärken: Das kommunale Wahlrecht jenseits der deutschen Staatsbürgerschaft. Eine schon ziemlich alte politische Forderung übrigens, die in Deutschland leider wieder in Vergessenheit geraten ist. Die Holländer z.B. haben damit meines Wissens sehr gute Erfahrungen gemacht.

  • #22
    Barbara Underberg

    @Arnold: vernünftige Beschreibung. Auch das mit dem kommunalen Wahlrecht teile ich.

    Warum gerade junge männliche Muslime sehr religiös sind, ein besonders traditionelles Rollenverhalten an den Tag legen und manchmal sogar gewalttätig reagieren, mag vielleicht auch daran liegen, dass der Druck auf sie hier extrem hoch ist. Einerseits wird von ihnen noch die klassische Männerrolle (Familienoberhaupt, Ernährer) erwartet, andererseits sind ihre gesellschaftlichen Chancen durch schlechte Schulbildung etc. oft so miserabel, dass von vornherein klar ist, dass sie nicht nur kein Chef werden, sondern auf der Verliererseite stehen.
    Da erfüllt dann die Religion manchmal vielleicht nur den Zweck, einem Macht und Stärke zu verleihen, die er nicht aus sich heraus haben kann.

    Es läuft immer aufs Gleiche hinaus: Bildung ist einer der wichtigsten Schlüssel zu Teilhabe, Gleichberechtigung und Entscheidungsfreiheit.

  • #23
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Barbara: Warum haben denn Mädchen aus Migrantenfamilien deutlich höhere Bildungsabschlüsse als die männlichen Jugendlichen? Sie besuchen die selben Schulen und haben die selben Lehrer. Auch bei Jungs ohne Migrationshintergrund sind sie Schulleistungen übrigens deutlich schlechter als bei den Mädchen. Woran liegt es?

  • #24
    Arnold Voß

    @ Barbara und Stefan

    Zu einem großen Teil ist der vielgerühmte „Clash of Cultures“ und die immer wieder angeführte unüberwindbare gegenseitige „Fremdheit“ einfach nur ein Ausrede, um die Mühen der Annäherung auf b e i d e n Seiten zu vermeiden. Der Hauptgrund für das Miss- oder Gelingen von Integration scheint mir jedoch darin zu liegen, wie die folgende schlichte und doch so entscheidende Frage beantwortet wird, die sich alle Beteiligten ausgesprochen oder unausgesprochen stellen bzw. zu stellen gezwungen sind: Was habe ich persönlich davon?

    Wenn die Mühen auf der Einwandererseite durch Anerkennung und Erfolg in und durch die Mehrheitsgesellschaft belohnt werden, dann ist der Verlust von angestammten innerkulturellen Vorteilen nun mal leichter zu Verkraften bzw. ist am Ende ein Plus auf der Gesamtabrechnung. Wenn nicht, dann ist – sofern nicht andere unausweichliche Zwänge dazu kommen – eher die Verweigerung angesagt. Bezüglich dieser „egoistischen“ Abwägung sind sich die meisten Kulturen bei allen Unterschieden dann doch recht ähnlich.

    Was muslimische Mädchen und Jungen respektive Frauen und Männer betrifft, spürt die weibliche Seite sehr wohl, dass es für sie bei der Integration mehr zu gewinnen gibt als für die männliche Seite. Wenn denn schon die Mütter nicht mehr aus ihren Verhältnissen ausbrechen können oder wollen so fördern sie in der Mehrzahl (und häufig im Stillen) jedoch die Chancen ihrer Töchter, dies tun zu können ,wenn diese es denn wollen. Vereinzelt tun diese sehr wohl auch die Väter. Und wenn das Mädchen dann in der Schule erfolgreich ist, sind, wie in den meisten Kulturen, beide Elternteile stolz auf ihr Kind, was wiederrum das Kind zu mehr Leistung anspornt was in der Regel wieder zu mehr Erfolg führt usw.

    An der systematischen Gewährung von Belohnung für die Einwanderer hat es bislang in Deutschland eindeutig gemangelt. Allerdings nützt die Gewährung von Belohnung für die Eingliederung in die Mehrheitsgesellschaft nichts, wenn die Fähigkeit und/oder der Wille fehlt diese auch anzunehmen. Und da wären wir dann wieder bei Bildung, Bildung, Bildung .. und sehr wohl auch bei Pflichten die in anderen Einwandererländern schon lange und erfolgreich üblich sind. Zuallererst die zur Kommunikationsfähigkeit mit und in der Mehrheitsgesellschaft. Die wiederum durch zweisprachigen Unterricht bzw. eine qualifizierte bilinguale Ausbildung belohnt werden könnte.

    Die Eingliederung in der Mehrheitsgesellschaft bedeutet dann nicht, sein eigene Kultur aufzugeben sondern sich einer anderen Kultur offen und ohne Vorurteile zu stellen, respektive die Bereitschaft zu entfalten, diese Vorurteile an der Realität zu überprüfen. Damit sind Konflikte keineswegs ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil. Die Chance sie friedlich zu lösen steigt jedoch dadurch erheblich.

  • #25
    Barbara Underberg

    weil Mädchen schlauer und fleißiger sind? 🙂

    Das heutige Bildungssystem passt vermutlich noch weniger zu den Jungen als zu den Mädchen. Aus guten Gründen wurden viele Jahre Mädchen verstärkt gefördert, wobei die Jungen etwas außer Acht gelassen wurden, was sich heute rächt. Und es liegt wohl auch am Lehrpersonal – es gibt insbesondere so gut wie keine Grundschullehrer. Also fehlen männliche Rollenvorbilder in der Schule.

    Das Bildungssystem ist ne Debatte für sich, es gäbe viel zu tun. Ein wichtiger Schritt wäre, die Schranken des dreigliedrigen Schulsystems aufzuheben.

  • #26
    Mit-Leser

    Vielleicht sollte man mit den Migranten öfter mal Fernsehen schauen: http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article1084678/Wer_oft_Tatort_guckt_wird_ein_guter_Deutscher.html

    🙂

  • #27
    Dirk E. Haas

    O ja, der Bolz; der *Pop-Philosoph* und Trendreferent hat schon vor Jahren die lustige These vertreten, dass gegen religiösen Fundamentalismus am besten der Konsumismus hilft. So steht?s in seinem Konsumistischen Manifest. Für Integration via Konsum braucht?s dann auch nicht so sehr ?Bildung, Bildung, Bildung?, auch keine politische Teilhabe ? sondern einfach nur Asche. Und zwar egal, woher (-:

  • #28
    Arnold Voß

    @ Dirk
    Bolz ist ein äußerst kluger Mensch und sein konsumistisches Manifest war offensichtlich als Provokation gedacht. Was er und viel andere nicht sehen können oder wollen ist, das stark religiös definierte Communitys/Gesellschaften ein gnadenloses Doppelleben führen bzw. nur so überhaupt funktionieren können. Der Materialismus derer, die dort ökonomischen Erfolg haben ist mindestens so ausgeprägt wie in den dafür bekannten und angefeindeten westlichen Gesellschaften.

    Das gilt auch für die muslimisch-türkischen Communitys in Deutschland. Er ist dort sogar größer und vor allem großmäuliger. Viel „Asche“ zu haben ist dort auch der Traum der meisten jungen und eher erfolglosen Männer, einen reichen Mann zu heiraten der Traum der meisten Mädchen. Die Symbole des materiellen Reichtums und des Luxus sind bei beiden Geschlechtern äußerst gefragt. Und sei es nur als Fake, weil man es sich nicht wirklich leisten kann.

    Damit hier kein Missverständnis aufkommt. Ich finde das weder moralisch verwerflich noch politisch kritisierenswert. Der Mensch ist nun mal (auch) ein materielles Wesen und das ist gut so. Es ist nur so, dass „Asche, und zwar egal woher“ schon lange ein fester Bestandteil der Einwanderercommunitys ist. Und das sehen natürlich auch die eigenen berufs-gläubigen „Sittenwächter“ vor Ort. Und sie wissen auch, dass das nicht (mehr) aufzuhalten ist. Insofern hat Bolz sogar recht.

    Aber dieser „Konsumismus“ lässt sich z.B. ohne weiteres mit der im Glauben „begründeten“ systematischen Bekämpfung der Frauenemanzipation verbinden. Ja beides passt sogar perfekt zusammen, denn die konsequente Beibehaltung des patriarchalischen Familiensystems gilt dann als Beweis religiöser Standhaftigkeit obwohl oder gerade weil man(n) ansonsten alle Zeichen des materiellen Erfolgs demonstriert. Und die Frauen erhalten so zumindest ein erhebliche „konsumistische Kompensation“ für die nicht gewährten Rechte.

    Das eigentlich und zunehmende Problem in den Communitys ist jedoch, dass diese materielle Kompensation (nicht nur für die Frauen) auf Grund der zunehmenden Verarmung für die große Mehrheit nicht mehr gelingt und die Einkommensunterschiede und die gegenseitige Ausbeutung auch innerhalb der Einwanderer ansteigen. Das gleiche gilt für die Selbstausbeutung in den familiären Klein(st)betrieben. Das ist zusammen mit der zunehmenden „Vergläubigung“ und dem damit zunehmenden Einfluß der Fundamentalisten ein brisante Mischung. Sie ist aber auch zugleich eine Chance zur inneren Demokratisierung und Emanzipation, wenn die Mehrheitsgesellschaft sich dieser Problematik offen stellt und die modernisierenden und aufklärerischen Kräfte in den Communitys unterstützt. Und natürlich die ökonomischen Chancen der Communitys als Ganzheit verbessert.

  • #29
    Werner Jurga

    @Arnold Voß
    Sehr richtig, was Sie da schreiben!
    Nun hatte ich in meinem Text ja die ethno-deutsche, vermeintlich aufgeklärte „Community“ im Auge. Ihr Kommentar ist mit seinem Blick auf die Widersprüche innerhalb der – ohnehin heterogenen – türkischen Community eine eine sehr passende Ergänzung.

  • #30
    Dirk E. Haas

    Arnold, vielleicht können wir uns darauf verständigen: Die Klugheit, die Bolz auszeichnet, merkt man seinem Text gewordenen Denken immer seltener an.
    http://www.focus.de/kultur/leben/modernes-leben-geistiger-selbstmord_aid_299051.html

    Die Figur des Gutmenschen, dessen Rhetorik, so Bolz, die des ?Antichristen? ist, dürfte ein enger Verwandter jenes aufgeklärten (Ethno-)Deutschen sein, den Werner Jurga hier der Toleranz des ?Bösen? (das manchmal auch ?türkisch spricht?) bezichtigt.

    Warum glaubt man bei der Beschreibung gesellschaftlicher Konfliktlagen mit Begriffen hantieren zu müssen, die zweifelsohne aus der Zeit vor der Aufklärung stammen?

  • #31
    Arnold Voß

    @ Dirk
    Stimmt, Bolz hat sich selbst, wie viele durch die Medien gehypte Denkathleten, (leider) zum Schwätzer auf hohem Niveau degradiert. Wie soll das auch gehen wenn man zu allem und jedem (zu) hoch bezahlt so tun muss als hätte man ne irre Menge Ahnung von der Sache, zumindest aber immer ein elegantes Sätzchen im Stiftzahn.

    Was den sogenannten „Gutmenschen“ betrifft, so kündigen sich Zeiten an, wo wir uns noch wünschen werden, dass es davon wieder mehr gibt. Von solchen die es wenigstens gut meinen, wenn sie auch bei der Umsetzung häufig überfordert sind. Die mit dem so gerne und leichtfertig diffamierten Kümmerer und Helfersyndrom. Die Epoche in denen postmoderne Zyniker und Abzocker den Werte-Mainstraem bestimmen, und die es natürlich weiter geben wird, neigt sich nämlich rapide dem Ende zu. Und das ist gut so.

    Dass allerdings in einer refeudalisierten Gesellschaft wie der unsrigen, in der sich die, die man früher zu Recht Elite genannt hat, immer mehr der (persönlichen) gesellschaftlichen Verantwortung sozial, geistig und finanziell entzogen haben, ja denen die restliche Welt zunehmend „am Arsch vorbei“ gegangen ist, die Intellektuellen und die sich dafür halten mit Begriffen aus Zeiten vor der Aufklärung arbeiten, wundert mich nicht.

  • #32
    Helmut Junge

    Bolz kenne ich nicht, aber zwei Themen, die sich in dieser Diskussion um Werner Jurga´s
    Gastbeitrag stärker abzeichnen, interessieren mich.
    Das ist zum einem Jurga´s Fragestellung selbst, nämlich, ob Kritik am Islamismus sowie das Thematisieren von Parallelgesellschaften rechtspopulistischen Tendenzen in Deutschland in die Hände spielt.
    Eine Frage, die unbedingt diskutiert werden muß, obwohl sie meist sofort durch Rassismusvorwürfe oder ähnliche Anschuldigungen gestoppt wird. Glücklicherweiser haben die Diskutanten dieses Forums das Thema über diese Anfangsschwierigkeiten manövrieren können.
    Und zweitens das Thema „Gutmenschen“. Meiner Auffassung wäre Jurga´s Thema überhaupt kein wirklich wichtiges Thema, wenn es die sogenannten „Gutmenschen“ nicht in dieser großen Zahl gäbe. Akute Kriege werden nicht zu Ende gekämpft, weil Gutmenschen über den heutigen Betroffenheitsjournalismus mit Bildern, die oft nicht zum Text passen, manipuliert werden. „Gutmenschen“ halten gefühlsmäßig mit der vermeintlich schwächeren Seite. Der Bauch, und nicht der Kopf bestimmen ihr Weltbild.
    „Gutmenschen“ reagieren auf Bilder. Sie sind nicht an Fakten interessiert und bilden mit den Menschen die nicht gebildet sind, eine große Gruppe manipulierbarer Menschen.
    Poliiker machen von dieser Schwäche viel häufiger Gebrauch, als diese „Gutmenschen“ das bemerken. Die Gefahr dabei ist aber, daß sie häufig denjenigen auf den Leim gehen, die gelernt haben, wie man am wirkungsvollsten jammert. Sag jetzt mal keiner, daß er das immer merkt, wenn so etwas kommt. So viel zu „Gutmenschen“, zunächst einmal.
    Später vielleicht auch noch was zu Werner Jurga´s eigentlichem Thema.

  • #33
    Helmut Junge

    Ergänzung: Ich hatte geschrieben: Akute Kriege werden nicht zu Ende gekämpft, weil Gutmenschen über den heutigen Betroffenheitsjournalismus mit Bildern, die oft nicht zum Text passen, manipuliert werden.
    Da fehlt die Ergänzung:“ Deshalb sind sie zu chronischen Kriegen geworden, die über die Jahre hinweg das vielfache an Opfern gefordert haben.“
    Entschuldigung, ich habs erst nach dem Absenden gemerkt, daß da was Wichtiges fehlt.

    Helmut Junge

  • #34
    Werner Jurga

    @ Dirk E. Haas (Kommentar Nr. 30)
    Ich habe über Ihren Hinweis nachgedacht und gelobe Besserung: ein Terminus wie „das Böse“ ist problematisch, obgleich er sich eingebürgert hat als Chiffre für den Hitlerfaschismus, der bekanntlich zeitlich etwas nach der „Aufklärung“ angesiedelt ist. Ich hatte ihn hier das erste Mal benutzt und werde das nie wieder tun. Versprochen!
    Den „Gutmenschen“ hatte ich aus guten Gründen gemieden. Den Begriff, versteht sich.
    Sie zitieren mich richtig, wenngleich – wie ich finde: in denunziatorischer Absicht. Manchmal spricht „das Böse“ (nur wegen der Korrektheit) auch türkisch. Da musste ich mich – an einen vor Jahren recht verbreiteten Aufkleber – erinnern, der ein Dimitrow-Zitat in die weisen Worte fasste: „Alle Faschisten sind Arschlöcher. Überall!“

  • #35
    Arnold Voß

    @ all
    Den Begriff des Bösen sollten wir auf der individualpsychologischen Ebene belassen.Dort gehört er, wenn überhaupt, hin. Was das Gute am sogenannten Gutmenschen betrifft,so ist dieser Begriff in diesem soziologisch-kollektiven Zusammenhang auch nicht wirklich hilfreich.

    Was soll grundsätzlich schlecht daran sein ein guter Mensch sein zu wollen? Was die entsprechend Handlungen jedes Einzelnen dann real bewirken steht (auch bei Menschen die nicht gut sein wollen) auf einem ganz anderen Blatt.Es gibt nun mal keine direkten und eindeutigen Zusammenhang zwischen Absichten und Ergebnissen.Nicht mal im Bereich der unmittelbaren Face-to-Face Interaktion.

    Da ist mit dem Begriff der Angst z.B. vor Entscheidungen und den damit verbundenen Konflikten sowie vor persönlicher Verantwortung schon eine Menge mehr zu erklären. Auch ein Pazifismus der, wenn er nur von Angst bestimmt ist, am Ende mehr Opfer hervorruft als der dadurch (vorläufig) verhinderte Krieg.

  • #36
    Burak

    Türken:

    Solange wir Türken sind, wollen wir auch so leben.

    Schon vor dem Islam waren wir Türken fromme,treue,vorbildliche,sittliche… Menschen und hatten deshalb keinerlei Mühe den Islam anzunehmen.
    Wir glaubten schon immer -auch bevor der Islam kam- an einen Gott.Tengri.
    Wir glaubten an das Märtyrertum.Wir glaubten an die Hölle und an das Paradies.
    Wir glaubten an das Schicksal…etc.Unsittliches wurde nicht gedulded und genau wie es auch im Islam ist bestraft.Klauen und andere Unerhlichkeiten waren Tabus und wurden auch bestraft.
    Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Benehmen wurden großgeschrieben.
    Es gilt bei uns Türken sowie auch im Islam:“Gutes Benehmen ist das wichtigste“.
    Als muslimische Araber Türken zum ersten Mal sahen sagten sie :“ Wahrlich wenn wir dieses fromme Volk hinter uns haben wird uns nimmermehr jemand etwas anhaben“.
    Schon vorher prophezeite der Prophet Muhammed sav. die Türken mit zahlreichen Hadithen.

    Welch eine Ehre ist es für uns einemm so frommen ehrlichen gerechten Volk zu gehören.

    Wir Türken in Deutschland werden leider versucht unter dem Vorwand Integration eigentlich entfremdet und asimiliert zu werden.
    Ich weine um mein Volk.Wieso gibt es in diesem Land keine Toleranz.
    Lasst uns einfach unsere Werte und Kultur leben und ihr werdet erfahren wer Türken eig sind.

    Ihr werdet dann wissen wieso europäische Geschichtsschreiber in der Zeit der Osmanen von der „gefährlichen Vorbildlichkeit der Türken“ sprachen.

    Man versucht uns zu hemmen und einzuschränken.

    Asche auf unsere Häupter, wenn ihr uns so leben ließet so wir Türken eigentlich sind, würde sich euer selbstkreirtes Image von Türken rasch ändern.

    Wir sind nicht umsonst das Volk gewesen das 18 Großreiche auf der Welt gegründet hat, die hunderte Völker durch ihre Toleranz,Vorbildlichkeit und Frieden umfasste.

    Wir sind nicht größenwahnsinnig oder träumen.Aber das ist das, was wir bisher waren, bis wir sozusagen von euch vergewaltigt worden sind.

    Ich hoffe und bete darum, dass wir Türken unsere Identität beibehalten können, dass wir Türken unsere Werte,Kultur,Türktentum,Sprache,Religion in einem Meer der Feindschaft und Intoleranz,Verachtung und Misstrauen beibehalten und beleben und praktizieren können.

    Geht in türkische Länder Turkmenistan,Kasachstan,Aserbaidschan,Türkei,Kirgisistan,Usbekistan, Ost-Turkestan und werdet Zeugen vom vorbildlichem Benehmen,Großzugügkeit, Freundlichkeit der Türken.

    „Wir umfassen mit unserer Gerechtigkeit und Wohlwollen die Menschheit“.

    Kommt zur Vernunft.Ich bitte darum.

  • #37
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Burak: Wann haben „wir“ die Türken vergewaltigt?
    Wo sind die 18 Großreiche geblieben?
    Waren die Kriegszüge gegen Europa auch vorbildliches Verhalten?
    Warum haben die „treuen“ Türken bei den Kreuzzügen auf beiden Seiten gekämpft?
    Weinen sie lieber über die mangelnde Toleranz in der Türkei und in den islamischen Ländern. Danach werden sie kaum noch Tränen übrig haben.

  • #38
    David Schraven

    Hi Burak,

    Ich war in Usbekistan. Eine ekelige Diktatur. In der Menschen gekocht werden.
    Ich war in Turkmenistan. Eine ekelige Diktatur. In der Frauen vergewaltigt und getötet werden.

    Ich war in Kasachstan. Ein autoritäres Regime.
    In Aserbajdschan. Ein autoritäres Regime.

    Ich war in Kirgisien. Mutige Leute, die ein autoritäres Regime stürzen, um ein neues aufzubauen.

    Ich war dort und habe nicht gesehen, dass Türken besser oder schlechter sind als andere Menschen. Mehr noch, ich habe nicht mal sehen, hören oder erleben können, dass es sich um „ein“ türkisches Volk handelt. Es sind viele Völker, viele verschiedene. So wie es keine Germanen gibt, sondern nur germanische Völker, Schweden, Norweger, Schweizer Allemannen, Niederländer, was weiß ich. Und in den Völkern auch noch Millionen Individuen. Alle verschieden, oft gegeneinander, nie miteinander. Meist einfach so nebenher.

    Es gibt keine besseren Völker.

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