„Geborene“ gegen „gewordene“ Juden: Der Fall Gerstetter

Die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin.

Von unserem Gastautor Michael Wuliger

In Teilen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kochen derzeit die Emotionen hoch. Grund ist ein Artikel, den Kantorin Avitall Gerstetter am 10. August in der „Welt“ veröffentlicht hat. Es ging darin um Konvertiten, die in Teilen der Gemeinde quasi hegemonial geworden sind, nicht zuletzt in der Synagoge Oranienburger Straße, in der Avitall Gerstetter als Kantorin amtierte. Amtierte im Präteritum: Inzwischen wurde sie wegen des Artikels „freigestellt“.

Gerstetter fürchtet durch das Überhandnehmen der Konvertiten einen Verlust jüdischen Tradition: „Die christliche Sozialisation der (Übergetretenen), gepaart mit dem eifrig erlernten Buchwissen führt zu einem neuen, nämlich einem theoretischen Judentum, fast zu einer ganz neuen Religion. “ Dies umso mehr, als „inzwischen häufig auch Rabbiner und Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen erst spät übergetreten sind“. Von diesen selbst konvertierten religiösen Autoritäten komme „eine seelenlose, weil nicht eingewachsene, kaum gefühlstiefe und deshalb eher rationale Vermittlung jüdischen Wissens“ und infolge “ eine abstrakte und häufig sehr oberflächliche Betrachtung jüdischer Inhalte“. Zumal die Kantorin den Beweggründen mancher Konversion misstraut: „Viele handeln aus persönlicher Orientierungslosigkeit, da ihnen die religiöse oder spirituelle Heimat fehlt. Vermutlich ist das eine der Folgen einer verfehlten Nachwuchs- und Jugendarbeit der beiden großen Kirchen. Andere wiederum empfinden ihre Familiengeschichte als unerträglich und wünschen sich, auf „die andere Seite“ wechseln zu dürfen – von der Täterfamilie in ein neues, jüdisches Familienkonstrukt als bizarre Form einer abstrakten Wiedergutmachung: die Ablasskonversion. Wiedergutmachung: die Ablasskonversion. Bei einer weiteren Gruppe drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass es um den Wunsch einer Veränderung der inneren Struktur des Judentums geht: eine Taskforce ‚Reformation durch Konversion‘.“

Dass die so Angesprochenen verletzt, wütend und – das zeigt die “Freistellung” Avitall Gerstetters – aggressiv reagieren, verwundert nicht. Zumal sie sich auf das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, berufen können, die ausdrücklich verbietet, bei Konvertiten auf ihren früheren, nichtjüdischen Status auch nur hinzuweisen – eine Vorschrift, an die sich allerdings in der Wirklichkeit kaum jemand hält. Zwischen “geborenen” und “gewordenen” Juden fremdelt es immer, meist subtil, manchmal offen. Was die Kantorin in der “Welt” geschrieben hat, könnte, zumindest in Teilen, wahrscheinlich in toto, die Mehrheit der “geborenen” Juden so unterschreiben, Halacha hin, Halacha her. Gerstetter hat eigentlich nur wiedergegeben, was die meisten denken und fühlen. Da liegt das Problem. Man kann eine Kantorin feuern, nicht aber die Masse der Gemeindemitglieder. Und viele von denen   werden weiter mit Konvertiten wenig anfangen können.

Im Grunde haben wir es hier mit einem Konflikt zwischen Milieus zu tun, die sich in Herkunft, Tradition und Mentalität stark unterscheiden. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit kann da nur schwer, und wenn, dann nur sehr, sehr langsam entstehen. Das ist in der jüdischen Gemeinschaft im Übrigen so ungewöhnlich nicht. In Frankreich etwa leben aschkenasische und sefardische Juden zumeist nebeneinander her in eigenen Synagogen, wo sie ihre jeweiligen Traditionen pflegen. Auch  in den Niederlanden, Großbritannien und den USA koexistieren unterschiedliche jüdische Gemeinden mit diversen religiösen, ethnischen und kulturellen Identitäten. Erst recht in Israel mit seinem Pluralismus der Judentümer.

In Deutschland wird es früher oder später wahrscheinlich ähnlich sein. Wir werden eine Mehrheit von postsowjetisch geprägten Juden haben, daneben die Alteingesessenen, zumeist polnischer Herkunft, einen sehr kleinen Rest des ursprünglichen deutschen Vor-Shoa- Judentums und die Konvertiten mit ihrem eigenen Zugang zum Glauben. Gegenseitig mögen werden sich diese Milieus in Zukunft wahrscheinlich ebenso wenig wie jetzt schon. Auch nicht immer respektieren. Aber notgedrungen werden sie sich wechselseitig tolerieren müssen, weil es nun mal nicht anders geht. Und zumindest in Berlin gibt es genügend Synagogen, so dass man sich aus dem Weg gehen kann.

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18 Kommentare

  1. #1 | Daniel sagt am 20. August 2022 um 07:55 Uhr

    Da fällt mir dieser alte Witz ein. Ein Jude strandet nach einem Schiffbruch auf einer kleinen, unbewohnten Insel. Als viele Jahre später zufällig ein Schiff vorbeikommt, stellen seine Retter verwundert fest, dass der Eremit zwei Synagogen errichtet hat. „Aber Schlomo, warum hast Du denn ZWEI Synagogen gebaut?!“ „Ganz einfach“, antwortet dieser. „Eine Synagoge, in die ich zum Beten gehe, und eine andere Synagoge, in die ich nie, niemals gehe!“

  2. #2 | Hans Guggenheim sagt am 20. August 2022 um 15:00 Uhr

    Ich finde es befremdlich, dass Gerstetter, die etwas sehr zutreffendes angesprochen hat, deswegen gekündigt wurde.

  3. #3 | Wolfram Obermanns sagt am 20. August 2022 um 16:25 Uhr

    #2
    Als leitendes Mitglied einer Gruppe sich öffentlich distanzierend von einem Gutteil der Gruppe zu äußern, ist ein ganz schlechter Stil, der üblicher Weise zum Verlust der Leitungsfunktion führt.
    Das gleiche gilt für repräsentative Aufgaben.

  4. #4 | Wolfram Obermanns sagt am 20. August 2022 um 17:06 Uhr

    Im Kern geht es um ein allen Religionsgemeinschaften bekanntes Phänomen, den Zwist zwischen einer folkloristischen, ideele Heimat spendenden Gemeinschaft und einer dem immer unzureichend dem Transzendenten verpflichteten Anstrengung, die nach Ausdruck sucht.
    Pius-Brüder versus Konzil ist die vielleicht prominenteste katholische Spielart des Themas. Aber auch die Fragen nach Popmusik in der Kirche, das auch die innerhalb der evangelischen Kirche nicht abschließend ausdiskutierte Thema Frauenordination oder nach außen hin Veranstaltungen wie die Hochzeit von Lindner sind Beispiele für diesen Dauerkonflikt um religiös zeichenhafte Handlungen.

    Der Witz über die jüdische Streitkultur in #1, lenkt nur vom eigenen Zoff ab und bedient das antisemitische Narrativ des streitenden Juden. (Viele Juden können damit humorvoll umgehen, Ignatz Bubis konnte es seiner Zeit kurz vor seinem Selbstmord nicht. Ich hätte den Kommentar nicht freigeschaltet.)
    Streitanfangen ist aber das Ergebnis einer Selbstermächtigung. Widerspruchslos Einmütigkeit hingegen war Kern einer das Märchen vom Gottesgnadentum predigenden, obrigkeitlich verpflichteten Kirche, katholisch wie evangelisch.

  5. #5 | paule t. sagt am 20. August 2022 um 20:09 Uhr

    @ #4: ME ist der Witz in #1 kein antisemitischer (und bedient auch kein antisemitisches Narrativ), sondern ein jüdischer Witz. Ich kenne ihn jedenfalls aus einem entsprechenden Sammelband.

  6. #6 | SvG sagt am 20. August 2022 um 22:10 Uhr

    @ 5; paule t: Kann ich bestätigen. IÜ macht keiner so feine, bitter-bös liebenswert treffende Witze über sich selbst wie die Juden.

  7. #7 | Wolfram Obermanns sagt am 21. August 2022 um 00:05 Uhr

    @paule t.
    S. () Beitrag. An der von Ignatz Bubis entsprechend getroffenen Einordnung ändert das alles nichts.
    Aber schön, daß sie einmal mehr für Mitgliedern diskriminierter Gruppen zu entscheiden glauben können, wann sie diskriminiert werden.
    Sie mögen sich für irgendwie links halten. Auf mich machen Sie seit nun mehr ein paar Monaten den Eindruck eines Geisterfahrers. Ich frage mich ernsthaft, ob Sie nicht das Pseudonym des Originals gekapert haben. Sie waren hier schon auf ganz anderem Niveau unterwegs.

  8. #8 | Lollo Rosso sagt am 21. August 2022 um 08:33 Uhr

    @ #7 | Wolfram Obermanns

    Wolfram Obermanns: „Sie mögen sich für irgendwie links halten.“

    Für was halten Sie sich denn? vielleicht für „weltoffen“ und „liberal“? Hätten Sie das gerne, wenn man Sie so einschätzte? Tue ich aber nicht.

    Wolfram Obermanns: „Auf mich machen Sie seit nun mehr ein paar Monaten den Eindruck eines Geisterfahrers.“

    Freie Fahrt für freie Obermanns …

  9. #9 | Anna Herzberg-Gross sagt am 21. August 2022 um 09:28 Uhr

    Was die Halacha, das Religionsrecht, erlaubt, können nur Rabbis schreiben. Das hier ist einfach Quark.

  10. #10 | Ralph Deja sagt am 21. August 2022 um 09:45 Uhr

    Die Motive zur Konversion sind sicher in allen Religionen vielfältig und überwiegend aller Ehren wert. Ich kannte eine polnische Jüdin, die aus Dankbarkeit für ihre Rettung durch polnische Christen zum Katholizismus übergetreten ist. Die Gefühle zwischen geborenen und gewordenen kann ich durchaus nachvollziehen, zumal viele Konvertiten übereifrig bis übergriffig sein können. So verstehe ich auch Avitalls Gefühle. Ob die Diskussion darüber in die Welt gehört, ist eine andere Frage. Ich finde, das Michael Wuliger einen unaufgeregten und gangbaren Weg aufzeigt.

  11. #11 | paule t. sagt am 21. August 2022 um 11:33 Uhr

    @ #7 | Wolfram Obermanns, Zitat:
    „Aber schön, daß sie einmal mehr für Mitgliedern diskriminierter Gruppen zu entscheiden glauben können, wann sie diskriminiert werden.“

    Ich habe nichts „entschieden“, sondern in einer Diskussion meine Einschätzung dieses Witzes mitgeteilt, die darauf fußte, wo ich den Witz zuerst kennen gelernt habe. Dazu passt auch, dass a) Streit über die eigene Religion (im Sinne einer im positiven Sinne unabgeschlossenen, weil menschlichen Auseinandersetzung über die Bedeutung der Religion) tatsächlich zu Judentum dazugehört wie zu keiner anderen Religion (was mMn eine außerordentlich positive Sache ist) und b) Selbstironie im jüdischen Humor ziemlich ausgeprägt ist. Aber das ist natürlich auch nur meine EInschätzung, mit der ich ich mich irren kann.

    Ich bin daher überrascht, dass Ignatz Bubis spezifisch diesen Witz für eine Wiedergabe eines antisemitischen Narrativs gehalten haben soll. Oder ist das nur Ihre Vermutung, dass er so darüber gedacht haben würde? Wenn ja: Ich wusste gar nicht, dass Sie selbst Jude sind. Oder ist es etwas so, „daß sie einmal mehr für Mitgliedern diskriminierter Gruppen zu entscheiden glauben können, wann sie diskriminiert werden“, und dabei nur zu einem anderen Ergebnis gekommen sind als ich?

    Ich bin übrigens in der Tat nicht der Meinung, dass nur Angehörige diskriminierter Gruppen darüber sprechen könnten, was Diskriminierung ist. MMn muss das vielmehr in einem vernünftigen Diskurs geschehen (in dem dann allerdings die Stimmen der Betroffenen besondere Bedeutung haben müssen, das bestreite ich nicht).

  12. #12 | Johannes Heil sagt am 21. August 2022 um 14:37 Uhr

    Zu Herrn Obermann: mir ist nicht bekannt, dass Ignatz Bis sel.A. Selbstmord begangen hat.
    Johannes Heil (Ignatz Bubis-Lehrsuhl, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg)

  13. #13 | O. Bradley sagt am 22. August 2022 um 16:02 Uhr

    Die Kritik an den Post-Haskala-Konversionsmethoden und der Zahl der Konversionen in Deutschland ist in den letzten Jahren immer lauter und heftiger geworden – sowohl unter liberalen als auch unter orthodoxen Gläubigen.

    Die Witze, Kritiken, Bedenken, Ablehnungen und sonstigen Diskussionen rund um die „GEIRmania“ (Begriff vor 10 Jahren von Nathan Peres geprägt) gehen dem Fall Homolka um viele Jahre voraus.

    Hinzu kommt die schwache, wischiwaschihafte und oft ziemlich unsichtbare [jüdische] Identität, die die meisten Juden in Deutschland von Geburt an haben. (Dies sind meine persönlichen Beobachtungen, die aus persönlichen innergemeinschaftlichen Erfahrungen und viel zu vielen unbequemen innergemeinschaftlichen Diskussionen hervorgegangen sind.)

    Mit all diesen und vielen anderen Elementen im Hinterkopf ist es nicht schwer, Avitall Gerstetters Besorgnis über die verhältnismäßig hohe Zahl von Konversionen zu verstehen, die in Deutschlands nicht-organisch gewachsenen jüdischen Nachkriegs- und Nach-Perestroika-Gemeinden stattgefunden haben – Gemeinden, in denen die jüdische Identität als besonders schwach und daher als extrem unbeständig gilt.
    Trotz einiger Mängel in ihrer Argumentation scheint Avitalls Ansatzpunkt für die Initiierung eines solchen Gesprächs zur rechten Zeit zu kommen und muss als solcher unter allen Juden offen diskutiert werden – aber sicherlich nicht in einem nicht-jüdischen Umfeld und eindeutig nicht auf den Seiten nicht-jüdischer Medien.

    Das erste, was ich bemängele, ist, dass Avitall dieses Thema öffentlich, vor einem nicht-jüdischen Publikum, behandelt hat.

    Zweitens lässt sie außer Acht, dass das Judentum immer auf einem sehr, sehr SEHR soliden Fundament von Konvertiten aufgebaut war. Ohne Konvertiten sähe das Judentum heute wahrscheinlich ganz anders aus – vorausgesetzt, es würde überhaupt weiterbestehen.

    y-DNA- und vor allem mtDNA-Tests bestätigen dies zunehmend – vor allem was die genetischen Ursprünge des nordeuropäischen Judentums betrifft.

    Und welchen Weg hätte das Judentum eingeschlagen, wenn es nicht Leute wie Batya, Ruth, Onkelos, Obadja, Schemaja und Hunderte anderer Nennenswerter Konvertiten gegeben hätte? Und vergessen wir nicht die großen Nachkommen der Konvertiten, wie Rabbi Akiva und König David, um nur einige zu nennen!

    Was Avitall ebenfalls nicht anspricht, ist die Tatsache, dass die liberal-konservativen Gemeinden, denen sie vorsteht und die sie eindeutig vertritt, strukturell eindeutig vom Protestantismus beeinflusst sind und von Jews-by-birth eingeführt wurden.
    So wie ich es sehe, können sowohl gebürtige Juden als auch Wahljuden sowohl positive als auch negative Einflüsse sein – je nach unserer Perspektive.

    Müssen wir Veränderungen akzeptieren?

    Ich lasse diese Frage offen zur Debatte. Dennoch verstehe ich Avitalls Unbehagen und einige ihrer Bedenken. Aber da das negative Gerede über die Anzahl und den Einfluss der Geirim (sowohl in liberalen als auch in orthodoxen Kreisen) exponentiell ansteigt – Gespräche, die ich persönlich als unangenehm empfinde – ist es äußerst wichtig, Avitalls Anstoß nicht zu begraben, sondern es auf die nächste Ebene zu bringen und sie friedlich, halachisch und hinter geschlossenen Synagogentoren zu lösen.

    Oliver

    Jew-by-birth und Jew-by-choice – geboren als Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters.

    https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus240364053/Avitall-Gerstetter-Konversionen-koennen-Problem-fuers-Judentum-werden.html

    #jewbybirth
    #jewbychoice
    #giurim
    #Judentum
    #Geirmania

  14. #14 | Yitzhak sagt am 22. August 2022 um 17:14 Uhr

    Wenn man schon über Halacha spricht ,
    Frau Gerstetter ist ein Teil von dass System dass Sie kritisiert . Nach d Halacha darf sie überhaupt nicht als Kantorin dienen . Es gibt nach d Halacha keine Rabinerin oder Kantorin .

  15. #15 | Aimee sagt am 23. August 2022 um 12:52 Uhr

    Beschreibt Avitall Gerstetter damit die Beweggründe ihres „spät übergetretenen Vaters“ „.. eine seelenlose, weil nicht eingewachsene, kaum gefühlstiefe und deshalb eher rationale Vermittlung jüdischen Wissens“ und infolge “ eine abstrakte und häufig sehr oberflächliche Betrachtung jüdischer Inhalte“…“?

    Gerstetter ist ein Selbstdarstellerin!

    Der Autor liegt falsch, wenn er meint „…Gerstetter hat eigentlich nur wiedergegeben, was die meisten denken und fühlen….“, genau wie mit der Aussage „…Wir werden eine Mehrheit von postsowjetisch geprägten Juden haben..“. Es gibt eine Mehrheit von „postsowjetischen Juden“ in DE und genau wie in Israel sind diese ganz unterschiedlich von extrem-religiös bis sekular.

    Gerstetter hat mit der Halacha nichts am Hut und (ich habe dies mit ihr erlebt) hat mit religiösen Juden ein Problem und ist da ohnehin respektlos.

    Warum hat sie ihre Aussage in der WELT veröffentlicht, ist die Mehrheit der Leser Juden?
    Fakt ist, der Konflikt ist nicht neu und gerade die „jüdische Richtung“ von Gerstetter macht eine Konversion eben schnell möglich und dies bewirkt dann m.E. dazu, dass eben die Prüfung der Beweggründe eben nicht lange und nachhaltig sichtbar werden.

    Wie erwähnt, Gerstetter betreibt Selbstdarstellung. In der JA steht kein Artikel und diese wird sicher von mehr Juden gelesen als die WELT.

  16. #16 | Frau M. sagt am 24. August 2022 um 14:56 Uhr

    Ich finde an dieser ganzen Sache mehreres befremdlich.
    Einerseits stößt Frau Gerstetter einen wichtigen Punkt an aber an der falschen Stelle. Das gehört nicht in einer von überwiegend Nichtjuden gelesenen Zeitung ausgetragen, sondern sollte eine innerjüdische Debatte sein. Ferner denke ich, müsste man sich fragen, warum so viele übergetretene Juden sich ausgerechnet in dieser Synagoge aufhalten und ich vermute stark, dass es damit zusammenhängt, dass die Rabbinerin ebenfalls übergetreten ist. Das bedeutet letztendlich von einer anderen Perspektive betrachtet, dass sich Menschen, die übergetreten sind dort wohler zu fühlen scheinen, was bei mir zu der Frage führen würde, warum dies wohl der Fall sein könnte, so dass sie alle an einem Ort aufploppen und ich glaube, dass ich eine Ahnung habe.
    Ich selbst bin als junge Studentin übergetreten. Ich wusste damals auf was ich mich einlasse, weil ich auf der falschen Seite jüdische Familie habe und Feiertage, Bar/Bat Mitzwa, Simchat Bat usw. für mich nicht neu waren. Ich habe dann einen geborenen Juden geheiratet und jüdische Kinder bekommen, so dass mir die Tatsache, dass mich ein Giur jüdisch machen musste heute ziemlich unwichtig ist, dennoch habe ich das in meinem Leben oft als eine Art „Stigma“ empfunden, weil ich letztendlich immer die war, die einen Giur gemacht hatte und das auch immer wieder von irgendwem zum Thema gemacht wurde. Bevor ich meinen Mann kennenlernte und ein Daten mit einem anderen Studenten hatte, musste ich mir beispielsweise anhören, dass er mich nicht weiter daten wollte, weil er keine übergetretene Frau wollte, sondern nur eine geborene. Ich fand das damals sehr diskriminierend und bin mir ziemlich sicher, dass ich mich, wenn ich solch eine Auswahl an Gemeinden gehabt hätte, wie es in Berlin der Fall ist, damals auch in eine zurückgezogen hätte, wo es egal ist, ob ich nun geboren oder übergetreten bin. Ich habe mich beim Besuch solcher Gemeinden (das ist ja oft in egalitären Gruppen so) andererseits meistens auch nicht wohl gefühlt, weil die Atmosphäre eine andere ist und sich alles irgendwie „priesterlich“ anfühlt, wo ich mich auch nicht gesehen und wohl gefühlt hätte, aber ich kann verstehen, wenn Menschen sich an diese Orte zurückziehen, um einfach „normal“ zu sein und nicht die, die…
    Nochmal anders betrachtet arbeitet und lebt Frau Gerstetter ja genau von den Strukturen, die sie kritisiert. In orthodox geführten Einheitsgemeinden wäre sie als Frau nicht als Chazan tätig.
    Deshalb glaube ich, hätte man die Debatte anders führen müssen – als echte Debatte und innerjüdisch und eben auch unter dem Blickwinkel, warum an genau dem Ort so wenige geborene Juden Stammbesucher der Synagoge sind, was sie dort finden, was sie woanders nicht finden oder warum sie woanders nicht sein wollen. Vielleicht bedeutet es auch, dass Rabbiner in so fern offener gegenüber Leuten im Giurprozess sein sollten, als dass sie ihnen klar vermitteln, dass sie das zwar machen können, Ihnen aber bewusst sein sollte, dass sie doch nie ganz dazugehören werden für manche Leute und es immer irgendwen geben wird, der sie trotzdem nicht akzeptiert. Vielleicht minimiert das die Zahl nochmal etwas.
    Andererseits muss man vielleicht auch schauen, dass man die Freaks aussiebt, wegen derer alle Giurim mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, weil es eben die Übereifrigen, die Meshuggenen, die Belehrenden gibt. Es gibt aber auch einfach nur Menschen, die eine Statusfrage mit einem Giur klären und denen wird man nicht unbedingt gerecht, wenn man immer über übergetretene Juden die Nase rümpft, weil sie trotzdem mit am Pranger stehen, auch wenn sie nicht die sind, die Frau Gerstetter meint. Diskriminiert werden sie trotzdem mit solchen Pauschalaussagen.

  17. #17 | Hans-Christoph P. sagt am 25. August 2022 um 17:37 Uhr

    Beim Lesen des Blogs bleibe ich etwas konsterniert mit Fragen zurück. Warum soll man Fragen, die die Identität einer religiösen Gemeinschaft betreffen, nicht öffentlich diskutieren dürfen? Die innerorganisatorischen Fragen von Kirchen, Gewerkschaften, Parteien sind in unserem Land Teil des öffentlichen Diskurses. Warum soll das in Bezug auf jüdische Gemeinschaften anders sein?
    Warum darf sich eine religiöse Gemeinschaft in ihrer Prägung nicht verändern? Veränderung ist Zeichen von Lebendigkeit. Es ist normal, dass solche Prozesse Debatten und Streit auslösen. Die Tatsache, dass es eine Vielfalt von Gemeinschaften gibt, die sich „jüdisch“ nennen, spricht m.E. nicht gegen eine Religion. Sie zeigt, dass „Judentum“ genau wie „Christentum“ Konstrukte sind, die geistige Reinheitsideale und deren Begriffsdogmatiken bedienen sollen. Wer solche braucht, wird zwangsläufig aggressiv ausgrenzen müssen, was eigenen kategorialen Vorstellungen widerspricht.

  18. #18 | Aimee sagt am 25. August 2022 um 18:37 Uhr

    @ #17 Hans-Christoph P.,
    schon bei Ihrer Frage
    „…Warum darf sich eine religiöse Gemeinschaft in ihrer Prägung nicht verändern? Veränderung ist Zeichen von Lebendigkeit. Es ist normal, dass solche Prozesse Debatten und Streit auslösen. Die Tatsache, dass es eine Vielfalt von Gemeinschaften gibt, die sich „jüdisch“ nennen ..“
    fällt auf, dass man eben für eine Debatte auch Hintergründe und Wissen haben muss.
    Ich bin modern-religiös, d.h. modern-orthodox oder Shomer Shabbath, Veränderung gibt es ständig im Judentum und dies bei allen Richtungen.
    Gerstetter gehört dem liberalen (reformischen) Judentum an, was schon einmal zeigt, dass es mehr als eine Prägung gibt. Deren gibt es viele.
    Wesentliche Unterschiede sind, dass liberale (reformische) und konservative (masorti) Juden die Torah nicht als eine einmalige Offenbarung, sondern als einen göttlich inspirierten Prozess verstehen.
    Gerstetter übt Kritik an Konvertiten und dem daraus resultierenden Fehlen der Tradition. Die Praxis des Guirs, der allerdings gerade bei ihrer Richtung relativ einfach möglich ist, ermöglicht dies aber eben.
    Jetzt gibt es in Israel dazu ständig Diskussionen, aber eben nicht auf diese „merkwürdige“ Form, den Traditionen sind unterschiedlich. Gerstetter hat wohl noch nie einen Seder bei Sefarden oder Chassiden verbrachte.
    Ehrlicherweise kenne ich mich nicht damit aus und habe mich nur kurz eingelesen, aber ein Guir ist in Israel nur religiös (orthodox) möglich.
    Wenn man also einen Guir wie bei den Liberalen eben einfach macht, dann braucht man sich nicht wundern. Man kann sich eben nicht nur die Rosinen rauspicken.
    Etliche meiner Ex-Freunde in Israel waren Sefarden und normalerweise ist es bei Religiösen (Orthodoxen) üblich, dass man nach der Tradition des Mannes geht… bis auf die traditionellen Speise wie gefillte Fisch, Kigel, etc. haben WIR immer mein; askenasishe Traditionen praktiziert.

    „…Wer solche braucht, wird zwangsläufig aggressiv ausgrenzen müssen, was eigenen kategorialen Vorstellungen widerspricht…“
    Genau da liegt eben das Problem, wenn man keine Ahnung hat und daher ist eine Diskussion eben sinnlos außerhalb der Beteiligten. Genau dies weiß auch Gerstetter und wie schon erwähnt, nicht einmal die JA widmet sich der Thematik. Dazu gibt es in jeder Beth HaKnesset ausreichend Möglichkeit z.B. innerhalb eines Schiurs.

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