1

Griff in die Geschichte: Fateful Days, 05.12.1941 – Der Gegenschlag

Eine sowjetische Aufklärungseinheit auf dem Weg an die Front, Dezember 1941 Foto: RIA Novosti archive Lizenz: CC BY-SA 3.0


Fateful Months nannte Christopher Browning in einem grundlegenden Werk zur Genesis der Shoa die zweite Jahreshälfte 1941. Als Fateful Days könnte man jene Tage von Mitte November bis zum 11. Dezember vor 77 Jahren bezeichnen, denn sie entschieden ein halbes Jahrhundert bis zur nächsten Zeitenwende im Jahre 1989, auf für die Heutigen nicht mehr nachvollziehbare Weise menschenverschlingend.  Von unserem Gastautor Waldemar Alexander Pabst.

Am Abend wurde den Deutschen klar, dass es sich um eine organisierte Großoffensive handelte, die sich vor ihren liegengebliebenen Angriffsspitzen entfaltete. Sie hatten es nicht glauben wollen. Das Oberkommando der Heeresgruppe Mitte wie das OKH mit der Abteilung Fremde Heere Ost hielten die Gefechtskraft der Roten Armee nach dem Zusammenbruch des deutschen Angriffs für zu gering, um „mit den zur Zeit vor der Front bei Moskau stehenden Kräften zu einer Gegenoffensive anzusetzen“, wie vermerkt wurde. Von Bock und seinen Oberbefehlshabern, den Aufklärern der Luftwaffe und den angeblich so befähigten Auswertern war der Antransport von Stalins Fernostarmee vollständig entgangen. Sie hatten sich offenbar nicht einmal Gedanken darüber gemacht, wie es möglich war, dass sie die sowjetischen Verteidiger der Hauptstadt bei Wjasma und Brjansk weitgehend vernichtet hatten und doch der Widerstand immer stärker wurde, bis die eigene Offensivkraft erloschen war. Man konnte es auf Erschöpfung schieben, auf die Temperaturen, die langsam unter -40° sanken, auf das eigene strafwürdige Versäumnis, einen Russlandkrieg ohne Winter geplant zu haben, doch auch der ausgebrannte Winterfritz hätte dann noch vorankommen können, wenn niemand vor ihm gestanden hätte. Wer diese Männer waren, in bester Ausrüstung und mit hoher Moral, es scheint, das hätte niemand vom OKH bis zu den Armeeoberkommandos wissen wollen. Jetzt traten sie an.

Ihre nicht zu schmälernde Hybris hatte die Oberbefehlshaber des Vernichtungskriegs davon ausgehen lassen, wenn sie schon nicht den Krieg, wie im Oktober geglaubt, gewonnen hätten, sich jetzt zumindest bis zum Frühjahr ausruhen zu können, den Feldzug zur Eroberung von Europas Osten nur zu unterbrechen. Sie sprachen von Winterstellungen, ignorierend, dass es diese gar nicht gab, sie hatten gerade befohlen, zur Verteidigung überzugehen, wo ihre Soldaten auch ohne diesen Befehl liegen geblieben waren. Sie glaubten weiter, die Initiative läge bei ihnen oder besser, wollten es glauben. Mehr als 40.000 Mann hatten sie im November verloren, der Zustand ihrer Truppen war wohlbekannt.

Die Rote Armee griff auf breiter Front an. Bei der 9. Armee, bei den Panzergruppen 3 und 4 sie stürmte auf Kalinin und Klin, überschritt die Wolga, sie brach bei Tula ein, beendete nicht nur Guderians letzte Offensivzuckungen, sondern zerschlug seine Linien und erzwang die Räumung des Frontbogens. Weit hinten, bei Juchnow landeten sowjetische Fallschirmjäger, um den dortigen Nachschubflugplatz unbrauchbar zu machen. Partisanen, deren Stärke die unmenschliche Besatzungspolitik anschwellen ließ, zerstörten die wenigen Eisenbahnlinien, die auf deutsche Spurbreite umgestellt waren, über die der spärliche Nachschub rollte. Die Deutschen hatten dem nichts entgegen zu setzen.

Stalins Generäle waren entschlossen, die Heeresgruppe Mitte zu vernichten und die Deutschen aus dem Land zu jagen. Sie setzte wie schon an diesem ersten Tag in großem Umfange Fallschirmtruppen im Hinterland ein, ihre Partisanenverbände hatten die Feuertaufe, von allen Seiten sollten die Verbände von Bocks angegriffen werden, wie einst Napoleons Armee an der Beresina. Ihre Erfahrung war noch nicht groß genug, die Notwendigkeit von strategischen Schwerpunktbildungen wurde missachtet, es gab keinen großen Plan, zu verlockend war es, die ausgebrannten Deutschen überall zu durchbrechen und zu jagen.

Stalin hatte mit dem Oberbefehl Georgi Schukow betraut. Schukow hatte sich bereits am Chalchin Gol ausgezeichnet, 1938/39 an der mandschurischen Grenze, als die Japaner testeten, ob sich ihr Vorstoß zu den Rohstoffen und zum Öl leichter in Sibirien als im Konflikt mit den USA im pazifischen Raum würde stillen lassen. Aus einer scheinbaren Grenzprovokation wurde ein veritabler Krieg, in dessen Verlauf die Rote Armee die japanische 6. Armee vollständig zerschlug, 9000 Tote und ebenso viele Verwundete hatten die Japaner zu beklagen. Mit einer Mischung aus strategischem Können und absoluter Brutalität gegenüber den eigenen Truppen, war Schukow der erste Sieg gelungen. Die sowjetischen Verluste lagen weit über den japanischen, es sollte Schukows Markenzeichen werden. Er wurde Chef des Generalstabes der Roten Armee vor dem deutschen Überfall, er widersprach Stalin und wurde abgesetzt, ohne dass ihm etwas Schlimmeres geschah, als Beauftragter des Woschd zum Stabilisieren der Front nach Leningrad geschickt, nach dem Zusammenbruch bei Wjasma und Brjansk gen Moskau beordert, die Verteidigung zu organisieren, was ihm gelang, der Schlamm assistierte. Nun führte er die entscheidende Offensive. Schukow wird der berühmteste Soldat Stalins werden, die deutsche Kapitulationswiederholung durch Keitel entgegennehmen. Jene aber, die unter sein Kommando gerieten, fürchteten seine Offensiven, jede wird einen immensen Blutzoll von seinen Männern fordern. Die Taktik, so lange gegen deutsche Stellungen anzurennen, bis denen die Munition ausgeht und die letzte Welle über die Leichenberge ihrer Vorgänger einbrechen kann, trieb die Verluste der Roten Armee in jene Größenordnung zweistelliger Millionenzahlen. Bis zum Ende in Berlin wird Schukow auf diese Weise vorgehen. Stalins Satz, dass ein Toter eine Tragödie wäre, Millionen hingegen Statistik, galt auch für seine Soldaten. Seine Reserven würden sich als schier unerschöpflich erweisen, er konnte es sich leisten.

Die Deutschen hingegen waren nachhaltig geschwächt. Überall, wo die Sowjets angriffen, rissen ihre Fronten auf. Das Unternehmen Barbarossa war gescheitert. Sie hatten keinen Plan B, keine Reserven, nicht einmal mehr funktionierenden Nachschub im zentralen und entscheidenden Abschnitt ihrer Ostfront. Die unmittelbare Gefahr der Schreckensherrschaft germanischer Herrenmenschen über den Kontinent war abgewendet. Die kraftstrotzende Wehrmacht nach dem Sieg im Westen, die am 22. Juni unter dem Dröhnen ihrer Kanonen, den Sirenen der Stukas, den Bug überschritten hatte, zur Fanfare von Liszt von Finnland bis zum Schwarzen Meer, wie die triumphale Musik der Wochenschauen suggerierte, würde es nie wieder geben. Im Norden hatte sie schon Tichwin räumen müssen, im Süden war sie bei Rostow zurückgeschlagen, jetzt, hier, im Mittelabschnitt verlor sie ihren Krieg.

Aus dem Kriegstagebuch des OKW vom 5. Dezember 1941:

„2. Pz.Armee: LIII. AK. mußte linken Flügel 29. I.D. (mot.) infolge überlegenen Feindangriffs mit Panzern um etwa 3 km zurücknehmen. Dagegen gewann 167. I.D.unter Abwehr eines feindl. Gegenstoßes weiter nach Norden Raum und löst rechten Flügel 17. Pz.Div. ab. Bei XXIV. AK. wies 17. Pz.Div. in bisheriger Stellung Feindangriffe von Norden und Nordwesten ab. Während 4. Pz.Div. nur von Norden von schwächeren Kräften angegriffen wurde, griff der Feind von Tula aus mit starken Kräften gegen LR „Gr.D.“ und rechten Flügel 3. Pz.Div. an. Die Angriffe wurden im allgemeinen abgeschlagen. Linker Flügel 3. Pz.Div. gewann von Osten gegen Tula etwa 4 km Boden. 296. I.D. — mit allen Teilen an der Upa westl. Tula eingetroffen — im Angriff gegen und über die Upa. XXXXIII. AK. stieß mit 31. I.D. etwa 3 km nach Osten vor und wehrte mit 131. I.D. Feindangriffe ab.

Bei 9. Armee begann der für den heutigen Tag erwartete russische Angriff beiderseits Kalinin in den Morgenstunden und dauerte in unverminderter Heftigkeit den ganzen Tag über an. Es gelang dem Feind, bei 86., 162. und 161. I.D. über die Wolga vorzustoßen und an der Naht zwischen 86. und 162. I.D. die Straße Kalinin – Klin zu überschreiten. Alle Einbruchsstellen konnten jedoch abgeriegelt werden.“

Die sechs Flugzeugträger, begleitet von zwei Schlachtschiffen, drei Kreuzern und neun Zerstörern, der Verband, der sich Kidō Butai nannte und von der Akagi geführt wurde, waren nur noch einen Tag von ihrem Zielpunkt 400 km nördlich von Oahu entfernt. Am Vortag hatten die Amerikaner die routinemäßige Wettervorhersage für die japanische Marine aufgefangen. Sie wussten, dass es einen Code geben würde, eine Anweisung an die japanischen Auslandsvertretungen, Vorkehrungen für einen Kriegsbeginn zu treffen. “Westwind – Klare Sicht” wurde erwartet, was bedeutete, sich auf einen Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Großbritannien einzurichten. “Ostwind – Regen” jedoch war die Vorhersage, die verschlüsselte Anweisung an die japanischen Gesandtschaften und Konsulate in den USA, alle Unterlagen zu vernichten. Es konnte in Washington keinen Zweifel mehr geben, der Krieg stand unmittelbar bevor.

RuhrBarone-Logo

Ein Kommentar zu “Griff in die Geschichte: Fateful Days, 05.12.1941 – Der Gegenschlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.