30

Griff in die Geschichte: Operation Gomorrha

Hamburg, Eilbeker Weg nach der Operation Gomorrha

Hamburg, Eilbeker Weg nach der Operation Gomorrha

Heute vor 75 Jahren kam der Feuersturm der Operation Gomorrha über Hamburg nieder. Die Strategie dies britischen Luftwaffenchefs Arthur Harris fand ihren Höhepunkt. Ein Gastbeitrag von Waldemar Alexander Pabst.

Erinnerung

“Es war der Tag, an dem es nicht hell wurde”, meine Mutter hat diesen Satz immer gesagt, wenn ich sie nach den Julitagen im Jahre 1943 fragte. Sie wohnte weit davon entfernt, in einem Randbezirk im Nordosten Hamburgs, auf den nie eine Bombe fiel, aber unauslöschlich blieb der Morgen im Gedächtnis. Der Hamburger kann überall auf die Vernichtung seiner Stadt treffen, wer in einem der vielen Quartiere lebt, die vollkommen ausgelöscht wurden, stößt darauf selbst im Alltag, zum Beispiel wenn er in der aus Trümmersteinen errichteten Wohnung einen Dübel in die Wand bringen will und entweder schon beim Ansetzen des Bohrers einen Krater hervorruft oder kaum drei Millimeter hineinkommt, wenn das W-LAN des Spitzenrouters nach zwei Wänden einen Repeater braucht und sich die Frage stellt, was in diesen Mauern eigentlich enthalten ist.

Legitimation einer Strategie

Giulio Douhet.jpg

Giulio Douhet, Visionär des Luftkrieges.

„There are a lot of people, who say that bombing can never win a war. Well, my answer to that is, that it has never been tried yet and we shall see.” sagt Arthur Harris. Das war sein Auftrag, es wurde seine Mission und am Ende seine Obsession. Um den Luftkrieg zu verstehen, muss man mit Douhet anfangen. Giulio Douhet war ein italienischer Luftwaffengeneral der Zwischenkriegszeit, beeindruckt von den deutschen Luftangriffen auf London im ersten Weltkrieg und den alliierten Gegenideen, postulierte er, künftige Kriege würden aus der Luft entschieden, allein damit, dass riesige Bomberflotten die feindlichen Städte auslöschten und den Gegner damit zur Kapitulation zwängen. Ein Visionär des Schreckens, der bereits 1930 starb und seine Verwirklichung nie erlebte.

Alle Seiten des Krieges verstanden sich als seine Schüler. Die Deutschen begannen den Krieg auf diese Weise, um 04:30 Uhr am 01. September 1939 auf eine polnische Kleinstadt namens Wieluń, militärisch wertlos auf eine schlafende Zivilbevölkerung mit weit über 1000 Toten. Ein bis dahin beispielloses Kriegsverbrechen, es geschah im Frieden ohne Kriegserklärung. Über Warschau lässt sich streiten, Rotterdam war ein zwar ein irrtümlicher, schon abgesagter Angriff, aber im Ursprungsbefehl exakt als „moral bombing“ geplant, “kapituliert ihr Niederländer nicht, dann äschern wir die Stadt ein”. Mit den ersten Angriffen auf London hatte die deutsche Seite sich für den Versuch entschieden, im Westen Douhet zu realisieren. Ein ganzes Land sang den überaus populären Schlager von den Bomben auf Engelland. Es misslang, weil die Ressourcen große Flotten viermotoriger Bomber nicht zuließen, scheiterte vor allem aber, weil die englische Zivilbevölkerung sich nicht demoralisieren ließ. 50.000 zivile Tote kostete der nur neunmonatige Versuch, England durch vernichtende, rein auf zivile Ziele gerichtete Luftangriffe mit unzureichenden Flugzeugen zum Frieden zu zwingen. Danach wurden die deutschen Bomber im Osten gebraucht. Die Umsetzung der Theorie vom alles entscheidenden Bombenkrieg wurde von der deutschen Seite als Mittel der Kriegsführung eingeführt. Am Vorabend der Schlacht, ohne jede taktische Bedeutung, wegen der die Eroberung behindernden Trümmer sogar kontraproduktiv, war der Terrorangriff auf Stalingrad am 23.08.1942 mit wahrscheinlich 50.000 Toten der verheerendste in Europa. Der Versuch von Arthur Harris, zu beweisen, dass Douhet funktioniert, war schon deshalb legitim.

Der Krieg der Alliierten aber war ein Krieg gegen einen bis dahin nicht gekannten Feind der Menschheit, der ihn als Vernichtungskrieg zur Versklavung der Völker Osteuropas führte, mit Massenerschießungen an der polnischen Führungsschicht begann, im Entwurf des Russlandkrieges die Ermordung vom 30 Millionen Einwohnern vorsah, was nur an der Niederlage vor Moskau scheiterte, der die 11 Millionen Juden Europas, die mit dem Krieg überhaupt nichts zu tun hatten, systematisch zu ermorden trachtete und 6 Millionen hinschlachtete. Mord, Versklavung und Raub war deutsches Kriegsziel und deutsche Kriegsmethode. Nicht nur Adolf Hitler führte diesen Krieg, es war das gesamte deutsche Volk, von den Möbeln der Deportierten, den Jobs als Herrenmenschen bei der Verwaltung Osteuropas, der Ausplünderung der besetzten Gebiete, bis zur aktiven Mordteilnahme. Deutschland hatte jedes vorstellbare und unvorstellbare Kriegsverbrechen bis 1942 begangen, sich außerhalb eines zivilisatorischen Minimums bewusst begeben, jedes Anrecht darauf verloren, sich auf irgendein Kriegsrecht zu berufen.

Windows oder Perfektion einer Vorbereitung

Britische Lancaster wirft erst Radartäuschmittel (links), dann Bomben ab (rechts).

Britische Lancaster wirft erst Radartäuschmittel (links), dann Bomben ab (rechts).

Arthur Harris wurde im Februar 1942 mit dem Kommando über die Bomber betraut, gleichzeitig mit der Area Bombing Directive, der Anweisung zum Flächenbombardement. Eine neue Strategie hatte den dafür besten Mann an die Spitze gesetzt, der sogleich damit begann, die Ziele in die Praxis umzusetzen. Die ersten Experimente trafen Lübeck und Rostock. Schon für den ersten sogenannten 1000 Bomber Angriff war als Ziel Hamburg vorgesehen, das schlechtes Wetter führte zur Änderung. Die Großangriffe begannen über Köln.

Das Bomber Command lernte, verfeinerte das Vorgehen. Um den Besatzungen die Orientierung am Ziel zu ermöglichen, wurden die Pfadfinderverbände geschaffen. Besonders erfahrene Piloten flogen den Verbänden voraus, sie warfen Leuchtbomben ab, im Volksmund bald Christbäume genannt, markierten das Ziel weithin sichtbar. Bereits die Experimentalangriffe auf Lübeck und Rostock hatten gezeigt, dass keine Angriffswirkung so durchschlagend wie das Feuer ist. Um dies auch auf Städte ohne historische Stadtkerne zu übertragen, wurde eine spezielle Bombenmischung entwickelt. Es begann mit den Luftminen, gewaltigen Sprengbomben, die Häuserblöcke zerstören konnten, vor allem in ganzen Straßenzügen die Dächer von den Gebäuden fegen, damit dann die Stabbrandbomben hineinregneten. Diese kleinen, kaum einen halben Meter langen Stäbe enthielten ein Benzolgemisch, das eine 15 Minuten brennende Stichflamme zu entzünden vermochte, sie waren vergleichsweise einfach zu löschen, selbst eine Patsche genügte. Ihr Geheimnis bestand im hunderttausendfachen Abwurf in die offenen Dächer, dazu Phosphorbomben und zwischendurch Sprengbomben, um die Feuerwehr in den Bunkern zu halten.

In Casablanca beschlossen Churchill, Roosevelt und ihre Spitzenmilitärs die Point Blanc genannte Gesamtkonzeption der amerikanischen Tagesangriffe auf Punktziele und der britischen nächtlichen Bombardierungen. Da eine Invasion vorerst nicht möglich war, sollte die Sowjetunion mit einer Offensive aus der Luft entlastet werden. Tatsächlich bestand die Einigung mehr in der Theorie, weiterhin waren beide Verbündeten von der Richtigkeit ihrer jeweiligen Idee überzeugt und beschränkten die Gemeinsamkeiten auf das unbedingt Notwendige, zumal die 8. USAAF erst im Aufbau war, während das Bomber Command seinen Höhepunkt erreichte, dazu stand jetzt ein Flugzeug zur Verfügung, das wie kein anderes das Folgende repräsentieren sollte – die Avro Lancaster.

Die deutschen Gegenmaßnahmen hielten technisch mit. Eine Kette Würzburggeräte genannter Radaranlagen entlang der Küsten warnte früh, Deutschland wurde in kleine Regionen unterteilt, in denen jeweils eine Leitstelle einen Nachtjäger an einen Bomber führte, was man Himmelbettverfahren nannte, effektiv, aber starr. Die Nachtjäger waren bestausgebildete Blindflugspezialisten, die der RAF schon zu dieser Zeit große Verluste zuzufügen in der Lage waren. Der gewaltige Schlag, in dem Harris all seine Erfahrungen zusammenzufassen gedachte, bedurfte weiterer besonderer Zutaten.

Der Bomberstrom war die erste Entwicklung. Bisher flogen die Bomber weitläufig auseinander gezogen ihre Ziele an. Die Briten hatten das Verfahren der Nachtjagd durchschaut und konterten es, indem sie nun ihre Bomber zusammengefasst hintereinander fliegen ließen, nicht so eng wie bei Tagesangriffen, das Himmelbettverfahren, auf einsame Bomber ausgerichtet, konnte jedoch nicht mehr funktionieren.

Das große Geheimnis hieß Windows, der Tarnbegriff für Stanniolstreifen, die dem Radar die Bilder von fliegenden Objekten vortäuschen konnten und damit die Abwehr erblinden ließen. Ohne voneinander zu wissen, hatten Deutsche wie Briten das schon zu Kriegsanfang erkannt, Düppelstreifen war die deutsche Bezeichnung. In der Sorge, dem Kriegsgegner das Geheimnis zu verraten wurde beiderseits jede Anwendung verboten. Die Deutschen untersagten sogar jede Forschung an Gegenmaßnahmen, um den Kreis der Wissenden so klein wie möglich zu halten. Bereits am 28. Februar 1942 gelang es einem Kommandounternehmen eine Würzburg Radaranlage an der französischen Küste fast vollständig zu demontieren, ein überzeugter Nazifeind, Oberleutnant Schmitt vom NJG (Nachtjagdgeschwader) 3 flog am 9. Mai 1943 mit seinem Ju 88 Nachtjäger samt Liechtensteingerät, des neuesten Bordradars, nach England. Nun ließ sich das Stanniol genau auf die Radarfrequenzen abgestimmt zuschneiden.

Den dritten entscheidenden Faktor konnte Harris nicht beeinflussen. Einen Sommer, wie er nur selten vorkommt. Der gesamte Juli in Hamburg kannte nur Sonnenschein und Temperaturen zwischen 28° und 34°. Der Boden war aufgeheizt und ausgetrocknet.

Gomorrha nannte der Luftmarschall mit grimmigem Sinn für die biblische Parallele das Unternehmen. Der Ort des unsagbar Bösen, vernichtet durch das Feuer vom Himmel.

Operation Gomorrha

Amerikanische B-17 Bomber, die "fliegenden Festungen" im Angriff

Amerikanische B-17 Bomber, die „fliegenden Festungen“ im Angriff

791 Bomber flogen am 24.07. über die Nordsee an, drehten bei Helgoland auf Hamburg. Don Bennet, Gründer und Kommandeur der Pfadfinderverbände führte selbst. Die Nikolaikirche, der höchste Turm Hamburgs, war das Ziel. Als die Stanniolstreifen herausgeworfen wurden, bildeten sie Wolken im Radar, 12.000 Bomber, die sich kaum bewegten, zeigten die Geräte an, die Höhen nicht erkennbar. Die Leitstellen waren hilflos. Die Nachtjäger fanden nicht zu ihren Zielen, Flak und Scheinwerfer bekamen keine Daten, sie schossen blindes Sperrfeuer. Die Pfadfinder trafen dennoch nicht präzise wie geplant. Ihre Markierungen fielen in verschiedene Quartiere des Hamburger Westens, Teile von Altona, St. Pauli, Eimsbüttel und der Innenstadt gingen in Flammen auf. Die Wucht allein aber war derart stark, dass die Feuer den folgenden Morgen verdunkelten und erstmals nicht bis zum Abend zu löschen waren. Aus den glühenden Kellern flüchteten die Menschen auf die brennenden Straßen, ein Angriff wie die vorgehenden auf Köln, nur schätzen kann man die Totenzahlen, sie lagen bei etwa 1500, der Feuersturm wenige Tage danach machte genaue Zählungen unmöglich. 12 Bomber verlor die RAF, Windows hatte sich bewährt. Hamburg war schwer getroffen.

Im Sinne der gemeinsamen Strategie beteiligten sich am Folgetag auch die Amerikaner. Es waren nur 110 bis 150, die einen Zielangriff auf den Hafen führten. Der erste Großeinsatz der 8. USAAF unter ihrem Kommandeur Ira Eaker. Die Fliegenden Festungen machten die böse Erfahrung, dass sie keine Festungen waren, dem entschlossenen Angriff der Tagjäger nicht standhalten konnten. Die Kampfgruppe 379 verlor 15 Maschinen, zahllose kamen beschädigt zurück, zum nächsten Angriff mussten andere antreten, die Luftwaffe büßte lediglich 6 Jäger ein. Aber sie zeigten auch die Überlegenheit der amerikanischen Vorgehensweise, die Beschädigungen im Hafen waren trotz der Rauchsäule, die das Zielen behinderte, verheerend. Die Kapazität der Werften, der U-Bootproduktion wurde nachhaltig eingeschränkt.

Harris gab der Stadt Zeit, auch am nächsten Tag gab es eine amerikanische Bombardierung des Hafens, diesmal nur ungefähr 80 Bomber. Der dritte Angriff ein Störangriff, während die Lancaster auf Essen zielten, warfen sechs Mosquito Schnellbomber Sprengbomben in der Nacht zum 27.07. auf Harburg, ohne Menschenverluste.

Es ist die Nacht vor 75 Jahren, vom 27. auf den 28. Juli 1943, die in die Geschichte des 2. Weltkriegs und in die Stadtchronik Hamburgs eingehen wird. Die Folgen der vorhergehenden Bombennächte hatten die Stadt über die Sommerhitze hinaus aufgeheizt. 739 Bomber konnte Harris einsetzen, nur 17 wird er verlieren. Der Zielpunkt war wieder der Nikolaiturm, der Anflug erfolgte über die östlichen Stadtbezirke. Diesmal lagen die Zielmarkierungen enger, die Bombardierung begann um 0:55 mit einer Heftigkeit, die selbst erfahrenen Feuerwehrleuten unbekannt war. Es funktionierte alles, die engen Wohnblocks fingen schnell Feuer, es entzündete sich der Feuersturm. Schon durch die Aufheizung des Wetters stieg die Luft schnell auf, die Wolkenschichten durch die vorherigen Feuer verlangsamten die Abkühlung und ließen den Luftstrom sehr hoch steigen, die Brände am Boden, die sich zügig zu einem einzigen Flammenherd vereinigten, verbrauchten den Sauerstoff, frische Luft wurde in die Brandgebiete eingesogen, wie in einem Kamin auf der einen Seite stieg die heiße Luft nach oben, wie ein Sauger zogen an den Seiten die brennenden Stadtteile den Sauerstoff wieder hinein, wilde Feuerorkane, deren Geschwindigkeiten, die denen von Taifunen geglichen haben sollen, rissen alles mit sich, verbrannten die, die sie trafen, im Nu zu Asche. Feuerwirbel tanzten durch die Straßen, ein niemals gekanntes Inferno, auch für jene, denen das Phänomen des Feuersturms nicht neu war. Die Bewohner hatten die Wahl in den Kellern, deren Mauern zu glühen begannen, gebacken zu werden oder in den Feuersturm hinein zu fliehen. Das Volk des Vernichtungskrieges verbrannte in seinen Kellern, Häusern und Straßen. Die Ambivalenz des Ganzen schildert niemand so eindrucksvoll wie Wolf Biermann, dessen Vater zur selben Zeit in Auschwitz ermordet wurde, der auf den Schultern seiner Mutter durch den Kanal in Hammerbrook getragen wurde, nachdem er gesehen hatte, wie andere im weich gewordenen Asphalt stecken blieben und den Hitzetod starben.

Nichts war mehr wie zuvor, kein Notfallszenario darauf eingerichtet. Die Hilfskräfte und ihre Stäbe waren zum Teil selber tot, die Räumung der Stadt wurde angeordnet. Die Moorweide wurde Sammelpunkt, ein böser Sarkasmus der Geschichte, denn im vorherigen Jahr waren hier die Juden Hamburgs zusammengetrieben worden, um sie zu den Mordplätzen zu verbringen, nach Lodz, nach Minsk, nach Auschwitz. Der Luftkrieg war eine bittere, überlegte und kalkulierte Kriegsstrategie, doch das schlechte Gewissen seiner Opfer ließ diese in großer Anzahl daran denken, dass es die gerechte Vergeltung gewesen sein könnte. Zwischen 30.000 und 35.000 starben in jener Nacht, genauer wird es nicht zu beziffern sein, Hans Brunswig, der als Hauptmann der Feuerwehr dabei war und der lakonische Chronist wurde, schätzte knapp 35.000, gesamt für die Gomorrha-Operation etwa 37.000 bis 38.000.

Der sechste Angriff traf Barmbek, 29./30. Juli. Noch enger legten die Pfadfinder die Leuchtmale, die Zerstörung des Feuersturms wiederholte sich nahezu, aber die Zahl der Verluste lag eher bei 1000, die meisten Bewohner waren am Vortag geflohen, was die Feuerentwicklung förderte, weil der Selbstschutz nicht mehr vorhanden war. Im Bunker des völlig zerstörten Kaufhauses Karstadt ersticken 370, die dort Schutz gesucht hatten, weil sich im Kohlenkeller die Vorräte entzündeten. Die unversehrten Leichen, die wie eingeschlafen ausgesehen haben sollen, hinterließen auf die Überlebenden mitten im Chaos einen besonderen Eindruck. Ein kleines Denkmal am Mundsburg erinnert daran.

Das Finale war wie aus der Hexenküche, die Wolken des Feuersturms regneten sich in wilden Gewittern ab, als in der Nacht zum dritten August die RAF zum Abschluss startete. 35 ihrer Flugzeuge gingen verloren, die Orientierung war kaum möglich, die Wolken verdeckten die Zielmarkierungen, vielen Bomben fielen auf die Wiesen im Umland. Fast 10.000t Bomben waren geworfen worden, die errechnete Zielmenge für die Ausschaltung einer Stadt.

Konsequenzen und Scheitern

US-Wochenschau über die Zerstörung Hamburgs.

Hamburg traf das Nazireich in einer erschütternden Gesamtlage. Die Alliierten waren auf Sizilien gelandet, Mussolinis Absetzung lag in diesen Tagen, bei Orel brach die sowjetische Gegenoffensive los. Nie in der Geschichte war bis dahin eine Millionenstadt und Industriezentrum vollständig ausgeschaltet worden. Hamburg kann in der Tat als der größte Erfolg des englischen Luftkrieges bezeichnet werden. Es war die Moral der Naziführung, die das erste und wohl auch einzige Mal ins Wanken geriet. Vom verlorenen Krieg wurde ungeniert gesprochen, Speer erklärte, noch vier oder fünf solcher Städtevernichtungen und die Kapitulation wäre unvermeidlich. Nachdem es nicht einmal drei Wochen danach dem Bomberkommando gelungen war, die Raketenversuchsanlage in Peenemünde zu zerstören, beging der Generalstabschef der Luftwaffe, ein treuer Nazi, Selbstmord. Harris, der glaubte, die Invasion vermeiden zu können und nur aus der Luft den Krieg zu gewinnen, war seinem Ziel niemals so nahe, wie in jenen Monaten.

Aber jedem Höhepunkt folgt der Abstieg. Harris hatte drei Dinge falsch eingeschätzt. Die vernichtenden Schläge demoralisierten die Bevölkerung nicht, sie schweißten auch nicht zusammen. Es war eine dritte Reaktion, die Apathie, das nur auf das nächste Überleben gerichtete Handeln. Zudem waren die Ausgebombten auf die Hilfsorganisationen der Nazipartei auf Gedeih und Verderb angewiesen, abhängig. Es gab kein Potential für eine Auflehnung. Zum anderen vermag ein Regime der absoluten Unmenschlichkeit Kräfte zu entfalten, die der Zivilisation fremd sind. Es trieb die KZ Gefangenen zum Entschärfen der Blindgänger, Räumen der Straßen, Abriss der einsturzgefährdeten Ruinen, Bergen der Brandleichen und Anlegen der Massengräber, zur Reparatur der Fabriken, mehr als 15.000 wurden insgesamt eingesetzt, weit mehr als 3.000 starben. Von den Evakuierten kamen viele wieder, die sich in Ruinen, Kellern und provisorischen Hütten einrichteten. Hammerbrook, der am schlimmsten betroffene Stadtteil wurde Sperrgebiet, mit einer Mauer umgeben. Bis in die 90er Jahre dauerte es, bevor hier wieder ein Stadtbild erkennbar wurde. Am Ende des Jahres 1943 war 80% der Industrieproduktion wieder erreicht.

Der größte Fehler des Luftmarschalls war sein unbeirrter Glaube, von nun an Hamburg und die Operation Gomorrha wiederholen zu können. Er übersah dabei die eigene perfekte Vorbereitung, die diesen einen Schlag ermöglichte und unterschätzte die ausgeschaltete deutsche Verteidigung. Sie konnte sich durch ihn aus ihrem starren Denken lösen und reagierte ungeheuer schnell. Waren es erst unter dem Namen Wilde Sau bekannt gewordene Tagjäger, die im Licht der Scheinwerfer während der Bombardierungen trotz Flakfeuer Ziele suchten, wurde zügig ein hochprofessionelles Verfahren entwickelt. Die durch die Stanniolwolken ankündigten Bombergeschwader wurden vom Bodenradar erfasst, die Jäger hingeführt, damit sie mit Bordradar selber die Ziele suchten. Windows ließ sich durch Frequenzänderungen darüber hinaus entschärfen, die Flak hatte wieder Koordinaten. Die britischen Verluste erreichten schwer erträgliche Höhen. Harris, der über Berlin den Krieg beenden wollte, musste erkennen, dass dies bei anderem Wetter, stärker werdender Verteidigung und breiten Alleen unmöglich war. Gewaltige Zerstörungen ja, der Feuersturm aber war nicht zu wiederholen. Am 30. März 1944 verlor er beim Nürnberg Raid 106 Bomber, 545 Mann, mehr als die RAF in der gesamten Luftschlacht um England.

Auch die amerikanischen Verluste steigerten sich, bis sie bei Schweinfurt und Regensburg Größen erreichten, dass eine Pause eingelegt werden musste. Aber die USAAF zog Konsequenzen. Ein Langstreckenjäger, der die Bomber bis an ihre Ziele begleiten konnte, wurde entwickelt, in solchen Massen produziert, dass die Luftwaffe keine Chance hatte. Die deutsche Tagjagd starb zwischen April und Juni 1944. Harris musste sich widerwillig nach Nürnberg bis zum Herbst an der Ausschaltung der französischen Infrastruktur beteiligen, die maßgeblich für den Erfolg der Invasion war.

Harris kannte nichts, als immer wieder dasselbe zu versuchen. Der Bombenkrieg wurde zur Geschichte eines immer verbissener an seiner Idee festhaltenden Mannes und seiner tapferen Flieger, die den ungeheuren Blutzoll von 55.000 Gefallenen zahlten, ohne dass dies nachhaltig die deutsche Kriegsführung schädigte. Der Krieg wurde tatsächlich aus der Luft gewonnen, von den Amerikanern mit ihren gezielten Angriffen auf die Rüstungsindustrie, die Infrastruktur und vor allem die Hydrierwerke, was den Deutschen zeitgleich mit der Eroberung der rumänischen Ölfelder den Treibstoff ausgehen ließ. Alle Versuche Harris darin einzubeziehen, scheiterten. Starr hielt er an seinem Projekt fest, verweigerte sich dem Eingeständnis des Irrtums, der bedeutet hätte, zu realisieren, seine Flieger erfolglos dem einsamen Tod am nächtlichen Himmel ausgeliefert zu haben. Erst bei Kriegsende gelangen wieder Feuerstürme, die Deutschen hatten ihre Radaranlagen an den Küsten verloren, die Nachtjäger kein Benzin mehr. Dresden, Würzburg und vor allem Pforzheim wurden mit voller Berechtigung der Vernichtung anheimgegeben, um den Deutschen, die verbrecherisch den sinnlosen Krieg weiterführten, zu zeigen, dass sie kapitulieren müssen. Sie allein verantworten die Toten, denn sie hörten auch jetzt nicht auf.

Ironie der Geschichte, Douhet behielt doch Recht. Die Amerikaner, deren strategischer Luftkrieg in Europa ihn widerlegte, waren es, die über Japan mit Hilfe der Atombombe den Krieg aus der Luft gegen Städte zum Erfolg führten. Es bedurfte nur ganz anderer Waffen als Harris sie hatte und Douhet sie sich vorstellen konnte.

RuhrBarone-Logo

30 Kommentare zu “Griff in die Geschichte: Operation Gomorrha

  • #1
    Stefan Laurin

    Was die nachhaltige Schädigung der deutschen Kriegsmaschinerie betrifft, sehe ich das ein wenig anders. Die Luftverteidigung band große Teile der deutschen Jäger und viele 8.8er mussten als Flak eingesetzt und konnten nicht als Panzeraberwehrwaffe genutzt werden – als diese war sie gefürchtet. Beevor rechnet – ich glaube in "Der Zweite Weltkrieg" – auch die Produktionsausfälle vor. Sie waren nicht unbeeindruckend. Und ob der Krieg in der Luft gewonnen würde, sollten wir auch diskutieren. So wichtig der Luftkrieg war, entscheidend waren – glaube ich – die großen Landschlachten: Nordafrika (Torch und die Folgen), Normandie, Stalingrad, Kursk und die Sommeroffensive 44 an der Ostfront Ansonsten: Spannender Text – Glückwunsch 🙂 Und jetzt lass uns diskutieren!

  • #2
    Stefan W.

    Wenn dieser Tage auf Demonstrationen Sprechchöre fordern, es mögen doch bitte Menschen im Meer "absaufen! absaufen!", fällt mir dazu nur eins ein: Arthur Harris, do it again!

  • #3
    Waldemar Pabst

    Zu1.

    Natürlich band die Reichsverteidigung in hohem Maße die Kräfte der Jagdwaffe. Die Kritik an Harris allerdings bezieht sich ausschließlich am Festhalten an den Nachtangriffen nach dem Scheitern über Berlin. Die Tagangriffe der Amerikaner allerdings erforderten allein schon die massive Verteidigung der Städte, ob die Engländer des Nachts kamen oder auch nicht, die Flak musste ohnehin da sein. Die Geschütze hätten sicher an den Fronten zusätzliche Wirkung gehabt, aber unverteidigt konnte die Städte eben nicht bleiben. Personell haben die Nazis schon wesentlich weniger am Boden eingesetzt, weil die Mannschaften in den Städten aus Schülern und, was meist vergessen wird, zu nicht unerheblichem Teil auch aus Russen bestanden haben. (Exkurs, bei dieser Beanspruchung regt es mich immer zum Nachdenken darüber an, warum ein ausgebildeter Flakoffizier in jener Zeit weder an der Front noch in der Reichsverteidigung eingesetzt wurde, sondern in den drei heftigsten Jahren im RLM Dienstvorschriften verfasste, Helmut Schmidt nämlich). Die Nachtjäger haben zu keiner Zeit mehr als 400 einsatzfähige Flieger gehabt. Natürlich hatten Harris Angriffe Wirkung, wer will das bezweifeln, sie standen aber eben weder in einem Verhältnis zu den Verlusten, 55.000 waren mehr als die Hälfte aller Besatzungen, noch zu der Wirkungsmacht der Amerikaner, die mit etwa ebenso hohen Verlusten sich nicht nur tödlich für die Luftwaffe erwiesen, sondern auch für die Beweglichkeit und die Panzerwaffe der Wehrmacht im Westen, sowie natürlich die Industrie- und Treibstoffproduktion. Womit wir bei

    2. wären.

    Was den Osten betrifft, kann man sicher argumentieren, dass die Luftangriffe durchaus die deutschen Regenerationsmöglichkeiten verminderten und dass ab Ende 1943 kaum noch Luftwaffe zur Verfügung stand. An der gesamten Ostfront gab es nur zwei Jagdgeschwader, Tagjäger wohlgemerkt. Aber sicher ist die drückende Überlegenheit der Sowjets hauptverantwortlich. Im Westen ist der Luftkrieg tatsächlich entscheidend. Bereits in Afrika übrigens. Der Erfolg von Torch beruhte noch darauf, dass keine deutschen Truppen in Marokko und Algerien zur Verfügung standen, El Alamein ging bereits voraus, dass Rommels Truppen ihre Offensive nicht zuletzt deshalb beenden mussten, weil der Nachschub immer unmöglicher wurde, was an der britischen Luftüberlegenheit über dem Mittelmeer lag. Die Deutschen haben sehr wohl in Tunesien dann eine schlagkräftige Armee aufgebaut, allein, sie war nicht versorgbar, die absolute Luftüberlegenheit der Alliierten schnitt sie vollständig ab. Was Sizilien betrifft, kann man dies trefflich in der Straße von Messina bei Steinhoff nachlesen. Die Invasion ist allein aus der Luft gewonnen worden. Rommel mit Afrikaerfahrung behielt Recht, nur am Strand bestand die Chance aufzuhalten. Vor und während der Schlacht haben Amerikaner und Engländer systematisch das französische Verkehrsnetz zerstört, ihre Luftüberlegenheit verhinderte jede Truppenbewegung der Deutschen bei Tage, Nachschub konnte kaum herangeschafft werden, die Alliierten konnten ihre etwa gleich hohen Verluste spielend über den Kanal ersetzen, während die Deutsche auf dem Langwege nicht in der Lage waren, aufzufrischen. Dem Durchbruch ging ein Bombenangriff mit absoluter Vernichtungskraft voraus. Durch die Bombardierungen der Hydrierwerke ging den Deutschen tatsächlich der Treibstoff aus. Das irrsinnige Spiel der Ardennenoffensive, das muss man sich vor Augen führen, bestand darin, dass die Deutschen eine große amerikanische Nachschubbasis erobern mussten, um die Panzer weiter fahren zu können. Sie blieben dann auch konsequenter Weise liegen. Als das Wetter aufklarte und die Amerikaner wieder fliegen konnten, fiel der Spuk der Wacht am Rhein binnen Tagen zusammen. Die deutschen Panzerverbände wurden hauptsächlich aus der Luft vernichtet. Der Erfolg im Westen beruhte ausschließlich auf der Luftüberlegenheit.

  • #4
    thomas weigle

    Um 1960, ich war noch Grundschüler, war Bomber-Harris und sein Krieg Thema in deutschen Illustrierten. Den Tenor kann man sich vorstellen. Bis heute wird ja gerne über den "Bombenterror" der RAF und der USAF geklagt. Kein Wort darüber, dass der Bombenkrieg nach Hause gekommen war. Kein Wort darüber, dass Goebbels im November 40 in der Zeitschrift für den gebildeten Nazi DAS REICH höhnisch ein neues Wort in den deutschen Sprachschatz einführte: "coventrisieren", nachdem die Luftwaffe Coventry in Trümmer gelegt hatte.
    Es ist unglaublich wie schnell die Nazis zumindest die Zerstörung von Eisenbahnanlagen beseitigten. Und liest man Speer und andere, scheint der Bombenkrieg zumindest bis Anfang/Mitte 44 noch keine gravierenden Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion gehabt zu haben, man produzierte bis zum Sommer 44 noch Rekordzahlen bei der Waffen- und Munitionsproduktion, auch weil man mittlerweile vieles unterirdisch produzieren konnte. Die Nazis haben D. tw. unterkellern lassen. Es standen ja genügend Zwangsarbeiter zur Verfügung, die nicht nur Dora-Mittelbau unter schlimmsten Bedingungen aushöllen mussten.
    Ich las vor einiger Zeit mal, dass während des Battle over Britain die Lebenserwartung britischer Flugzeugbesatzungen sechs Monate betragen haben soll. Hätten nicht viele polnische Piloten England erreicht und britische Maschinen geflogen, wäre diese "Luftschlacht" möglicherweise anders ausgegangen. Polen war zu diesem Zeitpunkt verloren, Great Britain Gott sei Dank nicht.

  • #5
    Gerhard Otto

    @Laurin #1

    -> "Ansonsten: Spannender Text – Glückwunsch 🙂 Und jetzt lass uns diskutieren!"

    Die Geschichtsklitterer Guido Knopp und Jörg Friedrich – dieser Herr ist gerne als "Historiker" unterwegs, isser qua Bildungsgang aber nicht – werden in Pabst-Text glücklicherweise nicht erwähnt.

  • #6
    Waldemar Pabst

    Meine Quellen sind andere, in diesem Falle in unterschiedlicher Größe Beevor, Brunswig, Galland, Longerich, eine Spiegeldoku vor einigen Jahren, die sehr empfehlenswert ist und eine ganz hervorragende, da mit echten Zeitzeugen, darunter noch Kommandeuren der RAF besetzte des NDR von 1983, jedoch vor allem und in erster Linie das Vielfache, was ich im Laufe meines Lebens gehört und gelesen habe, zugegeben ist der Luftkrieg etwas, was mich seit der Kindheit beschäftigt, ich bin da etwas seltsam. Friedrich gehört dazu selbstredend nicht. Ich habe sein Buch auch erst seit einem Jahr und es nicht geschafft, über die ersten Seiten hinauszukommen. Es ist sicher faktenreich, wobei er das meiste seines Wissens sich bei anderen angeeignet hat, aber so unerträglich offen und zwischen den Zeilen tendenziös darauf bedacht, die Westmächte, die einen Krieg zur Befreiung Europas vom schlimmsten Feind aller Zeiten führen, anzuklagen, dass es mich schlicht anwidert. Ich glaube, ich werde da nie durchkommen. Ich dachte nur, gelesen müsste man ihn haben, um mitreden zu können. Der Wunsch von Deutschen nach dem Auchopfertum wächst mit jedem Jahr mehr.

    Es hat sich in den letzten Jahrzehnten, ich las das gestern sehr interessiert, weil es ganz meine Meinung ist, im Vorwort zu Overys Bombenkrieg (den besitze ich erst seit vorgestern), ganz fürchterlich entwickelt, je nach Standpunkt den Bombenkrieg vor allem moralisierend endlos emotional zu betrachten, um völlig irre Debatten loszutreten. Das erfolgt zur Zeit fast ausschließlich von Rechts, die alljährlichen Dresdner Selbstmitleidsfestspiele sind der schlimmste Auswuchs, aber dies hat (gefühlsmäßig verständlich) offenbar eine Gegenbewegung von links, die Harris quasi zum schwarzen Rächer, einer Kultfigur, macht, der er eben auch ganz gewiss nicht war, Harris war ein Luftkriegsstratege, der völlig legitimer Weise den Krieg aus der Luft gewinnen wollte, um die Invasion zu vermeiden, nicht mehr, nicht weniger. Schon deshalb war es mein Anliegen, zu beschreiben was geschah und warum es geschah, vor allem mit welchem Hintergrund und den Leser seine Meinung selber bilden zu lassen. Der Bombenkrieg ist Teil des Gesamtkrieges und sollte in seiner Bedeutung nach 75 Jahren danach gesehen werden.

    Tatsächlich bin ich sehr naiv viele Jahre der Ansicht gewesen, das alles wäre Allgemeinwissen. Ich habe auch in Hamburg selten jemanden kennen gelernt, der nicht sich völlig im Klaren war, dass all dieser unvorstellbarer Schrecken keinen anderen Schuldigen hat, als die Nazis, die diesen Krieg begonnen hatten und ich bin nun 59, in meiner Kindheit waren viele Menschen, die das miterlebt hatten. Hamburg geht nach meinem Dafürhalten anders damit um. Aber irgendwann bemerkte ich zweierlei, dass nämlich neue Generationen kaum bis gar kein Wissen hatten und gerade diese sich darin zu suhlen begannen, die Bombenopfer zu betrauern und die Alliierten zu Verbrechern umzudeuten, Täter/Opfer Umkehr ist ein beliebtes Stilmittel. Jeder hat so seinen Auftrag, meiner ist es offenbar, anderen mein unnützes Wissen weiter zu geben, solange ich da. Meine Kinder wissen ein Lied davon zu singen.

  • #7
    Gerd

    Das stimmt, es hat Großbritannien aber genau so getroffen. Bomber Command hat auch Unmengen an britischen Ressourcen verbraucht.

    Angefangen mit den Flugplätzen. Die mußten vielfach neu gebaut werden und dann mit weit höheren Standards als in der Zwischenkriegszeit. Viermotorige Bomber waren sehr teure und komplexe Waffensysteme, die neben einer Unmenge von Trieb- und Schmierstoffen auch eine Heerschar von Mechanikern benötigten. Und eine sehr umfangreiche Besatzung von hochmotivierten Freiwilligen.

    All das bzw. viel davon hätte man auch anders „investieren“ können. Z.B. ins Heer, das schon vor 1944 an Personalmangel litt. Besonders die Infanterie.

    Oder zur Verstärkung des Costal Command. Die Notwendigkeit eines Konvoisystems in Kombination mit der Schließung des Mittelmeers hatte die britische Handelsschifffahrt und damit die britische Kriegswirtschaft sehr getroffen. Der frühzeitige Einsatz von Bombern mit großer Reichweite als U-Bootjäger hätte zahlreiche Handelsschiffe gerettet. Man geht davon aus, dass jede als U-Jäger eingesetzte Liberator sechs oder mehr Schiffe rettete, was letztendlich Deutschland weit mehr schadete, als ein paar Tonnen Bomben mehr oder weniger von denen mindestens 10% nicht mal explodierten.

    Alles in allem war der Kosten-Nutzen Effekt des Bomber Command nicht gut.

    Eine sehr detaillierte Studie hat John Fahey mit „BRITAIN 1939 – 1945:
    THE ECONOMIC COST OF STRATEGIC BOMBING“ verfasst.

    https://ses.library.usyd.edu.au/bitstream/2123/664/2/adt-NU20050104.11440202whole.pdf

  • #8
    Waldemar Pabst

    Vielen Dank für den Tipp. Das ist ja auch das, was sich aus dem Geschehen im Text wiedergegeben, als Kritik an Harris formulieren lässt. Er hätte nach dem Scheitern über Berlin und der Katastrophe von Nürnberg erkennen müssen, dass ein anderes Vorgehen notwendig ist.

  • #9
    thomas weigle

    @ Waldemar Pabst #6 Jedes Jahr im August erleben wir ein absolut einseitiges Spektakel, wenn sich Gutmenschen u.a. über die Atombomben, die den Krieg in Asien beendet haben, moralisch auslassen. Da werden Truman und die USA insgesamt angeprangert, von Kriegsverbrechen gar ist die Rede. Kein Wort darüber, dass diese Bomben ein unsäglich brutales Regime zur Aufgabe zwangen, dass den Nazis in kaum etwas nachstand, nur länger in Sachen Völkermord, Eroberung und Ausbeutung unterwegs war als diese.
    Und überhaupt: man stelle sich mal vor, dass im Sommer 44 eine Atombombe über Berlin und wenige Tage später eine solche über Essen Krupp etc.) explodiert wären. Kein funktionierendes Verwaltungszentrum und Eisenbahnverkehrsknoten mehr, sowie ein Zentrum der Rüstungsindustrie ausgeschaltet, von den psychologischen und moralischen Folgen unter der Bevölkerung und der Angst von weiteren Bomben dieser Art nicht zu reden.
    Die Kritik am Bombenkrieg der Alliierten zwecks Befreiung Europas von der Nazibarbarei wäre hierzulande sicherlich noch schärfer als sie schon ist.

  • #10
    Thomas

    @ thomas weigle

    weil die Nazis angefangen haben (Stichwort "Coventry"), legitimiert das nichts, was die Alliierten später taten:
    die einzig entscheidende Frage ist, ob ein Krieg gegen Zivilisten zu rechtfertigen ist – egal, von wem er geführt wird

  • #11
    Walter-Stach

    Waldemar Papst,
    ich werde nicht in eine "Sachdiskussion" einsteigen.

    Ich kann nichts an neuen Fakten zum Einsatz von Bomben durch die jeweilige Luftwaffen der Kriegsparteien im II.Weltkrieg einbringen. Das gilt für Europa wie für Japan.

    Die einschlägige Literatur ist sehr, sehr umfangreich und vergleichbar unterschiedliche sind die Meinung darüber, ob und inwieweit die jeweiligen Bombardierungen direkt oder indirekt, mittelbar oder unmittelbar im Interesse der jeweiligen Kriegsziele notwendig waren, ob sie angesichts der zivilen Opfer mit Blick auf das jeweilige Kriegsziel zu verantworten waren – jedenfalls seinerzeit seitens der Entscheider- und ob und ggfls welche Konsequenzen "man" daraus in den Kriegen danach hätte ziehen können, ziehen sollen bzw. in den laufenden Kriegen zu ziehen hätte -sh. ua. die Bombardierungen seitens der USA in Vietnam, sh. aktuell die Bombardierungen durch die jeweiligen Luftwaffen z. B. in Syrien . im Jemen.

    Waldemar Papst,
    ich meine, daß mit Ihrem Kommentir exemplarisch dazu beigetragen wird, daß "man" sich angesichts der Bombeneinsätze in allen Kriegen, die dem II.Weltkrieg gefolgt sind, und vor allem angesichts der aktuellen Bombeneinsätze in den Kriegen in Syrien und im Jemen in Deuschland daran erinnert, daß Deutschland aktiv/passiv im II.Weltkrieg Bombenkriegs-Beteiligter, Bombenkriegs-Betroffener Akteur war und auf "dessen Liste der Weltkriegstoten" folglich auch hunderttausende Bombentote stehen.

    Wenn ich mich, der die Bombardierung des östlichen Ruhrgebietes -DO und Umgebung-, noch selbst erlebt und seine Folgen -tote Zivilisten, zerstörte Städte- unmittelbar zu sehen bekommen habe, heute mit den Ursachen, den Folgen der Bombardierungen z.B in Syrien befasse, dann immer auch in Erinnerung an das Selbsterlebte.
    Auch insofern , Wolfgang Papst, ist Ihr Kommentar m.E. ein hilfreicher Beitrag dazu, daß diese Erinnerungen nicht gänzlich verloren gehen, denn sie tragen dazu bei, daß die Bilder von heutigen Bombenkriegen anders gesehen werden als ohne dieses Sich-Erinnnern und das das heutige Leid der Zivilisten in Syrien, im Jemen nicht als das in einer , zumindest emotional so empfundenen fernen Welt erscheint, weit weg von alldem was man heutzutage "hier bei uns" für denkbar halten könnte.

  • #12
    Waldemar Pabst

    @Thomas Weigle, dieses Augustspektakel in Hiroshima empört mich ebenso, völlig richtig. Wenn die Japaner den Pazifikkrieg beklagen wollen, dann sollten sie es bitte in Nanking tun.

    @Thomas dazu habe ich meinem Text nichts hinzuzufügen. Das ist einfach erbärmlich. Deutschland hat den Städtekrieg eingeführt, den Krieg damit begonnen und ihn damit zu legitimen Mittel gegen sich selbst gemacht. hatte jedes vorstellbare und unvorstellbare Kriegsverbrechen bis 1942 begangen, sich außerhalb eines zivilisatorischen Minimums bewusst begeben, jedes Anrecht darauf verloren, sich auf irgendein Kriegsrecht zu berufen. Einen Krieg gegen den grauenvollsten Feind der Menschheitsgeschichte, der keine Moral kennt, führt man nicht mit Fairnessregeln und angezogener Handbremse, sondern mit allem, wirklich allem, was man an Mitteln besitzt. Deutscher moralisierender Kritik an Harris trete ich entschieden entgegen.

  • #13
    Gerd

    @9:

    Die ersten A-Bomben waren lange nicht so wirkungsvoll wie die heutigen. Würde man heute die Hiroshimabombe über Angies Residenz zünden, gingen an Bahnhof Zoo grade mal Fenster zu Bruch. Japanische Städte waren im Gegensatz zu europäischen sehr verwundbar, da dort sehr viele Häuser in extremer Leichtbausweise mit viel Holz gebaut worden waren. Die Bausubstanz in Berlin war um ein Vielfaches härter im Nehmen und im Pott gibt es selbst heute noch zig Möglichkeiten Essen zu umfahren.

    Hier eine Webseite, die die Effekte von A-Bomben verdeutlicht.

    https://nuclearsecrecy.com/nukemap/

  • #14
    Thomas

    @ Waldemar Pabst

    peinlich: "Deutscher moralisierender Kritik an Harris trete ich entschieden entgegen"
    Sonst fällt Ihnen nichts mehr ein? Die Menschen, Zivilisten, die bombardiert wurden, hatten einfach keine Rechte mehr? Schreiben Sie unter Ihrem Realnamen, oder ist das ein Pseudonym, unter dem Sie sich das trauen?

  • #15
    Waldemar Pabst

    Das war jetzt argumentativ einen Tick emotional. Zeigt aber das, was Overy moniert, dass nämlich von der Sache weg die Emotionalisierung der Thematik um sich gegriffen hat, was am Ende zu solchen gruseligen Veranstaltungen wie den alljährlichen dresdner Selbstmitleidsfestspielen führt. Natürlich verwirkt ein Volk, das daran geht andere zu versklaven, zu ermorden und zu berauben, das jedes selbst bis dahin undenkbare Kriegsverbrechen begeht, das Anrecht darauf, nach einem Recht behandelt zu werden, das es selber für sich nicht gelten lässt. Natürlich hatte nicht Adolf Hitler diesen Krieg allein geführt, er hatte eben nicht nur seinen Koch dabei, sondern ein ganzes Volk, das trunken vom Gift der völkischen Rassenlehre wie Bestien über andere herfiel. Natürlich gibt es unter denen meiner Vaterstadt, die es traf, auch Unschuldige, Kinder und solche, die verfolgt und dagegen waren. Aber machen wir uns nichts vor, die überwältigende Mehrheit der Menschen, die in meiner Kindheit dann die älteren Erwachsenen waren, waren Täter, Profiteure und bestenfalls Zuschauer. Sie wussten das auch selber genau, Ich habe in meiner Jugend sehr viele gekannt, die die Bombennächte miterlebt hatten und kaum jemanden, der die Schuldumkehr suchte. Das mag der Generation, die das dringende Bedürfnis verspürt, aus Ihren Vorfahren Auchopfer zu machen, weil sie mit dem Erbe der Shoa nicht fertig werden, sehr fremd sein. Kein Nachgeborener kann das Geschehen nacherleben, was man kann, ist sachlich aufzunehmen, was sich ereignet hat und wiederzugeben. Es ist die einzige Form damit umzugehen. Die Wertung, die Schuld, das alles ergibt sich von selber aus den Fakten. Es sei denn, man macht davor die Augen zu, aber in einem freien Land ist alles erlaubt, sogar der Wutausbruch, wenn man Fakten und Konsequenz serviert bekommt. Falls Thomas einmal nach Hamburg kommt, können wir gern mitten in Hammerbrook einen Kaffee trinken, dass ich Ihnen das auch höchst persönlich ins Gesicht sagen kann, ich habe damit kein Problem, es wäre mir sogar ein Bedürfnis. Ich kenne mich seit der Kindheit mit dieser Nacht vor 75 Jahren aus, ich habe ungeheuer viele Stimmen gehört, ich arbeite im Zentrum des Gebietes des schlimmsten Feuersturms und bin mir dessen jeden Tag an irgendeiner Stelle bewusst, ich weiß um das Inferno, das alle Vorstellbarkeiten sprengte und die Tode des Grauens, die gestorben wurden. Ich war in dieser Woche bei den Massengräbern und dem Friedhof der englischen Gefallenen, am Nikolaiturm und im Michel. Ich vermag zu Gedenken und zu trauern, aber niemals jemand anderem Verantwortung zuzuschieben, als den Nazis und ihrem Volk, das mit vollem Willen dem Verbrechen folgte und nun bezahlen musste.

    Der Entwurf meines Aufsatzes hatte einen Epilog, der der ausufernden Länge zum Opfer gefallen ist. Der Verzicht mag auch inhaltlich richtig gewesen sein, weil es fort von der zurückhaltenden Sprache ging und Ausdruck meines wachsendem Widerwillens, mehr und mehr auch unbändiger Wut auf die Geschichtsklitterung des Dresdentheaters wurde.

    Vielleicht macht es Sinn, ihn hier anzufügen:

    Gedenken, ein Nachwort

    Dresden wurde mit verzehnfachter Opferzahl von Goebbels, als die Niederlage für jeden sichtbar war, zur Propaganda benutzt, einer Propaganda, der sich das SED Regime anschloss, um gegen die freie Welt Stimmung zu machen. In den Köpfen der Menschen scheint das erschreckende Spuren hinterlassen zu haben. Dresden ist heute zu einer ahistorischen Stadt des Selbstmitleids verkommen, in dem alljährlich eine abstoßende Gedenkorgie der Bevölkerung der Nachgeborenen das wohlige Gefühl des Auchopfers schenkt. Hamburg war immer anders, nie war etwas von Hass auf die Flieger zu spüren, in allen Veranstaltungen, selbst zum 75. Jahrestag war klar, wer die Verantwortung trägt und dass das fruchtbare Feuer, das vom Himmel fiel, der Befreiung Europas von der größten Bedrohung seiner Existenz diente. Die ausgebrannte Nikolaikirche mit ihrem Ausstellungskeller, wo in diesem Jahr der zum Räumen missbrauchten KZ Gefangenen gedacht wurde, Hans Brunswigs sachliches Buch, die kleine Statue an der Hamburger Straße, die Massengräber in Ohlsdorf neben dem britischen Soldatenfriedhof, sie gereichen in der hysterischen Zeit der Dresdenspektakel Hamburg zur Ehre, auch wenn es im Abendblatt einen Artikel gab, der sich genau darüber empörte, Dresden kann ansteckend sein.

  • #16
    Thomas Siepelmeyer

    glückwunsch

    einer der wenigen beiträge auf ruhrbarone, den ich vo a-z unterschreibe.

    wen es interessiert, hier in münster findet gerade eine öffentliche kontroverse um die einschätzung von wehrmacht – generalmajor henning von tresckow als "widerstandskämpfer" statt, im zuge der jährlichen 20. – Juli – gedenkauftritte. Rüdiger Sagel, ehem. Landtagsabgeordneter, hat gegen Winnie Nachtwei, ehem. BT – Abgeordneter, Stellung bezogen; dieser hatte sich in einer rede vor dem einsatzführungskommando der bw entsprechend geäussert (s. www.nachtwei.de)
    mein leserbrief – einwurf in die debatte ist folgender:
    Die Antwort von Winfried Nachtwei auf den Leserbrief von Rüdiger Sagel zur Einschätzung des Wehrmacht – Generalmajors Henning von Tresckow verwundert sehr. W. Nachtwei hat seine Ausbildung zum Bundeswehr-Offizier in den 60er Jahren (Leutnant der Reserve) später offen und öffentlich widerrufen. Er hat seine Ausbildung als Historiker dazu genutzt, 1976 die erste umfassende Darstellung der Kolonisierung Namibias ("Deutsch-Südwest") und des Völkermords an den Nama und Herero durch die damalige deutsche Reichswehr zu schreiben. Dieses Buch war Grundlage für viele weitere Untersuchungen in den letzten 40 Jahren und hat zur Aufdeckung des Mythos der "guten Seiten" des Kolonialismus, den man sich damals in Schule, Universität und Gesellschaft anhören musste, sehr viel beigetragen.

    Ähnliche historische Pionierarbeit hat er durch die Aufdeckung der Geschichte des Rigaer Ghettos und des Schicksals der Holocaust-Überlebenden im Baltikum sowie zum Kriegseinsatz von Polizei-Bataillonen geleistet, Täter und Täterinnen genannt, die überproportional aus den Schichten des deutschen Adels ("Elb-Junker") und des Baltendeutschen Adels stammten, deren Vorfahren einst als Ordensritter gen Ostland geritten waren, um zu christianisieren, zu unterwerfen und zu kolonisieren. Sie hatten sich an den östlichen Gestaden der Ostsee als Herrenvolk über die einheimischen Esten und Letten eingerichtet.

    Was also soll die mit Invektiven gespickte Verteidigung eines Wehrmacht – Generalmajors gegen Sagel, der im wesentlichen und in aller Kürze den Werdegang von Tresckow’s richtig dargestellt hat, eines Berufsoffiziers, der in 11 Jahren treuen Dienstes unter Hitler vom Leutnant zum Generalmajor aufgestiegen ist, jeden verbrecherischen Schachzug seines Führers durch seine Tätigkeit in den obersten Etagen der Wehrmacht unterstützt und gefördert hat und niemals einen Widerspruch gegen Hitler deutlich und öffentlich machte?

    Er sei "fachlich herausragender Generalstabsoffizier" gewesen, schreibt Nachtwei. Wie weist sich so einer "fachlich" aus? Doch wohl nur durch die Umsetzung der verbrecherischen Politik der Hitler-Regierung in militärische Überfälle, Bombardierungen, Kommissarbefehle, Morde, Unterstützung der SS – Einheiten beim Holocaust, der "Endlösung der Judenfrage".

    W. Nachtwei im Vortrag: "Er war mit Leib und Seele Soldat." Eben ein Mörder – oder wie soll man das anders verstehen?

    von Tresckow hätte 11 Jahre Zeit gehabt, die Wehrmacht zu verlassen und den Widerstand gegen Hitler und seine faschistische Regierung in Deutschland zu unterstützen, den tausende andere, nicht mit Adelstiteln Geschmückte direkt seit Januar 1933 aufgenommen hatten.

    W. Nachtwei’s Diffamierung der richtigen Aussagen Sagels zum sog. "militärischen Widerstand" als dumm ist eines Historikers unwürdig und völlig "50er Jahre" und negiert alle neueren historischen Untersuchungen und Diskussionen zu diesem Thema. Schon der Wikipedia – Artikel zu Tresckow gibt einen ersten kurzgefassten Einblick in die Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz des militärischen Widerstands.

    Mit aller Gewalt und gegen alle Fakten einen "ehrenhaften" Tresckow herbeizaubern und darüber dann doch noch eine irgendwie positiv geartete Traditionslinie aus der Wehrmacht für die Bundeswehr zu fabrizieren, ist offensichtlich der Zweck der Übung, weshalb das ganze ja auch in der BW-Kaserne des Einsatzführungskommandos in Potsdam abgehalten wurde, dem bundesdeutschen Pendant zum Wehrmachts-Generalstab.

  • #17
    thomas weigle

    "Totaler Krieg ist kürzester Krieg" u.a. prangte bei der berüchtigten Rede des "kleinen Dpktors" im Feb.43 als Spruchband im Sportpalast. Spätestens damit war jeder deutsche Erwachsene in die Kriegsanstrengungen der Nazis eingespannt. Ob er wollte oder nicht. Da kann man ganz sicher nicht von unschuldigen Zivilisten sprechen.

    Goebbels, der nach der Rede im kleinen Feierkreis, wohl nicht ganz zu Unrecht , erklärte, dass seine Zuhörer auch aus dem Fenster gesprungen wären, wenn er das verlangt hätte, sonnte sich in den Tagen danach in dem großen Echo, dass seine Rede in der neutralen und Feindpresse gefunden hatte. In Berlin las man selbstverständlich auch die Feindpresse, natürlich nur im sorgsam handverlesenen ausgewählter Kreis.
    In sämtlichen Reden der Nazibande war auch schon vorher und nachher die Bevölkerung zu größtmöglichen Anstrengungen und Opfern aufgerufen worden, bis in die letzten Tagen hinein, als in der bereits zum Kampfschauplatz gewordenen Reichshauptstadt "Der Panzerbär" erschien und Kriegsunwillige, ob uniformiert oder nicht, massenweise in D. aufgehängt oder erschossen wurden. Während des ganzen Krieges wurde hart gegen Defätisten, angebliche oder wirkliche Saboteure und andere Kriegsunwillige vorgegangen, oftmals genügte die Denunziation eines böswilligen Nachbarn oder Arbeitskollegen.
    Die, die sich zu recht beklagen konnten, waren die Zwangsarbeiter, die den Bomben der Alliierten oft völlig schutzlos ausgesetzt waren, da für sie kein Platz in den Bunkern vorgesehen war. Auch viele "Fremdarbeiter" waren ja durchaus nicht freiwillig in Nazideutschland. Auch sie hätten Grund zur Klage gehabt.
    Die Alliierten bombardierten im Zuge der Befreiung Europas vom Nazijoch auch Städte in NL,B. und F., Caen bspw wurde in Folge der Invasion in Schutt und Asche gebombt und granatet, um es zu erobern. Dennoch wurden ihre Truppe nder Alliierten in diesen Ländern begeistert empfangen. Es wäre sicherlich mal interessant zu erfahren, wie diese Kriegshandlungen anschließend dortzulande eingeordnet wurden und werden.
    Die Tagebücher Goebbels sind hinsichtlich dessen, wie die Nazis mit ihrer Bevölkerung umgingen, eine zwar sehr umfangreiche, aber ungemein spannende Quelle, gut zu lesen, den der konnte auch schreiben. Auch ließ er an vielen Mitgliedern der Partei-und Staatsführung kein gutes Haar, sehr amüsant dies. Jede bestens sortierte Unibliothek wird diese Bände im Regal stehen haben, so wie es in der UB BI der Fall ist.

  • #18
    thomas weigle

    Was Dresden angeht, muss man in Betracht ziehen, dass in der "Zone" sehr viel nachdrücklicher vom "angloamerikanischen Bombenterror" die Rede war als in "Westdeutschland", wie die Bundesrepublik damals im SED-Sprech genannt wurde. Schließlich waren die Angloamerikaner ja Imperialisten der ungesündesten Art. Deswegen wurde ja die ungeheure materielle Hilfe der USA für die SU bestenfalls in Nebensätzen erwähnt. Oft überhaupt nicht. Selbst heute hat die Rote Armee den Krieg ganz alleine gewonnen, wenn man der russischen Geschichtsbetrachtung glauben darf, auch deshalb die positive Betrachtung Stalins im heutigen Russland.
    Diese kommunistische "Erinnerungskultur" in Sachen Dresden erreichte ihren Zweck-bis heute.
    Die Erwachsenen, mit denen ich in Kindheit und Jugend in Hessen zu tun hatte, äußerten sich eher lakonisch über den Bombenkrieg:"Es war halt Krieg", war der Tenor. Das mag auch daran gelegen haben, dass man heilfroh war, nicht von der Roten Armee besetzt worden zu sein, sondern von den westl. Alliierten. Als Befreiung sahen sie den Einmarsch der Alliierten allerdings auch nicht, sahen die Westmächte allerdings durchaus als Garanten der Freiheit der Bundesrepublik.

  • #19
  • #20
    Walter-Stach

    Wenn, wie hier, naheliegend/kritisch/kontrovers, e i n Kriegsereignis kommentiert wird, liegt es nahe, "andere Ereignisse" während des II.Weltkrieges bzw. in unmittelbarem Zusammenhang damit anzusprechen -sh.16,Thomas Siepelmeyer, der aus aktuellem Anlass eine Kontrovers anspricht, die nach wie vor in Deutschland existiert und in der es seit dem 2o. Juli 1944 nicht nur um Fakten geht, sondern eben auch um Interpretationen der persönlichen Beweggründe der Akteure, um ihre mit dem geplanten Attentat verfolgten Ziele und folglich stets einhergehend mit der Frage nach ihrer Einbindung und damit nach ihrer Verantwortung als Offiziere für alle Taten/Untaten der deutschen Wehrmacht -einschließlich ihrer heute objektiv belegten Verbrechen gegenüber der Zivilbevölkerung vor allem an der Ostfront. Henning von Tresckow war einer von ihnen – erfolgreich als Offizier gemessen an den Kriegszielen Hitlers, Widerstandskämpfer gegen Hitler angesichts der drohenden "totalen" Niederlage der Wehrmacht; ja, und das ist ja kein Widerspruch in sich.-

    Ich will, wie schon unter -11- angemerkt, mich nicht in die Sachdebatte um den Bombenkrieg im II.Weltkrieg einbringen, weil..

    Die Disk.beiträge veranlassen mich allerdings, daran zu erinnern, daß eine Diskussion über die Bombenkriege -hier exemplarisch bezogen auf die Bombardierung Dresdens- nicht dazu führen darf, die heute vielen Menschen nicht bekannte Gesamtzahl der "Kriegstoten" fahrlässig oder gar vorsätzlich auszublenden, und selbstverständlich auch dann nicht, wenn über " erfolgreiche" Wehrmachtsoffiziere im Zusammenhang mit dem 2o.Juli l944 geschrieben und gesprochen wird.

    Also -zur Erinnerung-:
    Kriegstoten im II. Weltkrieg 55/6o Mio Menschen; unvorstellbar, aber wahr und m.E. immer wieder
    erinnerungswürdig.
    Davon rd. 26 Mio Staatsangehörige der UDSSR; unvorstellbar, aber wahr und vor allem dann
    bedenkenswert, wenn es um die sog.. "russisch-
    Beziehungen geht.
    6, 3 Mio getötete Deutsche -davon 5, 2 Mio Soldaten ; unvorstellbar, aber wahr und vor allem
    dann erwähnenswert, wenn das NS-Regime,
    wenn Hitler "abgetan" werden mit dem
    Bemerken , "…es war ja nicht alles
    schlecht…".
    In eine solche Erinnerung einzubeziehen sind immer wieder und angesichts eines sich auch in Deutschland immer hemmungsloser öffentlich artikulierenden Hasses auf Juden (und Muslime) die rd. 6 Mio ermordete Juden.

    Erinnerungwert erscheint mir im Zusammenhang mit der Thematik des Gastkommentars auch das Folgende:
    Während des Krieges wurden in Deutschland ca. 5,9 Mio Wohnungen total zerstört -nicht nur, aber eben auch durch Bombenabwürfe.
    Während des Krieges in Rußland wurden durch die Wehrmacht rd. 71.ooo (!!) Dörfer und Städte total vernichtet.

    PS
    Und das alles subsumiert ein Herr Gauland unter "ein Fliegenschiss in der deutschen Geschichte".

  • #21
    paule t.

    Zur sachlichen Darstellung des Kriegsgeschehens kann ich überhaupt nichts beitragen und will es deswegen auch nicht versuchen. Da vertraue ich der Darstellung des Autors.
    Gestolpert bin ich aber bei folgender ethischer Beurteilung (aus dem Artikel, sinngemäß mehrfach in den Kommentaren):

    "Deutschland hatte jedes vorstellbare und unvorstellbare Kriegsverbrechen bis 1942 begangen, sich außerhalb eines zivilisatorischen Minimums bewusst begeben, jedes Anrecht darauf verloren, sich auf irgendein Kriegsrecht zu berufen."

    Der erste Teil ist zweifelsohne richtig, die darauf folgende ethische Beurteilung halte ich aber für falsch. Wenn man das Konzept eines Kriegsrechts bejaht, dann gilt es – und Punkt. Auch noch so schwerwiegende Verbrechen des Feindes würden keine eigenen Verbrechen legitimieren.

    Wohl allerdings können Verbrechen des Feindes Maßnahmen legitimieren, die dazu dienen, diese Verbrechen zu behindern und/oder den Krieg zu gewinnen. Und dann kann man diese zweckgebundenen Maßnahmen natürlich abwägen gegen die Verbrechen, die dadurch beendet werden sollen. Angesichts der ungeheuerlichen Verbrechen Deutschlands steht es für mich außer Frage, dass jede Maßnahme legitimiert war, die zum Sieg über Deutschland beitrug.

    Das heißt aber auch: Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung, die mit Wissen der Ausführenden _nicht_ zum Sieg über Deutschland beigetragen hätten (sondern zB bewusst als Strafmaßnahmen gegen die Zivilbevökerung gedacht), wären eben deswegen auch nicht legitim gewesen (Konjunktiv II als Irrealis bewusst gesetzt – das ist nicht meine Beurteilung des tatsächlichen Geschehens).

    Wenn ich den Artikel aber recht verstehe, waren die Bombardierungen von Wohngebieten allerdings zwar nicht als militärisches Mittel zum Sieg über Deutschland geeignet – die Befehlshabenden, Harris zuerst, schätzten sie aber als geeignet ein. Und damit waren sie dann kein Kriegsverbrechen, sondern extreme Maßnahmen, die angesichts der extremen Verbrechen Deutschlands für notwendig und deswegen (!) legitim gehalten wurden.

    Aus der Rückschau könnte man dennoch sagen: Wenn sie im Nachhinein als militärisch unnütz beurteilt werden würden, wären sie auch ethisch falsch gewesen – wenn auch nur aufgrund einer Fehleinschätzung. Ich weiß nicht, warum es manche Leute so aufregt, das festzustellen. Als klare Tatsachen bleiben ja trotzdem, dass …
    … Deutschland den Krieg begonnen hat und damit für alles folgende die Verantwortung trägt,
    … die Kriegsziele von vorne bis hinten verbrecherisch waren,
    … Deutschland im Verlauf der Krieges ungezählte Verbrechen begangen hat,
    … sogar den Krieg zur Begehung von Verbrechen benutzt hat,
    … auch der Bombenkrieg gegen Zivilisten zunächst von Deutschland ausgegangen ist.

    Das alles würde ja in keiner Weise relativiert (wie es die Nazis gern hätten und die Antideutschen befürchten), wenn man Bombardierungen gegen die Zivilbevölkerung im Nachhinein für falsch halten würde. Erst recht wird es nicht durch schlichte Trauer relativiert.

    —————————————

    Soweit zur Rückschau: keine Kriegsverbrechen, sondern – so wie ich den Artikel verstehe – militärisch falsche Beurteilung mit schlimmen Folgen (die zudem verblassen vor dem Geschehen insgesamt).

    Anders steht die Sache mit heutigem Feiern der Bombardierungen, gar Wünschen nach Wiederholung a la "Bomber Harris, do it again!". Da geht es erkennbar nicht mehr um für militärisch notwendig und nützlich gehaltene Kriegsoperationen zur Beendigung des verbrecherischen deutschen Krieges. Da kommt ein Wusch nach militärischen Strafmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zum Ausdruck – also ein Wunsch nach Kriegsverbrechen. Vielleicht hülfe es den Vertretern solcher Meinungen, sich vorzustellen, dass sie davon auch betroffen wären.

  • #22
    Waldemar Pabst

    Ich will es vorerst bei der kurzen Anmerkung belassen, dass zu den ganzen traurigen deutschen Verhaltensweisen gehört, jedweder Form von polemischem Sarkasmus mit dem Bierernst zu begegnen, den schon Tucholsky so wunderbar persifliert hatte: "Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel". Um zu glauben, dass jemand, der "Bomber Harris do it again" ruft, tatsächlich Dresden samt der Bevölkerung umgehend verbrennen würde, sobald er es könnte, muss definitiv völlig borniert sein. Harris ist ganz fern seiner Absichten und Persönlichkeit zu einer Kultfigur der antideutschen Linken geworden, keine Frage, aber von Jahr zu Jahr, wo ich das, was sich im Februar in Dresden abspielt, widerwärtiger finde und es mir hochkommt, macht es selbst so einen alten Konservativen wie mir, mehr Spaß, mit Harris zu provozieren. Deshalb, seien sie beruhigt, verbrenne ich doch keine Ostdeutschen. Einige meiner besten Freunde sind Ostdeutsche.

  • Pingback: EU-Pilot vom 30.07.2018 – Europa Blog

  • #24
    paule t.

    @#22

    Dass die Leute, die so was sagen, dass tatsächlich wörtlich so meinen, glaube ich natürlich auch nicht. Aber sie halten im Rückblick das Bombardement _als Strafaktion gegen die Zivilbevölkerung_ (und eben nicht nur als nützliche bis notwendige militärische Maßnahme) für eine gute Sache und halten es, wenn nicht irgendwie teilweise doch ernst gemeint, zumindest für eine total witzige Sache, darauf anzuspielen, dass es doch ganz schön wäre, wenn sowas _als Strafaktion_ passieren würde. (Und mal ganz ehrlich: So was als total witzigen Sarkasmus durchgehen zu lassen … naja.)

    Auch wenn es also nicht wörtlich ernst gemeint ist, verlässt so ein Spruch die in Ihrem Artikel vertretene, sinnvolle und ethisch plausible Linie, dass die Bombardierungen von Wohngebieten nicht als Kriegsverbrechen einzustufen sind, weil sie – wenn auch fälschlich – von den Befehlshabern als militärisch sinnvolle Maßnahmen gesehen wurden, die daurch legitimiert sind, dass sie einen Krieg gewinnen helfen, in dem der Gegner noch weitaus schlimmere Handlungen als eindeutige Kriegsverbrechen begeht. (Korrigieren Sie mich, wenn ich Ihre Argumentation falsch verstehe.)

    Dagegen werden die Bombardierungen von den "Bombar Harris, do it again"-Sprücheklopfern als Strafaktionen gegen die Zivilbevölkerung gutgeheißen – und _als solche_ wären sie nun einmal doch ein Kriegsverbrechen.

    Der Unterschied ist also: Im ersten Fall wird argumentiert, dass es sich nicht um etwas handelt, was als Kriegsverbrechen einzustufen wäre (was ich, wie gesagt, nachvollziehbar finde). Im anderen Fall wird es gerade _als_ etwas, das ein Kriegsverbrechen wäre, gutgeheißen. Ich halte das für einen ziemlich wesentlichen Unterschied in der Beurteilung.

    Warum diese Leute das tun? Keine Ahnung. Vielleicht, weil sie meinen, sich dadurch aus der ihnen moralisch so unangenehmen Gemeinschaft des "deutschen Volkes" entfernen zu können. Das ist aber einfach eine zu billige Art der Auseinandersetzung mit NS und heutigem Rechtsextremismus.

  • #25
    Waldemar Pabst

    Jeder definiert bösen Sarkasmus auf seine Weise. Ich kann gern erklären, wie solche Bemerkungen zustande kommen. Die Ursache liegt im Dresden der letzten 10 Jahre, in der wirklich anwidernden Unerträglichkeit, wie dort das Selbstmitleid zelebriert wird, Jahr für Jahr in einem hochoffiziellen Gedenkrahmen und einem inoffiziellen Spektakel der Bevölkerung mit ehrloser Schuldumkehr, nur dass die Stadt nicht wagt, auch noch Goebbels Opferverzehnfachung aufzunehmen. Worte wie Bombenholocaust sind da längst in die Sprache eingegangen. Wie kann man da nicht verstehen, wenn da die Bomber Harris do it again Sprüche als Replik kommen, selbst einer wie ich, der diese Stadt aber nicht freiwillig betreten würde, hätte Lust, sich am Straßenrand mit einem Harrisplakat hinzustellen. Ich kompensiere meine Wut damit, dass ich jedes Jahr den 13.02. zum Weltlancastertag erkläre und auf Facebook an die englischen Flieger, die gefallen sind erinnere. Einfach, weil ich das nicht ertragen, was Nachgeborene daraus machen. Insoweit finde ich es albernen Kram, sich über diese Sprüche zu echauffieren, als wären sie ernst gemeint.

    Dass Harris heute zu einer Art antideutschen Kultfigur geworden ist, die er natürlich nicht im Ansatz war, verdankt er den geschichtslosen heutigen Dresdnern. Daher, keep cool.

  • #26
    Waldemar Pabst

    Und noch zum ersten Teil Ihrer gestrigen Ausführungen. Kriegsrecht ist internationales Recht und das ist Vertragsrecht. Und dann wird meine Argumentation nachvollziehbar. Wenn eine Seite sich nicht mehr daran hält, selbst wenn Rechtsvorgänger das unterschrieben haben und es nicht gekündigt wird, dann verwirkt sie auch das Recht, sich darauf zu berufen.

    Selbst unabhängig davon, ob der Bombenkrieg überhaupt nach der damaligen Vorstellung geächtet ist. Denn, auch das ist eine zusätzliche Argumentation, die noch nicht ausreichend behandelt wurde, da alle Seiten sich auf Douhet beriefen und in den 30er Jahren ihre Luftwaffen und ihren Zivilschutz vorbereiteten, kann man daraus konkludent schließen, dass alle damit ihren Willen erklärt haben, diese Art von Kriegsführung als rechtlich einwandfrei anzusehen.

  • #27
    paule t.

    Zitat:
    "Denn, auch das ist eine zusätzliche Argumentation, die noch nicht ausreichend behandelt wurde, da alle Seiten sich auf Douhet beriefen und in den 30er Jahren ihre Luftwaffen und ihren Zivilschutz vorbereiteten, kann man daraus konkludent schließen, dass alle damit ihren Willen erklärt haben, diese Art von Kriegsführung als rechtlich einwandfrei anzusehen."

    Das mag sein. (Ihre Ausführungen zum Kriegsrecht als Vertragsrecht, das automatisch hinfällig würde, wenn sich der Gegner nicht daran hält, finde ich dagegen weniger einleuchtend.)
    Das gilt dann aber auch nur, wenn diese Art der Kriegsführung tatsächlich primär als _militärisches Mittel_ angesehen wird. Dafür stimme ich Ihnen ja schon zu, dass es sich dann vor dem Hintergrund der deutschen Kriegsführung nicht um ein Kriegsverbrechen handelt.

    Anders wäre es dagegen (und darum ging es in meinem Kommentar ja), wenn man es primär als _Strafaktion gegen die Bevölkerung_ beurteilen würde (was ich wie gesagt nicht tue). Dann würde es sich um Kriegsverbrechen handeln – und zwar wegen dieser Zielrichtung, nicht einmal wegen der Art der Kriegsführung. Dafür wird mE auch nicht einmal das Kriegsrecht gebraucht – militärische Aktionen bewusst gegen die Zivilbevölkerung _mit dieser Zielrichtung_ wären mE schon strafrechtlich gesehen einfach Mord.

    Ja, die deutsche Kriegsführung hat genau das ja bewusst tatsächlich in riesigem Ausmaß getan. Das ändert aber mE an der Beurteilung nichts.

    Und, wie gesagt: Das ist nicht meine Beurteilung. Es ist aber die Beurteilung, die vorausgesetzt wird, wenn man solche "Bomber Harris …"-Sprüche loslässt.

  • #28
    Waldemar Pabst

    Ich habe nie einen Zweifel gelassen oder auch nur gehabt, dass Harris ein ziemlich bärbeissiger Fliegergeneral war, dem darauf ankam, den Krieg auf der Luft zu gewinnen und der glaubte, Douhet hätte die Anleitung dazu geliefert. Er glich darin durchaus seinem deutschen Gegenstück, dem Feldmarschall (Wolfram) von Richthofen, der von Guernica bis Stalingrad die deutschen Terrorangriffe verantwortete und wie Harris das als eine Methode ansah, den Gegner zur Kapitulation zu veranlassen. Im Gegensatz zu Dowding, dem Propaganda zuwider war, hat er sich auch inszenieren lassen, dabei natürlich nach dem Geschehen über London und Coventry auch von Vergeltung gesprochen. Das hatte aber nichts mit der Zielsetzung zu tun. In einem Töten dieser Größenordnung, das kann man sich heute vermutlich gar nicht vorstellen, ist das Vorgehen der täglich für Hunderte bis Tausende Tote Verantwortlichen zwangsläufig von kalter Sachlichkeit geprägt. Da sind wir uns völlig einig.

  • #29
    thomas weigle

    Die erste Luftschutzübung in Sachen Verdunkelung fand in D. im Sommer 36 statt und wurde von so manchem nicht ernst genommen. Das entsprechende Gesetz war, vorher erlassen worden und machte deutlich, dass ein Luftkrieg jederzeit für möglich und führbar gehalten wurde. Diese Verdunkelungsübung fand abends statt und das HALLER KREISBLATT übte harsche Kritik an der saumseligen Einstellung nicht weniger Volksgenossen, die nicht verdunkelten, sondern erklärten, dann halt früher ins Bett zu gehen. Ihnen wurde mehr als deutlich gemacht, dass man zu anderen Jahreszeiten sich solcher "Problemlösungen" nicht bedienen könne.
    Der Luftschutz wurde jedenfalls sehr ernst genommen, Ausreden säumiger Volksgenossen nicht geduldet. Es gab einen regen Schriftverkehr diverser ziviler und militärischer Dienststellen auch schon vor dem Krieg. Wer sich nicht an die Verdunkelungsvorschriften hielt, dem wurden u.a. auch "Prangerzettel" an die Haustür geklebt- während des Krieges. In Halle selbst fielen m.W.n. keine Bomben, lediglich ein britischer Bomber machte nicht weit von unserem Haus eine Bruchlandung am Berg.Ein älterer Nachbar erzählte mir vor einigen Jahren, dass die Trümmer des( Lancaster?)Bombers für einige Zeit beliebter Spielort für sie als Kinder waren.

  • Pingback: Griff in die Geschichte: Stichworte zu Dresden | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.