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Griff in die Geschichte: Stichworte zu Dresden

Avro Lancasters in loser Formation Foto: Royal Air Force official photographer Lizenz: Gemeinfrei


Unser Gastautor Waldemar Alexander Pabst  hat sich mit den Luftangriffen der Alliierten auf Dresden am 13. Februar 1945 beschäftigt. 

Tief im deutschen Osten hat sie schon vor langer Zeit begonnen, die erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Im Mittelpunkt stehen die großen Selbstmitleidsfestspiele in der sächsischen Metropole, die alljährlich um den 13. Februar herum begangen werden und daran erinnern, wie die naiven, strebsamen Bewohner eines barocken Gesamtkunstwerks buchstäblich aus heiterem Himmel mit einem ihnen bis dahin völlig unbekannt gebliebenen Krieg konfrontiert wurden und dabei wahlweise, je nach Gedächtnis und Anlass, 25.000, 40.000, 80.000, 120.000 und auch schon mal 250.000 Bürger von angloamerikanischen Luftgangstern massakriert wurden. Aus Rachsucht, Mordlust und vor allem, um Stalin einzuschüchtern. Dies wäre auf Veranlassung zweier finsterer Deutschenhasser geschehen, des Premiers Churchill, der den Weltmarktkonkurrenten habe ausschalten wollte, sowie des Luftmarschalls Harris, der anstrebte, größter Kriegsverbrecher aller Zeiten zu werden.Wer das für übertriebenen Sarkasmus hält, sehe sich einfach in den Kommentarspalten einschlägiger Seiten um oder tue es sich an, mit Dresdnern darüber sprechen zu wollen. Interessant auch die Empfindlichkeit, mit der die Nachfahren sächsischer Vernichtungskrieger auf den Zynismus reagieren, der sich angesichts ihrer Ausführungen oder Aufführungen unweigerlich einstellt. Es wird an ihren Hirngespinsten nichts ändern, dennoch sollte ab und an die gefühlte Geschichtsfantasie in den historischen Kontext eingeordnet werden.

Moral Bombing

Mit großen Geschwadern gegnerische Städte anzugreifen und den Feind durch pure Zerstörungsmacht zur Kapitulation zu zwingen, gehörte zu den strategischen Grundüberzeugungen aller Seiten. Sie beriefen sich auf den italienischen Vorkriegsgeneral Douhet, der diese Form des Bombenkrieges in den 20er Jahren mit einem seinerzeit Aufsehen erregenden Buch postuliert hatte. Deutsche, Briten, Franzosen, Sowjets, selbst die kleineren Staaten bereiteten in den 30er Jahren ihre Luftwaffen und ihren Zivilschutz genau darauf vor, Daraus lässt sich konkludent schließen, dass eben auch alle bereit waren, diese Art von Kriegsführung als rechtlich einwandfrei anzusehen. Die Deutschen begannen dies schon am ersten Kriegstag umzusetzen. Zudem ist Kriegsrecht internationales Recht und das ist Vertragsrecht. Hält eine Seite sich nicht mehr daran, dann verwirkt sie auch das Recht, sich darauf berufen zu können. Die Deutschen hatten wirklich jedes vorstellbare und unvorstellbare Verbrechen begangen. Ausführlicher ist dies unter Legitimation einer Strategie im Aufsatz Griff in die Geschichte: Operation Gomorrha über die Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943 nachzulesen. Dass sich Harris Strategie als letztlich erfolglos erwies, weil die Zerstörungen die deutsche Kriegswirtschaft nicht nachhaltig genug schädigten und 55.000 gefallene tapfere Fliegerbesatzungen in keinem Verhältnis zum Ergebnis standen, macht den Versuch, den Krieg allein aus der Luft zu gewinnen, nicht illegitim. Den Krieg hatten die Deutschen begonnen, das Kriegsrecht hatten die Deutschen außer Kraft gesetzt, den Krieg konnten die Deutschen durch Kapitulation jederzeit beenden. Die Deutschen und keinesfalls Adolf Hitler allein.

Die Kriegslage aus deutscher Sicht

Im Februar 1945 war keiner Seite die objektive Lage so klar wie den Deutschen. Das Reich hatte seinen Krieg bereits im Winter 1941/42 vor Moskau verloren, während gleichzeitig die Japaner die USA in den Krieg zwangen. Hitler hatte das verstanden, wie Jodl nach dem Krieg bezeugt hat. Seither wurden die Gegner stärker, die eigenen Ressourcen immer schwächer. Im Spätsommer 1944 war alles für jeden sichtbar verloren. Die Front im Westen war zusammengebrochen, die stärksten Divisionen waren zerschlagen, auch der Sieg bei Arnheim änderte daran nichts. Im Osten gab es die größten Niederlagen der deutschen Kriegsgeschichte, der Kern des Heeres verschwand in Weißrussland und Rumänien, die Verbände, die verblieben, waren keiner neuen Offensive gewachsen. Die Luftwaffe hörte auf zu bestehen, die Truppe ging nach dem Verlust der rumänischen Ölquellen und der Zerstörung der Hydrierwerke durch die USAAF zu Fuß oder stieg auf das Fahrrad um. Das Ende stand jetzt bevor, jeder Truppenführer, jeder einigermaßen denkende Mensch wusste das. Der Irrsinn der Ardennenoffensive, deren Erfolg davon abhängig war, amerikanische Nachschubdepots unversehrt zu erobern, um die Panzer noch betanken zu können, konnte deutlicher nicht machen, dass die Kapitulation unausweichlich war und sie eher früher als später erfolgen würde. Am 12. Januar 1945 griff die Rote Armee die deutschen Restverbände an und rollte einfach durch sie hindurch, es gab nichts, sie aufzuhalten, ihre Überlegenheit war 10:1 bei den Soldaten, 20:1 und mehr beim Material, ob Panzer, Artillerie oder Flugzeuge. Dass sie an der Oder Halt machte, nicht gleich bis Berlin weiter zu fahren vermochte, war Folge der Rache ihrer Soldaten, die einen entsetzlichen Krieg ohne jeden Urlaub hinter sich hatten, durch die verbrannten Dörfer ihrer Heimat vorgestoßen waren, ausgehungerte Menschen und Massengräber gesehen. Die Deutschen hatten ihre Verbrechen sichtbar hinterlassen. Doch auch wenn die Motive für Rache und Plünderung nachvollziehbar waren, sie schwächten die Kampfmoral und ließen bei den Besiegten noch einmal letzte Kräfte aufwallen. So dauerte es bis April, bis der letzte Todesstoß erfolgte. Dass er aber erfolgen würde, daran hatten das Bunkergespenst und seine Generäle so wenig Zweifel, wie die Bevölkerung von Dresden. Aber sie kapitulierten nicht, sie führten den völlig sinnlosen Krieg weiter. Das weitere Sterben verantworteten ganz allein sie. Ihre Führer entschieden sich dafür, das Ende bis zum Letzten auskosten zu wollen, das Volk folgte. Sie verloren dabei mehr Menschen, als in allen Kriegsjahren davor.

Die Wundertüte

Auf Seiten der Westalliierten konnte man dagegen zu vorsichtigeren Beurteilungen kommen. Mit neuen Waffen, unausgereift und nur in minimaler Anzahl vorhanden, bedeutungslos für das Kriegsgeschehen, erschreckten die Nazis ihre westlichen Gegner noch einmal, die von der zu vernachlässigenden Größenordnung dieser Waffen keine Vorstellung hatten. „Die Deutschen haben ihr Land in eine Wundertüte verwandelt“, schrieb Pierre Clostermann, französischer Jagdflieger in Diensten der RAF, in seinem Buch „Die große Arena“ über eine Begegnung mit einer Do 335. Düsenjäger, deren Modernität und Kampfkraft einen Quantensprung der Entwicklung der Fliegerei darstellten, V1 Marschflugkörper und V2 Raketen, Lenkbomben und Flugabwehrraketen eröffneten ein neues Zeitalter. Niemand konnte sagen, was Nazideutschland noch in der Hinterhand hatte. Aus der Sicht von Anfang 1945 ist Churchill, Roosevelt und ihren Truppenführern, gerade aus der Ardennenschlacht, die sie vollkommen überraschte, herausgekommen, das Ausmaß ihres totalen Sieges nicht bewusst. Mit verbissenem Fanatismus bekämpften die Wehrmachtssoldaten die langsam wieder zur Offensive übergehenden Amerikaner und Briten. Jeden Tag starben deren Soldaten, erst nach der Rheinüberquerung im März wird Hitlers fanatischen Kriegern an der Westfront bewusst werden, dass sie für nichts als ein tieferes russisches Vordringen ihre Haut zum Markte tragen. Damit gewann plötzlich die Strategie des schon gescheiterten Harris neue Aktualität, nämlich den Deutschen klar zu machen, dass sie durch das Weitermachen die Größe ihrer Katastrophe nur verschlimmerten. Das Ammenmärchen von den mühelos zum Sieg marschierenden Angloamerikanern, die gleichsam nebenbei zur Erbauung eine Kulturmetropole nach der anderen anzünden, gilt den historisch Verdummten und ihrer Sehnsucht nach Umdeutung der Vergangenheit.

Dresden als strategisches Ziel

Zu den weiteren beliebten Legenden um Dresden gehört die der unschuldigen Schönheit an der Elbe, deren Bewohner sich vor allem deshalb sicher fühlten, weil sie nichts zum Krieg beitrugen. Im Februar 1945 war die Ostfront 150 km an Dresden herangerückt. Ein Zentrum der deutschen Etappe war eine der größten Garnisonstädte des Landes, Dresden, gleichzeitig Verkehrsknotenpunkt. In Dresden wurde Nachschub produziert, verteilt, wurden Truppen herangeführt, Dresden war ein bedeutendes militärisches Ziel. Die Sowjets, denen das wohlbekannt war, hatten bei der kurz zuvor stattfindenden Konferenz in Jalta ausdrücklich darum gebeten, dass die westlichen Luftflotten sie durch die Vernichtung der hinter der Front liegenden deutschen Städte aus der Luft unterstützen. Der Angriff auf Dresden geschah nicht, um Stalin zu erschrecken, sondern auf seinen ausdrücklichen Wunsch. Stalin war sich der Luftmacht seiner Verbündeten ohnehin vollkommen bewusst, er hatte sie seit Jahren erlebt, so leicht war er nicht zu beeindrucken. Natürlich hatten die Briten keine genauen Ankündigungen gemacht, schon deshalb nicht, weil ihre Planungen sich nach den Möglichkeiten richteten. An jenem 13. Februar herrschte in ganz Deutschland schlechtes Wetter, lediglich über Dresden war der Himmel aufgeklart. Deshalb wurde diese am Faschingsdienstag angegriffen, mit dem ganzen Können, das die RAF sich in fünfeinhalb Kriegsjahren angeeignet hatte. Natürlich boten die Briten dafür alles auf, was sie hatten. Die Vorstellung, dass die Royal Air Force mitten in einem Weltkrieg, der mehr als 50 Millionen Opfer forderte, nicht mit letzter Entschlossenheit kämpfen würde, ist selbst für die Nazinachgeborenen der 3. Generation ziemlich naiv. Die Ursachen der totalen Entfaltung des Feuersturms am 28.07.1943 in Hamburg waren die Blendung der Abwehr im Verbund mit einem eingeschränkten, dicht bebauten Zielgebiet und einer durch einen ungewöhnlich langen, heißen Sommer vorgeheizten Stadt gewesen. Im Februar `45 war die Abwehr schwach geworden, weil die Nachtjagd kaum Benzin mehr hatte und die vorgeschobenen Radaranlagen am Kanal längst erobert waren, die Flak in Dresden ausgedünnt. Der Sommer ließ sich durch das Experiment des Doppelangriffs im Februar simulieren. Der erste Angriff verwandelte die Innenstadt in ein Flammenmeer, die Stadt war heiß, als der zweite, der Hauptangriff, erfolgte. Die Barockstadt wurde zerstört, weil die Royal Air Force es konnte, niemand formulierte es treffender als Felix Kellerhoff 2017 in der Welt.

Das deutsche Morden bis zum letzten Tag

Auch in Dresden hatte das Volk des Vernichtungskrieges nur die Wahl, in den Kellern gebacken oder im Feuersturm auf den Straßen verbrannt zu werden. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es auch Unschuldige traf, Kinder, Nazigegner, Verfolgte. Krieg ist unerbittlich, kein Kricketspiel mit Regeln, das Sterben wahllos. Doch die überwältigende Mehrheit der Opfer lässt sich schmerzlicher Weise mit den Bezeichnungen, Täter, Profiteure und Zuschauer charakterisieren. Natürlich war das auch ihr Krieg gewesen, besonders in den Jahren der Siege, natürlich waren die Juden Dresdens unter den Augen der Bürgerschaft in den Gastod transportiert worden, natürlich hatten sich die Einwohner danach auf das Eigentum der Deportierten gestürzt. Die Deutschen führten ihren Krieg auch deshalb bis zum bitteren Ende weiter, um bis zur letzten Stunde das Mordwerk fortführen zu können. Kein KZ wurde einfach dem vorrückenden Gegner überlassen, überall wurden die halbtoten Sklaven auf Todesmärsche geschickt, die Zusammenbrechenden erschossen, andere in Scheunen lebendig verbrannt, die SS brachte sie in Lager, in denen sie ohne jede Versorgung Hunger und Seuchen überlassen wurden. Bergen Belsen war nur eines, die Mordart des Nichtstuns eine der finstersten Erfindungen der kreativen Täter zum Ende hin. Während sie für sich selber in den bombardierten Städten Rücksicht und Mitleid einforderten, töteten die Deutschen ihre Opfer unbarmherzig, manchmal wie im Rausch.

Erst in den letzten Jahren thematisiert wurde das Phänomen der Endzeitverbrechen der ganz normalen Bevölkerung. Im Chaos des zusammenbrechenden Reiches geschah es nicht selten, dass der Zufall die Zurückgetriebenen befreite, weil die Wachen flohen, zu schwach waren, die oft offenen Eisenbahnwaggons strandeten. In jedem dieser Fälle spielte sich dasselbe ab. Polizei und Partei der umgebenen Orte statteten die Bürger, in hohem Anteil die Jugendlichen, mit Waffen aus, die erbarmungslos die Freigekommenen zu jagen begannen und jeden, dessen sie habhaft werden konnten, das waren bei den Orientierungslosen, schon fast Verhungerten meist so gut wie alle, erschossen, auch wenn die Alliierten kaum einen Tagesmarsch entfernt waren. Die Zivilbevölkerung war kein Opfer der Diktatur. Hitler hätte zum Schluss drei Kriege geführt, schrieb Sebastian Haffner in seinen Anmerkungen zu Hitler. Jenen Krieg, den man den zweiten Weltkrieg nannte, seinen ureigenen Krieg zur Ermordung des europäischen Judentums und am Ende einen gegen das eigene Volk, dem er vorwarf, verloren zu haben. Mit Nerobefehlen, der Ardennenoffensive, die nur den Sowjets nützte, dem rücksichtlosen Vorgehen gegen Aufgeben von Soldaten und Befehlshabern, dem festen Willen, die Deutschen in seinen Untergang mitzunehmen. Es ist bezeichnend, dass signifikanter Widerstand und Verweigerung nur bei diesem dritten Krieg zu beobachten war, nur dort, wo es der deutschen Zivilbevölkerung an den eigenen Kragen ging, begann sie von der Fahne zu gehen, ohne dabei vom Töten geflohener KZ-Insassen abzulassen. Es konnte für das Bomber Command keinen Grund geben, sie zu schonen, es konnte keine Veranlassung erkennbar sein, auf Gnade zu hoffen.

In jenen Februartagen schickte sich die Gestapo an, die letzten deutschen Juden zu deportieren, nach Theresienstadt, in Ermangelung anderer noch in eigener Hand befindlicher Zielorte. Es waren die bisher verschonten jüdischen Ehepartner sogenannter Arier, die zu ihnen gehalten hatten. Auch dies wurde in allen deutschen Städten durchgeführt. In allen, außer in Dresden. Hier verhinderte es die RAF.

Propaganda

Die Luftangriffe der ersten Monate 1945 trafen nicht nur Dresden. Würzburg, Düren, vor allem Pforzheim wurden ebenso und noch schlimmer getroffen. Warum also dieses alljährliche Spektakel an der Elbe, warum wird Dresden zum Höhepunkt des Bombenkrieges stilisiert, der es tatsächlich nicht einmal war?

Dresden fällt in die Zeit, da die Niederlage offensichtlich war, die bisherige Propagandalinie des Geheimhaltens des Ausmaßes der Verluste aufgegeben werden konnte, zugunsten einer Wende hin zur Anklage. Dresden, bisher unzerstört, ließ sich dazu noch als Kulturbarbarei darstellen, es galt als eine der schönsten Städte Europas, der Angriff zog sofort die Aufmerksamkeit des neutralen Auslands auf sich. Goebbels ergriff die Gelegenheit. Die im Gegensatz zu anderen Städten sträflich schlecht vorbereiteten Behörden standen vor einem Chaos aus Trümmern und Leichen, da auch noch Flüchtlinge in der Stadt waren, war Anfangs das Ausmaß schwer abzuschätzen. Bald war von 40.000, von 80.000 dann von über 100.000 Toten die Rede. Die Behörden bekamen vergleichsweise schnell eine Übersicht, die gefundenen Leichen wurden gezählt, auch jene, die auf Scheiterhaufen in den Straßen verbrannt wurden, was natürlich einen ungeheuren Eindruck hinterließ. Man kam im März auf 18.000, rechnete hoch, wie viele noch in den Kellern sein konnten und kam auf 20.000 bis 25.000. Goebbels ließ die Fotos der Scheiterhaufen freigeben und hängte eine Null dran. So entstand der Mythos Dresden.

40 Jahre DDR taten ihr übriges. Die SED übernahm die Nazipropaganda 1:1. Bis 1989 war Dresden gerade auf der linken Seite ein Mittel zur Diskreditierung des Westens. Ulrike Meinhof tat sich in der Bundesrepublik damit hervor. Am 13. Februar 1970 wurde in München das jüdische Altersheim angezündet. Sieben Menschen verbrannten, Überlebende der Shoah. Ob es rechte oder linke Verbrecher waren, die diese Tat begangen hatten, bleibt weiterhin unerforscht, vieles spricht inzwischen für die Täterschaft von Fritz Teufels Tupamaros München. Augenfällig, wenngleich nie erwähnt ist, dass es der 25. Jahrestag des Angriffs auf Dresden war. Der Hass auf alles Westliche verbindet Rote und Braune, mit Dresden ließ sich ein Kriegsverbrechen der Alliierten erfinden, worin er sich manifestieren konnte. Die Russen, die den Angriff in Jalta gefordert hatten, wandelten die Wahrheit in die Mär um, sie wären der eigentliche Adressat gewesen, um sie einzuschüchtern. Der Mix aus der unvorbereiteten Einwohnerschaft, der Kulturdenkmäler, der verzehnfachten Verlustzahlen und des angeblich schon beendeten Krieges, machte die besondere Anfälligkeit der Vernichtung Dresdens für eine Jahrhundertpropaganda aus.

Nur kurz war die Periode der Nüchternheit, in der gemeinsam mit den noch lebenden britischen Fliegern gedacht wurde und eine Historikerkommission genau auf jene Zahlen kam, die die Gaubehörden schon im März 1945 vorlegten. Heute wird dem seltsamen Bedürfnis vieler, die Jahrzehnte nach dem Krieg geboren sind und nichts müssten, als ein düsteres Erbe zu akzeptieren, nach Aufrechnung nachgekommen. Je länger der Krieg entfernt ist, desto dringender wird der Wunsch, die Vorfahren wären Opfer, nicht Täter gewesen, jene, die mit Waffengewalt den furchtbarsten Feind der Zivilisation besiegten, nicht besser als dieser gewesen. Dresden, in diesen Jahren ohnehin ein Zentrum antiwestlichen Denkens in Deutschland, ragt wie selbstverständlich dabei heraus. Der Mythos bleibt.

Es ehrt die Briten, dass sie nach Dresden Selbstzweifel bekamen. Doch der Luftangriff, gerade weil er nicht nur einem Bahnhof, sondern ebenso der Brechung der Moral einer Bevölkerung galt, die nicht aufhören wollte, Krieg zu führen und Massenmorde zu begehen, war ein grauenvolles aber legitimes Kriegsmittel.

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29 Kommentare zu “Griff in die Geschichte: Stichworte zu Dresden

  • #1
  • #2
    Emscher-Lippizianer

    Vielen Dank für den sehr lesenswerten Artikel. Zur Abrundung sollte vielleicht angemerkt werden, daß der gnomenhafte, schwarzhaarige und klumpfüssige Musterarier aus dem Propagandaministerium im Jahre 1940 den Anglizismus "Coventrisieren" geprägt hat.

  • #3
  • #4
    Münsterländer

    Überwiegend sehr guter Artikel.

    Die Alliierten wussten vom systematischen Morden in den Konzentrationslagern und jeder Tag zählte. Und Dresden war bei weitem nicht die einzige Stadt, die so stark zerstört wurde. Auch bei uns im Westen wurden zahlreiche Angriffe geflogen, die vielen Menschen Zerstörung und Tod brachten. Trotzdem wurden die Amerikaner bei uns immer als Befreier angesehen.

    Nur das Zusammenkegeln von rechts- und linksradikalen Kräften im Artikel finde ich kritsch. Von den Geschehnissen 1970 rund um das jüdische Altenheim wusste ich nichts, darum habe ich auf die Schnelle recherchiert und Folgendes gefunden: Süddeutsche Zeitung vom 23.11.2017: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/reichenbachstrasse-brandanschlag-auf-juedisches-altenheim-bleibt-auch-nach-jahren-ungeklaert-1.3763175.
    Aus dem Text der SZ geht hervor, dass der Anschlag ungeklärt geblieben ist. Ergo können Fritz Teufel & Co. dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Kann man drüber schreiben, ist aber ein anderes Thema als Dresden.

  • #5
    Waldemar Pabst

    Ich empfehle die Doku München 1970, auch auf Youtube verfügbar.

    Tatsächlich ist Dresden eben bis 89 eher ein linkes Thema, das den Westen anklagen soll. Zu Ulrike Meinhof hatte ich ja geschrieben. Der Anschlag bleibt ungeklärt, der Verdacht freilich auch. Einen sehr perversen Sinn für historische Daten hatten Kunzelmann und seine Freunde bereits bewiesen, als sie zwei Jahre zuvor zum 30. Jahrestag des 9. November einen missglückten Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin verübten. Ich zumindest finde dieses Datum 13. Februar 1970 zu augenfälllig, um nicht kurz drüber nachzudenken

  • #6
    Henryk Chrusciel

    @Münsterländer
    Gudrun Ensslin zu Irmgard Möller über den Anschlag der Tupamaros: „Diese Arschlöcher. Gut, dass die Sache den Neonazis untergeschoben wurde“.
    https://www.derwesten.de/wochenende/fall-wird-neu-aufgerollt-feuer-tod-der-kz-ueberlebenden-id10219464.html

  • #7
    Barbara

    Danke, ein sehr interessanter Artikel, der mir neue Fakten, Zusammenhänge und damit Einsichten vermittelte. Als seit Jahrzehnten in Dresden Lebende werde dieses Gedenken mit größerer Klarheit meiden.

  • #8
    eindresdner

    vielleicht sollte angemerkt werden, dass es solche gedenktage in jeder stadt (weltweit) gibt, die im 2.wk zerbombt wurde.
    und ebenfalls das die jährlich stattfindenden (2016&2017 nicht) neonazi aufmärschen, ihr übriges zum mythos beitragen.

  • #9
    ke

    Ein Krieg wird nicht durch die Zerstörung einer Stadt mit erheblichen Opfern der Zivilbevölkerung gewonnen. Ich habe erhebliche Probleme damit, dass Krieg die Vernichtung von Wohnvierteln etc. ohne großen militärischen Nutzen rechtfertigen soll.

    Was würde das für die Zukunft bedeuten? Heute können wir Städte, Metropolen, Regionen, Länder zerstören. Auch ohne großes Risiko, wenn die anderen Ländern nicht über Bündnispartner oder Langstreckenraketen verfügen.

    Musste eine Waffe wie die Atombombe an 2 Tagen demonstriert werden? In einer Großstadt?

    Nein, ich halte diese Art der Kriegsführung für nicht gerechtfertigt. Von keiner Seite und betrachte es auch als sehr problematisch, wenn in Zeiten von Massenvernichtungswaffen die Anwendung als gerechtfertigt betrachtet wird.

    Meine Eltern waren kleine Kinder während des 2. Weltkriegs, und ich war als Kind/Jugendlicher ängstlich, wenn wieder Tiefflieger im kalten Krieg zu hören waren. Jeder dieser Flieger hätte das Ende von meiner Umgebung mitbringen können.

  • #10
    thomas weigle

    Jaja, der "angloamerikanische Bombenterror" hat die Gemüter hierzulande heftig bewegt, lange heftiger jedenfalls als der Holocaust. Dieses Selbstmitleid, das Nichtverstehen wollen, dass Dresden u.a. Städte lediglich die logische Folge des unter #2 erwähnten "Coventrisieren" war, ist doch recht deutsch.
    Bleibt die Frage, ob der AfD-Bandenboss Gauland auch Dresden unter "Fliegenschiss" subsumiert?

  • #11
    nussknacker56

    Waldemar Papst, das war der beste Artikel, den ich bisher zu diesem Thema gelesen habe. Sprachstark, konsequent, nüchtern und dem Jammern der Täter und deren Nachkommen keinen Raum gebend.

    Vielen Dank dafür.

  • #12
    Waldemar Pabst

    Harris Strategie war erfolglos, darin besteht Übereinstimmung. Auch das habe, ausführlicher, in meinem Aufsatz über die Angriffe auf Hamburg (https://www.ruhrbarone.de/griff-in-die-geschichte-operation-gomorrha/156921) aufgeschrieben. Das ändert aber nichts daran, dass im Geist der Zeit und des alles verschlingenden Krieges, den die Nazis nicht nur Vernichtungskrieg nannten, sondern als Vernichtungskrieg führten und millionenfachen Mord zur Methode machten, es legitim war, den Versuch zu machen, den Krieg auf diese Weise zu gewinnen. Noch einmal, es waren die Deutschen, die damit von der erste Kriegsminute an mit dem Angriff auf die schlafende polnische Stadt Wielun ohne jeden militärischen Sinn begannen mit 1500 Toten, noch vor den Schüssen auf die Westerplatte. Nein, tatsächlich kapitulierten die Deutschen nicht einmal nach Dresden, sie wollten nicht aufhören, nicht aufhören zu morden.

    Harris hatte sein deutsches Gegenstück, den Feldmarschall Wolfgang von Richthofen, ein ebenso brillanter Luftkriegsstratege, wie er völlig skrupellos und leider auch ein durch und durch antisemitischer Nazi war. Richthofen erprobte das moral bombing in Guernica, Richthofen steht hinter Belgrad und hinter Stalingrad, mit mehr als 50.000 Toten am 23.8.1942 der furchtbarste Bombenangriff in ganz Europa, der sogar Hamburg weit übertraf, militärisch sogar kontraproduktiv. Er war nicht nur der große Theroetiker des deutschen Luftkrieges, des taktischen Blitzkrieges mit den Stukas, wie der Flächenbombardements, sondern eben auch der Praktiker des Ausradierens. Ein Begriff übrigens, den Adolf Hitler erfunden hat und damit englische Städte gemeint.

    Solange es die Deutschen waren, die bombten, waren die braven Bürger stolz und auch in Dresden wird man den schmissigen Schlager von den Bomben auf Engelland mitgesungen haben. Niemand, wirklich niemand, konnte sich beschweren, dass das nun auf Deutschland zurückschlug, schon gar nicht konnten sie sich auf irgendein Kriegsrecht berufen.

    Heute sind die Erfahrungen, die erlitten wurden, groß genug, diese Art von Krieg zu ächten. Ein heutiges Flächenbombardement auf zivile Ziele wäre nicht mehr erträglich. Zumindest wenn Amerikaner bombardieren. Die russischen Angriffe auf rein zivile Ziele in Syrien haben hier niemanden interessiert.

    Und zu Japan und den A Bomben sei angemerkt, selbst die erste Bombe ließen ein Land nicht kapitulieren, das über 400.000 chinesische Zivilisten in Nanking einfach zum Vergnügen abschlachtete im Wortsinne, in drei Tagen, die niemand auch nur beschreiben kann. Das, was sich jährlich in Hiroshima ereignet, in der Tat, übertrifft an Verlogenheit Dresden noch bei weitem.

  • #13
  • #14
    Heiner Hirn

    Wer hat´s erfunden? Nein, nicht die Schweizer:
    https://www.stern.de/digital/technik/guernica-ist-ein-sinnbild-des-krieges—aber-was-geschah-wirklich–7580684.html

  • #15
    ke

    Es stellt sich auch immer die Frage, was wir lernen. Hier wurde auf die Bevölkerung und ihre Rolle in Nazi-Deutschland verwiesen.

    Aktuell haben wir die Reste eines Terror-Reiches, aus dem die Anhänger wieder zurück in ihre Herkunftsländer kommen, zu denen auch D gehört.
    Der Focus berichtet über eine IS-Heimkehrerin.
    https://www.focus.de/politik/deutschland/aus-irakischem-gefaengnis-is-braut-kommt-zurueck-nach-deutschland-jetzt-stehen-ermittler-vor-problemen_id_10317934.html

    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie schwierig es angeblich sein soll, die Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereiniung nachzuweisen. Wenn eine Ausreise und Einreise in einen Terrorstaat mit dem offensichtlichen Ziel der Unterstützung nicht ausreicht, haben wir aus unserer Geschichte nichts gelernt.

  • #16
    Jens

    @Waldemar Pabst
    Danke für den Hinweis auf Wielun.Überhaupt ist das Vorgehen der Deutschen in Polen 1939
    immer noch etwas unterbelichtet. Viele kennen Katyn, aber die Ausrottung der polnischen -wohlgemerkt antikommunistischen! Führungsschicht im Rahmen der sog. Intelligenzaktion oder "A-B"Aktion ist hierzulande immer noch weitgehend unbekannt.

  • #17
    discipulussenecae

    Der Artikel ist inhaltlich über weite Strecken redundant und sprachlich zumindest verbesserungswürdig.

    Hauptsächlich ärgert mich aber der Kern der Argumentation: Demokratische Gesellschaften, die auch im Bewußtsein ihrer moralischen Überlegenheit Krieg gegen einen totalitären Staat führen, sollten sich nie auf die Devise "Wie Du mir, so ich Dir" einlassen. Denn damit begeben sie sich auf das Niveau des Totalitarismus und verabschieden ihr Selbstverständnis der besseren Staatsform.

    Nicht umsonst hat Israel darauf verzichtet, nach der Shoah 6 Millionen Deutsche umzubringen!

  • #18
    Stefan Laurin

    @: discipulussenecae: Krieg ist Freizeitvergnügen. Die Alliierten hatten jedes Recht zu handeln wie sie es getan haben – auch die Atombombe war ok. Hauptsache sie haben gewonnen.

  • #19
    Waldemar Pabst

    @discipulussenecae. Da ich nicht Schüler des großen Philosophen sondern nur der Sohn eines Jagdfliegers jener Zeit bin, bedauere ich natürlich von ganzem Herzen, ihren sprachlichen Anforderungen nicht genügt zu haben oder wie sagte es noch Rhett Butler mit seinem letzten Satz in meinem Lieblingsfilm?

    Allerdings zu glauben, in einem Ringen um die pure Existenz zwischen Zivilisation und dem schlimmsten Feind der Menschheit, das 50 Millionen Menschen das Leben kostete, in dem Menschen täglich auf entsetzlichste Sterben, würde eine Seite das gelassenen mit angezogener Handbremse machen, ist nicht naiv, es ist dreist, einfach dreist. Im übrigen geht es in Dresden nicht um Rache, netter Versuch, vom Thema abzulenken, es geht darum, einem Volk, dessen Krieg für es sinnlos geworden ist, klar zu machen, dass aufhören muss, vor allem aufhören, weiter zu morden. Und ich schreibe Volk, weil ich Volk meine, auch die Zivilisten, nicht irgendwelche Nazis.

  • #20
    nussknacker56

    @ discipulussenecae
    Sorry, das ist ein extrem schwacher Einwurf. Den ersten Satz will ich erst gar nicht kommentieren.

    Hier ging es nicht um die Devise „Wie du mir, so ich Dir“. Wie kommen Sie denn darauf? Es ging darum, das nationalsozialistische Deutschland in der Realzeit(!) so schnell wie möglich niederzuwerfen und zu verhindern, dass die „Endlösung“ noch weiter umgesetzt werden kann.

    Israel gab es damals noch gar nicht, die Menschen dort hatten ganz andere Sorgen. Sie waren damit beschäftigt, sich zu organisieren um den immer stärker werdenden Aggressionen der Araber zu widerstehen. Sie waren mit der Aufgabe völlig ausgelastet, zu überleben. Für Rache war weder Zeit noch war diese jemals ein reales Thema.

  • #21
    Dieter Kaiser

    Es sind keine Fakten enthalten, die nicht schon bekannt waren. Die "Einordnung" ist auch nicht neu.

  • #22
    Dieter Kaiser

    @Emscher-Lippizianer

    … und vorher gab es den Begriff "Magdeburgisieren", der sich auf die Ereignisse um die Stadt im Dreißigjährigen Krieg bezog.

  • #23
    thomas weigle

    1935 wurde ein Luftschutzgesetz erlassen, im Frühsommer 36 fand eine erste reichsweite Luftschutzübung statt, die allerdings, wie man dem seinerzeitigen hiesigem "Haller Kreisblatt" entnehmen kann, nicht von allen Volksgenossen so recht ernst genommen wurde. Das zog harsche Reaktionen der Parteiinstanzen und Behörden nach sich. Man wusste also bei und in den beteiligten Instanzen, was im Raume stand. Man hat es gewusst und hat in Spanien, Polen und den Niederlanden zuerst Feuer vom Himmel regnen lassen, später auch anderswo.Da waren Dresden, Pforzheim, Würzburg u.a, die logischen Folgen bzw. Endpunkte dieser 1935 in Gesetzesform gegossenen Politik.

  • #24
    Waldemar Pabst

    Danke Thomas Weigle, es noch einmal so prägnant hervor gehoben zu haben. Diese Art des Krieges hatte alle Seiten angestrebt und sich von Beginn an darauf vorbereitet. Die Deutschen passiv durch das Luftschutzgesetz und aktiv durch Richthofens Menschenversuche in Spanien, wie man Guernica und andere Erprobungen unter realen Kriegsbedingungen durchaus nennen kann. Moralisch kann man sicher über den Bombenkrieg sich viele Gedanken machen, es ein Kriegsverbrechen zu nennen ist einfach deshalb falsch, weil es die unausgesprochene furchtbare Übereinkunft der Beteiligten als Völkerrechtssubjekte gab, den Krieg so führen zu wollen.

  • #25
    ke

    @23 Thomas Weigle
    Mir geht die Schlussfolgerung mit "man wusste …, was im Raume stand" nur auf Basis einer Luftschutzübung und auf Basis von Lufschutzgesetzen zu weit.

    Zivilschutz gerät hier erst in den vergangenen Jahren total ins Hintertreffen.
    Sirenen waren auch lange nach dem 2. Weltkrieg häufiger im Test-Modus, "Duck and Cover" kennen wir auch. Bei Bad Neuenahr kann der alte Regierungsbunker besichtigt werden, der auch getestet wurde ….

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  • #27
    Alf E. Neumann

    Der Verfasser darf es sich gern antun, mit mir als Dresdner darüber zu reden. Dann wird er feststellen, das es auch andere Dresdner gibt – jene, die den Opferkult nicht mitmachen bzw. sogar verachten. Wahrscheinlich ist es sogar die Mehrheit – aber die wird nicht beachtet, es werden nur die beachtet, die am lautesten schreien. Finde es bedauerlich, das man auf Dresden einschlagen muß wegen den Irritationen einer kleinen Minderheit, die meistens sogar extra hierzu nach Dresden reist, ergo keine Dresdner sind.

  • #28
    thomas weigle

    Am letzten Wochenende sah ich einen Propagandafilm aus dem Hause Goebbels, in dem die Zerstörung Warschaus durch Bombenangriffe gezeigt wurde. Auch die Schuldfrage wurde eindeutig geklärt: Die Polen waren es, weil sie Warschau verteidigten und Kapitulationsaufforderungen gleich 5x ablehnten.

  • #29
    Waldemar Pabst

    Lieber Alf E. Neumann, natürlich gibt es in Dresden eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen, denen das Spektakel auch zuwider sein mag. Das bestreite ich nicht und darüber freue ich mich. Warum ich dennoch pauschaliere, ist in der offiziellen Gedenkunkultur begründet. Ich meine nicht die Aufmärsche von Neonazis, ich meine eine alljährliche Gedenkerei mit Dutzenden von Veranstaltungen, die gut gemeint auch neuerdings sich zusätzlich mit Judenmord und KZ beschäftigen, aber gerade deshalb die an Ekelhaftigkeit nicht zu übertreffende Parallelisierung der NS Verbrechen mit dem Bombenangriff befördern, ich meine dies in den Mittelpunkt der Stadtgeschichte gestellte Ereignis, als wäre es ein singuläres Verbrechen an den Dresdnern gewesen, ich meine den auch unter jenen, die das nicht so sehen oft vorherrschenden Konsens, ein Kriegsverbrechen wäre das nun aber schon gewesen, ich meine die nicht enden wollende, sich eher steigernde Befassung damit in der Stadt. Wenn in Hamburg zum 75. Jahrestag, wie zuvor zum 50. ein paar Veranstaltungen und sehr differenzierte Ausstellungen stattfinden, an denen ich aus gutem Grunde teilgenommen habe, dann ist das ein historisch notwendiger Umgang damit. In einer Stadt aber, die sich jedes Jahr dazu echauffiert, aber läuft etwas aus dem Ruder. Das steht hinter meinen Formulierungen. Und persönliche Erfahrung in Gesprächen mit Menschen aus der Region.

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