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Heute passiert’s: der Eurovision Song Contest in Düsseldorf

Ja, heute passiert’s. Heute ist das Finale des Eurovision Song Contests, wie aufregend!

Heute passiert’s, heute passiert’s.
Heut zeig ich dir, was ich kann.
Heute passiert’s, heute passiert’s.
Heut fängt das Leben an.

Okay. Dass heute das Leben anfängt, ist vielleicht ein wenig übertrieben. Aber das Lied heißt nun einmal so. Heute passiert’s – ein klasse Schlager, interpretiert – so sagte man damals – von Peter Rubin. Damals, 1971. Gerade einmal vierzig Jahre her; die Melodie könnte ich heute noch ohne weiteres mitsingen.
Ja, heute passiert’s. Heute ist das Finale des Eurovision Song Contests, wie aufregend! Eurovision Song Contest, ehrlich gesagt: an den Namen kann ich mich nicht so recht gewöhnen. Schon gar nicht an die Abkürzung: ESC. Da stutze ich immer, weil mir zunächst die Taste auf dem PC-Keyboard in den Sinn kommt. ESC = escape. Den sich aufdrängenden Scherz verkneife ich mir.
Für mich heißt das Ding jedenfalls Grand Prix Eurovision de la Chanson; in meinem Alter fällt es nicht mehr ganz so leicht, sich diesbezüglich umzugewöhnen. Ich sage heute noch Grand Prix, obwohl dieser Begriff seit ein paar Jahren gänzlich aus dem Regelwerk dieses internationalen Musikwettbewerbs verschwunden ist. Die Jahrzehnte haben halt geprägt. Ganz so alt bin ich ja auch noch nicht.

Der Grand Prix jedenfalls ist noch ein Ideechen älter. 1956 fand er das erste Mal statt – mit sieben Teilnehmern. 1957 waren es schon zehn, und im Grunde ging es seither schon mit ähnlichen Regeln zu wie heute. Corry Brokken aus Holland hatte gewonnen. Ihr Name sagt mir irgendwie irgendetwas, ansonsten: keine Ahnung, wer sie war und was sie sang.
Meine Erinnerung setzt überhaupt erst relativ spät ein. Der Grund hierfür ist völlig klar: damals waren die Sitten etwas strenger als heute. Als Grundschüler hatte man, wenngleich das Spektakel auch damals schon am Samstagabend stattfand, um acht Uhr im Bett zu sein. Mit etwas Glück vielleicht um neun – nützte ja nichts.
Nicht einmal an France Gall, die 1965 gewonnen hatte, kann ich mich erinnern. Also, an France Gall schon, die daraufhin auch als deutsche Schlagersängerin Karriere machte. „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“ und „Der Computer Nummer Drei“ – sie trug die Titel mit so einem süßen französischen Akzent vor. Ständig suchte sie einen Kerl; es war völlig klar, dass ich nicht infrage kam. Ich hatte ihr verziehen; aber an ihren Grand-Prix-Sieg … doch, ich hatte mal so etwas gehört.

1966 gewann Udo Jürgens mit „Merci Chérie“. Völlig klar; allerdings: Gucken durfte ich die Übertragung im Fernsehen dann auch noch nicht. Aber über die anderen Medien – Tagesschau, Zeitung, Radio – bekam ich das sehr wohl mit. Und dann das Lied – etwas schmalzig, aber egal. Ein deutsches Lied. Udo Jürgens ist zwar Österreicher und trat auch für Österreich an; aber meine Familie war hochzufrieden.
Ganz anders sah die Sache ein Jahr später aus. Sandie Shaw gewann 1967 mit „Puppet on a String“. Es war das erste Mal, dass ich den Grand Prix, wie der Song Contest damals genannt wurde, bis zum Ende gucken durfte. Die Empörung im Elternhaus war relativ groß. Eine Empörung über Sandie Shaw, weniger über das nette Liedchen. Das war englisch, auch nicht optimal. Wenn schon nicht deutsch, hätte es wenigstens etwas Französisches oder noch besser: Italienisches sein können. Nicht dass man allzu viel für die Italiener übrig hatte, aber englisch …
Sandie Shaw brachte genau diese Musik, mit der man tagein tagaus im Radio belästigt wurde. Da hätte man auch gleich die Beatles wählen können! Die 68er Revolte war bereits zu spüren, und dann diese Sandie Shaw. Lange blonde Haare, Minikleid und – jetzt kommt´s: die trat barfuß auf. In der Wiener Hofburg! Ein Skandal. Sie war zwar offenkundig extrem kurzsichtig und wollte einfach nicht über eines der vielen Kabel auf der Bühne stolpern. Trotzdem …

So ging das weiter, Jahr für Jahr. Mit dem Nachlassen der Bindung an das Elternhaus legte sich auch die Gewohnheit, dieses Schlagerspektakel im Fernsehen zu betrachten. Zumal mein Musikgeschmack mit dem dort Angebotenen nicht kompatibel war (und ist). Dennoch: es war (und ist) kaum möglich, sich dem Hype vor und nach der Veranstaltung vollends zu entziehen. Der Eurovision Song Contest war (und ist) die erfolgreichste – i.S.v. meistgesehene – Musikveranstaltung der Welt.
ABBA starteten 1974 ihre Weltkarriere als Grand-Prix-Sieger, Céline Dion 1988. Die Beispiele ließen sich fortsetzen, nichtsdestotrotz geriet die Veranstaltung im Laufe der 90er Jahre zusehends in eine Krise. Etliche Regeländerungen, vor allem aber, dass aus den Mitgliedsländern sukzessive ein anderer Typus, besser: andere Typen von Popmusikern entsandt wurden, trugen dazu bei, dass die Krise in den letzten Jahren überwunden werden konnte.
In Deutschland markiert die Teilnahme Guildo Horns 1998 den Wandel der Einstellung zum Eurovision Song Contest. Mit der deutschen Schlagerseligkeit hatte es ein Ende. Das de-facto-Monopol des „ewigen“ Grand-Prix-Komponisten Ralph Siegel wurde gebrochen von Stefan Raab, der bekanntlich im letzten Jahr mit Lena den ersten Platz erzielen konnte.

Heute Abend um 21 Uhr geht´s los. Finnland startet mit „Da Da Dam“, „ein schüchterner junger Mann …  singt für eine bessere Welt und gegen Umweltverschmutzung“ (taz). Wie schön. „Da Da Dam“. Leider sind Nationen, deren Lieder ähnlich beknackt betitelt sind, bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Keine Sorge: es wird schon genug Humbug übrig bleiben. 18 sind ausgeschieden, aber 25 sind noch da. Und wenn die 25 Darbietungen überstanden sind, kommt das Allerbeste: 25mal wird aus den Hauptstädten der Teilnehmerländer angerufen, um die Punkte zu vergeben. Für die zig Millionen Fernsehzuschauer wird dies – trotz modernster optischer Darstellungstechnik – in (mindestens) drei Sprachen zelebriert. Weil das direkt international ist. Weil das einfach klasse ist. Weil wir es nicht anders gewohnt sind. Endlich ist es wieder so weit. Heute passiert’s.

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