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Hoffnung und Freude: für eine bessere Corona-Weihnacht

Auch dieses Weihnachten steht alles auf dem Kopf. (Foto: privat)

Hoffnung und Freude. Das sind nicht die Begriffe, die uns in den Sinn kommen, wenn wir auf die aktuelle Situation, die Situation seit Frühjahr 2020 und auch in die Zukunft schauen. Wir sehen und fühlen eher Wut, Trauer, Verbitterung, Perspektivlosigkeit. Eine Welt – im Großen wie im Kleinen – die in vielem und bei vielen in Trümmern liegt, in der Liebgewonnenes schon länger nicht mehr funktioniert, in der es an Verlässlichkeit und Rahmen fehlt. Und dann fängt diesen Sonntag mit dem ersten Advent auch noch die Weihnachtszeit an. Viele erwarten kein gutes Weihnachten, von Normalität ganz zu schweigen. Und trotzdem und gerade sollen in diesem Text Hoffnung und Freude in den Fokus gerückt werden. Zumindest wird es ein Versuch.

Hoffnung und Freude. Sie nahmen in den letzten 1,5 Jahren immer mehr ab. Ja, natürlich spreche ich über Corona, aber nicht nur – auch die generellen gesellschaftlichen Debatten, v.a. auch um Klimaschutz und Wokeness, werden immer härter geführt, Positionen können immer schlechter verhandelt werden, echte Kommunikation unter Gleichen gelingt immer weniger. Corona schwebt aber über allem. Wir sind müde. Wir sind in der 4. Welle. Wir haben doch immer wieder gehofft, uns in Kontakten beschränkt, Lockdowns mitgemacht, uns – nicht hinreichend viele, aber eben doch viele – Impfen lassen, tragen unsere Masken, desinfizieren unsere Hände. Und trotzdem hat uns all das der Hoffnung nicht näher gebracht, dass das alles ein baldiges Ende haben wird. Es wird kein baldiges Ende haben. Nicht in diesem Jahr, und wahrscheinlich auch noch nicht im Frühjahr des nächsten Jahres. Wir leben im Ausnahmezustand, unser Körper ist auf Alarm, die Nerven liegen blank.

Hoffnung und Freude. Corona verknüpft sich mit vielfältigen individuellen Schicksalen. Menschen, nahe Menschen, Freunde, Familie, erkranken an dem Virus, es kann glimpflich ausgehen, aber es führt auch zu Tod, zehntausendfachem Tod. Und wir sind machtlos, schauen letztlich nur zu. Werden traurig, werden hilflos, werden wütend. Freude? Wie soll da Freude aufkommen? Worüber denn? Über die Toten? Über die Angst, was den eigenen Job, das eigene finanzielle Auskommen angeht? Über Menschen, die immer tiefer in psychische Problemlagen abrutschen? Nein, darüber kann man sich nicht freuen – und all das bildet den Hintergrund für unser sonstiges Erleben, es liegt wie ein Nebel über allem, ein dunkler, unheilvoller Nebel, der sich einfach nicht lösen will, und durch den wir jeden Tag gehen. Wenn dann noch weitere negative Ereignisse in unserem Umfeld, oder für uns direkt, dazu kommen, dann erscheint alles vollends hoffnungslos. Bert Brecht schrieb: „Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser.“

Hoffnung und Freude. Klar, man könnte sich darüber freuen, dass man noch lebt – „Hurra, wir leben noch!“ – trotzig und selbstbewußt. Oder darüber, dass es anderen noch schlechter geht. Aber wir sind Menschen. Wir wollen, dass es dem Anderen gut geht, v.a. dem, an dem uns liegt. Abwärtsgerichtete Vergleiche bauen nicht lange auf. Sie haben keine Substanz, sie führen zum Gefühl der Schuld, der Ungerechtigkeit, und dann kommen irgendwann wieder Wut und Trauer. Nein, so kommen wir nicht zu echter Freude.

Hoffnung und Freude. Im Sommer sind einige von uns der Normalität, die in Stücken wieder erschien, hintergehechelt. In Clubs, in Diskos, in Restaurants. Der Traum lag in der Luft, dass es jetzt wirklich wieder anders wird. Die Zahlen waren besser. Aber es blieb nicht gut – viele wollten die Warnungen nicht hören, die wissenschaftlichen Fakten nicht als Grundlage nehmen, und die Politik, diejenigen, denen wir das Handeln für unser Wohl anvertrauten, versagte – und sie tut es immer noch. Und immer noch. Und immer noch. Der Absturz aus dem Sommer war für viele hart, und hart war es sowieso für diejenigen, die sich erst gar nicht der kurzen Hoffnung, einem Durchatmen, hingeben konnten.

Hoffnung und Freude. All das Obige ist Fakt. Daran ist nicht zu rütteln. Aber wir spüren auch: so kann es nicht weitergehen – gesellschaftlich, aber gerade auch auf individueller Ebene. Die Erkenntnis muss kommen: das ist, und wird noch für einige Zeit, die von der Kanzler schon 2020 benannte „neue Normalität“ bleiben. Die neue Normalität. Und wir müssen anerkennen, dass wir als Menschen uns auch in dieser einrichten müssen – und auch können. Wir sind eine unfassbar anpassungsfähige Spezies. Wir können uns auch hier anpassen. Und wir können dabei auch positive Gefühle haben. Es wird aber dabei nichts bringen, immer auf die ganz große Hoffnung zu setzen, dass alles nun schnell endet wird. Wir sollten vielmehr den Blick darauf richten, was in unserem Alltag trotz allem Hoffnung und Freude vermitteln kann.

Hoffnung und Freude. Wir sind soziale Wesen. Und fast alle von uns haben es geschafft, weiterhin soziale Kontakte zu pflegen. Nein, nicht so wie früher. Es fehlt viel Nähe. Und das bringt manch einen dazu, auch Nähe nicht mehr zulassen zu wollen – wieso enttäuscht werden? Und doch tut es gut, Nähe zu empfangen, Nähe zu schenken. Wer sich selbst keine Freude schenken kann, dem können andere Freude schenken. Kleine Gesten, Lächeln, tatsächlich auch Geschenke – aber v.a. viel reden, reden, reden, einander zuhören. Und für einander da sein. Es fällt vielen schwer, über Gefühle zu sprechen. Vielleicht sind wir da auch noch zusätzlich in einer gesamtgesellschaftlichen Traumatisierung gefangen. Aber wenn dann doch gesprochen wird, und sich auch wechselseitig Leid und Schmerz mitgeteilt wird, dann bricht etwas auf: der Sprechende merkt „Ich bin nicht allein“, der Zuhörer merkt „es ist gut, dass ich für den Anderen da bin“. Schätzen wir diese Momente der Gemeinsamkeit, suchen wir sie, lassen wir uns von ihnen aufbauen, und uns Hoffnung schenken.

Hoffnung und Freude. Achtsamkeit ist ein beliebtes Schlagwort geworden – mittlerweile klingt es mitunter abgedroschen und phrasenhaft. Doch fast jeden Tag passieren jedem gute Dinge, kurze Momente der Freude, des Lächelns, des Lachens. Und zwar egal, ob man dabei alleine ist, oder im Austausch mit anderen, ob man einen guten Artikel gelesen, sich über das Verhalten einer Katze amüsiert, oder sich über eine Netflix-Serie ausgetauscht hat. Wir sollten diese Momente wertschätzen – das übrige Elend kommt sowieso schnell genug wieder. Es kommt wieder – egal, ob es uns zwischendrin gut geht, oder nicht, wieso also nicht in Momenten gut gehen lassen, und sich eine Auszeit von Wut und Trauer nehmen?

Hoffnung und Freude. Die Weihnachtszeit ist die Weihnachtszeit. Sie ist generell schon überladen von Erwartungen, und viele Entbehrungen werden uns schmerzlich bewußt werden – wer weiss, wie man dieses Jahr überhaupt Weihnachten wird feiern dürfen. Die Weihnachtszeit ist die Zeit der heftigsten Familienstreits. Und doch: wir können diese Zeit auch anders nutzen. Bewußt. Bewußt dafür, uns zu überlegen, wie wir Anderen Gutes tun können, aber auch, wie wir uns selbst etwas Gutes tun können. Freude erfahren, Freude geben. Und wo Freude ist, wird auch Hoffnung sein – Hoffnung darauf, dass man auch in der „neuen Normalität“ mit positiven Gefühlen leben kann.

Hoffnung und Freude. Nein, wir bekommen sie nicht zum Nulltarif. Wir müssen bereit sein, uns zu bewegen. Raus aus der „neuen Komfortzone“ der Verbitterung. Wir müssen bereit sein, uns darauf zu besinnen, was uns vor Corona ausmachte. Wir müssen bereit sein, uns neu zu überlegen, wie wir agieren wollen, statt im ohnmächtigen Reagieren zu verharren. Wir müssen bereit sein, zu scheitern – wenn wir all diese Schritte übernehmen. Wir versuchen hier etwas Neues – und wer Neues versucht, wird scheitern. Aber er kann auch wieder aufstehen, meist, und wer nicht selbst aufstehen kann, dem kann ein Anderer oft helfen. Wenn wir nur genau genug hinsehen, und Dinge ansprechen, und nicht an der Stelle verharren, an dem wir etwas nur sehen.

Hoffnung und Freude. Ein letztes: ich befürchte, dass dieser Text in doppelter Hinsicht diejenigen nicht erreichen wird, die ihn besonders brauchen. In doppelter Hinsicht deswegen, weil sie ihn vielleicht nicht sehen werden – daran kann der zustimmende Leser etwas durch gezielte Verbreitung ändern – oder weil sie ihn nicht werden annehmen können. Letzteres ist nicht leicht zu lösen. Aber es bleibt die Hoffnung des Schreiberlings, dass vielleicht irgendetwas von diesem Text verfängt, und dass er vielleicht als Anknüpfungspunkt für Gedanken und Gespräche dienen kann – und für Hoffnung und Freude.

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