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„Ich sah das Loch in meiner Jacke, sah das Blut.“

Hannah Bruns (Mitte) wurde in Langendreer von einem Nazi angegriffen.

Hannah Bruns (Mitte)

Hannah Bruns begann ihren Samstagabend bei der Demo zum Trainofhope in Dortmund. Der Abend endete im Krankenhaus.

Die Nacht am 5. September ist kalt. Früher als sonst hat sich der Sommer verabschiedet, die Temperaturen sind auf bis zu 10 Grad gesunken. Der Trainofhope kommt in Dortmund an. Viele Helferinnen und Helfer haben angekündigt, die Flüchtlinge zu begrüßen. Ein eigens dafür eingerichteter Twitter-Account organisiert die Annahme von Sachspenden für Flüchtlinge im Dortmunder Hauptbahnhof. Auch die Aktivistin Hannah Bruns ist da: „Ich war in Dortmund, um gegen die Faschisten der Partei Die Rechte und für die ankommenden Geflüchteten zu demonstrieren.“ Die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ hatte zuvor angekündigt, gegen die ankommenden Flüchtlinge protestieren zu wollen. Als Reaktion darauf kam es zu Mobilisierungen von Linken aus der Umgebung über soziale Netzwerke.

Laut der WELT demonstrierten letztlich 26 Die Rechte-Anhänger am Hauptbahnhof. Angeführt vom Ratsmitglied Michael Brück riefen sie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ und „Nationalismus rein in die Herzen“. Laut dem Artikel sollen einige der Rechten alkoholisiert und vermummt gewesen sein.

Fehlentscheidung der Dortmunder Polizei?

„Da die Flüchtlingshilfe unten am Nordausgang gut organisiert war, blieben meine Freundinnen, Freunde und ich vor dem Hauptbahnhof und fragten uns, wie die Polizei die Nazis wohl wegeskortieren würde“, erzählt Hannah. Auf die Idee, die Polizei würde die Rechtsextremen später durch den Hauptbahnhof bringen, wo sich zu dem Zeitpunkt hunderte Gegendemonstranten befanden, sei zu dem Zeitpunkt noch keiner gekommen. Die Idee erschien einfach zu abwegig.

Die Dortmunder Polizei entschied trotzdem so: Sie wollte die Rechten durch den Bahnhof zur S-Bahn eskortierten. Die Bundespolizei, die eigentlich für den Bahnhofsbereich zuständig ist, riet davon ab. Aus gutem Grund: Demonstranten blockierten mit Sitzblockaden die Eingänge, standen in Menschenketten vor den Türen. Ohne Rücksicht auf Verluste, so schildert es die Aktivistin, „prügelte die Polizei 25 Rechten den Weg durch den Hauptbahnhof frei, damit die den Heimweg antreten konnten.“ Erst habe sie die Rechten nicht gesehen, da sie an einer anderen Stelle des Eingangs blockierte. Als Klar war, dass eine Blockade geräumt worden war, sprang Hannah auf. Was sie sah, war Chaos, so schildert sie: „Hunde, Polizisten, Nazis, alles war da“.

Die Polizei setzte Polizeihunde und Pfefferspray gegen die linken Demonstranten ein. Ein Polizeihund sprang auf Hannah zu. „ Er biss mir in die Brust, in die Jacke. Ich machte den Arm hoch und der Hund war immer noch dran, so zumindest meine Erinnerung.“ Auch eine Freundin wurde von dem Hund attackiert.

Für Hannah beginnt eine Odyssee 

Zuerst verdrängte Hannah den Biss, sie wollte mit anderen Demonstranten ein Gleis blockieren, von dem sie ausging, dass die Rechten dort hingeführt würden. Die Blockade sei friedlich, aber entschlossen gewesen, so Hannah. „Plötzlich fing meine Brust wieder an zu schmerzen und ich sah das Loch in meiner Jacke, sah das Blut. Erst konnte ich mich gar nicht erinnern, dann kam es bruchstückhaft.“ Ab da begann eine Odyssee für Hannah. Sie bat einen Freund, sie nach der Blockade ins Krankenhaus zu fahren. Der sei aber nach der Demo nicht mehr auffindbar gewesen. Stattdessen wandte sie sich dann an den Linken-Bundestagsabgeordneten Niema Movassat und fragte ihn um Rat. Er gab ihr den Tipp, bei einem Bahnmitarbeiter nachzufragen. Diese würden sicherlich einen Krankenwagen für sie rufen. Der Bahnmitarbeiter weigerte sich jedoch und fragte stattdessen Hannah nach ihrer politischen Gesinnung. „Meine Freundinnen, Freunde und ich waren fassungslos und diskutierten mit ihm, dass das doch alles keine Rolle spiele und ich einen Arzt bräuchte. Schließlich rief Niema einfach selbst einen Krankenwagen“, so Hannahs Erinnerungen.

Hannahs Biss Quelle: privat

Hannahs Wunde
Quelle: Facebook

Der Krankenwagen kam schnell, ihre Wunde wurde im Wagen begutachtet. „Der Sanitäter sagte, die Wunde sehe zwar schlimm aus, sei aber nicht lebensgefährlich. Ich könne den Weg zum Krankenhaus also selber gehen. Dazu war ich allerdings nicht in der Lage“, erzählt sie. Schließlich bat sie Movassat, sie, zu dem Zeitpunkt völlig entkräftet, ins Krankenhaus zu fahren. Im Krankenhaus bekam Hannah Antibiotika und eine Tetanusspritze.

 Hannah und die Freundin, die auch verletzt wurde, halten den Einsatz der Polizeihunde ohne Maulkorb im Dortmunder Hauptbahnhof für einen Skandal. Beide werden Anzeige erstatten.

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