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Identitärer Mob hetzt gegen Redakteure der WAZ


Vor knapp zwei Wochen hatte ich eine Verabredung in der Essener Innenstadt. Ein Afrikaner wollte mit mir sprechen, das Verhältnis zwischen Polizei und Migranten in Essen sei schlecht, er wolle das ändern und vermitteln. Dass es in Essen viele Konflikte gibt wusste ich, für einen Artikel über das Thema interessierte sich eines der Medien für die ich arbeite und so saßen wir an einem warme Sommerabend  in einem Café neben der Lichtburg.

Was als Treffen zu zweit geplant war, wurde eine Date zu dritt. Auch eine etwas aufgeregte Frau, die sagte, sie sei vom Antirassismustelefon, könne aber nicht für selbiges sprechen und wolle schon gar nicht zitiert werden, gesellte sich zu uns. Das Antirassismustelefon wurde kürzlich bekannt, weil es Eissorten, die nach der Seniorchefin einer Eisdiele, Rita Mohr, benannt wurden, unter Rassismusverdacht stellte, worauf der „Mohren-Kuller“ und die „Mohren-Birne“ neue Namen bekamen.

Das Gespräch begann mit Vorwürfen gegenüber der Polizei in Essen, die strukturell rassistisch wäre und der „die Migranten“ nicht vertrauen würden. Mag sein, wobei ich Zweifel anmeldete, ob es „die Migranten“ überhaupt gäbe. Türkische Ladenbesitzer, mit denen ich mich unterhalten habe, waren von der Anwesenheit libanesischer Clans in ihrem Viertel jedenfalls nicht begeistert.

Aber klar, nicht die nur die Polizei sei rassistisch, auch die Medien in Essen. Die WAZ zum Beispiel, da gäbe es mit Frank Stenglein und Sinan Sat gleich zwei ganz schlimme Redakteure. Ich sagte, dass für mich die Lokalredaktion der WAZ in Essen die beste Lokalredaktion der WAZ im Ruhrgebiet sei und ich von Stenglein und Sat sehr viel halten würde. Außerdem hätte Sat soweit ich weiß türkische Wurzeln. Ja, wurde mir gesagt, Sat wäre aber kein normaler Migrant, sondern ein „Hausmigrant“. Der Begriff Hausmigrant geht zurück auf „Hausneger“, MalcomX beschrieb sie 1963 in einer Rede: „Sie lebten im Haus mit dem Herrn. Sie waren recht gut angezogen, sie aßen gut, weil sie sein Essen aßen – was er übrigließ. Sie lebten in der Dachkammer oder im Keller, aber sie lebten dennoch in der Nähe des Herrn. Und sie liebten den Herrn mehr als der Herr sich selber liebte. Sie waren bereit, ihr Leben zu geben, um das Haus des Herrn zu retten, schneller als es der Herr selbst war. Wenn der Herr sagte: „Wir haben ein gutes Haus hier“, sagte der Hausneger: „Ja, wir haben ein gutes Haus hier“. Wann immer der Herr „wir“ sagte, sagte er „wir“. Daran konnte man den Hausneger erkennen.“

Kurzum, der Hausmigrant ist ein Verräter an den anderen Migranten. Der Fairness halber sei gesagt, dass die Frau vom Antirassismustelefon den Begriff  Hausmigrant nicht gut gewählt fand, was meinen Gesprächspartner nicht daran hinderte, ihn weiter zu verwenden. Ich warf ein, dass Sinan Sat einfach nur ein guter Journalist sei, der seine Arbeit macht. Wenn in einer WAZ-Umfrage herauskommt, dass Lesern an der Essener Innenstadt stört, dass dort viele Migranten seien, schreibt er es auf – um es in einem weiteren Beitrag kritisch zu kommentieren. . Das, wurde mir gesagt, ginge nicht. Nach diesem Denken ist die Information und ihr Überbringer also das Problem, nicht so sehr, was viele Menschen meinen.

Überhaupt sei die WAZ schlimm, auch die ganze Berichterstattung über Clans sei rassistisch, es gäbe unter allen Gruppen Kriminelle, das hätte nichts mit der Herkunft zu tun. Ich warf ein, dass es durchaus herkunftstypisches, kriminelles Verhalten gäbe: In Deutschland würden sich Kriminelle zu Banden zusammenrotten, die Familie spiele dabei keine so große Rolle wie bei libanesischen Clans oder der kalabrischen Ndrangheta. Das aufzuschreiben hätte nichts mit Rassismus zu tun, Journalismus müsse die Wirklichkeit beschreiben, nicht irgendwelche genehmen Vorstellungen von ihr. Mittlerweile stritten wir uns und es war klar, dass ich über das eigentliche Thema keinen Artikel mehr schreiben konnte.

Aber es ließ mich auch nicht los, denn online ist der Konflikt längst eskaliert: In einer eigenen Facebookgruppe mit dem Namen „Funky Mariechen“, die WAZ gehört zur Funke-Mediengruppe, tobt sich der Mob an Sat und Stenglein aus. Und hier ist dann auch Rassismus kein Problem, denn er kommt ja von denen, sie sich für die Guten halten. Da wird dann der „Hausmigrant“ Sat mit blonden Haaren gezeigt, ihm also die eigene Herkunft abgesprochen, weil er sich nicht so verhält, wie er es in den Augen des identitären Mobs zu tun hat – denn der Mensch, vor allem der mit Migrationshintergrund, hat kein Recht, nicht den Vorstellungen des Mobs zu entsprechen. Und schon gar nicht darf er dem Ethos seines Berufs folgen, er wird reduziert auf seine Ahnen.

Stenglein wird vorgeworfen, über Clans zu schreiben, die es ja angeblich gar nicht gibt, weil es sie nicht geben darf. In der Wirklichkeit gehört Essen neben Berlin und Bremen zu den Städten, in denen Clans ein großes Problem sind. Essener Taxifahrer können die Familiengeschichte der größten Clans auswendig.

Was da gerade in Essen passiert, kenne ich im Ruhrgebiet sonst nur von Rechtsradikalen: Eine Kampagne gegen Journalisten, bei der diese denunziert werden. Protest aus Essen gegen das Bashing  zweier Journalisten habe ich bislang nicht mitbekommen. Immerhin: Nach einem Bericht der Studentenzeitung Akduell stellt sich der Funke-Verlag hinter seine Mitarbeiter. Und wie so oft sind die Wichtigtuer, die angeblich für „die Migranten“ sprechen, näher betrachtet ein kleines, armseliges Häuflein. Nach fast einem Monat kam eine Petition gegen die WAZ auf gerade einmal 172 Unterschriften. Anscheinend wollen sich nicht viele Menschen an der Hetze gegen Journalisten beteiligen – unsäglich ist sie trotzdem.

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16 Kommentare zu “Identitärer Mob hetzt gegen Redakteure der WAZ

  • #1
    DEWFan

    Ein großes Problem sind diese "Hauslinken", die mit ihrer Realitätsverweigerung und ihrem überbordenen Moralismus (Mc Carthy 2.0) perfekt den Rechten zu arbeiten.

  • #2
    Schreiber

    "Und wie so oft sind die Wichtigtuer, die angeblich für „die Migranten“ sprechen, näher betrachtet ein kleines, armseliges Häuflein."

    Und nicht selten separieren sie sich strukturell von Migranten. Wenn sie mit Migranten verkehren, dann sind es linksintellektuelle Minderheiten. Wohnen tut man gewiss nicht im "Kiez" mit 35 Nationalitäten auf dem Quadratkilometer und 5 im selben Mietshaus, sondern schön im Grünen. Also da, wo der AMG mit Klappenauspuff nicht vorbei fährt. Auch kennen sie Klassen mit hohem Migrantenanteil nur aus dem Fernsehen. Persönlich ist man schließlich zum feinen Gymnasium gegangen.

  • #3
    thomas weigle

    Da muss man sich schämen links zu denken. Geht mir immer öfter so,wenn ich auf nicht kleine Teile der linken Gutmenschen blicke.Was nicht sein darf,darf auch nicht beschrieben oder erwähnt werden. Sie arbeiten den Rechten zu,wie es @ DEWFan schreibt. Zum Knochen kotzen.

  • #4
    Rober Müser

    Guter Artikel,
    diese Filterblasenbewohner ähneln einer Sekte, die das einzig wahre Wahrheitsserum besitzt und daher den kompletten Durchblick in allen Lebenslagen hat. Seit der Aktion gegen die Essener Eisdiele (*) sind die für mich nicht mehr ernst zu nehmen …

    (*)
    Der Eisdiele hätte ich mehr Durchhaltevermögen gegen diese Sektierer gewünscht.

    Kostenloser Tipp für die nächste sinnlose Aktion:

    Die Schwarzkaue im Bergbau aus der allgemeinen Erinnerung des Ruhrgebiets tilgen und Schwarz-Weiss-Essen umbenennen, da kommt bestimmt viel Unterstützung der Einheimischen …

  • #5
    Helmut Junge

    Ich kenne Leute, die noch nie überPolitik gesprochen haben, aber jetzt doch ziemlich überrascht sind, daß man nicht mehr Mohr heißen darf. Meist reagieren sie gereizt. Was aus denen auch immer mal werden wird, weiß ich nicht. Aber für die Linke sind die verloren. Das kommt von solchen Übertreibungen. Und die treiben solche Leute womöglich nach Rechts.
    Das sehe ich ähnlich wie DEWFan.

  • #6
    GMS

    Wenn man Konvertiten zu Inquisitoren macht…

    Blöd nur, dass durch diese bildungsresistenten Intelligenzallergiker jegliche Diskussion über eine bessere und gerechtere Gesellschaft unmöglich gemacht wird. Denn wer will den schon mit denen Diskutieren?

  • #7
    DAVBUB

    Schlimmer geht immer:
    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/die-dfg-loescht-einen-beitrag-des-kabarettisten-dieter-nuhr-16886992.html

  • #8
    karlotta

    1. Von einem "Afrikaner" reden, aber monieren, dass "die Migranten" alle gleichgesetzt werden?
    2. Männer sind energisch, Frauen "etwas aufgeregt", aber das ist natürlich nur wieder Identitätspolitik.
    3. Es geht bei der Eisdiele Mörchen nicht um den Namen des Geschäfts, sondern um den der Eisbecher, die kolonialistische Bezeichnungen für Schwarze Menschen mit Lebensmitteln gleichsetzen. Das war keine Initiative des Antirassismus-Telefons, sondern von Betroffenen, die um Unterstützung gebeten haben. Diese haben gemeinsam einen Brief (!) an die Eisdiele geschickt. Öffentlich gemacht wurde das Ganze unabgesprochen von einer unbekannten Privatperson. Die Inhaber der Eisdiele selbst haben der Initiative zur Umbenennung längst zugestimmt. Das könnte man dem Beitrag des Antirassismus-Telefons entnehmen, wenn man sich die Mühe machen würde, diese zu lesen.
    4. Die Polizei Essen hat in den vergangenen 3 Jahren zwei Geflüchtete erschossen, zahlreiche weitere in Gewahrsam oder auf den Wachen beleidigt, gedemütigt, misshandelt und verletzt, weigert sich aber, das Problem auch nur als solches anzuerkennen. Sat unterstützt dies mit seiner Bewertung der Rassismusvorwürfe als "unsäglich".
    5. Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Clanstrukturen führt die Polizei Essen anlasslose Personenkontrollen in der gesamten Innen- und Nordstadt sowie Razzien in Cafés, Kneipen, Shisha-Bars und Barbershops durch. Als ob das Problem mit den Clans wäre, dass sie ihren Tabak nicht versteuern, das kommt dabei nämlich als Ergebnis raus. Man muss Clanstrukturen nicht verharmlosen, um es als rassistische Praxis zu werten, wenn Menschen die nach nicht-europäischer Herkunft aussehen ständig kontrolliert und schikaniert werden.
    6. Die WAZ veröffentlicht keine Hintergrundrecherchen über tatsächliche Clans, sondern feiert die Polizeirazzien als große Erfolge – gerne, indem die PM der Polizei wörtlich übernommen wird. Stenglein berichtet regelmäßig verharmlosend über die Bürgerwehraufmärsche unter Beteiligung von Nazis und Hooligans der Steeler Jungs.
    7. Funky Mariechen ist offensichtlich eine Satireseite. Ich vertrete nicht die Auffassung, dass Satire alles darf, aber die WAZ hat in Essen eine Monopolstellung als einzige lokale Tageszeitung, der eine kritische Gegenstimme entgegen gebracht wird. Man kann sich darüber streiten, ob jeder einzelne Beitrag gelungen ist, aber hier von einem denunziatorischen Mob zu sprechen ist völlig fehlgeleitet.
    8. Übrigens wird in dem verlinkten AkDuell-Artikel kritisiert, dass sich die Funke-Gruppe hinter ihre Mitarbeiter stellt, ebenso, dass die Rückmeldungen zu der (schon tendenziös formulierten) Umfrage nicht kritisch kontextualisiert sondern unkommentiert stehen gelassen werden.

  • #9
    Robert Müser

    Ach,
    ist dies nicht schön – jetzt kann man bei den Ruhrbaronen die schönsten Märchen aus Gotham City (alias Essen) lesen, ohne dafür Grimms Märchen in die Hand nehmen zu müssen…

    Weiter machen!
    Da sehe ich noch ein großes Potential für noch schönere Pseudoreale-Fiktionale-Gruselgeschichten.

  • #10
    Karl

    Ich lese @Karlottas Kommentar so: eine Unbekannte (Karlotta) schreibt, daß "Betroffene" (Wer auch immer- Unbekannt?) den Besitzern der Eisdiele namens Möhrchen einen Brief geschrieben haben, dessen Forderung den Namen umzuändern, die Inhaber zugestimmt haben. Das zitierte "Antirassismus-Telefon hätte damit aber nichts zu tun. Daraufhin hat ein anderer Unbekannter den Vorfall unabgesprochen (mit wem eigentlich?) der Öffentlichkeit gemeldet.

  • #11
    Stefan Laurin Beitragsautor

    Die WAZ schreibt: "Für die Aktivisten des Essener „Anti-Rassismus-Telefons“ spielten diese Umstände indes keine Rolle. „Die Namenswahl ist eindeutig als rassistisch einzustufen“, heißt es in einem vorwurfsvollen und unterschwellig drohenden Brief an die Eisdiele, der der Redaktion vorliegt. Eine Anwohnerin habe Mörchens-Mitarbeiter auf die beiden Eissorten angesprochen und daraufhin die Auskunft erhalten, es handele sich um „alte, traditionelle Namen“."
    https://www.waz.de/staedte/essen/rassismus-vorwurf-essener-eisdiele-benennt-mohren-eis-um-id229489518.html
    Das Schreiben findet man auch online.

  • #12
    Karl

    Eine Gruppe, die für sich selbst Anonymität vorzieht, bedrängt Inhaber einer Eisdiele, ihre Produktnamen zu ändern. Natürlich alles anonym. Klasse! Ist das unsere Zukunft?

  • #13
    Achim

    Das Verhalten dieser "Aktivisten" entspricht dem Verhalten der strenngläubigen Kommuniste3n in der DDR.

    Achim

    PS: Die deutsch-kubanische Freundschaftsgesellschaft heisst Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba.

  • #14
  • #15
    thomas weigle

    Wie heißt das beliebte Kinderspiel "Wer hat Angst vor`m schwarzen Mann" heuer?

  • #16
    DAVBUB

    Der Gesinnungsterror nimmt immer neue Ausmaße an:
    https://www.spiegel.de/kultur/literatur/hamburg-lisa-eckhart-vom-harbour-front-literaturfestival-ausgeladen-a-ab18855d-0381-4e13-a232-2c9e00ef031b

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