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In nur einem Jahr wurde David Wagner auf Schalke vom gefeierten Volkshelden zum Sündenbock

Bedrohliche Stimmung auf Schalke. Foto: Franz-Christian Müller

Dass Fußball grundsätzlich ein schnelllebiges Geschäft ist, ist inzwischen längst kein Geheimnis mehr. Was gestern noch zum Erfolg geführt hat, muss heute schon längst nichts mehr heißen. Häufig ist der Grat zwischen Triumph und Pleite schmal und auch nur schwer zu erklären.

Auf Schalke erlebt man das gerade wieder einmal besonders schmerzhaft. Innerhalb von nur zwölf Monaten kehrten sich da die Gefühlswelt wieder einmal völlig um.

Als ich im vergangenen September von einem alten Schulfreund zu einem Heimspiel der Gelsenkirchener eingeladen wurde, da war der Himmel dort königsblau, um mal im Bild zu bleiben.

Unter Neu-Trainer David Wagner starteten die Schalker furios in die Spielzeit 2019/20. Zumindest was die Ergebnisse betrifft.

Als ich damals beim 2:1-Heimsieg der Königsblauen gegen den FSV Mainz in der Arena zugegen war, da feierten die Fans dort ihr Team und den Coach. Schalke war nach der enttäuschenden zweiten Saison von Coach Domenico Tedesco, in der man am Ende einmal mehr von Kulttrainer Huub Stevens gerettet werden musste, dem Abstiegskampf nur knapp entkam, plötzlich an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga angekommen.

Unter David Wagner stimmten die Ergebnisse plötzlich wieder. Das Glück war zurück im Klub. Viele der Leute um mich herum, träumten nach dem Last-Minute-Sieg gegen Mainz bereits von mehr. Der BVB sollte überflügelt werden, die Bayern zumindest angegriffen.

Nun, es kam anders, wie wir heute wissen. Nach einer historisch schwachen Rückrunde, in der nur ein einziger Sieg gelang, endeten die Schalker ernüchtert in der Corona-Pandemie, konnten auch nach der Spielunterbrechung nicht neu durchstarten und diskutierten nach Saisonende im Juni schon über den Trainer, der es im Jahre 2020 nicht geschafft hatte, nach himmlischen Tagen im Herbst, auch einen fröhlichen Frühling folgen zu lassen.

Inzwischen sind auch die ersten beiden Spiele der Saison 2020/21 von den Knappen verloren worden. Dem peinlichen 0:8 in München in der Vorwoche, folgte ein 1:3 gegen den SV Werder Bremen am gestrigen Samstag. 1:11 Tore, 0 Punkte auf dem Konto, so schwach ist laut Sky in der Ligageschichte noch keine Mannschaft zuvor in eine Bundesligasaison gestartet.

Allgemein wird daher jetzt endgültig mit einer Trennung von Trainer Wagner gerechnet. Womöglich sogar schon im heutigen Tagesverlauf. Es gibt aktuell nicht mehr viel, das für den Coach spricht.

Schon bemerkenswert. Da wurde Wagner im vergangenen Jahr noch gefeiert, als eine Art Heilsbringer angesehen. Und das, obwohl es ja durchaus schon zum Zeitpunkt seiner Verpflichtung gute Gründe gab an einem erfolgreichen Engagement des Trauzeugen von Jürgen Klopp auf Schalke zu zweifeln. Da war zum einen die BVB-Vergangenheit, aber auch seine grundsätzliche Unerfahrenheit und sein wenig überzeugendes Ende seiner Trainer-Zeit in der Premier League zuvor, ließen einige Skeptiker durchaus aufhorchen.

Die Verantwortlichen in Gelsenkirchen entschieden sich trotzdem für den Übungsleiter und schienen dafür reich belohnt zu werden. Alles schien zu passen. Wagners Art war erfrischend, passte hervorragend ins Ruhrgebiet und die Entscheidung schien sich zu einem großen Glücksgriff zu entwickeln.

Jetzt wirkt es plötzlich, als wäre es ein fataler Fehler gewesen. Taktische Mängel, ein Riss zwischen Team und Coach, wenig inspirierende öffentliche Auftritte… Die Liste der Dinge, die man David Wagner vorwirft, ist lang. So lang, dass er sich aus dieser bedrohlichen Lage sportlich wohl nicht mehr befreien können werden wird.

Von der ausgelassenen Stimmung auf Schalke aus dem vergangenen Herbst ist nichts mehr geblieben.

Ob es nun Fluch oder Segen ist, dass derzeit keine Fans im Stadion mehr mit dabei sein können, ist in Anbetracht des aufgeheizten Klimas unter den Anhängern des Teams ebenfalls umstritten.

Wie hätten tausende Menschen im Stadion in Anbetracht der gestrigen Leistung gegen Bremen reagiert? Hätten sie die Mannschaft beflügelt und unterstützt oder eher beschimpft und belastet? So oder so hat es für Wagner und seine Jungs einmal mehr nicht zu einem Sieg gereicht.

Es sieht derzeit so aus, als bekäme der einst gefeierte Trainer keine weitere Chance mehr vor Fans im Stadion eine Trendwende herbeizuführen. Diese Schnelllebigkeit im Fußball, sie ist wirklich erstaunlich und manchmal eben auch nur schwer erklärlich….

Update (11 Uhr): Inzwischen ist Wagner, wie erwartet, freigestellt worden: https://schalke04.de/personal/fc-schalke-04-stellt-chef-trainer-david-wagner-frei/

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7 Kommentare zu “In nur einem Jahr wurde David Wagner auf Schalke vom gefeierten Volkshelden zum Sündenbock

  • #1
    Robert Müser

    Wie immer,
    der eigene Anspruch und die graue Wirklichkeit passen nicht übereinander….

    Es wird wieder so kommen wie so oft in den letzten Jahren:

    Ein neuer Trainer kommt, plötzlich spielen die Spieler-Legionäre wieder für ein paar Partien gut und danach geht es wieder in den Keller und der nächste Trainer ist an Schalke mit seinem besonderen Flair gescheitert…

    Wollen wir wetten?

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Spannend wird schon die Frage werden, welcher Trainer denn jetzt kommen soll. Beim Doppelpass haben sie gerade berichtet, wer angeblich bereits alles abgesagt hat. Die haben daher gerade ernsthaft den Namen Peter Neururer diskutiert. 😉

  • #3
    Robert Müser

    @ Robin / #2:

    Gute Frage, dieser Punkt ging mir auch gerade durch den Kopf:

    Die Top-Trainer werden aus Selbstschutzgründen einen großen Bogen um diesen Verein machen, der Mittelbau zeigt vielleicht aus finanziellen Gründen Interesse an dem Job und die üblichen Spaßkandidaten wie Matthäus, Effenberg und Co. will selbst Schalke nicht (allerdings ist auf Schalke nichts gewöhnlich) – ist eigentlich schon bei Onkel Huub gefragt worden …?

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Mir fällt aktuell auch niemand ein, der sich aufdrängen würde. Ein Problem, dass ich ja auch noch von den Diskussionen rund um Lucien Favre beim BVB kenne. Der Trainermarkt ist derzeit ziemlich leergefegt. Wenn man zudem kaum noch Geld in der Kasse hat, so wie Schalke, wird es noch schwerer. Und das Projekt mit einem jungen und/oder einem aus der zweiten Reihe ist auf Schalke mit Tedesco und Wagner ja gerade erst zwei Mal gescheitert. Und Top-Trainer sind nach einem 2. Saisonspieltag im Regelfall nicht auf dem Markt und zudem auch zu teuer. Schwierig!

  • #5
    Guenter Rense

    Zeiglers Arnd hat’s gestern abend mal wieder auf den Punkt: Seit Mirko Slomkas 4 Jahre zwischen ’04 und ’08 hat es kein Trainer auf Schalke zu mehr als 2 Jahren Tätigkeit geschafft – sie wollten gescheite, bekamen aber gescheiterte Trainer… Und der permanente Lobhudelei-Weltrekord-Chor, der bei jeder Trainer-Neuverpflichtung wie aus der Pistole geschossen sowohl die Arena als auch den in Nibelungetreue verbundenen Blätterwald der Sportmedien durchzog, war oft nur Tage später nur noch ein hohles Röcheln mit wütender "Trainer raus!"-Keucherei. Das schreckt jeden Trainer ab!

  • #6
    Robert Müser

    Was ist denn da wieder bei Schalke los …?

    Den Trainer rausschmeißen und keine Alternative für einen Ersatzmann haben?
    Dies sind ja Rückfälle wie in den gruseligen 1970er-Jahren.

    Da war das Management von Schalke in Sachen Trainerbesetzung schon mal wei(s/t)er …

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