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‚Irgendwie werden die Themen, über die wir hier sprechen müssen, immer mehr!‘

Dr. Thomas Krämerkämper (links)  am Donnerstag in Castrop-Rauxel. Foto: Robin Patzwaldt

Dr. Thomas Krämerkämper (links) am Donnerstag in Castrop-Rauxel. Foto: Robin Patzwaldt

Redebedarf gab es anscheinend reichlich, gestern Abend in Castrop-Rauxel. Dr. Thomas Krämerkämper vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) war zu Gast im Kulturzentrum AGORA.

Die vorbereitete Bestuhlung reichte nicht aus. Zusätzliche Stühle mussten kurzfristig noch herbeigeschafft werden. Als auch diese rasch vergeben waren, setzten sich die angereisten Zuhörer notgedrungen auf am Rande des Saals abgestellte Tische, oder mussten mit gar Stehplätzen vorlieb nehmen.

Direkt zu Beginn des Vortrags wurde verdeutlicht, warum so viele Bürger am Donnerstagabend den Weg in den Stadtteil Ickern gefunden hatten. Die Themenpalette der Region ist inzwischen doch recht umfangreich: Die umstrittene Bundesstraße 474n, die E.On Kraftwerksbaustelle ‚Datteln 4‘, die Trianel Kraftwerksbaustelle in Lünen, der NewPark.

Alles Themen und Projekte aus einem Umkreis von nur wenigen Kilometern, und alles Themen die große Teile der betroffenen Bürgerschaft in Rage bringen und auch den BUND in Sachen Umwelt- und Naturschutz auf den Plan rufen bzw. riefen.

Es war also nicht wirklich erstaunlich, dass der ca. einstündige Vortrag diesmal nur an der Oberfläche des jeweiligen Punktes bleiben konnte, quasi lediglich eine Art Zusammenfassung bzw. ein ‚Update‘ zu den seit Jahren diskutierten Themenbereichen darlegen konnte.

Zudem schienen viele der gut 100 Zuhörer, darunter u.a. auch der Sprecher der Dattelner Meistersiedlung Rainer Köster und die Waltroper Familie Greiwing (lokal bekannt aus dem Klageverfahren gegen den benachbarten Kraftwerksbau in Datteln), bereits bestens mit vielen Details der auf der Tagesordnung stehenden Punkte vertraut zu sein.

Thomas Krämerkämper kam also ‚nur‘ kurz und knapp auf die jeweils jüngsten Entwicklungen zu sprechen.

Er berichtete zunächst von umstrittenen Trassenverläufen, aktuellen Gerichtsentscheidungen dazu und von dort lebenden, schützenswerten Tierarten in Sachen ‚B474n‘.

Krämerkämper sagte einen noch jahrelangen Planungs- und Diskussions-Prozess voraus, bevor die Straße, welche zukünftig einmal die Autobahn 45 von Dortmund-Mengede mit dem südlichen Münsterland verbinden soll, tatsächlich einmal in Betrieb gehen dürfte.

In Sachen Datteln 4 zeigte sich der BUND-Referent zufrieden mit den jüngsten Entwicklungen.

Er fasste noch einmal die Gerichtsentscheidungen seit 2009 zusammen, versprühte seinen Optimismus unter den Anwesenden, dass der E.On-Konzern vielleicht doch noch in relativer Kürze einsehen könnte, dass man das 1.2 Mrd.Euro-Projekt durch die ‚Heilungsversuche‘ nicht wird retten können.

Ähnlich sah er den Verlauf in Sachen der Planungen des Trianel-Kraftwerks in Lünen.

Auch dort wäre jetzt bereits klar, dass das Kraftwerk für den dort bauenden Konzern zu keinem Erfolg werden könne. Trianel könne mit dem im Bau befindlichen Kraftwerk niemals auch nur einen Cent Gewinn erwirtschaften.

Planungen von Kraftwerken dieser Art wären von daher für jeden erkennbar betriebswirtschaftlich unsinnig und zudem natürlich extrem umweltschädlich, so Krämerkämper.

Der Kraftwerksexperte des BUND zeigte anhand von Grafiken, wie sehr u.a. die Temperatur der Lippe unter den Kraftwerken leide, und welche Gefahren den umliegenden Wäldern durch die drohenden zusätzlichen Emissionen aus Datteln 4 und Trianel in Zukunft noch drohen könnten.

Auch an den Planungen des NewPark ließ Krämerkämper, wie erwartet, kaum ein gutes Haar. Im Kern sieht er darin leere Versprechungen, deren unsinnige Planung seit Jahren den Bürgern vor die Nase gehalten würde, ohne dass es dafür überhaupt eine realistische Grundlage und Notwendigkeit gebe.

So optimistisch Thomas Krämerkämper seine Auffassungen an diesem Abend aber auch vertrat, so klar schien ihm auf der anderen Seite aber auch bereits zu sein, dass in allen vier großen Reizthemen der Region noch ein zäher und langer Prozess vor ihm, dem BUND und auch den Bürgern liegen wird.

Der Referent mochte daher auch inzwischen keine Zeitprognosen zur Lösung der einzelnen Punkte mehr abgeben. Er bemerkte dazu lediglich leicht amüsiert, dass er, als er in die Thematiken 1994 intensiver einstieg, damals mit einem Zeitraum von ca. 10 Jahren gerechnet habe. Inzwischen sei man bekanntlich bereits bei über 18 Jahren angelangt, in denen er sich mit diesen Dingen so intensiv beschäftigen müsse. Und da u.a. die Diskussionen der bereits mehrfach veränderten Trassenführung der seit den 1970er-Jahren geplanten B474n nun nahezu wieder an dem Punkt angelangt sei, wo er 1994 eingestiegen sei, könne er zum Zeitrahmen inzwischen wirklich keine Schätzungen mehr abgeben.

Und das ist dann auch ein Punkt den ich persönlich an ihm bewundere. Man mag als Bürger nicht immer mit allen von ihm vorgebrachten Punkten wirklich 100%ig einverstanden sein, aber wenn sich jemand über einen so langen Zeitraum, ehrenamtlich, so intensiv mit den Zuständen in seiner Heimatregion auseinandersetzt, dann gebührt ihm dafür, zumindest aus meiner Sicht, große Anerkennung und Respekt.

Und den möchte ich ihm hiermit auch einmal ganz offen aussprechen.

(Fotos zum Vergrößern einfach anklicken.)

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4 Kommentare zu “‚Irgendwie werden die Themen, über die wir hier sprechen müssen, immer mehr!‘

  • #1
    Sigrid Bentlage

    Auch ich ziehe meinen Hut vor Dr. Krämerkämper. Ein „Privatmann“,
    der sich soviel Wissen angeeignet hat, dass er inzwischen den Gutachtern von e.on, Trianel, Straßen NRW etc überlegen ist.
    der einen erheblichen Teil seiner Freizeit investiert, um sich für seine Überzeugungen einzusetzen.
    Danke dafür.

  • #2
    Walter Stach

    Danke, Robin, für die Info -grippekrank konnte ich leider nicht dabeisein.-

    Wie Du zurecht anmerkst, war von Dr.Krämerkämper gestern Abend substantiell Neues nicht zu erwarten;jedenfalls nicht für diejenigen, die sich beinahe tagtäglich mit den enschlägigen Themen befassen.

    Richtig, wenn Du noch einmal daran erinnerst, wo eine der Ursachen dafür liegt, daß sich im Raum Datteln (Meckinghoven),Waltrop, Cas-R (Ickern) besonders viele Menschen für die Themen interessieren und sich kritisch positionieren.
    Die B 474 n ist eine neue Straße in diesem Raum.
    Der New-Park ist gedacht als neues Industriegebiet in diesem Raum.
    Die zwei neuen Kohlekraftwerke -E.on/Datteln und Trianel/Lünen-stehen in diesem Raum.
    Das alles beispielsweise in einer Entferung von rd. von ca.10 km vom Stadtmittelpunkt Waltrop.

    Meine Position zu den 4 Projekten ist bekannt;ich fasse die ‚mal zusammen:

    1.
    Nein zu E.ON:Der Standort (!!)für dieses Kraftwerk ist rechtswidrig.
    Es gibt weder einen zwingenden sachlichen Grund, nunmehr alles
    zu tun, im nachhinein den Stadtort zu legalisieren -durch Politik
    und Adminstration in Datteln,im Kreis Recklinghausen, in der Region
    -RVR-und auf Landesebene.
    Es gibt erhebliche rechtliche Bedenken -formeller und materieller
    Art-gegen die Legailiserungsversuche -Änderung des Reginonal-
    planes( Anpassung dieser Änderung an gegenteiliges Landes-
    planungsrecht durch sog.Zielabweichungsverfahren)und Erlaß
    eines neuen Bebauungsplanes d.d.Stadt Datteln, dessen Fest-
    setzungen bis auf marginale Details exakt der baulichen Realität
    auf dem jetzigen Standort in Datteln entspricht.

    2.
    Nein,zum New-Park.
    Es gibt keine hinreichende sachliche Begründung, ca.500 ha
    landwirtschaftlich genutzte Fläche -Freiraum,Naturraum,
    Erholungsraum- für industriell-gewerbliche Neuansiedlungen
    mit Millionen Steuerngeldern zu erschließen;auch nicht in einem
    ersten Schritt mit ca.200 ha -brutto- und das Ganze (Kaufpreis)
    abgesichert durch eine Landesbürgerschaft über rd.20 Mio €.

    Trianel-Lünen
    Ich bin dazu nicht gestgelegt. Grundsätzliche planungsrechtliche
    Bedenken gegen den Standort gibt es m.W. nicht -weder
    nach dem Regional- noch nach dem Landesplanungsrecht und
    auch nicht nach der örtlichen Bauleitplanung der Stadt Lünen.
    Wenn die begründeten umweltrechtlichen Bedenken in der Sache
    und letztlich per Gerichtsentscheid ausgeräumt werden,kann
    ich mit diesem Kraftwerk an diesem Standort leben.

    B 474 n Ja zu der Straße als Umgehungsstraße für Waltrop. Für dieses Ziel
    habe ich schon in den 7oer Jahren als Kandidat der SPD für ein
    Ratsmandat geworben. Und daran hat sich seitdem nichts
    geändert.

    Nein zur ersten Trassenplanung -Straße, die unmittelbar hinter
    Wohngebieten vorgesehen war. Diese Bedenken scheinen aus-
    geräumt mit der neuen Trassenplanung, die allerdings noch nicht
    planfestgestellt ist.

    Nein zu der jetzt vorgesehen V i e r s p u r i g k e i t der Straße.
    Dazu besteht kein zwingender sachlicher Grund.Warum sollten
    trotzdem für die Vierspurigkeit völlig unnötig weitere landwirt-
    schaftlich genutzte Flächen -Freiräume,Naturräume – und Wald-
    gebiete zerstört werden?

    -Bekanntlich stehen auch die Landwirte in Waltrop -und deren
    Interessenverbände- angesichts des drohenden Verlustes von
    Flächen, durch das Kraftwerk E.on
    -sh.dazu vor allem auch die Notwendigkeit sog.Ausgleichsflächen
    in Waltrop schaffen zu wollen-, durch den New-Park, durch die
    Vierspurigkeit der B 474 n-diesen Projekten ablehnend gegenüber-.

    Unabhängig von allen sachlich-rechtlichen Argumenten für und gegen die o.a.Projekte habe ich immer wieder begründeten Anlaß anzunehmen, daß sich die Politik in unserem Raum deshalb „ohne Wenn und Aber“ für die 4 strittigen Projekte engagiert, weil sie nicht bereit (und nicht in der Lage?) ist, sich außerhalb klassischen Denkens in industriellen/infrastruellen Großprojekten mit der Entwicklung des hiesigen Raumes innovativ und kreativ zu befassen.

    Stadtenwicklungspolitik und regionale Entwicklungspolitik, auch mit Blick auf die Zukunft des kommunalen -reginonalen Wirtschaftsstandort, scheinen mir immer noch beherrscht zu sein und bestimmt zu werden von “ begrenztem Funktionärsdenken“ -vor allem in „meiner“ SPD,aber auch in der CDU und durch diese in engster Kooperation mit den Gewerkschaften, den IHK im Revier, den Großunternehmen -E.on,RWE u.a.-
    -„Mein diesbezüglicher Eindruck“ mag täuschen, da ich selbst nicht mehr unmittelbar im politsch-administrativen „Geschäft bin“.-

  • #3
    Robin Patzwaldt

    @Walter:

    Ich hatte dich Gestern schon vermisst. Gute Besserung wünsche ich Dir dann!
    Inhaltlich kann ich deiner Stellungnahme zu den einzelnen Punkten nur völlig zustimmen.

  • #4
    Rainer Köster

    Hallo Herr Patzwaldt,
    große Anerkennung und Respekt, das gebührt wirklich einem Menschen, wie Herrn Dr. Krämerkämper, der sich in einem solchem Maße für die Belange der Allgemeinheit einsetzt.
    Ich gehöre zu der Interessengemeinschaft Meistersiedlung, deren Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft von Datteln 4 stehen. Wir sind sehr froh und dankbar darüber, dass wir in Thomas Krämerkämper einen Freund gefunden haben, der uns mit seinem fundierten Wissen über die Zusammenhänge des Umweltschutzes in Verbindung mit dem größten Kohle-Monoblockkraftwerks Europas hilft, unsere Interessen gegenüber EON zu vertreten.
    Aber es ist nicht nur das enorme Detailwissen und seine Sachlichkeit dem Thema gegenüber was uns über alle Maßen erstaunt, sondern auch seine
    Bereitschaft immer für uns ansprechbar zu sein.
    Wie er sein unermüdliches Engagement und den Zeitaufwand für den Umweltschutz mit Beruf und Familie vereinbart, mag sein Geheimnis bleiben.

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