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Katastrophenschutz: Über die Resilienz von Einsatzkräften

Wer frisst wen (c) K. Gercek

60 Mal unterhielten sich die Ruhrbarone über das Corona-Management mit Magnus Memmeler. Vom ausgewiesenen Kenner des “deutschen Katastrophenschutzes” wollen wir nach der Flutkatastrophe wissen, was von den lautstark geführten Debatten zu halten ist.

Ruhrbarone: Trotz tausender Helferinnen und Helfern bietet sich noch immer ein verehrendes Bild in den Flutgebieten und täglich werden in den Sozialen Medien Vorwürfe erhoben, der Staat hätte die Menschen in den Regionen allein gelassen. Wie sehen Sie das?

Memmeler: Wenn der Spiegel am 29. Juli titelt „Verwesung, Plünderungen, schlechte medizinische Versorgung“ ist das zunächst eine erschütternde Überschrift, die den unbeteiligten Bürger zweifeln lässt, ob es wirklich voran geht. Kritiker sollten sich aber auch einfach mal die Bilder anschauen, die aktuell von der Luftwaffe erstellt wurden, um das Ausmaß des Schadensgebietes darzustellen.

Wenn Ute Teichert als Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes zu Protokoll gibt, dass die medizinische Grundversorgung noch immer eingeschränkt ist, dann ist das richtig aber auch nicht verwunderlich, denn die vollständige Infrastruktur in den Schadensgebieten ist betroffen. Somit sind auch Arztpraxen und Kliniken vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden und auch die medizinische Versorgung ist durch Schäden an der Strom- und Wasserversorgung betroffen.

Dem entgegenstehen aber inzwischen zahlreiche sanitätsdienstliche Anlaufstellen, Feldlazarette und mit Notstrom ertüchtigte Arztpraxen und Notaufnahmen in den betroffenen Einrichtungen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in großen Teilen der Schadensgebiete nicht bei Null beginnen konnten, sondern zunächst schlicht Trümmer, Schlamm und Unrat beseitigen mussten, bevor die Basis Null erreicht wurde, um notdürftig Ausbau betreiben zu können.

THW und ganz besonders die Bundeswehr ertüchtigen aktuell zahlreiche Notbrücken, um das erforderliche Material, Lebensmittel und auch die medizinische Versorgung in die zum Teil abgelegenen Schadensgebiete transportieren zu können.

Natürlich kommt es wegen der Verwesung von Kadavern, austretenden Abwässern, Heizöl und Spritzmitteln zu erheblichen Infektionsrisiken für die Bevölkerung und auch die vor Ort tätigen Helferinnen und Helfer. Über 14 Tage Feuchtigkeit, Temperaturen über 20 Grad und fehlende Möglichkeiten der Entsorgung führen halt zu Verwesung. All das ist nicht gut und treibt die vor Ort tätigen Kräfte auch an, noch schneller Ordnung zu schaffen. Es ist indes kein Zeichen von Versagen, was viele wirre Köpfe uns in zahlreichen Videos in den Sozialen Medien stetig glauben lassen wollen.


Magnus Memmeler mit Maske Foto: Privat

Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutz-konzepte

 

 


Führt man sich all das als nicht betroffener Betrachter vor Augen, muss man anerkennen, dass die Ertüchtigung von vielen Zuwegungen und die Fortschreitende Beseitigung von Unrat bereits ein großer Fortschritt sind, denn nur so konnten Notstromversorgung, behelfsmäßige Wasserversorgung und medizinische Notversorgung flächig etabliert werden. Wie in der letzten Woche bereits erwähnt, folgt der Naturkatastrophe eine Umweltkatastrophe, da die bestehenden Strukturen zur Abfallentsorgung nicht auf die nun zu bewältigenden Mengen belasteten Abfalls ausgerichtet sind und zu dem große Wegstrecken bewältigt werden müssen, um alle Entsorgungsbetriebe zu erreichen und nicht die am nächsten liegenden hoffnungslos zu überfordern, denn dann würden wir lediglich das Schadensgebiet verlagern.

Eine wirkliche Katastrophe in dieser Phase sind Falschmeldungen, bewusste Diffamierungen des Bevölkerungsschutzes, Meldungen von Plünderung und Diebstahl und die Meldung der Polizei, dass bereits weit über 1.000 Platzverweise ausgesprochen werden mussten, weil Einsätze behindert wurden, Einsatzkräfte angegriffen wurden oder Querdenker und Rechte die Lage für wirre und zum Teil demokratiefeindliche Propaganda ausgenutzt haben. Auch das gehört zur Wahrheit, wenn man sich aktuell einen Überblick zur Schadensbewältigung schaffen will.

Ruhrbarone: Im Netz tobt ein Streit, ob nun Bauern und Unternehmer zuverlässiger helfen würden als die Profis vom Bevölkerungsschutz. Wie ist es dazu gekommen und was läuft da gerade aus dem Ruder?

Memmeler: In unserem ersten Interview zu dieser Schadenslage habe ich bereits angedeutet, dass eine Herausforderung sein wird, die zivilen Helferinnen und Helfer in die Schadensbewältigung einzubinden. Das ist in Teilen leider nicht gelungen und bot dadurch den Nährboden für diesen seit zwei Wochen andauernden Shitstorm in den Sozialen Medien.

Vor einigen Jahren durfte ich in Berlin noch mitwirken die Ergebnisse des Forschungsprojektes REBEKA zu präsentieren. REBEKA steht für die Resilienz von Einsatzkräften bei eigener Betroffenheit in Krisenlagen und hat sich mit dieser Herausforderung beschäftigt:

„Was passiert, wenn Einsatzkräfte der Organisationen im Zivil- und Katastrophenschutz im Krisen- und Katastrophenfall selber betroffen sind? Wenn eine Grippewelle die Helferinnen und Helfer selber erfasst? Wenn ein Stromausfall die IT-Systeme der Einsatzkräfte lahmlegt oder das Lagezentrum durch Überflutung unbenutzbar wird? Wie können vielleicht Bürger ohne Einsatzerfahrung als Ad-Hoc-Helfer die Einsatzkräfte unterstützen?“

Genau diese Situation erleben wir gerade in den Schadensgebieten.

Nicht erst seit den Ergebnissen aus dem Forschungsprojekt REBEKA in 2016 ist klar, welche Herausforderungen in größeren Schadenslagen entstehen können, wenn es gilt zivile Spontanhelferinnen und –Helfer und den organisierten Bevölkerungsschutz koordiniert in Schadensgebieten einzusetzen. Diese Herausforderung wurde erneut nicht von Anfang an konsequent mitgeplant, da standardisierte Einsatzpläne vollständig in das Erbmaterial der Einsatzkräfte eingegangen sind und deshalb beim Start von Hilfsmaßnahmen oft der Blick für zivile Potentiale unterbleibt. Bei Schadenslagen dieses Ausmaßes muss es zukünftig zum Standard werden, von Beginn an einen eigenen Stabsabschnitt für diese zivilen Ressourcen zu schaffen.

Inzwischen sind diese Strukturen auch lokal geschaffen, weil unter anderem Menschen wie Ramian Fathi vom Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Universität Wuppertal in der Vergangenheit dafür gesorgt haben, dass das Lagebild im Katastrophenschutz zunehmend systematisch um Erkenntnisse aus den Sozialen Medien ergänzt wird.

„Soziale Medien in Katastrophen“

Für Interessierte hat Herr Fathi die Herausforderung und Herangehensweise im Beitrag „Soziale Medien in Katastrophen“, der in einer Veröffentlichung der Universität Wuppertal erschienen ist, sehr gut und nachvollziehbar beschrieben. Katastrophenschützer nennen Einheiten, die diese Beiträge zur Lagebeurteilung erstellen schlicht VOST (Virtual Operations Support Teams). Vorteil beim Einsatz von VOST ist, dass diese Einheiten völlig losgelöst vom Schadensgebiet eingesetzt werden können, da sie überall dort tätig werden können, wo Zugang zum Internet besteht, um dann die Erkenntnisse an den lokal tätigen Stab melden zu können.

Nicht nur für mich ist es unerträglich, wenn nun im Internet mit Videos von „Lohnunternehmen….“ und anderen, die jetzt Keile treiben wollen, großartige zivile Hilfeleistung gegen den Bevölkerungsschutz in Stellung gebracht werden, um einseitige Meinungsmache zu betreiben und um Querdenker und zum Teil auch Rechtsradikale in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Die Wut von Flutopfern entsteht nicht allein durch mangelhafte staatliche Organisation, sondern dieser Unmut wird von Querdenkern und Demokratiefeinden aktiv geschürt, was aber auch sehr leicht fällt, wenn, wie zuvor beschrieben, zivile Hilfe nicht von Beginn an eingebunden wird und Betroffene in den Regionen wissen, dass mindestens noch 30.000 Menschen ohne Strom- und Wasserversorgung sind. Für die Betroffenen verfestigt sich so das Bild vom unorganisierten Staat und der guten zivilen Hilfe, ohne die man völlig hilflos zurückgelassen wäre. Wer möchte das den Betroffenen verdenken.

Kritisch wird es jedoch, wenn im Internet Unternehmen abgefeiert werden, deren Betreiber im Verfassungsschutzbericht NRW auftauchen, weil sie unter anderem als Unterstützer von Combat 18 bekannt wurden. So wichtig wirklich jegliche Hilfe für die Betroffenen ist, so kritisch ist es jedoch auch, wenn diesen Helfern, die mit ihren „echten Kameraden“ anreisen, der Weg in die Mitte der Gesellschaft völlig unreflektiert geebnet wird.

Im Beitrag der Zeit „Falsche Freunde in der Flut“  erhält man einen sehr guten Überblick über rechtsradikale Aktivitäten im Schadensgebiet und die perfide Propaganda, die dabei betrieben wird. Der Koblenzer Polizeivizepräsident Jürgen Süs gab unlängst zu Protokoll:

„Unter dem Deckmantel der Hilfsbereitschaft wurde hier verschwörerisches Gedankengut verbreitet und die Maßnahmen der Hilfs- und Rettungsdienste und der Polizei diskreditiert.“

Dies habe zusätzliche Ängste in der ohnehin stark betroffenen Bevölkerung geschürt. Auch hier hat der Einsatz von VOST zunehmend für Aufklärung gesorgt, damit die katastrophale Situation der Betroffenen nicht noch mehr zur Stimmungsmache missbraucht wird. Leider haben behördliche Unterlassungen, um nicht wieder den Begriff Versagen ins Spiel zu bringen, dazu beigetragen, dass Schwurbler, Querdenker und Verfassungsfeinde in Telegramkanälen und den Sozialen Medien so richtig aufdrehen konnten.

Bei kurzem Nachdenken, erkennen auch die Betroffenen in den Flutgebieten, das das THW, anders als oft behauptet, natürlich keine Stützpfeiler, die zum Schutz von Gebäuden verbaut wurden, wieder abbaut, um bei der Ablösung durch nachfolgende Kräfte, wieder mit vollständigen Material in die Standorte zurückkehren zu können. Nein, das Zeug bleibt selbstverständlich vor Ort, da der Katastrophenschutz nicht einreißt, was er zuvor gesichert hat. Allen im Katastrophenschutz tätigen ist klar, dass im Nachgang der Einsätze viele Formulare ausgefüllt werden müssen, um Ersatzbeschaffungen genehmigt zu bekommen, da Material nach dem Einsatz entweder nicht mehr zuzuordnen sein wird oder schlicht defekt sein wird.

Wenn bereits jetzt in den Medien öffentlichkeitswirksam das Schwarze Peter Spiel getrieben wird, um die Schuld dem nächst schwächeren Glied in der Kette zuzuspielen, trägt das eher dazu bei, dass Betroffene und Beobachter zunehmend das Bild vom in der Katastrophe versagenden Staat entwickeln. Ich halte es für in der jetzigen Situation absolut nicht hilfreich und auch unredlich, wenn Bund und Länder sich nun um die Hoheit im Bevölkerungsschutz zanken und dabei, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken auf die alleinige Verantwortung von Landräten und Oberbürgermeistern verweisen, die angeblich allein das Schwert des Handelns im Katastrophenschutz in Händen halten.

Wenn BBK Chef Schuster und die Innenministerien in den betroffenen Ländern nun reflexartig auf die Landräte verweisen, ist das schlicht zu billig und untergräbt aktuell die Autorität, die lokal benötigt wird, um Bürgerinnen und Bürger in den Schadensregionen zu beruhigen und den Beitrag leisten zu können, die verlorengegangenen Strukturen zu ertüchtigen.

Ruhrbarone: Zum Abschluss: Wie bewerten Sie die aktuellen Diskussionen um zukünftige Zuständigkeiten und aktuelle Versäumnisse?

Memmeler: Auch wenn mir Frank Roselieb aus Kiel, der gestern in der Rhein Zeitung mächtig auf den Landrat Jürgen Pföhler eingeprügelt hat, in Teilen meiner vorangegangenen Bewertung widersprechen würde, muss bei dieser Katastrophe auch betrachtet werden, welche Performance Bund und Länder denn geboten haben, wenn sie sich doch jetzt dazu aufschwingen, umfangreiche Reformen zu verkünden, bei denen wir bereits in der vergangenen Woche erfahren haben, dass Teile davon schlicht bislang versäumte Pflichtaufgaben darstellen.

Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis und Nationaler Territorialer Befehlshaber, hat in dieser Woche einige Fehler benannt und hat gefordert, diese zukünftig abzustellen. Schelleis verwies auf die jüngsten Erfahrungen aus dem Hochwassereinsatz, aber auch jene aus der Corona-Amtshilfe, die ja auch noch weiterläuft:

„Beide Katastrophen haben dringenden Handlungsbedarf zur Verbesserung des nationalen Führungssystems auf allen Ebenen gezeigt“

„Sobald eine Katastrophe überörtlich ausgreift, zeigen sich Defizite etwa bei der Herstellung und dann auch Aufrechterhaltung eines aktuellen Lagebildes», sagte der General. „Daraus folgt, dass die Prioritäten vielleicht nicht immer richtig gesetzt werden können und die entsprechende Koordination der Einsatzkräfte auch nicht optimal läuft.“ Die Bundeswehr und alle anderen relevanten Akteure müssten sich „kritisch prüfen, was wir jetzt für Erkenntnisse haben und was wir aus dieser erneuten Katastrophe lernen“.

Damit widerspricht Schelleis, dem man unterstellen darf eine Lage lesen zu können, direkt dem BBK Präsidenten Schuster, der schnell bekannt gab, dass das BBK aus der Pandemie gelernt habe um jetzt die erforderliche Hilfe zu leisten, damit überregionale Hilfeleistungen koordiniert stattfinden könnten und auch Herrn Reul, der das Land NRW stetig gut präpariert sah und zwar eine Lage für das Land NRW eröffnen ließ, die daraus resultierende Abwicklung im Stab jedoch lange für nicht angezeigt gehalten hat.

Da auch Herr Reul in der Sondersitzung des Innenausschusses reflexartig auf die Zuständigkeit der Landräte verwies, wurde der Innenminister immer wieder gefragt, warum er den Oberbürgermeistern und Landräten nicht selber Anweisungen gegeben habe, als klar wurde, dass die Warnmeldungen in den einzelnen Kommunen nicht ernst genug verstanden wurden und dabei kostbare Zeit verstrich. Verena Schäffer von den Grünen erkannte vollkommen korrekt, dass Reul selbst hätte aktiv werden können:

Nach dem Gesetz über Brandschutz, Hilfeleistung und Katastrophenschutz (BHKG) ist das Land jederzeit berechtigt, den Einsatz der Feuerwehren und der weiteren Einheiten des Katastrophenschutzes anzuordnen. Außerdem sei das Innenministerium auch durch den sogenannten “Warnerlass” berechtigt, “jederzeit bei Lagen, die landesweit relevante Auswirkungen hinsichtlich der Schäden und der Gefahrenabwehrmaßnahmen haben können, eine Warnung zu veranlassen”.

Bund und Länder haben also ähnlich wenig vorausschauend gehandelt, wie es bereits während der gesamten Pandemiebewältigung zu beobachten war. Als Vergleich könnte man derzeit die Testpflicht bei Urlaubsrückkehrern heran ziehen, die auch erst jetzt als notwendige Option erkannt wurde, obwohl seit Monaten Regelungen eingefordert wurden, um die Wiederholung aus 2020 zu vermeiden, als Urlaubsrückkehrer zum erheblichen Anstieg bei den Infektionszahlen beigetragen haben. Aktuell sind in Hagen 75% und in Dortmund 50% der Neuinfektionen auf Urlaubsrückkehrer zurückzuführen.

Ähnlich wie Reul, der im Innenausschuss in dieser Woche erklärte, dass inzwischen kein Krisenstab mehr notwendig sei, nachdem er zuvor noch die erheblichen Schäden an Infrastruktur, Energieversorgung, Telefonie und so weiter betonte, schafft NRW aktuell auch eine Schutzstufe beim Coronaschutz ab, damit das eigene Versagen nicht so schnell zu erneuten Einschränkungen für die Bevölkerung führt.

Bei der aktuellen Krisenbewältigung einer Flutkatastrophe und in der Pandemiebewältigung macht sich inzwischen bei vielen der Eindruck breit, dass unliebsame Wahrheiten, Erkenntnisse und auch erneute Einschränkungen zur Pandemiebewältigung erst nach dem 26. September publik werden sollen. Wie bereits im vergangenen Interview eingefordert, müssen wir nun alle dazu beitragen, dass Politik und Behörden beginnen müssen ehrlich zu sein. Die Bevölkerung kann mit der ehrlichen Beschreibung einer Katastrophe wahrscheinlich viel besser umgehen, als alle glauben.

Auch wenn das BBK aktuell betont:

„Die Warnung vor bevorstehenden oder bereits eingetretenen Gefahren obliegt den lokalen Katastrophenschutzbehörden. Da der Katastrophenschutz in der Hoheit der Länder liegt, gibt und kann es dazu keine bundeseinheitlichen Vorgaben geben.”

Stellt das BBK die Warninfrastruktur zur Verfügung. Betrieben wird etwa das Modulare Warnsystem (MoWaS). Über Mowas können Bund und Länder per Satellit Warnmeldungen rausgeben, die dann direkt an die Warn-App Nina oder die Medien gehen, die dann wiederum die Bevölkerung warnen. Wie wir wissen, hat die Warnung über die Medien völlig versagt. Bund und Länder hätten die Landräte also durchaus unterstützen und gegebenenfalls auch zum Handeln zwingen können, indem Warnungen zentral angestoßen worden wären.

Um die Schutzreflexe in Bund und Ländern korrekt einsortieren zu können, muss man auch wissen dass der Lagebericht des Bundesamtes für Katastrophenschutz vom 14. Juli feststellte:
Mit einem “länderübergreifenden und bevölkerungsschutzrelevanten Schadensereignis” sei “nicht zu rechnen”.

Am Tag nach diesem Lagebericht lagen in NRW und Rheinland-Pfalz Straßen und Häuser in Trümmern. 170 Menschen starben durch die Wasserfluten, der Schaden geht in die Milliarden.
Wenn Schuster diese Lagebildbeschreibung nun als “schlecht formuliert” beschreibt, heißt das, dass sein Amt zu diesem Zeitpunkt keinen länderübergreifenden Koordinierungsbedarf gesehen hat. Diese Ausführungen Schusters am Rande einer Sitzung des Bundestagsinnenausschusses lassen nicht nur in mir Zweifel an der Kompetenz des Behördenleiters aufkommen, die zukünftig gefordert sein wird, wenn es gilt, das BBK so aufzustellen, dass es die Länder tatsächlich in länderübergreifenden Lagen unterstützen kann.

Neben der Herausforderung, Bund und Länder zukünftig zu einer vernünftigen Zusammenarbeit zu bewegen, gehört auch die Herausforderung den Schönwetterkatastrophenschutz unwettertauglich zu gestalten. Über den Mangel an geländegängigen Fahrzeugen hatten wir ja bereit berichtet. Nicht nur in der Region um Rheinbach und Swisttal ging von Mittwoch auf Donnerstag in der Schadenswoche kaum noch was im Digitalfunk der Behörden. Hier mussten die Verantwortlichen auf Konzepte aus dem Ursprung des Katastrophenschutzes zurückgreifen und schickten Erkunder mit Pkw, Notizbuch und Kugelschreiber ins Katastrophengebiet.

Resilienz des Digitalfunks

Steigende Fluten haben Basisstationen des Digitalfunknetzes absaufen lassen, rissen Stromleitungen und die Verbindungsleitungen zu den Vermittlungsstellen einfach weg, über die die Funkzellen an das Kernnetz angebunden sind. Und schon war der für Milliarden aufgebaute Digitalfunk wertlos, da zuvor die Resilienz des Digitalfunks der Sparsamkeit der Finanzressorts zum Opfer fiel, wie alle wissen, die sich rückblickend in die Systemertüchtigung einbringen mussten und nicht wirklich durften.

Auch hier gibt es bereits Streit zwischen Bund und Ländern darüber, wer für die schwerwiegenden Ausfälle verantwortlich ist. Bund und Länder haben das BOSnet genannte Funknetz gemeinsam aufgebaut und betreiben es zusammen. Betrieben wird das Netz von der Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) mit Sitz in Berlin, die in die Verantwortung des Bundesinnenministeriums fällt.

Die Verantwortung für den Ausbau des Netzes aber teilen sich Bund und Länder. Nutzer des Netzes sind nämlich Bundesbehörden wie der Zoll oder das Technische Hilfswerk, die Landespolizeien, die von den Landkreisen betriebenen Rettungsdienste und die kommunalen Feuerwehren und alle Hilfsorganisationen. So wie es bei diesem Wirrwarr der Verantwortlichkeiten bereits tumultartige Schuldzuweisungen gibt, wird es wohl auch bei der zukünftigen Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes zugehen, die nun völlig zu Recht gefordert wird aber leider nur mangelhaft mit schlüssigen Konzepten hinterlegt ist.

Das es nun die Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ), vormals Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) gibt ist nichts anderes als die Umbenennung von Raider zu Twix.

Aus dem Seehofer-Ministerium heißt es allerdings hochtrabend: Im Zuge der „Neuausrichtung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe“ wurde die AKNZ auf Erlass von Bundesinnenminister Seehofer (24. März 2021) zu der „Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung“ (BABZ) weiterentwickelt.

Herr Schuster, die Bundespolitiker und die Vertreter der Landesinnenministerien sollten allesamt mal Schnaittenbach in Bayern besuchen. Wenn man dem schon einige Zeit alten Bericht des BR glauben darf , ist dort gelungen, was Bevölkerungsschützer sich wünschen. Seit Jahren beim BBK vorhandene Konzepte wurden nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht und damit nicht genug, die Bevölkerung wird in die lokal erarbeiteten Schutzkonzepte mit einbezogen. In Schnaitenbach wurde das gemacht, was nun in Bund und Ländern gefordert ist. Man hat alle bislang als gesetzt geltenden Abläufe in Frage gestellt und ernsthaft beprobt, wer wann mit wem zusammenarbeiten muss und wie Kommunikation und Handlungsfähigkeit strukturübergreifend ermöglicht werden muss.

Eventuell lädt das tolle neue BABZ ja bald den Bürgermeister und den Feuerwehrcheff von Schnaitenbach für ein Impulsreferat ein, damit in der Folge die bekannten Experten mit einbezogen werden, wenn es darum geht, den Bevölkerungsschutz die Resilienz zu verleihen, um Katastrophen, auch wenn Sie aus Pandemien entstehen, endlich ohne die Wiederholung von Fehlern zu bewältigen.

Ruhrbarone: Besten Dank, Herr Memmeler.

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3 Kommentare zu “Katastrophenschutz: Über die Resilienz von Einsatzkräften

  • #1
    ydfgdf

    Die Debatte überfordert mich intellektuell etwas.

    Da gibt es mit dem WDR eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, wo das Geld für den Beleuchter oder dem Kabelträger vorhanden ist, es aber nicht möglich ist, einen Mitarbeiter für Sonder- und Notfälle zu beschäftigen, der die Bürger in NRW vor Notfällen und Katastrophen warnt.

    Der WDR beschäftigt an die rund 4.000 Mitarbeiter. Aber für den Mitarbeiter für Sonder- und Notfälle soll nicht das Geld vorhanden sein? Das kann und will ich einfach nicht verstehen. Hat irgendjemand eine Erklärung dafür?

  • #2
    Angelika, die usw.

    #1
    @ydfgdf
    "…Hat irgendjemand eine Erklärung dafür?"

    Ich
    nicht.

    Und
    ich frage mich, ob es nicht möglich wäre, dass Herr Memmeler sich etwas kürzer fasst. Nicht beleidigt sein, Herr Memmeler! Bisken kürzer? Ja?

  • #3
    Magnus Memmeler

    @Angelika, die usw.:
    Ich bemühe mich ja schon immer. Wenn zeitgleich weniger Mist gemacht würde, könnte ich mich auch kürzer fassen.

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