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Österreich: Kein Gewerbeschein für Humbug

Hach, ein Einhorn. (Foto: kaboompics/ pixabay/ freie Verwendung)

Der Esoterikmarkt floriert in Österreich. Aktuell sind mehr als 15.000 sogenannte „Human- und Tierenergetiker“ aktiv. Jeder österreichische Staatsbürger kann diese Art von Gewerbeschein ohne weiteres erwerben – einfach online von zuhause aus. Lediglich die Kopie des eigenen Lichtbildausweises und ein 3- seitiges Formular müssen an die zuständige Bezirksbehörde gemailt werden. Vor zwei Jahren habe ich im Rahmen eines Satireprojektes selber das Gewerbe der Humanenergetikerin angemeldet.
Ein Gastbeitrag von Andrea Walter (36), Pädagogin aus Niederösterreich. Selbst mein satirischer Webauftritt stellte für die Wirtschaftskammer kein Problem dar. Die Energetik ist eine Sparte der Esoterik wo jeder gerne alles behaupten kann, ohne jemals dafür einen Beleg erbringen zu müssen. In der Szene wird mit Phantasiebegriffen wie „Chakren“ und Phantasieproblemen wie „Blockaden“ um sich geworfen, man bedient sich aber auch gerne mit wohldefinierten Begriffen der Physik wie „Energie“, „Schwingung“ oder „Quanten“. Durch den Gebrauch technisch-naturwissenschaftlicher Terminologien wird eine Aufwertung und die Legitimation der angebotenen sogenannten „Heiltechniken“ beabsichtigt, wird beabsichtigt die Methode als wirksames Verfahren zu etablieren.

Viel Geld für schöne Sprüche gegen Migräne und Burn-Out

In einem Katalog der Wirtschaftskammer werden die Methoden, die Energetiker anwenden dürfen, festgelegt. Im Angebot finden sich dann Aura-Arbeit, Reiki, Cranio Sacrale, Pendeln, Ayurveda-Behandlungen, Bioresonanz, Telepathie, Séancen zur Kontaktaufnahme mit Toten Menschen oder Tieren, Edelsteintherapien, Aura-Chirurgie und sogar Heilung per Telefon oder per Foto wieder. Das freiwillige, esoterische Kursangebot für Energetiker liefert das österreichische Bildungsinstitut WIFI (Wirtschaftsförderungsinstitut) gleich mit dazu.

Medizinische Begrifflichkeiten suggerieren medizinische Fähigkeiten

Das all diese Methoden im Katalog wissenschaftlich nicht bewiesen und größtenteils widerlegt sind scheint weder die Wirtschaftskammer, weder dem zuständigen Bundesministerium und erst recht nicht deren Energetiker zu beirren. Alles bewege sich schließlich im Rahmen der gewerblichen Standesregeln. „…Jeder Klient müsse für sich selbst entscheiden, ob die Energetik für ihn eine wertvolle Alternative darstelle…“, wurde auf der Facebook-Seite der Wirtschaftskammer auf meine Kritik gekontert. Der Human- und Tierenergetiker würde mittels Reiki, Cranio Sacrale, Farbtherapien und ähnlichem „Blockaden“ lösen und „…für eine Ausgewogenheit im Energiehaushalt“ sorgen – so heißt es jedenfalls auf der Seite der Wirtschaftskammer Österreich. Der Energetiker wäre nicht dazu befugt Diagnosen bei Mensch oder Tier zu stellen, ebenso wenig dürfen dürfe er Therapien durchführen oder kranke Menschen behandeln, betont die Wirtschaftskammer Niederösterreich. Die Realität dahinter sieht jedoch anders aus. Hinter sogenannten „Energieblockaden“ und „energetischer Unausgeglichenheit“ stehen meist psychische oder physische Erkrankungen und hinter den Klienten stehen Patienten – häufig jene, die mit den Behandlungen, die die evidenzbasierte Medizin bieten kann, unzufrieden sind und ihre Hoffnung auf eine sogenannte „alternative Heilungsmethode“ setzen. Die von der Wirtschaftskammer bezeichneten „Blockaden“: Migräne, Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme, Burnout, Blähungen bei Babys, chronische Mittelohrentzündungen bei Kleinkindern, Schlafprobleme und Wechselbeschwerden sind die gängigsten Beschwerden von Menschen, die sich in die Hände eines Energetikers begeben, anstatt einen für sie adäquaten Mediziner oder eine professionelle Therapie aufzusuchen.

Hilft´s nicht, so schadet´s nicht

Diese österreichische Phrase hört man oft und klingt zunächst gar nicht so unlogisch, aber das Gegenteil ist der Fall. Genau diese Phrase ist der gleiche Unfug ist, wie der Unfug den sie rechtfertigen soll. Zunächst klingt der Satz „Hilft´s nicht, so schadet´s nicht“ ganz plausibel, denn warum sollte eine (neben)wirkungsfreie Behandlungsform schlecht oder gar gefährlich sein? Da wäre zuerst einmal die Tatsache, dass dieser Satz jedem Scharlatan und Kurpfuscher noch mehr Narrenfreiheit einräumt, als dieser in Österreich ohnehin bereits genießt. Methoden, die nachweislich wirkungslos sind, werden schöngeredet und die ausbleibenden Heilerfolge werden damit ins Positive verzerrt. Bezahlen muss der Konsument natürlich dennoch, und das meistens nicht zu knapp, und häufig mit seiner Gesundheit. So darf beispielsweise eine beidseitige Mittelohrentzündung mit Mozart beschallt werden bis der Notarzt kommt, ohne das der Energetiker mit bösen Konsequenzen zu rechnen hat.
Leider ist das kein Einzelfall, und genau aus diesem Grund habe ich die Initiative „Kein Gewerbeschein für Humbug“ ins Leben gerufen. Wir sind ein kleines Team aus einer Sozialpädagogin, einem Anwalt, einem Mediziner und einem Satire-Guru aus der Skeptikerbewegung, das die österreichischen Human- und Tierenergetiker genau ins Visier nimmt. Das Ergebnis ist für jene, die sich mit der Szene auseinandersetzen, nicht verwunderlich und dennoch erschreckend. Kaum ein Energetiker lehnt Klienten/ Patienten ab oder verweist zum Arzt wenn er ein Geschäft wittert. Dabei kann den meisten wohl keine böse Absicht unterstellt werden. Mediziner gelten in der wissenschaftsfeindlichen Szene in der Regel als Marionetten der bösen „Pharma-Mafia“. Gebettet auf der juristischen Absicherung, den schön formulierten Standesregeln der WKO, dem Bagatellisieren und Herabspielen von Schäden, und getragen von fehlinterpretierten Erfolgen und von grenzenloser Selbstüberschätzung glauben viele von ihnen was sie doch so gerne glauben wollen und was, oftmals zum eigenen Überraschen, bereits anderen Klienten vermeintlich geholfen hat. Einer unserer Lockvögel hat dies für uns getestet. Unterbauchkrämpfe, gelegentliches Erbrechen und Fieber waren die Symptome, die unser Lockvogel insgesamt zehn Energetikern geschildert hat. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte wollte sich ohne Zögern darum annehmen – drei davon meinten, dass sie das sogar per Skype oder mittels Foto könnten. Zwei haben explizit vom Arztbesuch abgeraten. Einer riet zu einer Aura-Behandlung. Zitat des Energetikers: „Damit geht immer was!“ Nur einer meinte, dass es sich um eine Blinddarmentzündung oder eine Eierstockentzündung handeln könnte, lehnte die Behandlung ab und riet zum sofortigen Arztbesuch. Der Lockvogel hat sowohl die Wirtschaftskammer, als auch das zuständige Bundesministerium damit konfrontiert und wollte wissen, ob Aura-Chirurgie gefährlich wäre und ob dazu eine Narkose nötig sei. Die Wirtschaftskammer verwies uns ans Bundesministerium, wo man uns mitteilte, dass ihnen „Aura-Chirurgie nicht bekannt wäre, worauf man uns zurück an die Wirtschaftskammer bzw. an den Berufsverband der Energetiker verwies. Eine offizielle Anlaufstelle für Geschädigte gibt es ebenso wenig wie eine Behörde, die die selbsternannten Hobbyheiler ohne jegliche Fachausbildung überprüft, was meine Hauptintention war die Initiative „Kein Gewerbeschein für Humbug“ zu gründen. Inzwischen haben wir reichlich zu tun. Wir bekommen zahlreich E-Mails in denen wir mit Fragen konfrontiert werden wie: „Ist es seriös, wenn ein Energetiker mir davon abrät meinem Kind bei Scharlach ein Antibiotikum zu verabreichen?“ oder „Gibt es wissenschaftliche Beweise für die Wirkung von Aura-Behandlungen“. Häufig wenden sich auch Geschädigte oder deren Angehörige an uns. Unser Anwalt berät die Betroffenen ehrenamtlich, unverbindlich und leistet damit einen wertvollen Beitrag – auch für das Selbstbewusstsein der Betroffenen. Deren Schamgefühl hält sie häufig von juristischen Maßnahmen ab.

Von der Gefahrenzone in den GAUbereich

Ein Ende der Scharlatanerie ist noch nicht absehbar, aber wir sind zuversichtlich und bleiben engagiert. Die „Anekdotenwissenschaftler“ pfeifen weiterhin auf wissenschaftliche Maßstäbe und die, die mit dem Vergeben der Gewerbescheine Geld verdienen sowieso. Den Energiefluss kann man eben nicht rational erklären und über den Geldfluss redet man nicht so gerne in dieser Branche. Nicht immer ist der unmittelbare, physische Schaden durch die Energetiker sichtbar. Hiermit sind wir beim größten Schaden und wieder beim schwurbeligen Satz „Hilft´s nicht, so schadet´s nicht“ bei dem ich leider immer wieder wohlwollendes Nicken sehe: Den falschen Annahmen und den falschen Rückschlüssen, die sich in der Gesellschaft so rasant wie ein Magen-Darm-Infekt verbreiten. Meinungen, falsche Rückschlüsse und Anekdoten-Diarrhoe werden unüberprüft weitergetragen und verblenden nicht nur die Leichtgläubigen. Aber wer will schon die Wahrheit, wenn das Mysterium nicht nur spannender, sondern auch für Jedermann einfach zu interpretieren ist? Und das Angebot ist da, und es gibt ja so viel mehr zwischen Himmel und Erde. Und überhaupt. Die Narrenfreiheit in der Alpenrepublik ist grenzenlos. So werden bissige Hunde weiterhin legal energetisch sanft gemacht, Katzen per Foto fernentwurmt, Kinder per Foto mittels Engelskontakten zum Musterschüler gezaubert, Pferde Cranio-Sacral therapiert und beflüstert, Allergien gelöscht oder an der menschlichen Aura herumgeschnippelt. Im spirituellen Supermarkt findet jede Scheinbehandlungsmethode ihren passenden Käufer. Am etwaigen Schaden sind wir – die mündigen, aufgeklärten Kunden letztendlich doch selber schuld, oder nicht?

Wer unsere Petition unterstützen möchte, der kann das hier: https://keingewerbescheinfuerhumbug.wordpress.com/unterstuetzer-werden

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8 Kommentare zu “Österreich: Kein Gewerbeschein für Humbug

  • #1
    thomasweigle

    Die Ruhrbarone stehen doch immer an vorderster Front, um gegen Verbote verschiedenster Art anzugehen, Veggieday, Rauchverbot in Kneipen, etc. Ich schätze mal, dass durch Rauchen mehr Leute ernsthaft krank werden als durch Globuli und selbsternannte esoterische Medizinmänner. Der einzige Schaden für die Klienten der Esoteriker liegt doch -von Ausnahmen abgesehen- im finanziellen Bereich. Neid auf Leute, die ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt haben. Einer unserer Hunde wurde 92 an einem Hinterlauf operiert. Zunächst war nach der OP noch nicht alles in Butter. deshalb haben wir dem Hund eine Magnetfeldbehandlung bei einer Tierheilpraktikerin angedeihen lassen. Nach 10 Sitzungen lief der Hund wieder wie auf Schienen. Vielleicht war einfach die Zeit der Heiler, vielleicht aber auch nicht.

  • #2
    langsamdenker

    Ich muss mich als Gravitationswellen-Therapeut hier mal eindeutig von den esoterischen Energetikern distanzieren. Die verderben den guten Ruf der alternativen und ganzheitlichen Geldverdienmethoden. Gewerbetreibende Gesundbeter.
    @ thomasweigle Vielleicht ist jetzt die Zeit. Mit meiner schmerz- und wirkungslosen Therapie bekommen wir ihr Leiden in den Griff. Ist nur eine Frage des Energieausgleichs. Falls der Hund noch lebt, gibts Rabatt.

  • #3
    Bernhard Freiling

    Worin unterscheidet sich dieser Aufruf jetzt von dem Aufruf: "Kein Raum für Hatespeech"? Wer legt fest, wann etwas "Hatespeech" ist? Herr Maas? Herr Höcke? Sie? Wer legt fest, was "Humbug" ist? Sie? "Berufsverbot" für "Humbuganbieter"? Sollte man da nicht gleich allen "Klimaforschern" die Approbation entziehen? Die können nicht mit Gewißheit das Wetter der kommenden 3 Tage vorhersagen, sind aber in der Lage, mittels einer 100-Jahresvorhersage die Weltwirtschaft maßgeblich zu beeinflussen. Nee, Leute, so geht das nicht. Das bewegt sich auf dem gleichen Niveau wie der Schmonzes derjenigen, gegen die diese Aktion gerichtet ist.

  • #4
    Bochumer

    Und die Scharlatane verdienen damit auch noch sehr sehr viel Geld….
    Ganz schlimm wird es wenn Leute nicht zu Ärtzten gehen weil sie glauben sich mit sowas behandeln lassen zu können….

  • #5
    ObsidJan

    @thomasweigle: Wünschenswert wäre es natürlich, wenn die Leute über die Grenzen dieser Behandlungsmethoden aufgeklärt wären und den Sumpf von selbst austrocknen würden, indem sie einfach nicht mehr zu Scharlatanen gehen. Dazu gehört aber auch, dass Betrug und Scharlatanerei nicht auch noch "von oben" abgesegnet, unterstützt und gedeckt werden. Deshalb hat die Petition "kein Gewerbeschein" mit einem (Berufs-)Verbot wenig zu tun.

    @Bernhard Freiling: Der Unterschied zum schon ziemlich hinkenden Beispiel "Hatespeech" ist, dass Humbug wohldefiniert ist. Alles, was seine Wirksamkeit in seriösen Studien nach wissenschaftlichen Maßstäben beweisen kann, ist automatisch kein Humbug mehr. Für die hier erwähnten Methoden wie Aura-Gedöns, Bioresonanz, Pendeln etc. trifft das offensichtlich und nachgewiesenermaßen nicht zu: es gibt keine Studien, die ihren Nutzen belegen, und umgekehrt gibt es zahlreiche un-esoterische Erklärungen, die die scheinbare Wirksamkeit in den positiven Fällen erklären können.
    Übrigens sind Klimaforscher nicht für Ihren 3-Tages-Wetterbericht im TV zuständig. 😉

  • #6
    Bernhard Freiling

    @Obsidjan: Über die Qualität meiner Beispiele lasse ich ja mit mir reden ;-). Alles, was ich ausdrücken wollte ist: Ich entscheide für mich, was Humbug (oder Hatespeech) ist. Ich bin nämlich ein multimedialer Mensch. Ich kann selber hören, lesen, denken und meine eigenen Entscheidungen treffen. Meine Verfahrensweise: Wehret den Anfängen. Als nächstes entscheidet dann Jemand für mich, weil ich zu blöd bin, das selber zu tun, welches Auto ich zu fahren habe, was ich zu essen habe, welche Bücher gut (hilfreich) sind und welche nicht. Danke, das mag gut gemeint sein, aber das brauche ich nicht.

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  • #8
    Davbub

    "Die Jecken werden nicht weniger."

    Mit einem Verbot würde die Wirkung, nicht jedoch die Ursache menschlichen Verhaltens bekämpft. Falls es keine Eso-Heiler gäbe, würden diese Menschen sich vielleicht der Religion, der schwarzen Magie oder anderem zuwenden. Mit einem Gewerbeschein kann der Staat wenigstens versuchen, Steuern und Sozialabgaben abzugreifen.

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