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Kindheit im Ruhrgebiet: Mit dem selbstgebrannten 8×4 angestoßen

Sozialisierung mit den richtigen Medien; Foto: privat

Sozialisierung mit den richtigen Medien; Foto: privat

Kindheit im Ruhrgebiet, das ist so eine Sache, wenn man ab dem elften Lebensjahr mehr Zeit am Heimcomputer als draußen auf der Straße verbracht hat.

Unentschlossen, welche Kindheitserinnerungen ich beizusteuern wollte, kam mir der Zufall in Form von WhatsApp zu Hilfe. Ich bekam eine Fotonachricht von der Freundin von Thomas – einem der Freunde, die ich am längsten kenne. Sie hat es mit Katzen, denen sie das Leben rettet, auf Kreta und wo auch immer.

Und da war Thomas und eine Lawine von Erinnerungen brach los. Er hat am gleichen Tag wie ich – nur zwei Jahre vor mir – Geburtstag. Bis zu meinem Umzug an den Bodensee vor fast 20 Jahren haben wir immer gemeinsam gefeiert und einige dieser Feiern sind heute im Freundeskreis legendär, weil mein Vater die Angewohnheit hatte, an diesen Tagen seinen selbstgebrauten Kräuterlikör 8×4 zu verköstigen und zu später Stunde, meistens nicht mehr ganz nüchtern, zur Feier dazu stieß. Und weil es bei uns immer Guinness in großen Mengen gab.

Thomas, der bei lange Zeit bei der deutschen Marine auf einem U-Boot diente, fand in meinem Vater immer einen bereitwilligen Zuhörer: Über U-Boote allgemein, U-Boot-Fahrten nach Israel (Er war bei der ersten Tour nach Israel dabei, die Feierlichkeiten fielen aus, da just an diesem Tag ein Attentäter den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin ermordete.) und die allgemeine politische Lage in der Welt und im Nahen Osten. Besonders spannungsgeladen waren diese Gespräche nie, weil wir politisch ungefähr gleich tick(t)en. Beendet wurden sie meistens erst zu sehr früher/später Stunde, nachdem meine Mutter 20 mal und mehr gemahnt hatte: „Willi! Lass die jungen Menschen jetzt mal alleine feiern. Ich sehe es an Deinen Haaren. Du hattest zu viel Alkohol. Jetzt komm mal, sonst bekommen wir Knies!“

Meine Kindheitsgeschichte aus dem Ruhrgebiet handelt darüber, wie diese Freundschaft begann.

Über meine 168 Zentimetern Körpergröße mag ich mich nicht mehr beschweren: Das ist halt untermittelgroß. Erreicht habe ich diese, weil ich ab meinem 14. Lebensjahr schnell an Größe gewonnen habe. Davor war ich wirklich klein. Was einen natürlich zur Zielscheibe von Gleichaltrigen machte. Ich musste Flötespielen lernen und einen Schwimmkurs besuchen. Letzterer fand bei Hannah Gelbrich statt, Teilnehmerin der Olympiade in Berlin 1936 und Freundin meiner Mutter. Ich glaube Kugelstoßen und Schwimmen waren ihre Disziplinen. An diesem Schwimmkurs und der musikalischen Erziehung hatte ich nicht die größte Freude; bei der Dame, die meine Gesangs- und Flötenkünste ertragen musste, beruhte dies vermutlich auf Gegenseitigkeit. Wie auch immer, kam ich auf dem Weg zum Unterricht im Schwimmbecken der Duisburger Kranichschule an der Sporthalle der Schule vorbei, und am Montag trainierten dort Kinder Karate. Ich bekundete mein Interesse daran, aber meine Mutter war nicht angetan und verwies aufs Verletzungsrisiko. So wurde es nichts mit erhöhter Wehrhaftigkeit und ich setzte in der Grundschule weiter auf den Fluchtmodus.

In diesen Tagen besuchte ich noch die Gemeinschaftsgrundschule an der Eschenstraße, die aus drei Schulen bestand: gemischte Schule, katholische Schule und eine Schule mit türkischsprachigen Ergänzungssunterricht. Ich war auf der gemischten Schule, so kannte ich meine „Peiniger“ nicht, die auf die katholische Schule gingen. An jenem Tag irgendwann im Oktober/November 1981 peilten sie mich an.

Stefan R. und Thomas F. – mir damals noch unbekannt – hatten es auf mich, bzw. meine (verhasste) Pudelmütze abgesehen. Sie rissen sie mir vom Kopf und warfen sie sich diese zu. Hin und her, und her und hin. Mit einer Körpergröße von vermutlich nicht über 120 Zentimetern kommt man da schlecht dran. Ich machte die Beteiligten darauf aufmerksam, dass nicht nur ich Stress mit meiner Mutter bekäme, wenn die Mütze beschmutzt oder gar beschädigt würde. Ach ja, ich vergaß zu erwähnen: Meine Mutter war Lehrerin an dieser Schule und konnte durchaus hart durchgreifen.

Die Pause näherte sich dem Ende und ich jagte meiner Mütze nach, da kam meine Mutter auf dem den Weg zur katholischen Schule vorbei. Sie stürmte auf uns los. Einer der beiden Peiniger machte sich rechtzeitig aus dem Staub, der andere erhielt eine Standpauke und wurde zum späteren Rapport ins Lehrerzimmer bestellt. Mir wurden die Leviten gelesen, weil ich mir die Mütze wegnehmen hatte lassen und durfte ebenfalls im Lehrerzimmer antanzen.

So trafen Thomas F. und ich uns am Mittag vor dem Lehrerzimmer. Wir mussten auf meine Mutter warten. Gleichermaßen wenig begeistert von dieser zusätzlichen halben Stunde in der Schule, kamen wir ins Gespräch. Was daraus entstanden ist: Unendlich viele gute Besuche im Old Daddy Duisburg, viele gemeinsame Geburtstagsfeiern, gemeinsame Abstürze nach viel zu viel Alkohol, exzessive Spielabende am PC und eine Freundschaft, die wohl bis zum Ende des Universums andauern wird. Und genau das ist es, das ich am Ruhrgebiet besonders liebe: Auch aus Stresslagen heraus, können Freundschaften entstehen. Die Menschen sind offener – im Gegensatz etwa zum Schwabenländle, wo man noch nach zehn Jahren als „rei’gmscheckt“ gilt.

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