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Künstlich verschlechterte Produkte – Trauriger Standard statt Verschwörungstheorie

 

"Kaufen für die Müllhalde" ("The Lightbulb Conspiracy") - Plakat für einen außergewöhnlichen Film. Copyright: media pro

Ich hasse Verschwörungstheorien. Nicht einmal amüsieren kann ich mich in der Regel darüber – weil es jede neue Kampagne erschwert, echte Missstände zu erkennen (Kassandra und ein Junge, der gerne aus Spaß „Wolf!“ schrie, wissen Bescheid). Wie ich darauf komme? Wegen der großartigen arte-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ (75 Minuten, via YouTube hier eingebunden), die mich gründlich aus den Socken gehauen hat. Thema: Wie die Industrie in großem Stil Produkte von der Glühbirne (könnten rein technisch jahrzehntelang brennen) bis zum Drucker künstlich verschlechtert, indem sie ihre Lebensdauer verkürzt. Um mehr verkaufen zu können. Haben wir wohl alle schon mal gehört – und gedacht, dass da schon was Wahres dran sein muss, irgendwie. Und diesen Gedanken dann wieder verworfen. Als Verschwörungstheorie.

„So dreist kann doch keiner … das würde doch einen Aufschrei der Entrüstung geben … PR-Gau – und überhaupt: Schon die Ingenieure würden das doch im Entwicklungsprozess nicht mitmachen …“ Nun liefert diese Dokumentation Namen von Kartellen und Firmen, Zeugen, Dokumente. Und Bilder von Chips in Druckern, die nach X Seiten einen Defekt vorgaukeln. „Kaufen für die Müllhalde“ beweist, dass dieses Thema sehr real ist – und akut gefährlich, etwa für die unzähligen Ghanaer, die auf Elektroschrott-Deponien verrecken, die sehr viel kleiner sein könnten.

Dagegen ist es eigentlich nur eine Kleinigkeit, dass im amerikanischen Livermore eine unscheinbare Glühbirne schon seit 110 Jahren brennt – beziehungsweise, dass das der Normalfall sein könnte, hätten Osram und Co. nicht schon in den 1920ern per Kartell dafür gesorgt, dass Glühbirnen fortan nicht länger als 1.000 Stunden zu brennen haben (Strafenkatalog für Hersteller zu langlebiger Birnen inklusive). Dass Strumpfhosenfabrikanten die durch Nylongewebe ausgemerzte Laufmaschen schnell künstlich wieder provozierten und Druckerhersteller Chips auf die Platinen löten, die stoisch die ausgedruckten Seiten zählen und dem Nutzer eines perfekt funktionierenden Geräts eines schönen Tages mitteilen, es sei kaputt und er müsse ein neues kaufen. (Der Film präsentiert als Lösung dubiose russische Software, die den Zähler wieder auf null setzt. Da ist noch Luft nach oben.) Dass Apple lange in voller Absicht miese Akkus verbaute, in der Hoffnung, die dämlichen Kunden würden schon einen neuen iPod kaufen. Oder den Gang vor Gericht nicht wagen, oder sich zumindest auf halbem Weg mit ein par Gutscheinen abspeisen lassen. Was leider auch passierte.

Ich kann und will hier nicht alles noch einmal aufschreiben, was im Film so gut und nachvollziehbar erzählt wird (und große, grundsätzliche Fragen aufwirft). Selbst gucken ist sinnig. Ich bitte darum.

Kaufen für die Müllhalde bei YouTube

Dass jedenfalls nur die wenigsten wirklich Bescheid wissen über dieses Problem – und das, obwohl es doch unseren Geldbeutel betrifft – liegt auch an seiner Bezeichnung: „geplante Obsoleszenz“. Sperrig. Doch wer es verständlicher machen will, klingt schnell nach einem Wirrkopf, einem Verschwörungstheoretiker eben. Einem Linken noch dazu, in diesem Fall, der Wirtschaftswachstum für den Satan hält, aber ein ganzheitliches Konzept für Weltfrieden, Glück und Reichtum für alle in der Tasche hat. Weil die erwähnte Doku so unheilsschwanger-gutmenschenhaft-naiv „Kaufen für die Mülltonne“ heißt, hätte ich sie um ein Haar doch nicht aufgerufen. Letzlich siegte meine Neugier, war es doch das BildBlog, das den Film empfohlen hatte.

Was mich zum Anfang zurückbringt. Das Weltbild „Wer die Bild liest ist dumm, schlecht und hässlich“ ist ein selbstgerechtes, wie schon dieser Kommentator bei Medienkritiker Stefan Niggemeier anmerkte. Die Bild verkauft 2,9 Millionen Exemplare und führt auch im E-Paper-Markt. Alice Schwarzer wirbt für sie, Angela Merkel und der FC Bayern regieren mit ihr. Und gelesen wird die Bild in allen Kreisen.

Warum? Nicht wegen der Mädchen auf Seite 1 – selbst die größten Technikverächter haben längst gelernt, im Netz „Besseres“, sprich Härteres zu finden (dieses Fass habe ich hier schon mal aufgemacht). Nein, die Bild wird gelesen, weil sie ja irgendwie doch ganz erfrischend ist.

Amüsant eben.

Die exzellent recherchierte Dokumentation “Kaufen für die Müllhalde“ wird leider heute um 20.15 Uhr aus der arte-Mediathek gelöscht – also nur zu sehen, wenn man direkt nach dem Upload dieses Artikels zu schauen beginnt (Warum? Darum.). Wie kommentierte ein Leser eben kopfschüttelnd? „Obsoleszenz ist leider bei den Beiträgen hier eingebaut. Es wird nicht mehr lange dauern, und dieser Beitrag kann nicht mehr angeschaut werden. Schade, wenn man bedenkt, wie wertvoll die Erkenntnis sein könnte.“ Dass solche Filme generell nicht im Ersten oder im ZDF zu sehen sind (wobei der eine oder andere Sendeplatz um 3 Uhr morgens sicherlich zur Debatte stünde), wurde übrigens hier schön behandelt.

Zum Glück ist der “Kaufen für die Müllhalde“ auch bei einem bekannten Videoportal zu sehen … Ein Interview mit der Autorin des Films, Cosima Dannoritzer, gibt es hier als .mp3-Download. Und hier ist der Konzeptentwurf für ihren nächsten Film, der viele Beispiele aus „Kaufen für die Müllhalde“ enthält. Unter „sonstige Lesetipps zum Thema“ fallen Informationen zum Film, dieser Times-Artikel, diese wirtschaftswissenschaftliche Untersuchung impliziter Kartelle am Beispiel der Glühbirnen und ein erschöpfender Beitrag bei taz.de. Sehenswert ist übrigens auch der auch in der Doku erwähnte Film „The Man in the White Suit“ (ebenfalls bei YouTube abrufbar) – hier wird das Gedankenexperiment Realität, was nach der Erfindung eines perfekten Produkts geschieht.

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26 Kommentare zu “Künstlich verschlechterte Produkte – Trauriger Standard statt Verschwörungstheorie

  • #1
    Nudelholz

    Danke für den Hinweis – hab‘ zwar keine Zeit, die Doku bis 20.15 anzusehen, aber sie mal eben schnell heruntergeladen. (Mit der Mediathek unter OS X http://appdrive.net/mediathek/ ist das völlig problemlos und legal möglich.) Es ist nur ärgerlich, dass ich mir wegen diesem Depublizierungswahn große Festplatten kaufen muss, um wieder alles selbst zu horten… :-/ Gerne häufiger solche Tipps!

  • #2
  • #3
    Dirk Westermann

    Nicht schon wieder die ewige Glühlampe
    Wenn diese Lampe sich durchgesetzt hätte, gäbe es keine Gasentladungslampen oder LED Lampen,dafür aber ein Dutzend Kraftwerke mehr in Deutschland.
    Porsche hat 1973 die Studie eines Langzeitautos (FLA) vorgestellt, währe das Wirklichkeit geworden, würden wir heute mit 20 Jahre alten Autos rumfahren.

  • #4
    Tobias Jochheim Beitragsautor

    @Dirk Westermann: Ich halte es für ein Gerücht, dass jede Entwicklung zum Stillstand kommt, wenn man „zulässt“, dass Produkte mit einer wirtschaftlich machbaren Lebensdauer produziert werden, statt diese künstlich zu senken. Fakt ist: Das ging schon einmal besser, vor allem bei Elektrogeräten (es gab ja die eine oder andere zu recht für langlebige Produkte gefeierte Qualitätsmarke hierzulande). Der Kauf eines modischeren, schickeren, vielleicht aber eben auch technisch besseren Artikels bleibt doch weiterhin jedem unbenommen …

    Bei der Glühbirne war die Sache nicht ganz so einfach (was man nach dem Lesen der verlinkten Texte realisiert), weil u.a. eine größere Leuchtkraft mit dem „Kompromiss“ erkauft wurde.

    Absurd finde ich allerdings, das gesamte Problem (Chips im Drucker!?) mit Argumenten zu verteidigen wie „Wenn die Industrie keine Konsumgüter mehr verkauft, produziert sie Waffen und überredet die Politiker, Kriege vom Zaun zu brechen“ (haben natürlich nicht Sie getan, Herr Westermann, wird aber ganz gern gemacht, z.B. hier. Da fasse ich mir an den Kopf …

  • #5
    Dirk Westermann

    Ich habe mal ein bisschen nach dem „Drucker kaputt Chip“ gegoogelt, es scheint sich um eine Epson Eigenheit zu handeln, in der Regel ist es aber so, das der 30€ Drucker tatsächlich auf ist, wenn die maximale Seitenzahl erreicht ist. Wer erwartet eigentlich etwas anderes?
    Für die angeblich unzerstörbaren Hausgeräte von früher gilt das gleiche wie für die ewigen Glühlampen, wollen wir wirklich Unmengen kostbaren Stromes in Omas Miele Waschmaschine von 1972 verbraten, nur damit die Wäsche nicht richtig sauber wird?

  • #6
    Tobias Jochheim Beitragsautor

    Die Lösung des Problems haben Sie doch gerade selbst genannt:“Wollen wir wirklich Unmengen kostbaren Stromes in Omas Miele-Waschmaschine von 1972 verbraten, nur damit die Wäsche nicht richtig sauber wird?“

    Natürlich nicht. Wer also intelligent genug ist, das nicht zu wollen, kauft sich die nächste Generation der Waschmaschine, die genauso haltbar ist – aber effizienter.

    Würde es so laufen, produzierten wir auch nicht mehr Müll als heute (eher weniger, meiner zugegeben laienhaften Einschätzung nach). Aber die Verbraucher hätten die Entscheidungsgewalt zurück darüber, was sie wann kaufen. Und die Hersteller könnten – eher: müssten – sich darauf konzentrieren, wirklich Fortschrittliches zu konstruieren.

    Heutzutage ist es doch so, dass drei Viertel der Druckermodelle (erlauben Sie mir die pi-mal-Daumen-Schätzung) auf den Markt gedrückt werden, damit es sie eben gibt – mit immer anderen Patronen-Sets, „seltsamerweise“ …

  • #7
    ghulasi

    Einerseits ist mein Auto von der 20 Jahre Grenze nur noch unwesentlich entfernt, andererseits halte ich das Argument, wir würden dann endlos die alten Stromfresser einsetzen, auch nur bedingt nachvollziehen.

    Hier werden die Energiepreise außen vor gelassen. Viel Verbrauch = hohe Preise. Hohe Preise = Anreiz, sparsamere Technologie einzusetzen.

    Auch wenn ein Drucker nach CIRCA dieser Zeit „um“ sein sollte: Der Einbau eines solchen Chips müsste unter Strafe stehen! *Nach links auf den neuen EPSON Multifunktionsdrucker schiel*

    Letztlich zeigt sich, das billiger auf lange Sicht teurer wird. Die Qualitätsproduzenten werden, auch ohne Kartell, vom Markt gedrängt, der Kunde zahlt dafür auch noch mehr, weil er eine häufigere Neuanschaffung finazieren muss.

  • #8
    teekay

    Indirekt kritisiert der Film auch diesen ganzen ‚Corporate Social Responsibility‘ usw. Mist: Produziert qualitativ hochwertige, ’saubere‘ Produkte mit gut bezahlten Mitarbeitern-dann kann man die naechste ‚Drucker fuer Nepal‘ Aktion getrost vergessen (habe ich mir ausgedacht-aber koennte ich mir durchaus vorstellen)…

  • #9
    Andi

    Hmm. Der in der Doku beschriebene Sachverhalt erscheint mir so banal (im Sinne von: offensichtlich), dass ich ihn gar nicht mit dem Begriff Verschwörungstheorie „adeln“ würde, zumal der VTs innewohnende Aspekt der „verborgenen Wahrheit“ gänzlich fehlt.

    Das macht es keinesfalls besser, aber deine beinahe kindliche Reaktion darauf ist recht niedlich. 🙂 Moralisch verwerflich? Zweifellos. Aber auch logisch nachvollziehbar? Absolut, weshalb mich hier einzig das Erstaunen darüber erstaunt.

  • #10
    David Schraven

    Ein schöner Bericht.

    Zu den Vorrednern: Der Punkt ist doch nicht etwa, dass die Kartelle Innovation möglich machen wollen und deswegen ihren Produkten Verfallsdaten geben, sondern dass die Kartellistas von ihrem alten Scheiß mehr und länger verkaufen wollen, ohne dass sie neue Produkte entwickeln müssen.

    Das ist genau der Grund, warum Kartelle bekämpft werden müssen.

    Denn nur im Wettbewerb entstehen Neuerungen. Wenn der Wettbewerb durch Kartelle ausgeschaltet wird, ist alles am Arsch.

    Oder anders gesagt, eine zukunftsfähige Marktwirtschaft im Kapitalismus setzt einen starken Staat voraus, der unabhängig von der Macht des einzelnen Wettbewerbers in der Lage ist, den Wettbewerb selbst zu schützen – auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Kapitalismus und starker Staat.

    Ich bin für beides.

  • #11
    Andi

    @David:
    Volle Zustimmung. Dieses Bild vom starken Staat, der Kartelle verhindern (bzw. zerschlagen) soll, ist übrigens auch gerade der Kern dessen, was mit dem Wort „sozial“ im Begriff „soziale Marktwirtschaft“ gemeint ist.

  • #12
    Seraquael

    Richtig ist das es mich nicht wirklich erstaunt, dass die Industrie absichtlich Bauteile für ihre Produkte verwendet, die sich nicht unbedingt günstig auf die Lebensdauer auswirken, aus den ebenschon viel diskutierten Gründen.

    Erstaunt bin ich allerdings über Bauteile die die Lebensdauer genau reglementieren. Das dürfte in den meisten Staaten dieser Welt Straftatbestände erfüllen. Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet und auch wundert mich, dass ob der leichten Nachweisbarkeit, nicht schon der ein oder andere Politiker der sich ein Saubermannimage geben will oder auch einer von den zwei Prozent die ihren Job ernst nehmen, auf einen sinnlosen Kreuzzug gegen die entsprechenden Konsortien gegangen ist, bei den immer geringer befüllten Markenpatronen für Drucker oder den Minerlölkonzernen ging das doch auch.

    Das der Staat als ganzes mit Kartellwächtern oder Prüfvorschriften wiederrum nicht dagengen vorgeht ist nur wieder die logische Konsequenz der Verflechtung von Wirtschaft und Politik und der Tatsache das sich die meisten Politiker sich nach und teilweise auch während ihrer Arbeit als ‚Volksvertreter‘ gut von der Wirtschaft für Berater- und Aufsichtsrattätigkeiten bezahlen lassen und verwundert mich wieder kein bisschen.

    Gruß Sera

  • #13
    Frank (Frontmotor)

    Ist „Verschwörungstheorie“ nicht ein Kampfbegriff der Verschwörungspraktiker? 😉

    Zur Sache: Wer seine Produkte künstlich altern oder sterben lässt, geht davon aus, dass sein geprellter Kunde bei ihm noch einmal kauft. Darin liegt hoffentlich ein Denkfehler. Wer einmal offensichtlich geprellt wurde, kauft das nächste mal Qualität.

  • #14
    egghat

    Also ich habe das jetzt gesehen und kann sagen, dass ich gewisse Zweifel an dem Film hege …

    Fangen wir mal mit der Glühbirne an. Ja die brennt bereits seit über 100 Jahren. ABER das ist ein Vier-Watt-Funzel und die hat dazu noch einen Wirkungsgrad, der noch niedriger ist als der der bekannten Glühbirnen. Und wer jetzt meint, dass man das einfach fixen könnte: Nope. Wenn ich helleres Licht haben will, muss ich mehr Saft drauf geben, der den wird heißer und damit sinkt oh Wunder die Lebensdauer.

    Außerdem ist die Konstruktion der Birne oder des Glühfadens mitnichten unbekannt wie im Film behauptet (die Story kam schon vor gefühlt 10 Jahren bei Slashdot). Und so wahnsinnig einmalig ist die Birne auch nicht. Das erschließt sich schon bei etwas Nachdenken … Wenn mehr als eine Birne produziert wurde und die alle so toll waren, muss es noch weitere geben. Und die gibt es. Auch alles Funzeln, die kein Mensch kaufen würde.

    Die Lampe aus Ostdeutschland hätte mich mal interessiert, aber da blieb der Film komplett vage. Wenn die so toll waren, warum hat niemand die Patente (wenn es welche gab) nach China oder Indien verkauft?

    Ja, den Drucker gab es. Und das Verfahren gegen Apple auch. Die Interpretation, dass Apple den Akku absichtlich so gebaut hat, dass der schnell kaputt geht, ist mir aber neu. Dass der absichtlich *nicht wechselbar* war, OK. Da hat Apple dann ein Austauschprogramm hinterhergeschoben und aus.

    Aber manche Sachen im Film. Die Frau, die sich über schlechter werdende Batterien beschwert? Also erstens nimmt man Akkus, wenn man auf die Umwelt wert legt und zweitens werden diese (ich bin Akkufreak) dauernd und spürbar besser.

    Und wieso wird in dem Film so getan, als würde der Sohn von Phillips LED Lampen entwickeln? Quasi als Konkurrenz zum Vater, der nur die blöden alten Birnen herstellt? Als ich zum letzten Mal geschaut habe, gab es LED Lampen von Phillips, Osram, GE, Panasonic und einem Haufen Startups. Wieso ist dieses angebliche Kartell jetzt auf einmal auseinandergebrochen? Wieso geht jetzt auf einmal das, was vorher nicht ging.

    Für mich bleiben nach dem Anschauen des Films und dem Hinterfragen mit etwas gesundem Menschenverstand mehr Fragen offen als beantwortet wurden …

    Das andere Problem: Versucht mal dem Verbraucher haltbarere Sachen zu verkaufen. Auch wenn der Film so tut als wäre das immer problemlos und ohne Kosten möglich, kostet das in der Realität eben doch Geld. Und das bezahlt halt auch keiner im Geschäft. Ein doofer Toaster als Billigprodukt hält halt auch 10 Jahre (oder so). Wenn ich einen haltbaren baue, muss ich dann 10 Jahre oder mehr Garantie darauf geben, damit der Kunde im Geschäft auch glaubt, dass der haltbar ist. Das ist dann aber so teuer, dass niemand mehr den Toaster kauft. Phillips baut gerade eine solche „Haltbarere Serie“ Phillips. Mixer: 150 Euro. Das dreifache eines normalen MIxers. Hmmm, liegt wahrscheinlich wie Blei in den Läden.

    Und neben dem Problem des Verkäufers, der nicht bereit ist, mehr Geld zu bezahlen, gibt es auch noch das Lohnproblem. Eine Reparatur ist teuer, weil der Lohn teuer ist. Kein Handwerke kommt unter 40 Euro die Stunde, Servicetechniker von Miele stehen dafür gar nicht erst auf. Daher werden viele Sachen auch nicht mehr so feingliedrig austauschbar konstruiert wie früher, weil das Rausrupfen eines kompletten Moduls und eine halbe Stunde Arbeitszeit auch für den Kunden billiger sind als eine komplette Kontrolle jedes einzelnen Teils eines Moduls. Dann kostet das Austauschteil zwar vielleicht nur 5 Euro, aber die Arbeitszeit 120 Euro mehr. (Ganz nebenbei kann kein Servicetechniker der Welt alle Geräte soooo detailliert im Kopf haben, dass der Dinger überhaupt einzeln durchmessen kann. Schon jetzt hat man das Gefühl, dass Reparaturen eher Trial-and-Error-Modulaustausche sind …)

    Genug geschrieben. Ich will den Film nicht komplett diskreditieren, aber darauf hinweisen, dass es außer Verschwörungstheorien eine ganze Reihe weiterer Gründe gibt, warum Geräte heute so und nicht anders konstruiert und produziert werden, wollte ich dann noch …

  • #15
    Tobias Jochheim Beitragsautor

    @ Egghat: Danke für die Anregungen! Leider bin ich auch kein Experte für das Thema, aber ich hier ist in Stichworten, was ich dazu denke:

    – Glühbirnen: Die 100-Jahre-plus-Funzel aus Livermore zeichnet sich vor allem durch eines aus, nämlich durch eine gute Öffentlichkeitsarbeit. Und damit hatte man es ja in der DDR eher weniger …

    – Allgemein: Leistung und Verschleiß bzw. Lebensdauer stehen offensichtlich in einem ziemlich direkten Zusammenhang. Kunden müssen erwarten dürfen, dass die Hersteller da Kompromisse finden – die sich dann natürlich auch im Preis niederschlagen. Die einen bauen billigen Mist und die anderen teureren Kram, der aber mittelfristig gesehen die bessere Investition ist … und dann entscheidet der Markt. Wobei ich hoffe und glaube, dass es „auch heute noch“ genug Menschen gibt, die letzteres einsehen.

    Die Verhältnismäßigkeit muss aber beiderseitig funktionieren, da stimme ich Ihnen vollkommen zu: Erst absurd billig kaufen und sich dann wundern/beklagen/vor Gericht ziehen, wenn das Gerät nicht 50 Jahre lang hält, ist einfach nicht drin …

    So gesehen hängt die Existenz von „Sollbruchstellen“ auch vom Kaufpreis ab – aber sie wider besseres Wissen einzubauen, ist kriminell, das sehe ich wie z.B. Seraquael. Schließlich: Die Lohn-Komponente bei Reparaturen ist Fakt. Aber bei sinnvoll (qualitativ hochwertig, ggf. modular) konstruierten, und damit eher teuren, Maschinen ändert sich das Verhältnis ja immer mehr in Richtung „Reparatur ist sinnvoll“.

  • #16
    Helmut Junge

    @egghat (14),@ David Schraven (10)
    egghat, es gibt in Ihrer Antithese ein paar nachvollziehbare Argumente.
    (Glühbirne auf niedriger Spannung erhöht die Lebensdauer)
    Es gibt betriebwirtschaftliche und marktwirtschaftliche Gründe, die zur „geplanten Obsoleszenz“. Natürlich gibt es sie in marktwirtschaftlichen Systemen.
    Da Sie sich ja auf den „gesunden Menscherverstand“ berufen, sollen Sie auch damit erst mal Recht bekommen.
    Aber! Die Medaille hat bekanntlich immer zwei Seiten.
    Es kann nämlich Gründe geben, die gravierender sind, als betriebs-oder marktwirtschaftliche Prinzipien. Das können ökologische Gründe sein, oder es können politische Gründe sein. Der Staat greift heute schon stark in Wirtschaftsabläufe ein. Es gibt Subventionen, es gibt gesetzliche Vorschriften bis hin zu Verboten.
    Heute ist großen Teilen der Bevölkerung z.B. ein viel breiteres Bewußtsein für ökologische Fragen vorhanden, als es vor 20 Jahren der Fall war. Die Wahrheit ist ein hartnäckig Ding. (Zitat unbek. Herkunft) So ist das auch im Fall des Konsums.
    Die Ressourcen des Planeten lassen ein „Weiter so“ kaum noch lange zu. Da ist ein Umdenken keine Sache des Wollens, sondern des Müssens.
    Wie sich das mit kapitalistischen Marktprinzipiens vereinbaren läßt?
    Ich weiß es nicht, aber wir werden es sehen.
    Aber eins weiß ich schon.
    Diejenigen, die voll auf die „selbstregelnden Kräfte des Marktes“ setzen, werden sich noch wundern.
    Wir werden in dieser Angelegenheit insgesamt noch viele Tabubrüche erleben.
    Es war schließlich die derzeitige konservativ-liberale Regierung, die die bisher schärfsten staatlichen Eingriffe in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vorgenommen hat. Und schärfere werden noch folgen.
    Deshalb kann ich den Kommentar (10) von
    @David Schraven fast voll übernehmen:

    „Ein schöner Bericht.
    Zu den Vorrednern: Der Punkt ist doch nicht etwa, dass die Kartelle Innovation möglich machen wollen und deswegen ihren Produkten Verfallsdaten geben, sondern dass die Kartellistas von ihrem alten Scheiß mehr und länger verkaufen wollen, ohne dass sie neue Produkte entwickeln müssen.
    Das ist genau der Grund, warum Kartelle bekämpft werden müssen.
    Denn nur im Wettbewerb entstehen Neuerungen. Wenn der Wettbewerb durch Kartelle ausgeschaltet wird, ist alles am Arsch.
    Oder anders gesagt, eine zukunftsfähige Marktwirtschaft im Kapitalismus setzt einen starken Staat voraus, der unabhängig von der Macht des einzelnen Wettbewerbers in der Lage ist, den Wettbewerb selbst zu schützen – auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Kapitalismus und starker Staat.“

    Den Schlußsatz habe ich von David Schraven nicht übernommen, denn ich kann mir auch eine Marktwirtschaft vorstellen, in der die eine oder andere Form von gesellschaftlichem Eigentum dominant ist.
    Was ich ablehne, ist Planwirtschaft und das sogenannte freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte. Die Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle, ob in dieser kapitalistischen oder einer teilgesellschaftlichen Form, steht etwa in der Mitte zwischen Plan und freiem Spiel.
    In dieser Mitte aber, sehe ich viel Spielraum. Da will ich mich nicht festlegen.

  • #17
    egghat

    Nur damit ich nicht als großer Ökoskeptiker: Das Buch (Cradle to Cradle), das im Film erwähnt wird , habe ich Regal stehen. Tolles Buch, auf einer Art Kunststoff gedruckt, das sich wie dickes Papier anfühlt, aber „Deink“bar ist. Man kann also die Tinte aus dem Papier entfernen und das Buch auftrennen und ohne irgendwelche Qualitätsverluste ein neues Buch daraus machen. Super Idee!

    Anders gesagt: Der Film jammert mir ein wenig zu viel über Kartelle, die aus den 30er Jahren stammen und über eine Technologie entschieden haben, die gerade dabei ist, vom Markt zu verschwinden. Who cares? Das bringt niemanden weiter und es ist am Ende völlig Wurscht, ob das Kartell eine Verschwörungstheorie oder real ist.

    Der aktuelle Fall, der zu diskutieren wäre, ist der Drucker von Epson (machen die das immer noch?) oder der Akku von Apple (der angeblich absichtlich schlecht war; mein Macbook Akku hingegen ist nach 3,5 Jahren noch bei etwa 2/3 der Leistung, der Dell Akku bei meiner Schwester war nach 2 Jahren defakto hinüber und ein Ersatz kostet 150 Euro. Ist das Vorsatz? Oder ist Apple die einzige Firma, die noch Topware einkauft, während die restlichen PC-Hersteller einfach den billigsten Mist zusammenkaufen? Ich kann das nicht beurteilen.).

    Und zu dem ersten Posting: Es mag Produkte geben, die absichtlich so konstruiert werden, dass sie schnell kaputtgehen. Aber daran sind nicht nur die Hersteller schuld, sondern auch wirtschaftliche Zwänge (wie zu teure Reparaturen) und auch der Kunde, der die haltbaren Sachen einfach nicht bezahlen will oder kann. Am Ende kann der Kunde fast alles beeinflussen. Aber er will nicht. Er will nicht bezahlen.

  • #18
    Hubertus Müller

    Lesenswerter Blogartikel, aber widersprüchlich ist, dass du in der Einleitung Verschwörungstheorien verdammst, um dann im restlichen Artikel nachzuweisen, dass die Verschwörungstheorie (Kartelle verschwören sich gegen den Kunden, die Lebensdauer der Produkte zu begrenzen) völlig richtig ist.

    Übrigens weiß ich aus eigener Erfahrung, dass Epson und Canon das mit ihren Druckern so handhaben. Ich hoffe bei meinem HP-Drucker ist es nicht so, hab ihn aber noch nicht so lange, und im Netz fand ich beim Kauf nichts darüber. Die angesprochene (offenbar russische?) Software hat bei Epson für den Reset des Zählers funktioniert, aber irgendwann hat er doch kategorisch den Dienst verweigert.

  • #19
    lebowski

    Wieso Verschwörungstheorie?
    Wenn man das Wirtschaftswachstum zur Religion erhebt, muss man sich auch mal überlegen, wie (von einigen Jahren abgesehen) ununterbrochenes Wirtschaftswachstum in diesem Land zustande kommen kann. Bestimmt nicht dadurch, dass wir alle 20 Jahre eine Waschmaschine kaufen. Der Zyklus, in dem wir uns neue Produkte anschaffen, muss immer kürzer werden. Gleichzeitig muss der Gebrauchswert der Produkte immer geringer werden.
    Dass sind die Zwänge eines auf permanenten Wachstumzwang beruhenden Wirtschaftssystems. Mit Verschwörung hat das gar nichts zu tun.

  • #20
    Abnick Grabotki

    Das Apple den iPod baut ohne das der Kunde den Akku auswechseln kann ist umweltkriminell !!!

  • #21
    egghat

    Ich muss ja nochmal skeptisch werden, weil diese Druckergeschichte nicht überzeugt. Inzwischen werden Drucker fast unter Herstellungskosten verkauft und das Geld nahezu ausschließlich mit der Tinte verkauft. Mit riesigem Aufwand (Chips auf den Tank, damit man keine anderen einsetzen kann, etc.) wird dieses System am Leben gehalten. Tintenstrahldruckertinte ist inzwischen teurer als Gold(!). Die Hersteller haben also gar kein großes Interesse daran, dass du den Drucker wechselst, weil er kaputt ist. Er könnte ja zur Konkurrenz wechseln!

    Die Dongelung mag für Epson Sinn gemacht haben, als das Geld noch mit dem Drucker verdient wurde und nicht mit der Tinte. Jetzt hat der Hersteller aber eher wenig bis kein Interesse daran.

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  • #24
    wilried salus bienek

    1. Was bedeutet eigentlich „künstlich“ verschlechtert? Gibt es auch „natürlich“ verschlechtert? 2. Fehler einzubauen erhöht die Nachfrage. Da sie angeblich „künstlich“ sind, ist das Produkt natürlich weiterhin gut. Obwohl schlecht… 3. Wer hat eigentlich den Irrglauben erfunden, in der Warenwelt ginge es rationaler zu als in den Köpfen markentrunkener Heranwachsenden?

  • #25
    Sascha

    Letztlich ist die Industrie doch nur daran interessiert, in möglichst hoher Frequenz neue Produkte abzusetzen. Gewinnorientiert arbeitenden Unternehmen ist es natürlcherweise lieber, wenn das eigene Produkt möglichst schnell auf der Halde landet und durch ein neues ersetzt werden muß.

    Nehmen wir an, wir verkauften ein Produkt, daß bei 150,-€ Verkaufspreis etwa drei Jahre hält und unser Mittbewerber hätte ein ähnliches Produkt, daß bei 160€ Verkaufspreis fünf Jahre hält – dann erzielen wir auf die Dauer weitaus mehr Umsatz als der Konkurrent. Wer nun aber glaubt, daß wir den Verbraucher fürchten müssten, der dann lieber zur „Qualität“ wechseln würde, der irrt – langfristig wird der Konkurrent nämlich seine Produkte qualitativ an unsere „Downgraden“, um von den selben „Benefits“ zu profitieren – und zum Dank den Preis noch eine Nuance anheben, um seine „Qualität“ zu unterkmauern, die aber nur noch in Form der hauseigenen Marketingblasen existiert.

    Das Märchen von der Qualität solltet ihr euch alle mal abschminken. Die Zulieferteile, die im Lada stecken, stammen aus der selben chinesischen Fabrik, die auch Mercedes beliefert. Der Markenkaffeeautomat wird in der selben asiatischen Bude zusammengefrickelt, die auch die 99-Euro-Grabschladen-Version produziert. Und viel anders läuft das mit Glühbirnen, Druckern und allem anderen auch nicht.

    Das Schlimme daran ist nur, daß wir unsere Ressourcen derart dämlichst verschleudern und den Totentanz der produzierenden Industrie alle fröhlich mittanzen. Wachstum, Wachstum über alles. Die neue Religion.
    Die Industrie verkündet, daß sie fetter und dicker werden muß, denn sonst ginge sie vor die Hunde. Und wir füttern sie fröhlich weiter. Notfalls mit Schulden.

  • #26
    Cosima Dannoritzer

    Vielen Dank für die vielen Kommentare.
    Mehr Infos über die Doku (Festivals, Drehfotos, Kontakt mit dem Team) auf unserer Facebook-Seite:
    facebook.com/KaufenfuerdieMuellhalde
    Oder auf der englischen Seite des Films (dort steht auch der Trailer):
    www.facebook.com/TheLightBulbConspiracy

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