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Lebensqualität im Ruhrgebiet: Wo die Unstatistik falsch liegt

Konzert in der Trompete Foto: Trompete

Ich mag die Unstatistik des Monats: Mit kühlem Kopf und Ironie widerlegen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer Monat für Monat eine Statistik, die es in die Schlagzeilen schaffte. Mal geht es um den Mythos der Schwarzen Null , die „Erfolgreiche“ Gesichtserkennung mit Hunderttausenden Fehlalarmen“ oder das  erhöhte Gesundheits-Risiko bei einem Drink pro Tag.

In diesem Monat nahm sich das Unstatistik-Team die Studien über die Lebensqualität im Ruhrgebiet vor, welche die Oberbürgermeister so arg erzürnten, dass sie an ihnen nicht mehr mittun wollen. Und kam zu dem Schluss:

„Da eine hohe Arbeitslosenquote üblicherweise mit einem geringeren durchschnittlichen Einkommen, einem hohen Anteil von Einwohnern in Bedarfsgemeinschaften und vielen privaten Schuldner einhergeht, werden Regionen mit strukturellen ökonomischen Problemen automatisch ans Ende des Städterankings katapultiert. “

Aus gutem Grund stehen die Städte des Ruhrgebiets damit in dem Prognos und ZDF-Ranking ganz unten. Armut und Arbeitslosigkeit belasten die Lebensqualität immens und sind nicht vom Himmel gefallen. Nach 50 Jahren Strukturwandel und Milliarden und Abermilliarden an Unterstützung von Land, Bund und Europäischer Union hat man sich im Ruhrgebiet die fatale Lage selbst erarbeitet und kann sich vor der Verantwortung nicht drücken.

Damit hat das Unstatistik-Team auch kein Problem. Es kritisiert andere Gewichtungen im Ranking:

„Führen mehr Sonnenstunden pro Jahr wirklich zu einer höheren Lebensqualität? Noch im Rekordsommer 2018 haben viele Medien über die zahlreichen „vorzeitigen Todesfälle“ aufgrund der Hitze berichtet.“

Dass die Studie sich an der Ökohysterie nicht beteiligt und klar stellt, dass Sonne und Wärme zum Wohlbefinden beitragen, ist einer ihrer Verdienste. In sonnigen Städten wie Frankfurt und Freiburg sind die Menschen entspannter. Ihnen das auszureden und Angst vor schönem Wetter zu machen, zeigt, wie im politischen und medialen Raum gegen das natürliche Gefühl der Menschen gearbeitet wird, der es einfach schätzt nicht zu frieren und die Sonne zu genießen.

Bei einem anderen angesprochenen Punkt würde das Ruhrgebiet auch schlecht abschneiden, wenn die Gewichtung anders wäre:

„Und warum führt nur die Anzahl klassischer Kulturveranstaltungen mit eigenem Ensemble und institutioneller Förderung zu einer höheren Lebensqualität, nicht aber die Existenz eines traditionellen Fußballvereins in der 1. Bundesliga? Die Gemeinde Wacken, in der jedes Jahr eines der weltweit größtes Heavy-Metal-Festivals mit über 80.000 Teilnehmern stattfindet, würde den dazugehörigen Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein in der Kategorie „Freizeit und Natur“ sicherlich von einem unteren in die oberen Ränge schieben, wenn auch Rockmusik als Kultur angesehen würde.“

Das Unstatistik-Team verkennt hier die Größe des Ruhrgebiets: Bei fünf Millionen Einwohnern gibt es gerade einmal zwei Bundesligisten. In München ist es einer auf gut eine Million Einwohner und auch kleine Städte wie Hoffenheim, Mainz oder Augsburg haben einen Verein, der erstklassig spielt. Das Ruhrgebiet ist keine Fußballhochburg. Zwei Teams auf fünf Millionen Einwohner sind nicht allzu beeindruckend.

Erfrischend finde ich den Seitenhieb auf die Hochkultur. Im Leben der allermeisten Menschen spielt sie selbstverständlich keine Rolle und trägt auch nicht allzu sehr zum Wohlbefinden bei. Theater und Opern werden gelten in der Immobilienwirtschaft als Optionsnutzen: Es ist schön, wenn sie da sind und werten eine Lage auch auf, aber gute Schulen, ein schöner Park, ordentliche Verkehrsanbindungen oder Einkaufsmöglichkeiten sind wichtiger.

Doch würde das Ruhrgebiet besser abschneiden, wenn das Hoch- Popkultur ins das Ranking aufgenommen werden würde – was ja erst einmal eine gute Idee ist?

Nein. Auch hier übersieht man schnell die Größe des Ruhrgebiets. Gerade einmal drei Städte, Dortmund, Bochum und Essen, haben einen nennenswerte Club- und Konzertkultur. Ein Blick in die Veranstaltungskalender zeigt, dass das gesamte Ruhrgebiet in diesem Bereich kein Angebot hat, dass sich mit Köln messen kann. Und Köln hat gerade einmal eine gute Million Einwohner, nicht fünf wie das Revier. Für eine Region von der Größe des Ruhrgebiets gibt es in ganz Deutschland nur eine Stadt, die von der Zahl der Einwohner her vergleichbar ist: Berlin mit seinen gerade mal 3,5 Millionen Menschen. Was die Zahl, die Auswahl und die Qualität an Veranstaltungen im Popbereich betrifft, würde das Revier dabei nicht gut aussehen.

Gerade einmal in zwei Bereichen kann Ruhrgebiet punkten: Die Zahl der Universitäten und Hochschulen und die günstigen Mieten. Das würde, egal wie man eine Statistik wichtet, nicht ausreichen, um aus dem Rankingkeller zu klettern.

Das dauerhaft schlechte Abschneiden des Ruhrgebiets in nahezu allen Rankings – und das seit vielen Jahren – sollte nicht relativiert werden. Klüger wäre es, sich ehrlich die Frage zu stellen, was hier alles falsch läuft und dann mit der Arbeit zu beginnen, es endlich besser zu machen.

Mehr zu dem Thema:

Boykott von ZDF und Prognos Studien: Aus dem Ruhrgebiet wird das Schmollgebiet

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3 Kommentare zu “Lebensqualität im Ruhrgebiet: Wo die Unstatistik falsch liegt

  • #1
    ke

    Rankings sind natürlich eine Auswahl, die aktiv gestaltet und angegangen werden muss. So dämlich die Kriterien auch oft sind. Wenn ich mich bei einer Ausschreibung bewerbe, muss ich den Kriterien genügen, wie wenig sie auch mit dem konkret angefragten Gegenstand zu tun haben.
    Die soften Faktoren sind wichtig. So stellen sich die Akademiker die ideale Welt vor. Dazu gehören bspw. keine Raucher und ein hoher Frauenanteil ist meistens auch extrem wichtig.

    Dennoch sind viele Kriterien eben sehr stark diskussionswürdig und man muss sich natürlich als Stadt damit auseinandersetzen, ob man sie offensiv angehen will bzw. ob man nicht einfach auf andere stärken verweisen will.

    Wenn fast alle Bewohner einer Region Fußball schauen, bleibt für das Alternativprogramm wenig Zeit. Dennoch sehe ich den Raum Rhein/Ruhr subjektiv gut aufgestellt in Sachen Freizeitgestaltung.

    Final geht es um den Markt und Clubs werden nur dort entstehen, wo es eine Nachfrage gibt. Ohne Moos nichts los. Fußball ist auch nicht billig. In Berlin haben sie Hertha Karten lange Zeit als Zugabe in Supermärkten verteilt, damit überhaupt ein Stadionbesuch stattfindet.

    Der "Blick auf den Veranstaltungskalender" ist auch keine wissenschaftliche Vorgehensweise. Mich interessieren bspw. Clubs überhaupt nicht.

  • #2
    Fritzthecat

    Man kann durch Rankings den Ruf einer Region so nachhaltig schädigen, dass diese Region überhaupt keine Strahlkraft mehr hat, so dass keine Fachkraft, kein Unternehmen mehr dorthin gehen möchte.
    Solche Rufschädigungen haben vielleicht die am längsten andauernde negative Auswirkung.
    Da rümpfen gut ausgebildete Fachkräfte die Nase, wenn die Arbeit sie ins Ruhrgebiet verschlägt oder in der Heidelberger Studenten-WG bekommt man ungläubige bis entsetzte Blicke zugeworfen, wenn man sein Master-Studium für Biomedizin in Bochum machen möchte, weil diese Universität für diesen Studiengang die beste ist. Das ist keine fiktive Geschichte, sondern so passiert und der Student ist letztendlich nicht nach Bochum gegangen.
    Nun denn, so sei es.
    Aber mal zum Text, wie heißt es da?
    Kultur ist nicht so wichtig wie Alltagstauglichkeit?
    Ein schöner Park, eine Infrastruktur und Einkaufsmöglichkeiten und gute Schulen sind wichtiger?
    Es ist sicher schön, in München zu wohnen, der Englische Garten usw. Das soll ja für den Alltag wichtiger sein als Opernhäuser. Aber wann nutzt man den Park ? Freizeit ist ein kostbares Gut und wenn man nicht direkt an diesem Park wohnt, ist es vermutlich nicht gerade ein häufiges Vergnügen, dort sein Wohlbefinden zu steigern. Anfahrt mit Stau, Parkplatzsuche ohne Erfolg oder ÖPNV – mehrere Stunden sind weg, die Erholung auch.
    In Bochum wohne ich mit direktem Blick auf einen Park, ein Vergnügen, das in München den Millionären vorbehalten ist. Bleiben wir beim Wohnen. In jeder großen Stadt gibt es alle Arten von Wohngebieten. Wer als Millionär im Ruhrgebiet wohnt, lebt im Süden an den Seen, wo es nicht anders aussieht als in Hamburger Gegenden für Wohlbetuchte. Die Rankings machen einen ja fast glauben, es gebe nur Armut im Ruhrgebiet.
    Medinzinversorgung, Bildungsmöglichkeiten, Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten…. für die Alltagstauglichkeit des Ruhrgebiets sollte davon mehr als genug vorhanden sein. In einer Region mit 5 Mio. Menschen benötigt man umfassende medizinische Versorgung, nur 15 km von meinem Wohnort gibt es z. B. das Westdeutsche Tumorzentrum.
    Wer beim Einkaufen mehr als nur Alltag will, fährt halt ins benachbarte Düsseldorf und kann dort Tausende für Kleidung etc. rausballern, wenn es ihm oder ihr danach besser geht.
    Zum Wetter:
    Freiburgs musste seinen ersten Platz bei der Sonnendurchflutung seit der Wiedervereinigung an Rügen abtreten. Der Osten hat kontinentales Klima, d.h. sonnige Sommer, kalte Winter mit Schnee. Trotzdem sollen die Leute dort total frustriert sein, wie man ja dauernd liest. In irgendeinem Ranking zum Thema Glücklich-Sein sind die Leute dort sicher weit abgeschlagen, während sich Finnen in langen, düsteren Winternächten und Norweger, deren Einkaufsmöglichkeiten so aussehen, dass man alle zwei Wochen mal in die nächste Stadt fährt, um Lebensmittel zu kaufen, die ersten Ränge unter sich ausmachen.
    Zur Kultur:
    Es gibt im Ruhrgebiet nicht nur drei Konzerthäuser, sondern darüber hinaus Opernhäuser, Schauspielhäuser, Museen usw. Und manche Inszenierung hier im Revier stellt durch Unkonventionalität etc. Inszenierungen anderer Häuser in den großartigen Städten so in den Schatten, dass deren Inszenierungen wie eine biedere Schulaufführung anmuten. Die Museen hier sind gut, ich nutze sie oft und freue mich über viele gute Ausstellungen, die ich gar nicht alle wahrnehmen kann.
    Die Kulturszene mit Berlin zu vergleichen ist absurd. Berlin ist die Hauptstadt. Aber dann vergleichen wir z. B. die Berliner Museumslandschaft mal mit der in Paris, das ja bekanntlicherweise auch Hauptstadtstatus hat und demnach also in derselben Liga spielt. Das könnte unangenehm für Berlin werden.

    Kurz, es gibt mehr Armut hier als andernorts, die Städte sind zerstört gewesen und nicht gerade vorteilhaft wieder aufgebaut worden, aber es ist angenehm hier zu leben und seinen Alltag zu erleben. Die üble Nachrede, die es für Unternehmen zur Zumutung macht, hier zu investieren, für Arbeitnehmer zur Zumutung macht, hier hin zu ziehen, ist der schlimmste Schaden.

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