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Mein Ruhrgebiet: Sebel – „Der Ruhrgebietler sucht und findet die Perlen in jedem Scheißhaufen!“

’sebel‘ in action. Foto: Sebastian Niehoff

In der Vorwoche starteten wir hier im Blog eine neue Serie. Von jetzt an werden wir bis auf weiteres an jedem Dienstag einen Beitrag unter dem Titel ‚Mein Ruhrgebiet‘ veröffentlichen. Dabei gilt es jeweils für eine bekannte Persönlichkeit ihre ganz spezielle Beziehung zum ‚Revier‘ in einem kurzen Interview zu offenbaren. In der vergangenen Woche stand uns hier an dieser Stelle der Sportjournalist Dirk große Schlarmann Rede und Antwort.

In der aktuellen Ausgabe beantwortet mit dem in Recklinghausen lebenden Ruhrgebietsrocker Sebastian Niehoff, alias ‚Sebel‘, der Anfang März gerade sein drittes Album herausgebracht hat, diesmal ein weiteres echtes Original der Region unsere fünf Fragen:

Wenn Du an das Ruhrgebiet denkst, was fällt Dir zuerst ein, Sebel?

Ich denke an einen sympathischen unverkennbaren Dialekt und eine Wortwahl, die so hart ist wie Kruppstahl. Der Ruhrgebietler meckert und flucht was das Zeug hält, trägt sein Herz auf der Zunge und nennt die Dinge beim Namen, auch wenn es manchmal wehtut. Ich denke an einen riesigen Ballungsraum mit den unterschiedlichsten Kulturen und Charakteren, die es irgendwie hinbekommen halbwegs tolerant miteinander auszukommen. Ich denke an die lange Geschichte des Bergbaus, an die besseren Zeiten und daran, wie die Region die letzten Jahre mit dem Strukturwandel umgeht. Ich denke an Fußball, an Bier, an Autobahnen und Industrieruinen. Ich denke an interessante kulturelle Veranstaltungen und Feste, aber auch an gähnende Langeweile, verkommene Innenstädte und graue Tristesse. Ich denke an echte Freundschaften und Menschen die ich in mein Herz geschlossen habe.

Was ist Dein absoluter Lieblingsort im Revier?

Ich bin in Wanne-Eickel und auf der Cranger Kirmes groß geworden. Daher ist das der Ort, der die meisten Erinnerungen und Heimatgefühle weckt. Ich liebe es an alten Schauplätzen meiner Kindheit und Jugend vorbeizuschlendern. An der alten Schule, am heimischen Kiosk, am Haus meiner ersten Freundin, im Stadtpark wo wir uns das erste mal geknutscht haben, die Straßenecken und Jugendzentren wo wir rumgegammelt haben und Bier getrunken haben.
Die Cranger Kirmes ist der Ort wo sich dieses Gefühl von Heimat für alle Wanne-Eickler für zehn Tage entlädt und mit aller Kraft nach Außen getragen wird. Es kommen so viele Menschen von Außerhalb dorthin, und wir stehen mit breiter Brust dort und sagen…“guck ma…is dat nich schön hier“, „Kehr…hasse schonmal sowat schönes gesehen“. Klar ist es ein wenig Illusion und Schönrederei, aber genau das macht den Charakter des Ruhrgebietlers aus. Er sucht und findet die Perlen in jedem Scheißhaufen!

Wenn Du Besuch bekommst, der noch nie im Ruhrgebiet war, wo bringst Du ihn während seines Aufenthaltes hier auf jeden Fall hin?

Dorthin, wo man die Menschen der Region kennenlernt, denn das ist unser Aushängeschild. Also auf die Cranger Kirmes, zur Extraschicht, ins Bermudadreieck, in meine Stammkneipe, zu meinem Lieblingsitaliener, auf die Weihnachtsmärkte und Stadtfeste, ins Theater und auf Konzerte.
Und natürlich auch an die tollen Sehenswürdigkeiten wie Zeche Zollverein, Landschaftspark Duisburg, ins Bergbaumuseum oder auf die Halden. Doch meine Erfahrung hat gezeigt, dass bei vielen Menschen der „besondere Schlag Mensch“ am meisten im Gedächtnis bleibt.

Und welchen Ort im Pott sollte Dein Besuch auf keinen Fall zu Gesicht bekommen?

Alles was beliebig und einheitsbreiig ist, wie z.B die großen Einkaufszentren. Dort ist leider alles so wie es überall ist. Auch ins Cafe Del Sol würde ich niemanden mit hinnehmen.

Was wünscht Du dir für das Ruhrgebiet in den nächsten Jahren? Was gibt es zu verbessern?

Aus der Sicht eines Künstlers wünsche ich mir, dass es mehr Anerkennung, Unterstützung und Zusammenhalt der Künstlerszene im Ruhrgebiet gibt. Wir haben hier wirklich viele tolle und talentierte junge Menschen, und diese werden oft von Leuten mit einem Kulturauftrag übersehen oder gar ignoriert. Es kommt nicht von ungefähr, dass so viele, die etwas aus sich und ihrer Kunst machen wollen irgendwann wegziehen und ihr Glück in den großen Städten wie Berlin oder Hamburg suchen. Es gilt diesen jungen Leuten hier eine Zukunft mit aller Unterstützung zu bieten, eine Perspektive, eine Bühne für ihre Kunst. Wir müssen wieder stolz auf unsere eigenen Leute sein können. Ich schäme mich oft sehr für diese Region, wenn ich mitbekomme, dass meine Musik in Bayern, in Nord- oder in Ostdeutschland im Radio gespielt wird, und die Sender im Ruhrgebiet und NRW einen völlig ignorieren. Das ist wirklich schade!

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