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Merkel und die Covid-Pandemie: Die Krise der Krisenkommunikation

Angela Merkel: Foto: CDU/Laurence Chaperon Lizenz: Copyright

Angela Merkel: Foto: CDU/Laurence Chaperon Lizenz: Copyright

Die Covid-Maßnahmen werden bis zum 10. Januar verlängert. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einer Digitalkonferenz mit den Ministerpräsidenten mitgeteilt. Wobei ihre Kommunikation mittlerweile Teil des Problems ist.

“Lockdown light” oder auch “Wellenbrecher”. So verkauften Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten Anfang November die Maßnahmen, mit denen die zweite Welle der Corona-Pandemie gestoppt werden sollte. Seit Mittwochabend steht fest: Diese Maßnahmen werden länger dauern als die des ersten Lockdowns – und das Ende ist nach wie vor nicht in Sicht.

Die Nachricht kam überraschend. Bei den letzten Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten bestimmten noch nervöse Vorabmeldungen über kommende Beschlüsse die Nachrichtenlage, sodass eine gewisse Spannung entstand, was diese Runde nun beschließen würde. Doch dieses mal bestimmte mit den Morden von Trier ein anderes Thema im Vorfeld die Schlagzeilen. Außerdem sollte Corona dieses mal nur ein Thema neben anderen wie etwa Digitalisierung auf der Tagesordnung der Regierungschefs sein.

Als Konsequenz daraus wird die Weltumsegelung des Wellenbrechers zu einer Nachricht für die Spätnachrichten. Einer, die angesichts ihrer Bedeutung überraschend kam. Die Erklärung der Kanzlerin fällt zudem technokratisch aus. Sie hetzt eher durch die Pressekonferenz, erklärt nur wenig. Die Perspektive, die sie bietet: Es wird noch lang’ dauern.

Deutschland im Corona-Blues

Im Frühjahr begann die Kanzlerin den Lockdown mit einer Fernsehansprache, die in ARD und ZDF sowie den wichtigsten Privatsendern lief. Das war der Bedeutung des Themas angemessen. Und half: Die Umfragen ergaben eine deutlich höhere Zustimmung für die Maßnahmen als jetzt. Menschen zeigten sich solidarisch und entwickelten Ideen, sich in der Isolierung gegenseitig zu trösten. Auch die Kanzlerin profitierte: Ihre Beliebtheitswerte waren so hoch wie selten davor.

Nicht nur die Bundesregierung zeigte im Frühjahr mehr Empathie. Es gab eine breite Bereitschaft von staatlichen und öffentlichen Einrichtungen, Hilfe in der Krise zu signalisieren: Die Finanzämter setzten Zwangsvollstreckungen aus. Wohnbaugesellschaften nahmen Mietsteigerungen zurück und verzichteten auf Zwangsräumungen. Sparkassen riefen von sich aus an, um Kunden Krediterweiterungen anzubieten und unbürokratisch abzuwickeln.

Zusammen vermittelte das alles das Gefühl: Ja, das ist eine blöde Situation. Aber wir kommen da gemeinsam durch. Jetzt erleben wir einen Corona-Blues, wie es ihn im Frühjahr außer in einer überschaubar großen, radikalen Gruppe nicht gegeben hat.

Kanzlerin geht nicht mehr vorneweg

Die Kanzlerin geht in der Pandemie nicht mehr vorneweg. Im Mai und im Oktober konnte sie sich nicht gegen die Ministerpräsidenten durchsetzen. Sie wollte später öffnen, dann früher wieder schließen. Doch die Länderchefs – einige mit Wahlen vor der Brust – wollten nicht mehr mitziehen. Dass das nicht mehr ihre Corona-Politik ist, ließ die Kanzlerin darauf die Ministerpräsidenten – aber auch die Öffentlichkeit – deutlich wissen.

Hinzu kommt, dass die Aufgabe, einen Lockdown zu kommunizieren schwieriger wird, je länger der dauert. Egal ob wie im Frühjahr der Run auf die Intensivstationen ausbleibt oder wie jetzt stattfindet. Im ersten Fall heißt es, die Maßnahmen sind überzogen und gar nicht nötig. Im zweiten Fall wird dann geklagt, dass die Maßnahmen nichts bringen. Zudem stößt Deutschland mittlerweile an seine wirtschaftlichen Grenzen. Die Idee alle Arbeitsplätze retten und alle Umsatzeinbußen ausgleichen zu können, verbreitet niemand mehr.

Es ist menschlich verständlich, dass die Kanzlerin sich bei dem Thema nun zurückzieht. Staatsmännisch – oder staatsweiblich – ist es nicht. Gerade die Kanzlerin, die bereits angekündigt hat, ihr Amt im nächsten Jahr übergeben zu wollen, hätte den Rücken frei, das Land in der Pandemie anzuführen. Auch kommunikativ. Doch genau das tut sie nicht mehr. Sie taucht ab und immer seltener auf.

Nachruhm. Geliebt werden wollen. Persönliches Wohlempfinden. Was auch immer das Ziel der Kommunikationsstrategie der Kanzlerin ist – das Land anzuführen ist es nicht. Und falls diese Theorie ihr unrecht tut und sie das Land auch kommunikativ anführen will, dann scheitert sie halt gerade besonders eindrucksvoll.

Steinmeier regiert wieder mit der BamS

Die Kanzlerin hat die Richtlinienkompetenz in der Politik. Staatsoberhaupt ist aber – so will es das Grundgesetz – der Bundespräsident. Bevor jetzt jemand nachschlägt: Das ist derzeit Frank-Walter Steinmeier. Der hat sich nun ans Volk gewandt. In einem Beitrag. In der Bild am Sonntag. Besser bekannt als BamS, wie in dem Schröder-Zitat: “Mir reichen zum Regieren Bild, BamS und Glotze.”

Das war Anfang des Jahrtausends und der Spruch war noch frech und die Idee dahinter innovativ. Steinmeier arbeitete für Schröder als Staatssekretär und später als Chef im Kanzleramt. Die BamS hatte noch eine Druckauflage von 3 Millionen Exemplaren – mittlerweile sind es weniger als 800 000 und im Jahr 2000 Geborene fragen sich, was das ist: ein BamS.

Ein exklusiver Beitrag eines Bundespräsidenten gilt im Mediengeschäft immer noch etwas. Deswegen werben die Medien bei Mitbewerbern mit Meldungen über den Beitrag, auch übernimmt die Nachrichtenagentur DPA gerne mal Highlight-Aussagen. Im Falle Steinmeiers war es dessen Empfehlung, doch mal wieder Briefe zu schreiben. BamS, Steinmeier und Briefe schreiben – mehr Metapher für die Kommunikationskrise in der Krise gibt es nicht.

Die Krisenkommunikation von Kanzlerin #Merkel ist in einer Krise
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2 Kommentare zu “Merkel und die Covid-Pandemie: Die Krise der Krisenkommunikation

  • #1
    Yilmaz

    Bitte nicht vergessen, einige Zitate:

    – "Das wird uns nicht einen eizigen Arbeitsplatz kosten" (Altmaier)
    – "Das können wir uns leisten, es wird keine Steuererhöhungen geben" (Scholz)
    – "Das gute an diesem "Lockdown light" ist, dass er planbar ist und Handlungssicherheit gibt, da jeder weiß, dass er am 30.11. zu Ende ist" (Scholz)
    – "Wier müssen uns jetzt noch einmal anstrengen" (Merkel)

  • #2
    kassandro

    Mit der Krisenkommunikation ist das so eine Sache. Wenn man überzieht, dann wird man eventuell später nicht mehr ernstgenommen und genau das ist passiert. Merkel & Co haben ihr Pulver bei der ersten Welle verschoßen und stehen bei der stärkeren zweiten Welle ziemlich nackert da, zumal der jetzige Lockdown nur halbherzig ist. Beschränkungen im öffentlichen Raum werden einfach im privaten Bereich ausgeglichen, wo die Ansteckungsgefahr deutlich höher ist. Dehalb ist die Wirkung des Lockdowns deutlich geringer ausgefallen, als ich zu Beginn vorhergesagt habe. Rabiate Lockdowns wie z.B. jüngst in Israel sind sehr wirksam, wobei allerdigns der Schaden viel schlimmer als der Nutzen ist, weswegen ich solche Lockdowns grundsätzlich ablehne. Bei uns hat der weiche Lockdown nur ein Stabiliserung auf einem leicht erniedrigten Niveau gebracht. Eine Stabiliserung auf einem höheren Niveau, auf Deutschland umgerechnet etwa 50.000 Neuinfektionen pro Tag, scheint es auch in Schweden zu geben, wobei dort die 2. Welle erst mit etwa einem Monat Verspätung eingeschlagen hat. Die Sterbezahlen sind dort momentan umgerechnet auf die Bevölkerungsgröße noch etwas geringer als bei uns, aber da ist wahrscheinllch noch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Dennoch bin ich der Meinung bin ich der Meinung, dass der schwedische Weg der sachlichen Aufklärung und Empfehlung auf Dauer besser ist, als der der Bevormundung für den Merkel und Söder stehen.

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