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Michael Schumacher: Bischof hilft der Bild-Zeitung

Die Bild hat es geschafft, einen Aufmacher über Michael Schumacher hinzukriegen. Foto: Mario Thurnes

Michael Schumacher Foto: Mark McArdle Lizenz: CC BY-SA 2.0

Kirchenvertreter geben in Medien selten ein gutes Bild ab. Der jüngste Fall ist besonders bizarr. Erzbischof Georg Gänswein hilft Bunte und Bild, über Michael Schumacher zu berichten – und so den Wunsch der Familie nach Diskretion zu umgehen.

Die Kanzel war das Symbol für die Herrschaft des Pfarrers über seine Gemeinde. Buchstäblich stand der „Hirte“ über seinen „Schäfchen“ und sprach auf sie ein. Er konnte bei der Gelegenheit Moralpredigten über sie niederfahren lassen. Im Zeitalter der Prä-Massenkommunikation bot er aber auch ein wichtiges Nachrichtenforum: Wer zum Beispiel noch nicht von der Geburt des Bauernsohnes oder der Verlobung der Polizisten-Witwe erfahren hatte, tat dies im Gottesdienst.

Die Schäfchen strömen aber schon lange nicht mehr unter die Kanzel. Die Hegemonialmacht des Hirten ist selbst in Dörfern gebrochen. Zumal die Kirchen nicht mehr jede Pfarrei besetzen können.

Wenn größere Massen die Kirchen heute wahrnehmen, dann wenn diese sich medial präsentieren. Wobei das Kerngeschäft kaum zu verkaufen ist: ARD und ZDF übertragen zwar große Gottesdienste, Quotenhelden sind die aber nicht. Wenn Kirche vorkommt, dann über ihre Repräsentanten. Personalisierung gehört zu den wichtigsten Wegen zum Medienerfolg. Da machen Geistliche keine Ausnahme.

Das Kerngeschäft der Kirchen, die Seelsorge, ist selten Thema, wenn sich Geistliche medial positionieren. Zu ihrem Repertoire gehören eher politische Forderungen. Meist grüne. Die Programme von Kirchentagen lesen sich mittlerweile wie die von verlängerten Parteitagen. Zwei Veranstaltungen, auf denenKatrin Göring-Eckhardt nicht fehlen darf.

Käßmanns Ablasshandel

Manchmal versuchen die Geistlichen auch, ihre Prominenz zu nutzen, um Kirche medial zu inszenieren. Das geht dann richtig schief: So warb Margot Käßmann als Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjahr, indem sie an Silvester zur Datumsgrenze flog, um es dort zu begrüßen. Nun könnten Menschen wie Katrin Göring-Eckhardt oder eben Margot Käßmann einwenden, dass das aber gar nicht gut für die Umwelt ist, extra für einen PR-Gag einen so weiten Flug zu machen.

Doch die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) hatte vorgesorgt. Um ihr Gewissen zu erleichtern, zahlte sie in einen „Kompensationsfonds“ ein. Daher, so Käßmanns Argumentation, sei der Flug klimaneutral gewesen. Die Evangelische Kirche läutete das Reformationsjahr also mit einem Ablasshandel ein.

Diese Ironie blieb in deutschen Medien weitgehend unbemerkt – oder zumindest unkommentiert. Denn wenn Geistliche moralisieren, haben sie Journalisten meist auf ihrer Seite. Vor alle weil diese gerne selber moralisieren. Manchmal aber auch, um den Gestank so mancher Geschichte ein wenig zu lindern.

Zum Beispiel die Bild. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher ist seit fünf Jahren in einem schlimmen Zustand – die Folge eines Ski-Unfalls. Seit fünf Jahren bittet seine Familie drum, über diesen Zustand nicht zu berichten. So will sie die Würde des Verunglückten bewahren.

Bild wollte Familien-Wille schon lange umgehen

Seit fünf Jahren versucht die Bild alles, um diesen Wunsch zu umgehen. Schumacher ist ein Name, der zieht. Und das unter Auflagenschwund leidende Blatt hat solche Namen bitter nötig, um zu kaschieren, dass ihre Klatschseiten nur noch von der xten Geschichte über „Promis“ wie Sylvie Meis, Sophia Thomalla, den Sohn von Uschi Glas oder die Tochter von Roberto Blanco gefüllt werden.

Nun hat die Bild geistlichen Beistand gefunden, um den Wunsch der Familie zu umgehen. Der Erzbischof Georg Gänswein – laut Bild ein „Papst-Vertrauter“ – hat Schumacher vor zwei Jahren in der Schweiz besucht. Zuerst hat die Bunte darüber berichtet, nun hat Bild nachgezogen.

Der Bischof will nicht den Eindruck erwecken, einen Einsatz der Seelsorge zu nutzen, um „in die Medien zu kommen“. Deswegen lässt er sich in Bild zitieren: „Ich würde niemals etwas Privates, Vertrauliches zitieren.“ Bei 1. Johannes 2, 1 bis 6 heißt es allerdings: „An den Taten sollt ihr sie erkennen!“

Wer im Bild-Text den Johannes-Test macht, findet weitere Zitate von Gänswein: „… dann brachte ein Therapeut Michael Schumacher ins Wohnzimmer, ich habe mich vorgestellt und ihm erzählt…“

„Ich begrüßte Michael Schumacher und hielt seine Hände, die warm waren. Manches können Worte einfach nicht transportieren, aber eine Berührung kann es.“

Oder: „Zum Abschied habe ich mit dem Daumen ein Kreuzzeichen auf seine Stirn gezeichnet und ihm mein Gebet versprochen.“

Explizit wird es nicht ausgesprochen. Aber über die Schilderung wird deutlich, dass Schumacher sich nicht artikulieren kann. Man spüre, dass er Begegnungen wahrnimmt, lautet die Umschreibung. Und endlich hat die Bild ihre rührselige Geschichte von seinem Krankenbett – und den Heiligenschein der Bigotterie bekommt sie von einem „Papst-Vertrauten“ persönlich dafür verliehen. Im Gegenzug spricht die Bild den Gottesmann medial heilig: „Er ist ein Mensch… der nichts mit mehr Herzblut tut, als für andere da zu sein.“

Die vertane Chance

Gänswein hätte die Möglichkeit gehabt, gar nicht mit Medien über den Besuch zu reden. Die allermeisten Christen hätten wohl verstanden, wenn ein Geistlicher sich darauf berufen hätte, dass ein Besuch der Seelsorge nicht Thema irgendeiner Berichterstattung sein sollte.

„Wer mit der Bild schlafen geht, wacht mit der Bild auf“, heißt ein geflügeltes Wort. Bundespräsident a.D. Christian Wulff hat erfahren, was es bedeutet. Wer sich als Geistlicher auf dieses Niveau begibt, der steht dann auf einer Stufe mit Katrin Göring-Eckhardt und auch mit Sophia Thomalla. Vielleicht ist am Ende die Kanzel doch der bessere Ort für Geistliche.

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2 Kommentare zu “Michael Schumacher: Bischof hilft der Bild-Zeitung

  • #1
    Ke

    Es hat viele Gründe, warum auch die Volkskirchen das Volk nicht erreichen. Hier sind einige Beispiele aufgezählt worden.

  • #2
    Franj

    Man fragt sich wer ekliger ist. Der mediengeile Kirchliche, oder das Boulevardblättchen, das die Privatsphäre eines kranken Menschen nicht respektiert.

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