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Moria: Mehr Kälte wagen?

Das Flüchtlingscamp in Moria vor dem großen Feuer

Das Flüchtlingscamp in Moria vor dem Feuer Foto: Cathsign Lizenz: CC BY-SA 4.0

Eine Freundin sagte einmal, ich sei immer dann dagegen, wenn alle anderen dafür sind. Das hat mich nachdenklich gemacht. Manchmal, wenn ich etwas schreibe oder Zeuge einer politischen Diskussion werde, höre ich ihre Stimme. „Du willst nur dagegen sein“, sagt sie, oder „immer musst du querschießen.“ Seit dem Brand im Flüchtlingslager in Moria bin ich sicher, dass der Hinweis gut gemeint, aber eine Unterstellung ist. Denn was ich höre, ist eine monotone Abfolge der immer gleichen Auffassungen. Und dass ich anderer Auffassung bin, macht mir wirklich keine Freude.

Die allermeisten meiner Freunde sind links und ich befürchte, einige werden es für immer bleiben. Ich habe wie jeder vernünftige Mensch eine linke Vergangenheit, die sich mit der Zeit aber ausgewachsen hat. Zu welchem politischen Lager ich gehöre, kann ich nicht sagen, nur dass ich keine Lager mag (!). Und dass ich Vieles ohnehin nicht für eine Frage der politischen Orientierung, sondern für eine Frage von Vernunft halte.

Vernünftig finde ich zum Beispiel folgende zwei Statements: Es muss eine Obergrenze bei Einwanderung geben, da die aufnehmende Gesellschaft Arbeit leisten muss, um ankommende Einwanderer zu integrieren (Integration ist keine Einbahnstraße). Und: Nicht alle Einwanderer bringen gleiche Voraussetzungen mit, das heißt, nicht jeder Einwanderer ist für die aufnehmende Gesellschaft leicht zu integrieren. Ich halte das nicht für unumstößliche Wahrheiten, aber für Statements, die man auf einer Party mit erwachsenen Menschen sollte äußern dürfen, ohne sich dafür in Grund und Boden zu schämen. Wenn ich das so denke und in die WhatsApp-Gruppe blicke, wo es heißt: „Morgen dann zur Demo?“, kommen mir Zweifel.

Ich schaue also bei dieser Demo vorbei. Nur ganz kurz. „Wir haben Platz“, sagen sie dort und ich denke: Das ist ein ziemlich radikales Statement, denn es beantwortet die Frage, wie viele Menschen wir von Lesbos zu uns holen, mit der Antwort „alle“ und schiebt dann hinterher: „Was denkst du denn?“ So als sei das ein Thema, zu dem es keine unterschiedlichen Meinungen geben dürfe. Ist das schon Gruppenzwang oder bin ich einfach kalt und herzlos?

Bei Politik geht es darum, schwierige Entscheidungen unter Abwägung ihrer Folgen zu treffen. Dazu gehört natürlich die Frage, welche Signale man sendet. Gibt es einen Pull-Effekt? Machen wir uns erpressbar? Jetzt wieder ein Alleingang? Diese Fragen kann nicht beantworten, wer sich von Gefühlen leiten lässt. Gefühle machen leichtsinnig und erpressbar. Und bei diesen Themen gibt es immer ein „Wie kannst du nur dagegen sein?“, da sie eine moralische Dimension haben.

Ich denke, das ist der Grund, weshalb Menschen eine wirkliche Auseinandersetzung meiden und sich lieber auf die charmante von zwei einfachen Lösungen zurückziehen, nämlich alle rein, statt keiner rein: Niemand möchte in den Augen anderer Menschen ein „kaltherziges, undankbares, egoistisches, empathieloses, ekelerregendes Arschloch“ sein. Diesen Luxus hat allerdings nur, wer selbst keine direkte Verantwortung trägt. Alle anderen müssen ein wenig mehr Kälte wagen.

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6 Kommentare zu “Moria: Mehr Kälte wagen?

  • #1
    HolleSonnenberg

    Viele deiner Fragen sind tatsächlich beantwortet. Deine Beschreibung klingt sehr danach das sich niemand die Mühe macht dir deine Fragen ausführlich zu beantwortet. Das ist natürlich schade. Und ich verurteile herablassendes Gehabe, gerade wenn die Antwort angeblich so offensichtlich scheinen. Deine letzten beiden Sätze ergeben für mich aber keinen Sinn und in diesem Kontext nicht wirklich folgerichtig.
    Ich denke ich kann von mir mit guten Gewissen behaupten ein "kaltherziges, undankbares, egoistisches, empathieloses, ekelerregendes Arschloch" zu sein. Trotzdem bin ich strikt dafür alle Menschen dort gemäß unseres Grundgesetzes zu behandeln.
    Denn das wir andere Staaten dazu nötigen die Menschen von uns fern zu halten ist ja eher ein formaler Kniff mit dem wir uns vor der Verantwortung drücken wollen die unser Grundgesetz uns aufbürden würde, wenn diese Menschen es bis an unsere Grenze schaffen würden.
    Dieses Gesetz zwingt uns dazu, erst einmal jeden Menschen aufzunehmen und die Statthaftigkeit seines Anliegens gründlich zu prüfen.
    Dieses Recht verweigern wir diesen Menschen durch den Trick andere dafür zu bezahlen das diese Menschen es eben nicht bis zu uns schaffen.
    Meine Perspektive ist jedoch folgende:
    Das ist gar nicht das Recht der Geflüchteten. Es ist mein Recht. Es ist mein Grundgesetz in dem meine grundlegenden Rechte festgehalten sind. Wer auch immer der Meinung ist durch einen formellen Trick dieses Grundgesetz auszuhebeln, wird auch dazu bereit mir andere Rechte zu nehmen, wenn die entsprechende Situation es nahelegt.
    Grundlegende Rechte gelten alle, immer und für jeden. Das ist ihre Definition.
    Oder, um es etwas besser auf den Punkt zu bringen:
    Die Menschen die dafür verantwortlich sind das auf Lesbos Menschen hungernd und verzweifelt unter unwürdigen Umständen eingepfercht hausen müssen, werden dies auch mit dir und deiner Familie machen, wenn sie es für richtig halten und die Umstände entsprechend sind.
    Das die Umstände es nicht sind, ist wohl eher Zufall als dein persönlicher Verdienst.
    Für mich geht bei der ganzen Sache also nicht um irgendwas nettes, sondern um etwas zutiefst egoistisches.

  • #2
    Yilmaz

    In den Nachrichten kommen soeben Infos, das aus Samos das nächste Lager brennt, das haben ausser unserer Regierung viele vorhergesehen und es war so zu erwarten, da damit das falsche Zeichen gesetzt wurde.

    Die Lösung muss dort vor Ort geschaffen werden, man muss den Menschen helfen, aber vor Ort, nicht zu vergessen, die Menschen sind schon in einem sicheren Drittland in der EU.

  • #3
    Berthold Grabe

    Ich denke, wenn wir es wirklich ernst meinten mit der Moral, dann hätte es in Moria niemals so menschenunwürdige Zustände gegeben, es geht gar nicht um das Wohl der Menschen sondenr schlicht um Gewissenberuhigung.
    Moralisch wäre es gewesen diese Menschen anständig unterzubringen und bei Besserung der Lage abzuschieben. Schon alleine wegen denen,die wirklich keine andere Wahl haben. Denn deren Status wird damit langfristig gründlich untergraben und unglaubwürdig gemacht.
    Schon heute leiden viele Migranten unter Diskriminierung, weil wir wahllos Menschen aufnehmen, die das nicht zu schätzen wissen und durch ihr Verhalten Vorurteile schüren und damit alle diskreditieren.
    Eine hundserbärmliche Politik,die nichts mit Humanität zu tun hat. Wäre sie human, käme sie ihrer Verantwortung nach und würde Verantwortung einfordern.

  • #4
    discipulussenecae

    @ 1:

    "Dieses Gesetz zwingt uns dazu, erst einmal jeden Menschen aufzunehmen und die Statthaftigkeit seines Anliegens gründlich zu prüfen."

    Das stimmt so nicht; das GG ist schon vor vielen Jahren entsprechend geändert worden.

    Ich habe neben vielen andere auch dies Problem: Wir sind ein reiches Land, haben genug Platz und sind moralisch verpflichtet, jeden reinzulassen, der sich politisch verfolgt fühlt. Wann sollen wir damit aufhören? Wenn die Linke nicht mehr existiert, die Grünen unter 5 und die AfD über 50 Prozent ist?

    Wie lange kann rein ein moralisches ohne jedes sachliche Argument unterfüttertes Empfinden als Triebfeder der Politik funktionieren?

  • #5
    Bochumer

    Sehr guter Artikel. Er bringt das Problem auf den Punkt: Zwischen alle-raus und alle-rein wird keine Position geduldet. Das führt auch dazu, dass die Regierungen die Außengrenzen still und heimlich total dichtmachen und die Lage in Griechenland stillschweigend fördern.
    Das wird sich auch nicht ändern. Bald ist wieder was anderes in den Medien… für eine Weile…

  • #6
    HolleSonnenberg

    @4 Das Gesetz ist dahingehend geändert worden das wir nach einer Prüfung sagen können: Nein, diesen Menschen brauchen wir nicht aufzunehmen da er bereits in einem sicheren Drittstaat war. Aufnehmen und prüfen müssen wir trotzdem erst einmal.
    Es stimmt nicht das es der Afd oder anderen Rechten Parteien hilft wenn man mehr Flüchtlinge aufnimmt. Das ist ein Märchen was schon lange wiederlegt ist.
    Ich persönlich finde meine Argumentation war sehr sachlich und hatte keinerlei "Empfindungen" als Grundlage.
    Zu dem Argument mit den begrenzten Ressourcen die Zeit titelte gestern: "Bundesregierung bietet eine Milliarde Euro zur Rettung der Pipeline".
    Bzw: Ist jemanden aufgefallen wie viel mehr Geld für die Menschen in diesem Land übrig ist seitdem wir hier nicht mehr so viele Flüchtlinge haben wir noch 2015?

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