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Musikzentrum Bochum – Eine kleine Architekturkritik

Es sollte ein großer Wurf werden, ein architektonisches Highlight für Bochum. Doch der Siegerentwurf bietet nur eine Ziegelkirche – eingeklemmt zwischen zwei ebenfalls geziegelten Schuhkartons. Von unserem Gastautor Volker Steude.  Volker Steude ist Initiator des Bürgerbegehrens Musikzentrums, das die Bochumer Bürger an Stelle des Rates darüber entscheiden lassen will, ob das Musikzentrum gebaut werden soll.

Sollte dieser Entwurf verwirklicht werden, entsteht an der Viktoriastraße kein Hingucker, sondern ein weiterer uninspirierter Dutzendgebäudekomplex wie er in vielen Städten zu finden ist. Chancen wurden verschenkt, aber viel mehr ließ der Kostenrahmen wohl auch nicht zu.

Die Kirche wird zu einem Foyer für Konzertsaal und Musikschulsaal – die Ziegelblöcke links und rechts der Marienkirche. Die große architektonische Herausforderung des Wettbewerbs zum Musikzentrum war es, die Marienkirche in architektonisch innovativer und überraschender Weise in einen Musiksaal umzugestalten. Die Umnutzung von Kirchen und die Umwandlung von kirchlichen Gebäuden – da gibt es viele interessante, architektonisch gelungene Umsetzungen. Dieser Entwurf wird leider nicht dazu gehören. Die Kirche bleibt leer, bleibt wie sie ist, und wird zum bloßen Aufenthalts- und Durchgangsraum. Diese Idee, wenn sie als solche überhaupt bezeichnet werden kann, ist phantasielos. 

Die Ziegelblöcke links und rechts der Marienkirche klemmen diese regelrecht ein und führen zusammen mit den – nach außen nahezu geschlossenen – Ziegelwänden gerade nicht zu einem Musikzentrum, mit der von vielen erhofften offenen und lichten Wirkung auf die Besucher und Betrachter. Stattdessen wird entlang der Viktoriastraße der Eindruck einer bedrohlichen meterhohen, abweisenden Mauer entstehen. Das Gebäudeensemble wird sich nicht zum Bermuda-Dreieck öffnen. Stattdessen befindet sich das Eingangsportal zum Kirchenfoyer im „Hinterhof“ der Stadt an der Humboldt bzw. Maximilian-Kolbe-Straße. Dort wird sich auch ein großer Platz erstrecken, dessen Verödung aufgrund der mangelnden Anbindung an das eigentliche Vergnügungsquartier schon jetzt vorhersehbar ist.

Der Entwurf ist entlarvend. Anspruch der Stiftung Symphonie war es doch angeblich mit dem  MusikZENTRUM ein integriertes Nutzungskonzept für Konzertsaal, Kirche und Musikschulsaal zu entwickeln. Aus der finanziellen Not wurde diese Idee geboren: Um das Konzerthaus bauen zu können, braucht man die Mittel aus der Kirchensanierung und muss das Projekt  „Konzerthaus“ um einen musikpädagogischen Ansatz erweitet werden, weshalb es wiederum des Anbaus einer Spielstätte für die Musikschule bedarf. Dem Entwurf gelingt es aber nicht die drei Bauteile in einem organischen Gebäudekomplex zu integrieren und so auch baulich eine Symbiose aller drei Teile herzustellen. Tatsächlich sollen jetzt drei völlig unabhängige Gebäude ganz schlicht nebeneinander gebaut werden.

Der Betrachter fragt sich, warum der Musikschulsaal noch neben die Kirche gequetscht werden soll, anstatt dass er direkt an die bestehende Musikschule am Westring gebaut wird, was für die Musikschule sicher mehr Sinn machte.

Wofür braucht der Konzertsaal eine ganze Kirche als Foyer? Wären da nicht bessere Nutzungen möglich gewesen? Im Viktoriaquartier hätten sich vermutlich sogar private Investoren gefunden, die die Kirche als Hotel, Restaurant, Diskothek oder anderem nutzbar gemacht hätten.

Ebenso wie also die Funktionalität des vorliegenden Entwurfes sich als eindimensional und einfallslos darstellt, so steht es auch mit dem Innenraum. Nicht Besonderes, nichts Innovatives ist zu erkennen. Jahrhunderthalle und Audimax haben da optisch mehr zu bieten.

Wohl um zu vermeiden, dass Bau- und Folgekosten zu arg aus dem Ruder laufen, hat man sich für diesen im Ergebnis belanglosen Entwurf entschieden. Architektonische Experimente bergen Kostenrisiken. Glasfassaden haben hohe Unterhaltskosten zur Folge. Hohe Ansprüche an die Architektur waren unter diesen Rahmenbedingungen kaum erfüllbar. Diejenigen, die gehofft haben, mit dem Musikzentrum könnte die Innenstadt um ein architektonisches Bauwerk bereichert werden, wegen dem Menschen nach Bochum kommen könnten, müssen angesichts des vorliegenden Entwurfes enttäuscht sein.

Der Autor ist ein Freund zeitgenössischer Architektur. Das von ihm in Bochum gebaute Wohnhaus wurde im Rahmen des Architekturpreises NRW neben dem schwarzen Diamanten, der Bochumer Synagoge und dem Museum Situation Kunst als ausgezeichneter guter Bau 2006-2010 prämiert.

 

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62 Kommentare zu “Musikzentrum Bochum – Eine kleine Architekturkritik

  • #1
  • #2
    Daniel K.

    Ich schlage für diese Art der politischen Entscheidung aus Panik vor Kostenexplosionen im architektonischen Bereich den Begriff Elbphilharmotraumanie vor.

  • #3
    Bauassessor

    Das Interessante an Architektur ist, dass man sich ihr nicht entziehen kann und jede/r eine Meinung dazu haben kann. Objektiv „richtig“ und „falsch“ gibt es nicht. Die Schöpfer von Architektur unterliegen i.d.R. zahlreichen restiktiven Rahmenbedingungen (Wünsche des Bauherrn, Kostenrahmen, planungs- und bauordnungsrechtliche Zulässigkeit etc.) und treffen natürlich auch nicht immer dem Geschmack der breiten Masse. Schön, wenn ein breiter Diskurs statt findet!!

    Mich verwundert nur etwas, dass die Ruhrbarone den Eindruck erwecken (wollen?), der Gastautor wäre ein ausgezeichneter (prämierter) Architekt. Das von ihm (einem Ökonomen) gebaute (Eigenleistung???) Haus wird er vermutlich nicht selbst entworfen haben, oder?

    Die vom Autor angeführten „architektonisch gelungenen Umsetzungen“ (link im Text oben) kann sich ja jede/r mal ansehen und sich selbst ein Urteil bilden. Überwiegend handelt es sich dabei nämlich um reine Nutzungsänderungen im Gebäudebestand.

    Wie gesagt: Eine Diskussion über Architektur und Baukultur finde ich gut, auch wenn häufig der Eindruck entstecht, dass es immer Nögeler/innen gibt, den man es nie Recht macht kann.

  • #4
    Arnold Voß

    Aus städtebaulicher Sicht kann ich der Kritik nur zustimmen. Die architektonische Öffnung und die sozialräumliche Zuwendung zur Viktoriastraße, sowohl was die Transparenz der Fassade als auch und vor allem was den zentralen Eingangsbereich betrifft, ist dringend erforderlich.

    Zur städtebaulichen Rolle der schon lange zur Bebauung anstehenden Brache, der Marienkirche sowie der Viktoriastraße als solcher habe ich mich übrigens schon vor mehr als 10 Jahren in einem ausführlichen Entwicklungsgutachten fachlich geäußert.

    Siehe:

    http://www.bermuda3eck.de/Gutachtenvoss.pdf

    Was die Funktionalisierung der Kirche als Fojer betrifft, bin ich anderer Meinung. Nichts gegen die vielen Beispiele gelungener Umnutzungen/Umbauten aber in der Rolle des Fojers bleibt der ehemals sakrale Raum in seiner luziden und filigranen Höhenwirkung am meisten/besten erhalten.Eine räumliche Öffnung durch einen neuen/erweiterten Eingang an der, bzw. zur Viktoriastraße würde diese Wirkung eher ergänzen als stören.

  • #5
    DH

    Letztendlich muss man dem Entwurf dankbar sein, dass er die verbalen Überdrehtheiten, die sich um das Musikzentrum rankten, auf eine sachliche Betrachtung der Bauaufgabe zurückgeführt hat. Deren letztlich allein dem Finanzierungskonstrukt geschuldete Komplexität ist in entwaffnender Offenheit in seine (drei) Einzelteile zerlegt. Ehrlicher (oder wie der Autor das nennt: fantasieloser) geht’s nicht.

    Ansonsten: Der Entwurf hat nichts Bedrohliches oder gar Abweisendes (so wie ich zumindest das Rendering lese, ist der Haupteingang sehr wohl an der Viktoriastraße vorgesehen; Architektur kennt wunderbare Ziegelmauerwerke; lediglich der Platz vor der Ziegelfassade schient mir noch nicht zu Ende gedacht: da geht mehr).

    Nein, der Entwurf, sollte er denn so gebaut werden, drückt eher eine Art manufactum-Bürgerlichkeit aus. Insofern würd’ ich sagen: das passt schon. Für das Wilde und Verwegene im neuen Viktoriaquartier sind eh Andere zuständig.

  • #6
  • #7
    Volker Steude

    Es stimmt, der Hauptzugang zum Munsikzentrum soll über den Chor der Kirche erfolgen, also über die Kirchenrückseite. Hier ist wenig Raum. So dass der Eingang beengt und von außen behelfsmäßig wirkt (siehe Bild oben). Das eigentliche Hauptportal der Kirche auf der Turmseite soll hingegen geschlossen werden, wodurch dem davor liegende Marienplatz die Bedeutung als Kirchenvorplatz genommen wird.

    Ob die luzide und filigrane Höhenwirkung des sakralen Raumes erhalten bleibt, ist fraglich. Im unteren Bereich der Fenster schließen die Nachbarbauten direkt an, die oberen Bereiche verschatten die eng an die Kirche angebauten Ziegelfassaden der Blöcke von Konzert- und Musikschulsaal doch erheblich (kann man hier gut sehen: http://www.bochumer-symphonie.de/download/musikzentrum-entwurf.zip).

    Noch eine Anmerkung: Das von ihm gebaute Haus hat der Autor nicht ohne fähigen Architekt gebaut, aber in wesentlichen Teilen selbst maßgeblich mitentworfen ;-). Gleichwohl ist der Autor kein Architekturexperte und schließt sich der bereits geäußerten Meinung an, dass man über Architektur streiten kann aber auch sollte.

  • #8
    Arnold Voß

    @ DH # 5 Volker Steude # 6

    Der jetztige Haupteingang ist, wohlmöglich aus Rücksicht auf den Chor, bzw. dessen weitgehenden Erhaltes, nach meinem Dafürhalten unangemessen klein geraten und wirkt deswegen trotz seines Anschlusses an die Viktoriastraße eher wie ein Seiteneingang. Da hätten die Architekten ruhig mutiger sein können.

    Orientiert an der Achsensymetrie der Chorfenster wäre hier auch eine Verglasung, bzw. ebenerdige Öffnung rund um das Chor möglich. Ein so angemessen großzügig definierter Eingangsbreich wäre dann auch aus der Sichtachse der Viktoriastraße in beiden Richtungen schon von Weitem gut wahrnehmbar. Von der Sichtachse aus der Kerkwege ganz zu schweigen.

  • #9
    Eva

    Was passiert mit den wunderbaren alten Platanen, die jetzt noch seitlich an der Kirche stehen? Wenn ich den Entwurf richtig interpretiere, ist für die kein Platz mehr, so dass sie wohl gefällt werden sollen. Und das in einer Gegend, in der es ohnehin wenig Grün gibt, was durch einen massiven Kahlschlag in letzter Zeit (Springerplatz) noch verschlimmert wurde. Schöne alte Bäume sollen weichen für einen hässlichen Klotzbau, den kaum einer braucht und der nur Geld verschlingt. Das wäre eine Untat.

  • #10
    DH

    Nachdem ich nun den Grundriss gesehen habe (vielen Dank für’s Verlinken, Volker Steude), würde ich auch sagen, ja, beim Eingangsbereich geht noch was (der Ticketshop kann anders platziert werden); der Freibereich entlang der Viktoriastraße ist ohnehin noch nicht zu Ende entworfen (schrieb ich schon). Das grundsätzliche Problem, dass, salopp gesagt, die Kirche nun falsch herum steht, wird man nicht gänzlich zum Verschwinden bringen können. „Hinten ist jetzt vorne“, das hätte, da haben Volker und Arnold recht, der Entwurf daher noch etwas klarer betonen können.

  • #11
    Volker Steude

    @Arnold Voß #7

    Das wäre eine ansprechende Möglichkeit. Stattdessen sollen die jetzigen Fenstergrößen erhalten bleiben, die bei der notdürftigen Wiederherstellung nach dem Krieg in die eigentlich ursprünglich viel größeren Fensteröffnungen eingezogen wurden (siehe oben). Weshalb die Kirche letztlich auch nie unter Denkmalschutz gestellt wurde.

  • #12
    Gregor Sommer

    „Brauner Bunker“ kommt der Sache, was da gebaut werden soll meiner Meinung recht nah. Aber auch „Konzertbunker“ könnte man im Volksmund bestimmt finden, sollte dieses unerträgliche „Marienkirchenrettervorgaukelsubentionsbetrugsmodellgebäude“ tatsächlich gebaut werden.
    Man könnte ja mal einen Wettbewerb für den originellsten Namen dieser Schandmahlplanung ausrufen!?

  • #13
    Mir

    Könnte man zumindest irgenwann einmal zu einem Donjon um­funk­ti­o­nie­ren.

  • #14
  • #15
    Urmelinchen

    Klötzchenbutze oder Musikmausoleum sind Namen, die mir spontan eingefallen sind. 😉

    Bin definitiv nicht vom Fach, aber wenn ich mich recht entsinne, stand in einer dieser aus Worthülsen bestehenden Präsentation des geplanten Musikzentrums sehr viel von „Viertel (musikalisch) einbeziehen …“. Wenn ich etwas einbeziehen will, muss ich Offenheit schaffen, um es mal ganz platt zu formulieren. Das Konzept hingegen wirkt doch sehr hermetisch.

    Ich vermute aber auch, dass für 33 Mille nicht mehr als Klötzchenbau drin war. Und selbst die Klötzchen werden ja teuer als „geplant“.

    PS: Ich warte schon die gante Zeit darauf, dass sich unser verehrter Herr Kulturdezernent mal wieder zu Wort meldet, um das Vorhaben standhaft und gemäß der im Rat herrschenden Meinung weiterhin beinhart zu befürworten.
    Ob Herr Townsend letztlich dann auch von nichts gewusst haben will – like our beloved Wowi in Berlin -, wenn es „urplötzlich“, „aus heiterem Himmel“ teurer wird.

  • #16
    Rheinländer

    Das Kolumba Museum von Zumthor gibt es schon und ist relativ beliebt,
    obwohl es ein Museum unter der Regie des Kardinals Meisner ist.
    So hat die Architektur des Gebäudes Persönlichkeit.

  • #17
    Ben

    Das Kolumba ist ein seltsamer Bau, in dem ich mich bei keinem Besuch wirklich wohl gefühlt habe. Die Überbauung der historischen Ruinen wirkt eher zweckmäßig, die Architektur des Gebäudes selbst abweisend und viel zu monumental. Der Treppenaufgang weiß nie so recht, ob er jetzt Speer oder doch lieber das jüdische Museum zitieren will und die großen Räume im obersten Stockwerk wirken leer und unpersönlich. Die wenigen Fenster schaffen zwar interessante Sichtachsen, können aber das Bunkerfeeling auch nicht mehr ändern. Aber vielleicht fühlt sich der Deutsche an sich auch gerade deshalb darin so wohl. 😉

    Zum Musikzentrum: Ich halte die Idee, dass man auf Klinkermauerwerk setzen will, gelinde gesagt für katastrophal. Man ahnt, warum die Grafiken auf keine natürlichen Farben setzen, sondern über sie so ein merkwürdiger Filter gezogen wurde: In einer realistischen Farbdarstellung nämlich wurde sich das ganze Grauen offenbaren, würde man erkennen, dass hier in der Tat kein origineller Bau hochgezogen werden soll, sondern man die Innenstadt mit einem hässlichen Klotz versaut, dessen Ästhetik mehr an Schul- und andere Zweckbauten erinnert.

    Das Problem dieses Entwurfs ist, dass man sich für ihn nur aus reinem Pragmatismus entschieden haben dürfte, nämlich um „endlich“ in der Planung des Konzerthauses einen Schritt vorwärts gehen zu können. Das aber ist – gerade angesichts der Lage – der vollkommen falsche Weg: Entweder entscheidet man sich wirklich für ein anspruchsvolles Gebäude, das seine Umgebung miteinbezieht und das wirklich ein Hingucker ist (im positiven Sinne) oder man gibt ganz offen zu, dass man sich so etwas einfach nicht leisten kann und hängt die Sache an den Nagel.

    Die Idee für die innere Ausgestaltung finde ich indes gar nicht mal so schlecht. Zwar wäre dort auch sicherlich ansprechenderes gegangen, aber das Innere hat eine gewisse schlichte Eleganz, die sicherlich austauschbar ist, aber längst nicht so abweisend wirkt wie das Äußere. Soll heißen: Andere Fassadengestaltung und ich könnte damit durchaus leben.

  • #18
    Ben

    Nachtrag:

    Die Ruhrnachrichten zitieren übrigens Marina Grochowski mit den Worten: „Es ist gut, dass keine Stararchitekten ausgewählt wurden, die keinerlei Abstriche an ihrem Entwurf hingenommen hätten“ – Man möchte bei so viel Peinlichkeit eigentlich dauernhaft die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen. Da sind nämlich im Wettbewerb Entwürfe wie der von Hilmer & Sattler und Albrecht (die mit dem Ritz Carlton am Potsdamer Platz so etwas wie eine Rückbesinnung auf das Art Déco versucht und dem Platz damit wenigstens etwas Charakter verliehen haben) und man entscheidet sich dann natürlich nicht für die Landmarke, die an sich schon Touristen anziehen würde und die Bochum einen gewissen Ruf einbringen würde, sondern man wählt den Entwurf aus, an dem man noch am meisten nach unten modellieren kann. Böte eine bekannte schwedische Möbelfirma Konzerthäuser an, Bochum würde es sofort kaufen. Wer braucht schon Stil und Anspruch, hauptsache es geht billig und schnell.

  • #19
    DH

    Es ist immer wieder interessant zu lesen, mit welchen Erfahrungshintergründen, Maßstäben und ästhetischen Dispositionen Architektur bewertet wird – und wie sehr sie sich mitunter von den eigenen unterscheiden. Insofern will ich zu „Klötzchen, Klinker, Katastrophen“ auch hier nichts sagen, sondern nur einem hier mehrfach vorgebrachten Einwand begegnen: Das Musikzentrum ist kein Haus, das „Touristen anziehen“ soll (es muss also keinen Bochumer Bilbaoeffekt auslösen), sondern sein Zweck ist es, den behaupteten lokalen Bedarf nach einem Konzertsaal (plus Musikschule) zu decken und dabei als (weiterer) Baustein dieses verwaltungsseitig ausgedachten Viktoriaquartiers zu fungieren. Das Sympathische an diesem Entwurf ist es, dass er gerade nicht den bislang eher bescheidenen Kontext mit großer Geste zu überspielen versucht, sondern die ganzen (auch aus dem politischen Raum befeuerten) Aufgeregtheiten ob eines zu erwartenden Architekturspektakels für das neue Kreativ-Viertel schon fast subversiv ins Leere laufen lässt.

  • #20
    Wawa

    Seien wir doch mal ehrlich: mehr ist für ca. 33 Millionen einfach nicht drin – und die wird es ja am Ende auch nicht kosten, sondern mehr!
    @ Ben: Über den Satz von Frau Grochowski bin ich damals auch gestolpert. Mehr kann ein Architekturbüro nicht diskreditiert werden. Das ist ein guter Anfang für die Zusammenarbeit.
    Ich freue mich auch schon auf die Abstriche, die nach und nach durchgesetzt werden müssen, bin schon gespannt, was das erste sein wird.

  • #21
    Wawa

    Nachtrag:

    Werden denn bis zum Stichtag am 31. Mai 2012 (siehe: http://www.bochumer-symphonie.de/) überhaupt alle Stiftungsmittel aufgetrieben? Wenn nicht, müsste das Projekt eigentlich am 1. Juni von der Stadt ad acta gelegt werden – wird sie aber nicht tun, sondern irgendeine Sonderregel aus dem Hut zaubern…..

  • #22
    Urmelinchen

    @DH
    Selbstverständlich taugt so eine Klötzchenarchitektur – über Geschmack, in diesem Fall Architektur, lässt sich ja bekanntlich immer streiten -, um dem Zwecks des Unterfangens gerecht zu werden: Schaffung einer Heimstätte für die BoSy.
    Doch wenn Bochum sich auf Gedeih und Verderb dauerhaft im Nothaushalt einrichten will, dann sollte es die Stadt es doch wenigstens auf eine ästhetisch ansprechende, inspirierende, … Art und Weise tun. Aber nein, das tut sie dann auch nicht, es soll ja alles im Rahmen der 33 Mille bleiben, was es ja nicht tun wird. Erbärmlicher geht es doch kaum. Das Provinzlertum dieser Stadt ist aus jeder Pore bzw. jedem „Klötzchen“ heraus zu spüren.

    Ach, by the way, es gab in den hiesigen Buchläden mal einen einen sogenannten Abrisskalender zu kaufen. Da konnte an jedem Tag des Jahres im wahrsten Sinne des Wortes ein hässliches, in D-land sich befindliches Gebäude abreißen. Bochum war übrigens mit 4 Gebäuden vertreten. Vielleicht reichte den Stadtherren das noch nicht, weiß man’s? 😉

  • #23
    Stefan Laurin

    @Wawa: Die Stadt sagt jetzt, dass sie Zeit hat bis Post aus der Landeshauptstadt kommt – und die verzögert sich um ein paar Wochen wegen der Neuwahl. Mal schauen – auch wenn es nicht reicht wird die Stadt schon einen Trick finden.

  • #24
    Wawa

    @Stefan Laurin: Das sehe ich leider genauso. Denn wie schreibt es Herr Streletz (WAZ) auf der FB-Seite unseres allseits geschätzten Kulturdezernenten: Werner Streletz Hört denn diese Nörgelei niemals auf! Gähn… ! Ich bin, froh, wenn der erste Stein gesetzt ist.

    Wenn schon die – eigentlich – kritische Presse in die Bresche der Stadt springt, dann Prost Mahlzeit!

  • #25
    Urmelinchen

    @ Stefan Laurin
    Ja, das ist schon eine üble Schmierenkomödie. Natürlich werden die drei Mill. auch bis Eingang der Post aus der Landeshauptstadt nicht beisammen sein. Aber für den Fall hat man sicherlich schon die nächste Worthülsenschlacht in der Schreibtischschublade.
    Das Ding ist politisch gewollt, koste es, was es wolle, und wenn die Bochumer sich auf ewig daran verschlucken. Aber gut, Widerstand oder zumindest Unmut ist in dieser lethargischen Stadt nicht vorhanden. (Herr Steude, Sie sind derzeit eine wohltuende Ausnahme. Klar, auch die Ruhrbarone, die das Podium bieten und selbst kritisch nachhaken.) Die lieben Ratsherren können machen, was sie wollen, das Kreuz der Wähler ist hier in Stein gemeißelt. Daher dürfen sich die Bochumer dann auch nicht wundern, wenn sie wie dummes Wahlvieh behandelt werden.

  • #26
    DH

    @#22: Ja, man kann über Architektur streiten – allerdings ist wiederholtes „Klötzchen!“-Rufen nicht wirklich ein Streiten, denn es fehlt ein wichtiges Moment, das Argumentieren. Auch über’s „Provinzlertum“ kann man streiten: Die verbreitete Haltung z.B., das Musikzentrum müsste gefälligst ein „Hingucker“ sein, um Bochums Renommee nach innen und außen zu mehren, verbuche ich unter provinziell. Es ist die alte Krankheit des Ruhrgebiets, sich selbst nicht zu genügen, sich selbst nicht für voll nehmen zu können, um Anerkennung von außen zu betteln. Da ist mir ein Entwurf, der die diesbezüglichen Erwartungen sowohl von Befürwortern wie auch Kritikern des Musikzentrums unterläuft, keine schlechte Pointe.

    To sum it up: Es gibt viele gute Gründe, den Bau des Musikzentrums abzulehnen; der Wettbewerbsentwurf ist es nicht.

  • #27
    Hans-Ulf

    Bochum ist eine kulturelle und architektonische Vollkatastrophe. Warum sollte das Musikzentrum da eine Sonderrolle einnehmen? Jeder kriegt was er verdient.

  • #28
    Daniel K.

    @ DH; was den standortwerbischen Logo-Faktor richtig guter Architektur angeht, würde ich doch mal einen Blick über den provinziellen Ruhrgebiets-Tellerrand hierher riskieren: #Eiffelturm #Sydney Opera House #Guggenheim Bilbao #Elbphilharmonie

  • #29
    Stefan Laurin

    @Daniel: So etwas können sich nur wirtschaftliche erfolgreiche Städte leisten. Zu denen gehört Bochum nicht.

  • #30
    DH

    @#28 (Daniel): Dass die Stadtmarketingkamarilla ein „standortwerbisches“ Verhältnis zu Kulturbauten hat, ist nun wirklich keine Neuigkeit. Das Ruhrgebiet leidet nicht an einem Mangel an Ikonen, wohl eher am Mangel guter und doch unprätentiöser Stadtarchitektur. Provinziell ist eher der Reflex, jedes lokal einigermaßen bedeutsame Gebäude müsse dem Ruhrgebiet mindestens Weltgeltung verschaffen. Insofern ist mir ein neobürgerliches Musikzentrum in manufactum-Manier hier mal lieber als die zehnte oder zwanzigste Krawallschachtel, die einem das übliche „I AM A MONUMENT“ entgegenplärrt.

    Die Oper von Sydney, die Elbphilharmonie, der Eiffelturm – all das ist schlicht der falsche Maßstab für diejenigen Fragen, die sich beim Bochumer Musikzentrum stellen.

  • #31
    Arnold Voß

    Was die Logo-, Star- und sonstwie marketingorientierte Architekturüberhöhungsdiskussion betrifft, kann ich hier DH nur zustimmen. Aber der städtebauliche und sozialräumliche Kontext dieses Gebäudes ist nun mal der Teil der Bochumer Innenstadt, der – sogar im gesamten Ruhrgebietsmaßstab – auch jenseits des Einkaufens und Arbeitens besonders belebt ist: das sogenannte Bermudadreieck und seine nähere Umgebung.

    Dem Bermudadreieck als unmittelbarem Nachbarn/Gegenüber und damit vor allem der Viktoriastraße sollte sich das Gebäude deswegen mehr als in der jetzigen Entwurfsfassung der Sieger zuwenden. Nicht zuletzt auch weil dieses Viertel die ideale urbane Nutzungsergänzung zum Musikzentrum ist und umgekehrt

    Dabei ist die Viktoriastraße zugleich die Verbindung zum nahe gelegenen Stadttheater und zum künstlerisch-kulturell und einkaufsmäßig immer attraktiver werdenen Stadtteil Ehrenfeld. Auf dem Weg dorthin liegt zur rechten Hand entlang des Bahngleises ebenfalls ein zur Zeit und in Zukunft eher kulturell genutzes Gebäude: der ehemalige Katholikenbahnhof.

    Eine größere gebäudlich-architektonische Öffnung zur Verbindungsachse Viktoriastraße ist also alles in allem sowohl unabdingbar für die lokale und regionale Attraktivitätssteigerung des Gebäudes als auch und vor allem zur stärkeren städtbaulichen Integration in das sogenannte Viktoriaviertel.Ich hoffe sehr, dass dies von den Architekten noch (nach)geleistet wird, bevor das Gebäude in die Bauphase kommt.

  • #32
    Ulrich Fuchs

    Es geht ja nicht unbedingt drum, dem Ruhrgebiet weltgeltung zu verschaffen, wenn man an einen so solitären Bau die Anforderung stellt, mehr als praktisch zu sein. Darf man das Wort „schön“ in der Postpostmoderne eigentlich noch nutzen?

    Lieber DH, man ist nicht großmannssüchtig, nur weil man Ansprüche an seine Umgebung hat.

    Nein, das muss keinen Bochumer Bilbaoeffekt auslösen. Aber es sollte eben auch nicht den ansonsten üblichen Bochumer Effekt („hey, die bauen auch 2012 noch graue Architektur, die raffen’s echt nicht“) auslösen.

    Ich bin mir mit dem Bau nicht so sicher. Ich mag den „Schnitt“ der Kirche durch das Gebäude. Ich mag die Klinkerfassade nicht. Ich mag die massive Front zur Viktoriastraße nicht. Ich mag trotzdem die Konzentration des Eingangs- und Fensterbereichs im neuen Baukörper *und*der Kirche (die wird am Chor ja aufgeschnitten). Ich mag auch nicht, dass die Platanen rechts der Kirche verschwinden, aber in einer Stadt ist das auch mal verschmerzbar. Pflanzen wir neue entlang der Viktoriastraße. Ich mag die Fensterreihe oben, die das rückgesetzte obere Stockwerk vieler Nachkriegsbauten in der Stadt wieder aufnimmt. Ich wäre sehr dafür, noch ein paar Verwaltungs/Künstlergarderobenräume nach hinten raus dranzusetzen, da scheint mir ein bisschen wenig vorgesehen zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass diese massive Wand drei Fahnen mit Logo/Programm aufnehmen kann (soll?), ähnlich wie am Schauspielhaus, aber ehrlich gesagt, würde ich ein bisschen Gliederung und Öffnung in der Fassade vorziehen, statt dieser demonstrativen Verbunkerung der Musik.

    Ich hoffe sehr, dass Herr Townsend hier mitliest (gelegentlich scheint er’s ja zu tun). Bittte bitte: Nachverhandeln, mit den Architekten. Die Fassade muss weniger massiv werden, die Viktoriastraße ist lange nicht so breit und menschenleer, wie die Visualisierung suggeriert. Bitte kein dunkler rotbrauner Klinker in dieser Wuchtigkeit. Wenn wir in realiter den Farbton bekommen, der auf dem Bild zu sehen ist, ist das ok – aber der Beschreibung nach ist’s genau der eben nicht.

  • #33
    Urmelinchen

    @DH
    Zwischen dem vorliegenden Entwurf und solchen vermeintlichen Monumenten wie Bilbaos Guggenheim etc. liegen ja vielleicht auch noch Möglichkeiten.

    Vor langer, langer Zeit (es war einmal …) hatte jemand den Vorschlag in die leidige Musikzentrumsdebatte eingebracht, das ehemalige Stadtbad für BoSy umzufunktionieren. Selbstverständlich wurde dieser Vorschlag vor allem auch von Seiten der BoSy angelehnt, wenn ich mich recht entsinne. Parkplatzmangel etc. wurde angeführt. Genau weiß ich das nicht mehr.

    Und wie jeder weiß und täglich sich genüsslich zu Gemüte führen kann, ließ Bochum das Stadtbad abreißen, um an die Stelle diese architektonisch herausragende Stadtbad-Galerie hinzusetzen, deren einprägsamstes Merkmal ihr Leerstand ist. Diese kam übrigens auch in dem von mir angeführten Abrisskalender vor, fällt mir gerade ein.

    Was ich damit sagen will: Das Musikzentrum ist eine nur eine weitere architektonische und natürlich haushaltstechnische Fehlleistung dieser Stadt. Denn sobald der Bochumer nur ein paar Subventions- oder Investitionsmillionen versprochen bekommen, setzt das letzte bisschen Denken vollends aus. Denkmalschutz interessiert da nicht mehr. Siehe Stadtbadhttp://de.wikipedia.org/wiki/Stadtbad_Bochum oder auch das Kortumhaus. Für ein paar Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor musste halt die denkmalgeschützte Holztreppe dran glauben.

  • #34
  • #35
    Urmelinchen

    @ Arnold Voss
    @ Ulrich Fuchs

    Genau, auch vor dem simplen Hintergrund, dass es sich bei Musik um eine ephemere Kunst handelt, sollte der Entwurf einmal mehr überarbeitet werden. Ich als architektonischer Laie habe den Eindruck, dass diesbzgl. überhaupt keine gedankliche Auseinandersetzung stattfand.

  • #36
    Ulrich Fuchs

    @Urmelinchen: Ich würde das nicht alles auf die Verwaltung schieben. Die Bochumer Bürger haben da durch ihre Ignoranz in Bezug auf städtebauliche Entwicklungen (ich sag nur „Fidelbude“) schon ein gehörig Stück Mitschuld.

    Dass irgendwer in der Bochumer Öffentlichkeit geschrien hätte, als man im Kortumhaus diese wunderbare Treppe (und ich meine mich düster zu entsinnen, dass es im obersten Stockwerk auch noch eine herrliche Holz-Kaufhauseinrichtung gab) zum Abriss preisgab, kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht ändert sich das ja mal durch die Debatte ums Musikzentrum, durch Web 2.0 etc. Vielleicht haben interessierte Bürger ja eher mal die Chance, frühzeitig Alarmglocken zu läuten oder läuten zu hören und wach zu werden und zu protestieren.

    Die Essener haben’s bei der Lichtburg ja beispielsweise auch hinbekommen, eine nur auf die Kommerzförderung bedachte Verwaltung zum Umdenken zu bewegen – zum Wohle der Stadt.

  • #37
    Wawa

    #29 Stefan Laurin: Da muss ich Sie bzgl. Bilbao korrigieren. Das Museu ist nach Bilbao gekommen, als die Stadt, na ja, nicht gerade attraktiv war. Aber durch das Museum – ist aber auch spezieller als ein weiteres Konzerthaus im Umkreis vom 20 km – ist Bilbao zu einer attraktiveren Stadt mit Tourismus geworden!

  • #38
    DH

    @#31, 32 (Arnold, Ulrich Fuchs): Dass der Entwurf Schwächen hat, wird auch von mir nicht bestritten; über den unbefriedigenden Eingangsbereich, die fehlende Durcharbeitung der Vorbereiche (auch an der Viktoriastraße) hatten wir’s weiter oben schon.

    Zu den Öffnungen:
    1. Bez und Kock sind sich offensichtlich selbst noch nicht ganz klar über Lage, Anzahl und Format der Fenster im Erdgeschoss (wer schnell mal Grundriss und Ansicht Viktoriastraße vergleicht, dem wird da die eine oder andere Diskrepanz auffallen).
    2. Das, was sich bei Musikhäusern dieser Art üblicherweise zum Stadtraum hin öffnet, sind Foyer, Gastronomie etc. – diese Bereiche sind hier aber, nicht ganz unklug, in der Kirche untergebracht. Wünschenswert wäre es da eher, dass die Kirche sich mehr zur Viktoriastraße hin öffnet. Sie ist im Hinblick auf ihre Ausrichtung zum Bermudadreieck hin ohnehin das interessanteste der drei Gebäude; auch da kann im Entwurf noch nachgearbeitet werden, denn „Pausengastronomie“ wäre in der Tat zu wenig.
    3. Die Angst vor großen Ziegelflächen teile ich ausdrücklich nicht: ein expressiver Ziegelverband ist stadträumlich wirksamer als Öffnungen, die bloß Geste bleiben müssen.

    @#33 (Urmelinchen): Ja, die Stadtbadgalerie ist Murks, ein Fall für Ihren Abrisskalender. Aber nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass auch Ihr Bochum über gute, zeitgemäße Architektur verfügt.

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  • #40
    Volker Steude

    Laut Stiftung Symphonie soll das Musikzentrum angeblich einen deutlich Impuls für die Stadtentwicklung und die Aufwertung der Innenstadt bringen, wodurch spürbare(!) wirtschaftliche Effekte zu erwarten sind (Stichwort: Umwegrentabilität) (http://www.bochumer-symphonie.de/argumente.php).

    Einen Bilbao-Effekt konnte man sicher nicht erwarten. Aber welcher Effekt soll von diesem Bau ausgehen, der zumindest städtebaulich, da sind sich ja hier alle einig, erheblich nachbesserungsbedürftig ist. Wobei die Nachbesserungsmöglichkeiten auf Basis der vorgegebenen Grundkonzeption des Entwurfs wohl eher gering sein dürften.

    Anzumerken wäre noch, dass ein Bau, wie das Musikzentrum ohnehin keine „Umwegrentabilität“ hat. Wäre dem so, fragt man sich wieso Berlin trotz der dort angebotenen vielfältigen Hochkultur völlig pleite sein kann und verzweifelt nach Unternehmen, sucht, die sich dort ansiedeln wollen.

    Das Musikzentrum bringt Zimbo nicht zurück und hält Opel nicht vom Abzug ab. Auch Faber wird nach Schleswig-Holstein gehen, wenn die Glücksspielgesetze dort auf Dauer Vorteile versprechen.

    Um Bochum attraktiver zu machen, taugt das Vorhaben nicht. Insbesondere die Folgekosten für das Projekt sind im Verhältnis zum zweifelhaften Nutzen viel zu hoch.

    Geld investiert man zuerst aber da, wo es für die Stadt und ihre Bürger am meisten Nutzen verspricht, in diesem Sinne ist die Investition in ein solches Musikzentrum eine Fehlinvestition.

  • #41
    Gregor Sommer

    Da fällt mir das Lied „Bochum…leider total verbaut…“ ein…
    Dieser „total verbaute“ Musik-Bunkerentwurf suggeriert Krieg und Gefahr. Die Gefahr geht aber dieses Mal für uns Bochumer von dem Stadtrat aus, der dieses Projekt gegen den Willen der großen Mehrheit seiner eigenen Bürger durchsetzen will, ohne die Not-Finanzlage zu berücksichtigen.
    Erst Bochum runterwirtschaften und dann ein Prestigeobjekt noch oben drauf setzen. Frei nach dem (aktuellen) Stadtrat-Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, diktieren wir fast ungeniert!“
    Es wird Zeit für einen Wechsel in der Bochumer Politik…nur den ganzen Scheiß auszubaden ist eine echt undankbare Aufgabe…aber die aktuell Verantwortlichen handeln wohl nur so unverantwortlich, weil sie nicht persönlich zur Verantwortung gezogen werden können.

  • #42
    Urmelinchen

    @ 36 Ulrich Fuchs
    Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Aber wie ich schon anführte, in Bochum herrscht eine absolute Lethargie. Ob etwas, was eigentlich unter Denkmalschutz steht, abgerissen wird, interessiert hier niemanden. Habe manchmal das Gefühl, nur bei dem Zauberwort „Opel“ ruckelt es ein wenig in der Bevölkerung. Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege.

    @33 DH
    Wo ist denn diese zeitgemäße Architektur? Die Frage ist ganz ehrlich gemeint. Die letzten großen städtebaulichen Maßnahmen wie z.B. der Boulevard sind auch ein wenig daneben gegangen. Es dominiert ein frisches Mausgrau. Genauso wie am Kap des Bermudadreiecks, wo man Steinstühle aufstellen ließ, die aber bewusst unbequem sind, damit sich die dortige Junkie- bzw. Obdachlosenszene nicht niederlässt. Kein Scherz, so gelesen in der WAZ (Internet).

    Ok, der Bahnhof ist aus meiner Sicht ansprechend geworden, aber schon bei dem roten Asphaltteppich, der die Besucher in die Stadt führen soll, hört es wieder auf.

    Ich mag mich irren, aber ich sehr oft beschleicht mich das Gefühl, Bochum hat ein großes Problem mit seiner 1950er Jahre Architektur (Bahnhof ausgenommen) und man möchte sich ihrer lieber entledigen (Hotel Eden)

  • #43
    Ben

    Ich sehe nicht so ganz, was an dem Wunsch nach einer markanten Architektur provinziell sein soll. Für mich ist der Tourismus, den eine Landmarke auszulösen im Stande ist, kein Argument (auch wenn ich es selbst angesprochen habe), sondern eine nette Begleiterscheinung. Für mich geht es zunächst darum, dass ich allmählich der Zweckbautenarchitektur überdrüssig bin. Das Musikzentrum könnte in seiner Ausgestaltung auch in den Neubaugebieten von Kassel, Leverkusen oder Bukarest stehen. Es ist austauschbar, gesichtslos, charakterlos. DAS ist für mich der Grund, warum ich mir eine originelle, wagemutige Architektur wünsche. Nicht weil ich irgendwelche nicht vorhandenen Komplexe therapieren will und das Ruhrgebiet mit mehr Bedeutung aufblasen will als es verdient, sondern weil dieses Haus in seiner Planung für mich nur den Trend einer Uniformität und ästhetischen Gleichschaltung fortschreibt, der in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Einzug gehalten hat. Es ist die Kontinuität des stillosen Pragmatismus.

  • #44
    Volker Steude

    Bochum hat ein Problem mit Langeweile und Einfallslosigkeit. Das spiegelt dieser Entwurf wieder, aber auch das eigentliche Ansinnen nicht etwas für das Ruhrgebiet neues zu schaffen, sondern ein Konzerthaus, das es in Dortmund, Gelsenkirchen, Essen und Duisburg auch schon gibt.

    Der Bongard-Boulevard, sieht auch aus wie jede andere Einkaufsstraße.

    Bochum läuft den anderen Städten hinterher. Was die haben, will man auch haben. Mit Ideen etwas Bochum-spezifisches zu entwickeln tut man sich schwer.

  • #45
    Wawa

    Ich kann den Vorrednern nur zustimmen. Was Bochum als Idee gut stünde wären Arbeitsplätze, dann hätte sogar das Musikklötzchenzentrummitintegriertemgotteshaus auch ausreichend Besucher, um die Einnahmeseite zu bedienen!

  • #46
    müller2

    Das Konzerthaus in Gelsenkirchen würde ich gerne mal sehen.
    Wo liegt das?
    Vielleicht sollte Daueragitator Steube sein büro in einer anderen
    stad aufmacheen!

  • #47
    Stefan Laurin

    @Müller2: Ich denk mal Herr Steude meint das Musiktheater im Revier. Ein sehr schönes Gebäude und nicht weit weg von Bochum. Genau wie die Konzerthäuser in Dortmund und Essen, die auch alle nicht ausgelastet sind. Aber im Ruhrgebiet muss ja jede Stadt alles haben – auch wenn sie es sich nicht leisten kann.

  • #48
    Volker Steude

    @müller2, äh meier1, äh La….

    Musiktheater im Revier:
    http://www.musiktheater-im-revier.de/

    „Einer der bedeutendsten Theaterbauten der Nachkriegszeit.“

    Heimat des Landesorchesters NRW (Neue Philharmonie Westfalen): http://www.neue-philharmonie-westfalen.de/

  • #49
    Arnold Voss

    @ Ben 43 @ Volker 44

    Das mit der Uniformität und dem Was-andere-haben-auch-haben-wollen, stimmt in diesem Fall nicht so ganz. Es gibt nämlich weit und breit keinen Konzertsaal und auch keine Musikschule, die gemeinsam eine Kirche als Fojer haben.

    Aber auch die enge fußläufige Kombination von Kneipenviertel, Stadttheater, Kleinkultur, Design- und Offszene und diesem neuen Musikzentrum, alles zusammen in ebenso fußläufiger Entfernung vom Hauptbahnhof, gibt es weit und breit nicht.

    Erst aus allem zusammen wird im regionalen Vergleich dann doch ein recht einmaliger Schuh.Wenn dann noch die restliche Innenstadt endlich zu einer besonderen Rolle innerhalb der Big-Four des Ruhrgebietes finden würde, dann stände Bochum schon ein ganzes Stück besser da.

    Den Abgang von Opel und anderen Konzernen verschieder Größenordnung kann eine Stadt wie Bochum kaum steuern, ihre weitere Innenstadtentwicklung dagegen schon.

  • #50
    DH

    @#40:
    Wenn überhaupt, wird man die „Umwegrentabilität“ des Musikzentrums an Veränderungen in den Immobilienwerten im Umfeld des Musikzentrums messen können. Und da ist es für die notorisch klamme Kreativszene vielleicht sogar ein Segen, wenn das Musikzentrum nicht ganz so sehr als Highlight, als „erste Adresse“, sondern bloß „langweilig“ und „pragmatisch“ daherkommt.

    Und, ja, Opel schließt, ganz egal ob Bez + Kock aus Stuttgart oder Zaha Hadid aus London das Musikzentrum bauen. Insofern macht es wenig Sinn, dazu eine Architekturdebatte führen zu wollen.

    @#42:
    Mit der Nachkriegsmoderne tun sich die meisten Städte noch schwer; von charakterlosen Zweckbauten oder „grauer Architektur“ ist die Rede, und leider tun sich auch Denkmalbehörden vielfach nicht positiv hervor. Ein schönes Buch dazu (mit auch ein ganz klein wenig Bochum drin):
    http://www.buchhandlung-walther-koenig.de/verlag/empfehlungen/architektur/isbn_3865607616.aspx

    Ansonsten sehe ich hier das generelle Bedürfnis, anlässlich des Musikzentrums einmal ausführlicher über Bochumer Architektur im Allgemeinen debattieren zu können. Dazu eine kleine Diskussionsreihe, an konkreten Beispielen, zu organisieren, am besten in der leeren Marienkirche, das wäre ein gute Gelegenheit für den Bochumer BDA oder den FB Architektur der Hochschule Bochum, mal wieder stärker in der Stadtöffentlichkeit präsent zu sein.

  • #51
    Volker Steude

    @ Arnold 49 und DH 50

    Wir haben in Bochum da ja noch eine Baustelle: Das geplante Einkaufszentrum auf dem Justiz- und Telekomgelände. Wenn das architektonisch und funktional in die Hose geht, dann ist die Innenstadt auf Jahrzehnte beschädigt.

    Die zukünftige Entwicklung der Innenstadt wird maßgeblich von diesem Projekt, das bisher kaum beachtet wird, beeinflusst werden.

  • #52
  • #53
    Stefan Laurin

    @Müller2: Wer so arrogant ist sollte in der Lage sein, seinen Kulturkonsum selbst zu finanzieren und auf das Geld z.B. der RTL2 Zuschauer zu verzichten.

  • #54
  • #55
    Ulrich Fuchs

    #51, Volker – da hast Du meine volle Zustimmung. Und die Tatsache, dass da die ECE ihre Finger drin hat, macht mir ziemliche Angst. Die produzieren am laufenden Band Fälle, die ich dem hier erwähnten Abrisskalender ans Herz legen würde (Berliner Platz in Essen? *Schüttel*).

    Was übrigens diesbezüglich völlig in der öffentlichen Debatte untergegangen (worden?) ist, ist die Meinung der BLB, die Stadt dürfe das Gelände nicht selber kaufen. Gerade im Hinblick auf die Mauscheleien der BVB beim Duisburger Stadtarchiv sollte da die kritische Öffentlichkeit (von mir aus auch gerne die Piraten) ruhig mal ein bisschen bohren und recherchieren, wo da wer welche Interessenlage bei dem Gelände hat.

    Ich habe nix gegen ein Einkaufszentrum an der Stelle – aber wie Du so richtig sagst: Das darf architektonisch/funktional nicht in die Hose gehen. Und schon gar nicht, weil da irgendwo (und das heißt nicht zwangsläufig in der Bochumer Verwaltung) irgendwelche Deals geschoben werden.

  • #56
  • #57
    Wawa

    Siehe da, der 31. Mai 2012, der immer von der Stiftung Bochumer Symphonie genannt worden ist, an dem die Stiftungssumme vorhanden sein muss, ist genau heute von der Homepage verschwunden. Warum? Weil noch immer 3 Mio. € fehlen.

  • #58
  • #59
    Urmelinchen

    @Wawa
    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ;-).

    @ Volker Steude
    Ja, da Verschandelung eine der Kernkompetenzen Bochums ist, darf angenommen werden, dass auch dieses Bauvorhaben einem die Haare zu Berge stehen lassen wird.

  • #60
    Gregor Sommer

    Naja, die 3 fehlenden Millionen sind das Eine…etwas ganz anderes ist, dass wir uns mit dem Konzerthaus ein Fass ohne Boden öffnen würden und man sich das nur leisten sollte, wenn nicht so enorme und sehr uns Bürger schmerzende Einschränkungen notwendig wären bzw. die Begehrlichkeiten bei Durchsetzung des Konzerthauses erwachen und dann zu Recht gefordert werden könnten, denn die Sparmaßnahmen müssen wir dann alle nochmal auf den Plan holen.
    Für mich wären als erstes die Schwimmbäder…die Öffnungszeitenreduzierung bringt 650.000 € Einsparung, aber ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung (und damit Steuerzahler) kann das Schwimmbad nicht mehr nutzen…

  • #61
    Urmelinchen

    http://www.derwesten.de/staedte/bochum/stiftung-schweigt-zum-stichtag-id6717040.html

    Da hat sich die Haus-Hof-Postille selbst übertroffen. Der heutige Artikel zur selbst gesetzten deadline der Stiftung ist ja mal kritisch. Gut, der Verfasser ist auch nicht Boebers-Süßmann.
    Die Reaktion der Geschäftsführerin, Dr. Britta Freis, auf die Nachfragen des Journalisten waren extrem unsouverän. Wundert mich, denn man hatte ja lange Zeit sich auf diese vorzubereiten. Vielleicht war man aber auch geschockt darüber, dass die WAZ sich dies getraute, was diese Form der Replik erklären würde.

    Bin gespannt, welche Blablabladeklarationen von unserem Kulturdezernenten und den anderen befürwortenden Mitgliedern des Rates kommen. Am Ende des Tages sollte das Phrasenschwein jedenfalls gut gefüllt sein.

  • #62
    Dirk Kropp

    Eins vorweg: Ich bin kein Architekt. Im Nebenfach habe ich mich in Kunstgeschichte mit der Architektur der 50er Jahre beschäftigt und über Bochums Nachkriegsarchitektur meine Abschlussprüfung abgelegt. Ein zweites vorweg: Ich bin ein Befürworter des Musikzentrums.

    Wer aber als ausgewiesener Gegner des Musikzentrums einen Artikel schreibt, den er mit „Eine kleine Architekturkritik“ betitelt und dann derart polemisch, faktenfrei und vermutlich auch komplett ahnungslos den Entwurf kritisiert, der macht sich lächerlich. Ein wenig Differenziertheit würde ihrer Kritik zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

    Fakt ist: Dieser Entwurf ist kein Gebäude, dass auf den ersten Blick besticht. Da gab es bei den vorgestellten 10 Entwürfen zwei eindrucksvollere. Aber die Nutzung der Kirche als bespielbares Foyer ist eindrucksvoll gelöst. Ich würde nur zu gern die Diskussion erleben, wenn ein phantasievoller privater Investor in dem Kirchengebäude eine Disko eröffnet. Chapeau Herr Steude. „Entlarvend“ an dem Entwurf ist, dass er exakt drei unterschiedliche Spielstätten vorsieht und somit genau dem Anspruch an das Musikzentrum entspricht. Und ihre vielen innovativen Gegenbeispiele? Ein Viertel davon Gemeindezentren, ein Museum, ein Wohnungsbau. Ein zweites Mal Chapeau.

    Der Entwurf rahmt die Kirche ein, bezieht sie ein. Die Traufhöhe des Gebäudes gleicht der der Kirche und liegt niedriger als beim Nachbargebäude Viktoriaklinik. Hier hat der Architekt erfolgreich versucht die notwendigen Raummaße der äußeren Umgebung anzupassen.

    Der Backstein-Klinker ist sicher nicht innovativ. Allerdings passt er zur Kirche und nimmt, ob es einen ästhetisch reizt oder nicht, Bezug zur archtektonischen Vergangenheit im Ruhrgebiet.

    Dieser Entwurf ist modern, sachlich und in seiner schlichten Ästhetik kein Prunkbau. Das passt sicher besser zu Bochum, als mach innovative vollverglaste Fläche.

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