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Musikzentrum Bochum – Eine kleine Architekturkritik

Es sollte ein großer Wurf werden, ein architektonisches Highlight für Bochum. Doch der Siegerentwurf bietet nur eine Ziegelkirche – eingeklemmt zwischen zwei ebenfalls geziegelten Schuhkartons. Von unserem Gastautor Volker Steude.  Volker Steude ist Initiator des Bürgerbegehrens Musikzentrums, das die Bochumer Bürger an Stelle des Rates darüber entscheiden lassen will, ob das Musikzentrum gebaut werden soll.

Sollte dieser Entwurf verwirklicht werden, entsteht an der Viktoriastraße kein Hingucker, sondern ein weiterer uninspirierter Dutzendgebäudekomplex wie er in vielen Städten zu finden ist. Chancen wurden verschenkt, aber viel mehr ließ der Kostenrahmen wohl auch nicht zu.

Die Kirche wird zu einem Foyer für Konzertsaal und Musikschulsaal – die Ziegelblöcke links und rechts der Marienkirche. Die große architektonische Herausforderung des Wettbewerbs zum Musikzentrum war es, die Marienkirche in architektonisch innovativer und überraschender Weise in einen Musiksaal umzugestalten. Die Umnutzung von Kirchen und die Umwandlung von kirchlichen Gebäuden – da gibt es viele interessante, architektonisch gelungene Umsetzungen. Dieser Entwurf wird leider nicht dazu gehören. Die Kirche bleibt leer, bleibt wie sie ist, und wird zum bloßen Aufenthalts- und Durchgangsraum. Diese Idee, wenn sie als solche überhaupt bezeichnet werden kann, ist phantasielos. 

Die Ziegelblöcke links und rechts der Marienkirche klemmen diese regelrecht ein und führen zusammen mit den – nach außen nahezu geschlossenen – Ziegelwänden gerade nicht zu einem Musikzentrum, mit der von vielen erhofften offenen und lichten Wirkung auf die Besucher und Betrachter. Stattdessen wird entlang der Viktoriastraße der Eindruck einer bedrohlichen meterhohen, abweisenden Mauer entstehen. Das Gebäudeensemble wird sich nicht zum Bermuda-Dreieck öffnen. Stattdessen befindet sich das Eingangsportal zum Kirchenfoyer im „Hinterhof“ der Stadt an der Humboldt bzw. Maximilian-Kolbe-Straße. Dort wird sich auch ein großer Platz erstrecken, dessen Verödung aufgrund der mangelnden Anbindung an das eigentliche Vergnügungsquartier schon jetzt vorhersehbar ist.

Der Entwurf ist entlarvend. Anspruch der Stiftung Symphonie war es doch angeblich mit dem  MusikZENTRUM ein integriertes Nutzungskonzept für Konzertsaal, Kirche und Musikschulsaal zu entwickeln. Aus der finanziellen Not wurde diese Idee geboren: Um das Konzerthaus bauen zu können, braucht man die Mittel aus der Kirchensanierung und muss das Projekt  „Konzerthaus“ um einen musikpädagogischen Ansatz erweitet werden, weshalb es wiederum des Anbaus einer Spielstätte für die Musikschule bedarf. Dem Entwurf gelingt es aber nicht die drei Bauteile in einem organischen Gebäudekomplex zu integrieren und so auch baulich eine Symbiose aller drei Teile herzustellen. Tatsächlich sollen jetzt drei völlig unabhängige Gebäude ganz schlicht nebeneinander gebaut werden.

Der Betrachter fragt sich, warum der Musikschulsaal noch neben die Kirche gequetscht werden soll, anstatt dass er direkt an die bestehende Musikschule am Westring gebaut wird, was für die Musikschule sicher mehr Sinn machte.

Wofür braucht der Konzertsaal eine ganze Kirche als Foyer? Wären da nicht bessere Nutzungen möglich gewesen? Im Viktoriaquartier hätten sich vermutlich sogar private Investoren gefunden, die die Kirche als Hotel, Restaurant, Diskothek oder anderem nutzbar gemacht hätten.

Ebenso wie also die Funktionalität des vorliegenden Entwurfes sich als eindimensional und einfallslos darstellt, so steht es auch mit dem Innenraum. Nicht Besonderes, nichts Innovatives ist zu erkennen. Jahrhunderthalle und Audimax haben da optisch mehr zu bieten.

Wohl um zu vermeiden, dass Bau- und Folgekosten zu arg aus dem Ruder laufen, hat man sich für diesen im Ergebnis belanglosen Entwurf entschieden. Architektonische Experimente bergen Kostenrisiken. Glasfassaden haben hohe Unterhaltskosten zur Folge. Hohe Ansprüche an die Architektur waren unter diesen Rahmenbedingungen kaum erfüllbar. Diejenigen, die gehofft haben, mit dem Musikzentrum könnte die Innenstadt um ein architektonisches Bauwerk bereichert werden, wegen dem Menschen nach Bochum kommen könnten, müssen angesichts des vorliegenden Entwurfes enttäuscht sein.

Der Autor ist ein Freund zeitgenössischer Architektur. Das von ihm in Bochum gebaute Wohnhaus wurde im Rahmen des Architekturpreises NRW neben dem schwarzen Diamanten, der Bochumer Synagoge und dem Museum Situation Kunst als ausgezeichneter guter Bau 2006-2010 prämiert.

 

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62 Kommentare zu “Musikzentrum Bochum – Eine kleine Architekturkritik

  • #51
    Volker Steude

    @ Arnold 49 und DH 50

    Wir haben in Bochum da ja noch eine Baustelle: Das geplante Einkaufszentrum auf dem Justiz- und Telekomgelände. Wenn das architektonisch und funktional in die Hose geht, dann ist die Innenstadt auf Jahrzehnte beschädigt.

    Die zukünftige Entwicklung der Innenstadt wird maßgeblich von diesem Projekt, das bisher kaum beachtet wird, beeinflusst werden.

  • #52
  • #53
    Stefan Laurin

    @Müller2: Wer so arrogant ist sollte in der Lage sein, seinen Kulturkonsum selbst zu finanzieren und auf das Geld z.B. der RTL2 Zuschauer zu verzichten.

  • #54
  • #55
    Ulrich Fuchs

    #51, Volker – da hast Du meine volle Zustimmung. Und die Tatsache, dass da die ECE ihre Finger drin hat, macht mir ziemliche Angst. Die produzieren am laufenden Band Fälle, die ich dem hier erwähnten Abrisskalender ans Herz legen würde (Berliner Platz in Essen? *Schüttel*).

    Was übrigens diesbezüglich völlig in der öffentlichen Debatte untergegangen (worden?) ist, ist die Meinung der BLB, die Stadt dürfe das Gelände nicht selber kaufen. Gerade im Hinblick auf die Mauscheleien der BVB beim Duisburger Stadtarchiv sollte da die kritische Öffentlichkeit (von mir aus auch gerne die Piraten) ruhig mal ein bisschen bohren und recherchieren, wo da wer welche Interessenlage bei dem Gelände hat.

    Ich habe nix gegen ein Einkaufszentrum an der Stelle – aber wie Du so richtig sagst: Das darf architektonisch/funktional nicht in die Hose gehen. Und schon gar nicht, weil da irgendwo (und das heißt nicht zwangsläufig in der Bochumer Verwaltung) irgendwelche Deals geschoben werden.

  • #56
  • #57
    Wawa

    Siehe da, der 31. Mai 2012, der immer von der Stiftung Bochumer Symphonie genannt worden ist, an dem die Stiftungssumme vorhanden sein muss, ist genau heute von der Homepage verschwunden. Warum? Weil noch immer 3 Mio. € fehlen.

  • #58
  • #59
    Urmelinchen

    @Wawa
    Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ;-).

    @ Volker Steude
    Ja, da Verschandelung eine der Kernkompetenzen Bochums ist, darf angenommen werden, dass auch dieses Bauvorhaben einem die Haare zu Berge stehen lassen wird.

  • #60
    Gregor Sommer

    Naja, die 3 fehlenden Millionen sind das Eine…etwas ganz anderes ist, dass wir uns mit dem Konzerthaus ein Fass ohne Boden öffnen würden und man sich das nur leisten sollte, wenn nicht so enorme und sehr uns Bürger schmerzende Einschränkungen notwendig wären bzw. die Begehrlichkeiten bei Durchsetzung des Konzerthauses erwachen und dann zu Recht gefordert werden könnten, denn die Sparmaßnahmen müssen wir dann alle nochmal auf den Plan holen.
    Für mich wären als erstes die Schwimmbäder…die Öffnungszeitenreduzierung bringt 650.000 € Einsparung, aber ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung (und damit Steuerzahler) kann das Schwimmbad nicht mehr nutzen…

  • #61
    Urmelinchen

    http://www.derwesten.de/staedte/bochum/stiftung-schweigt-zum-stichtag-id6717040.html

    Da hat sich die Haus-Hof-Postille selbst übertroffen. Der heutige Artikel zur selbst gesetzten deadline der Stiftung ist ja mal kritisch. Gut, der Verfasser ist auch nicht Boebers-Süßmann.
    Die Reaktion der Geschäftsführerin, Dr. Britta Freis, auf die Nachfragen des Journalisten waren extrem unsouverän. Wundert mich, denn man hatte ja lange Zeit sich auf diese vorzubereiten. Vielleicht war man aber auch geschockt darüber, dass die WAZ sich dies getraute, was diese Form der Replik erklären würde.

    Bin gespannt, welche Blablabladeklarationen von unserem Kulturdezernenten und den anderen befürwortenden Mitgliedern des Rates kommen. Am Ende des Tages sollte das Phrasenschwein jedenfalls gut gefüllt sein.

  • #62
    Dirk Kropp

    Eins vorweg: Ich bin kein Architekt. Im Nebenfach habe ich mich in Kunstgeschichte mit der Architektur der 50er Jahre beschäftigt und über Bochums Nachkriegsarchitektur meine Abschlussprüfung abgelegt. Ein zweites vorweg: Ich bin ein Befürworter des Musikzentrums.

    Wer aber als ausgewiesener Gegner des Musikzentrums einen Artikel schreibt, den er mit „Eine kleine Architekturkritik“ betitelt und dann derart polemisch, faktenfrei und vermutlich auch komplett ahnungslos den Entwurf kritisiert, der macht sich lächerlich. Ein wenig Differenziertheit würde ihrer Kritik zu mehr Glaubwürdigkeit verhelfen.

    Fakt ist: Dieser Entwurf ist kein Gebäude, dass auf den ersten Blick besticht. Da gab es bei den vorgestellten 10 Entwürfen zwei eindrucksvollere. Aber die Nutzung der Kirche als bespielbares Foyer ist eindrucksvoll gelöst. Ich würde nur zu gern die Diskussion erleben, wenn ein phantasievoller privater Investor in dem Kirchengebäude eine Disko eröffnet. Chapeau Herr Steude. „Entlarvend“ an dem Entwurf ist, dass er exakt drei unterschiedliche Spielstätten vorsieht und somit genau dem Anspruch an das Musikzentrum entspricht. Und ihre vielen innovativen Gegenbeispiele? Ein Viertel davon Gemeindezentren, ein Museum, ein Wohnungsbau. Ein zweites Mal Chapeau.

    Der Entwurf rahmt die Kirche ein, bezieht sie ein. Die Traufhöhe des Gebäudes gleicht der der Kirche und liegt niedriger als beim Nachbargebäude Viktoriaklinik. Hier hat der Architekt erfolgreich versucht die notwendigen Raummaße der äußeren Umgebung anzupassen.

    Der Backstein-Klinker ist sicher nicht innovativ. Allerdings passt er zur Kirche und nimmt, ob es einen ästhetisch reizt oder nicht, Bezug zur archtektonischen Vergangenheit im Ruhrgebiet.

    Dieser Entwurf ist modern, sachlich und in seiner schlichten Ästhetik kein Prunkbau. Das passt sicher besser zu Bochum, als mach innovative vollverglaste Fläche.

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