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Nachhaltige Notlösungen diskutieren – Stadt Essen und „Freiraum2010“ üben sich in kleinen Schritten

Zwischennutzung Lukaskirche vorbei

Zwei Wochen ist es her, dass Simone Raskob, Baudezernentin der Stadt Essen, bei der NRZ-Diskussionsrunde „Essen Kontrovers“ (Ruhrbarone berichtete) unbemerkt von den meisten Beobachtern eine kleine Sensation in Sachen „Freiräume für Kunst“ verlautbaren ließ.

Auf die Frage hin, wie die Stadt Essen mit ihren zahlreichen Leerständen- von Schulen, über Verwaltungsgebäude bis zu Jugendzentren- in Zukunft umzugehen Pflege, entgegnete die Baudezernentin, dass es durchaus möglich sei in Bezug auf jede einzelne städtische Immobilie zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen eine Zwischennutzung möglich sei.

Freiraum2010 denkt nach

Was für die meisten, wie eine Selbstverständlichkeit wirkt, stellt für uns von „Freiraum2010“ durchaus eine kleine Sensation dar, denn aus gut informierten Kreisen war bisher immer zu hören gewesen, dass die Stadt Essen aus Angst vor drohenden Folgekosten oder möglichen Besetzungsaktionen im Anschluss an eine Zwischennutzung, diese prinzipiell ausschließt.

Dass der Begriff „Zwischennutzung“, entgegen aller Erfahrungswerte, für viele eher Schreckensszenarien kooperations-unwilliger Randalierer, als bürgerschaftliches Engagement impliziert, war uns bereits im Umfeld unserer friedlichen Umnutzung des ehemaligen DGB-Gebäudes letztes Jahr aufgefallen. Anstatt zu registrieren, dass Freiraum2010 eher durch mangelnde Militanz, als durch Kampf-Aktionen auffällt, fiel es damals vielen schwer, zwischen radikalen Hausbesetzer-Gestus und dem Aufbau einer Kunstausstellung zu differenzieren und unsere Aktion entsprechend einzuordnen. Dass es dem Schlagwort „Hausbesetzung“ bedurfte, um im Kulturhauptstadtsjahr den Unmut einer beachtlichen Zahl in Essen arbeitender Kunstschaffender auf die Agenda zu bringen, war dem Umstand zu schulden, dass ein Dialog auf Augenhöhe mit den Verantwortlichen der (Kulturhaupt)Stadt zu diesem Zeitpunkt für uns in weiter Ferne lag.

Ruhr2011-  nachhaltig auf die Straße

Im Post-2010-Trauma ist es nun für die Stadt selbstverständlich ein leichtes im Angesicht von „Nothaushalt“ und „Kultur als freiwilliger Aufgabe“, unsere Forderungen nach einem „Freiraum-Haus“, als politische Unmöglichkeit zu inszenieren. Nicht zuletzt deswegen hatten wir im Juni 2010 auf unsere Situation aufmerksam gemacht.

In Sachen „nachhaltige Entwicklung von Kunst und Kultur“ ist so auch die erste große kulturpolitische Entscheidung des Jahres 2011 der Stadt Essen erwähnenswert. Mit der Schließung des Jugendzentrums Papestraße, des größten Essener Jugendzentrums, schickt die Stadt zahlreiche kulturell und politisch aktive Gruppen auf die Straße und vertröstet- und da liegt eine deutliche Analogie zu unserem Fall vor- auf einen Umzug in eine neue Immobilie im Laufe des Jahres.

Für den Aufbau und die Aufrechterhaltung von Gruppen, die Organisation gesellschaftlicher Interessen – seien sie politischer, kultureller oder künstlerischer Natur- stellen ein paar Monate ohne Raum eine große Schwierigkeit dar, unbürokratische Zwischennutzungen könnten in diesen Fällen Abhilfe schaffen.

Im Fall von Freiraum2010 gilt, dass ohne die vor wenigen Wochen zu Ende gegangene Zwischennutzung in der ehemaligen Lukaskirche, die durch das aktive Interesse des Eigentümers zu Stande gekommen war, sich unsere Gruppe vielleicht bereits in Luft aufgelöst hätte. Für eine Stadt, die sich im letzten Jahr als Kulturhauptstadt ausgab, entbehrt diese anhaltende Debatte über mangelnden Raum für Künstlerinnen in Essen, allemal nicht beißender Ironie. Aller Nachhaltigkeits-Folklore rund um Ruhr2010 zum Trotz, ist unsere Initiative, in der immerhin 100 Kunstschaffende organisiert sind, wieder ohne Raum und ohne kurz- oder mittelfristige Perspektive.

Hausbesetzung bei Nacht

Zwischennutzung = Notlösung

Dass mit dem Thema „Zwischennutzung“ so oder so nur eine Notlösung für das Dauerproblem, der Kunstschaffenden diskutiert wird, muss angesichts der derzeitigen Diskussionslage erstmal  hintenan gestellt werden, denn für die stadt Essen scheint bereits die Erkenntnis, dass es eine junge, vitale Kunstszene in Essen gibt ein großer Schritt zu sein

Zwar waren Vertreter der  Stadt Essen, auch durch die Vorarbeit des Essener Kulturbeirats, bereit in einer öffentlichen Diskussion Dialogbereitschaft zu signalisieren, doch ob die angekündigte Prüfung der Möglichkeit für Zwischennnutzungen in eine reale Zwischennutzung mündet, bleibt fraglich.

Nicht zuletzt am Beispiel ECE in Bochum zeigt sich, dass die Vorstellungen von Eigentümern und Künstlerinnnen, teilweise weit auseinanderliegen und dass monatelange Verhandlungen im letzten Moment scheitern können.

 

Was will Freiraum2010 denn?

Freiraum2010 wird sich weiter mit allen verfügbaren Mitteln dafür einsetzen, dass in Essen ein offenes Haus für künstlerische Arbeit und Präsentation entsteht. Die Stadt Essen mag uns mittlerweile als Dialogpartner annehmen – und wir haben gelernt kleine Erfolge zu feiern- doch davon, durch aktive Bemühung, Essen zu einem interessanten Lebens- und Arbeitsmittelpunkt für Kunstschaffende zu machen ist die Stadt noch zahlreiche Schritte entfernt.

Um bei dieser Gelegenheit mit einem möglichen Missverständnis aufzuräumen: Freiraum2010

Geile Kacke von Gigo Propaganda

versucht nicht ein geschlossenes Atelierhaus für seine Sympathisanten zu errichten, sondern einen zeitgenössischen, interdisplinären Kommunikations-, Arbeitsraum und Präsentationsraum für Kunstinteressierte zu schaffen- mit einer dem Niveau und dem Geist der Szene angemessenen Bühne einer Galerie und zahlreichen Musik-Proberäumen, Ateliers und Probebühnen. Die Mietforderungen des Eigentümers spiegeln dabei seinen Kunstverstand wieder – die Vewo GmbH hat uns die Lukaskirche mietfrei überlassen.

Euer Freiraum

Freiraum2010.de

Gallerie Lukaskirche: freiraum2010.jimdo.com

Freiraum2010 wird unterstützt vom gemeinnützigen Verein- Port e.V.

Mitmachen: info@freiraum2010.de


RuhrBarone-Logo

4 Kommentare zu “Nachhaltige Notlösungen diskutieren – Stadt Essen und „Freiraum2010“ üben sich in kleinen Schritten

  • #1
    Jan

    Interessant wäre an dieser Stelle mal die Frage, wieviel Ärger und vor allem, welche Kosten (u.a. durch Anwälte) dem DGB / der VTG durch diese Aktion im letzten Jahr entstanden sind. Das sollte die Stadt sicherlich berücksichtigen.
    Unterm Strich bleibt die Besetzung ein Hausfriedensbruch: auch wenn es schwierig ist, nachzuvollziehen, unter welchen Umständen Freiraum ins DGB-Haus gelangte, reicht bereits die erste ignorierte Aufforderung zum Verlassen für den Straftatbestand aus.
    Dass der DGB hier keine Anzeige erstattet hat, macht aus Freiraum jetzt keine mustergültigen Zwischennutzer. In der Lukaskirche war die Situation eine andere: die Vewo ist nicht unbedingt so bekannt, dass man ihren mit negativer PR drohen kann, wenn sie auf ein fristgerechtes Ende des Nutzungsverhältnisses pocht und das notfalls auch durchsetzen muss. Zum anderen steht ja schon eine Nachnutzung an, deren Image ja eher positiv wahrgenommen wird: barrierefreies Wohnen und eine Kita.

  • #2
    Arnold Voss

    Jan, ich glaube um den DGB muss man sich nicht so eine große Sorge machen. Die wissen da schon was sie tun und nicht tun. Begrenzte Regelverletzungen gehören übrigens auch zu deren Programm, wenn es um die Erreichung von wichtigen Zielen geht.

    Wichtiger wäre vielleicht, sich darüber Gedanken zu machen, was man für die Leute vom Freiraum tun kann, bzw. was diese tun könnten, um ohne justitiable Regelverletzungen an Räume zu kommen.

  • #3
    Jan

    @2
    Die DGB-Kostenfrage sollte auch eher eine Entscheidungshilfe für die Stadt sein.

    Wichtig ist auch, wer den „man“ ist – vor allem, wenn „man“ das bezahlt, oder „man“ Gebäude wegen Freiraum nicht verkaufen kann, oder „man“ anderswo noch überteuert mietet und diesem Zustand gerne durch Umzug ein Ende setzen würde.

    Häufig hat man den Eindruck, dieser „man“ hantiert nicht mit eigenem, sondern mit öffentlichen Geldern – und die sind nunmal so knapp, dass sie nicht jeden privaten Bedarf decken können.

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