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Nationalfetisch E-Auto

Camille Jenatzy in seinem Elektroauto La Jamais Contente, 1899 Lizenz: Gemeinfrei


Die Regierung will weg vom Verbrennungsmotor. Zur IAA kündigt VW eine „E-Offensive“ an. Aber Elektromobilität hat viele Schwächen. Von unseren Gastautoren Kolja Zydatiss und Johannes Richardt.

In der Hochphase des Bundestagswahlkampfs verkündet die große Koalition das Ende des Verbrennungsmotors im Autoland Deutschland. Und fast jeder findet‘s irgendwie gut. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist er eine „Brückentechnologie“, die langfristig gesehen ausgemustert werden müsse. Die scheinbar über hellseherische Kräfte verfügende Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) offenbarte kürzlich der Deutschen-Presse-Agentur: „Autos mit Verbrennungsmotoren wird man Mitte des Jahrhunderts nur noch sehr vereinzelt im Straßenbild sehen.“

Die Opposition nickt wohlwollend, mahnt höchstens zu noch größerer Eile bei der Umsetzung und auch die meisten Medien kommentieren zustimmend. Nach der Energie- und Agrarwende folgt nun also die Verkehrswende als nächste gemeinschaftsstiftende nationale Mission auf dem Weg in die grüne Wohlfühlrepublik.

Auch die traditionell staatsnah agierenden Autobauer haben verstanden, was von ihnen erwartet wird. Der größte deutsche Autobauer VW nimmt die am Donnerstag in Frankfurt beginnende Internationale Automobilausstellung (IAA) zum Anlass, eine „E-Offensive“ vorzustellen. Bis 2025 will das Unternehmen 80 elektrifizierte Modelle anbieten. Davon sollen 50 mit reinem Elektroantrieb fahren und 30 Hybrid-Modelle sein. Längerfristig sollen alle Modelle des Konzerns mit E-Motor verfügbar sein.

„Nach der Energie- und Agrarwende folgt nun also die Verkehrswende als nächste gemeinschaftsstiftende nationale Mission auf dem Weg in die grüne Wohlfühlrepublik.“

Eine ambitionierte Zielvorgabe. Aktuell gibt es 45 Millionen PKW im Land. Davon sind gerade mal 34.000 reine Elektroautos und 165.400 solche mit Hybridantrieb. Sollte nicht ein „Wunder“ geschehen (z.B. in Form massiver Subventionen für den Kauf von Elektroautos oder durch Strafsteuern auf Verbrenner) wird selbst das im Vergleich zu Hendricks Vision bescheidene Ziel von einer Million E-Autos, das 2010 von der damaligen schwarz-gelben Regierung für das Jahr 2020 ausgegeben wurde, nicht zu erreichen sein. Die Kaufprämie von stolzen 4000 Euro scheiterte kläglich. Der Grund ist einfach: E-Autos mögen zwar ein nettes Spielzeug respektive Statussymbol für das urbane, grüne Bürgertum sein, aber für die breite Masse der Autofahrer sind teure E-Autos mit geringen Reichweiten und langen Ladezeiten keine ernsthafte Alternative zum Verbrennungsmotor.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Elektroautos durch umfangreiche Investitionen in Forschung und Fertigung langfristig zu einer brauchbaren Alternative zum Verbrennungsmotor entwickeln (Allerdings ist ihnen das seit über hundert Jahren nicht gelungen. Was die wenigsten wissen: Diese „Zukunftstechnologie“ ist älter als der Verbrennungsmotor). Der Versuch von Politik und Industrie, sich durch überhastetes und aktionistisches Vorantreiben dieser angeblich so ökologisch korrekten und nachhaltigen Technologie von der „Sünde“ des Dieselskandals zu läutern, offenbart wenig Weitsicht.

Erstens ist der ökologische Nutzen der Stromer sehr umstritten. Die CO2-Einsparungen sind bestenfalls dürftig. Außerdem müssen Umweltbelastungen im Zusammenhang mit den Herstellungsprozess berücksichtigt werden. Diese sind laut einer aktuellen norwegischen Studiebei Elektroautos höher als bei Konventionellen. Zweitens besteht die Gefahr ernsthafter ökonomischer Fehltritte. Die Handvoll bestehender elektrischer Modelle verkauft sich schlecht. Ist es von VW wirklich betriebswirtschaftlich sinnvoll, 80 neue Modelle auf den Markt zu werfen, wenn es wenig Anzeichen dafür gibt, dass es dafür Kundeninteresse gibt?

„Die staatlich verordnete Festlegung auf exakt eine seligmachende Technologie kann sich noch als Bumerang für unseren Wohlstand erweisen.“

Die Politik hat den „Dieselskandal“ als Anlass genommen, die für den deutschen Wohlstand so wichtige Autobranche „zukunftsfest“ zu machen. Und die mächtige Autolobby, die nicht wenigen als eigentliche Machtzentrale im Land galt, ordnet sich gehorsam den neuen Spielregeln unter. Aber die staatlich verordnete Festlegung auf nur eine seligmachende Technologie kann sich noch als Bumerang für den maßgeblich auf Exporten basierenden Erfolg der Autobauer erweisen. Nämlich dann, wenn sich die Menschen auf diesem Planeten anders entscheiden, als von Frau Hendricks prophezeit.

Dabei haben die E-Auto-Enthusiasten an einer Stelle Recht: Das Auto mit Verbrennungsmotor ist mit Sicherheit nicht das Ende der Geschichte der Mobilität. Aber wenn wir über deren Zukunft nachdenken, sollten wir nicht das E-Auto zum nationalen Fetisch erheben, sondern ergebnisoffen und innovativ forschen.

Natürlich sollten E-Autos verbessert werden, es sollte aber auch an effizienteren, saubereren Verbrennungsmotoren gearbeitet werden (etwa solche, die synthetischen Kraftstoff auf Basis von Methan verbrennen), sowie an anderen Technologien wie z.B. der Brennstoffzelle, auf die Toyota (immerhin der größte Autokonzern der Welt) und Honda setzen. Oder wie wär’s, wenn wir ganz anders, wirklich neu und revolutionär über Mobilität nachdenken würden? Über fliegende Autos zum Beispiel, an denen etliche vielversprechende Start-Ups überall auf der Welt zurzeit tüfteln? Man wird ja mal träumen dürfen – selbst im ökoseligen Deutschland des Jahres 2017 kurz vor der Bundestagswahl.

Der Artikel erschien bereits auf Novo

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12 Kommentare zu “Nationalfetisch E-Auto

  • #1
    Marcel

    Wir hatten mal einen BMW i3 für’s Wochenende für umsonst. Tolles Auto, macht Spaß damit zu fahren. Aber das Laden am normalen Hausstrom dauert viel zu lange und die Reichweite ist auch viel zu niedrig. Und mit größerem Akku würde das Laden dann noch länger dauern. Und dann noch der Preis für das Auto. Ideal für Gutverdiener die auch noch einen Euro6-Diesel in der Garage haben.

  • #2
    JuppSchmitz

    @ Marcel:
    Also abgesehen von Preis und "Auftanken" bleibt alles normal, ja?
    Der Preis wird schon noch runtergehen, schliesslich wirbt die ehemalige Autohasserpartei (vulgo Die Grünen) ja für eine 6000Euro-Prämie, und "Tankstellen" werden sicherlich auch noch gebaut.

    ABER die Diskussion über E-Autos und auch Euer Artikel geht meiner Meinung nach am eigentlichen Thema knapp vorbei:
    Ich möchte es mal ketzerisch formulieren: Das CO2 interessiert mich hier überhaupt nicht.
    Was ist denn mit den Unfällen, Staus, Verparkung der Strassen?
    Das wird ja alles nicht durch CO2 verursacht, sondern durch das Auto an sich. Kindern kann es doch egal sein, ob sie vom E-Auto oder von Verbrennungsmotor angefahren werden.
    Ist die A57 etwa nicht verstopft, wenn alle E fahren? Was ist bpsw. mit dem Frankfurter Nordend: zugeparkt, dass Du nicht mal mehr über die Kreuzung kommst! Und das ändert sich dann mit dem grossen E, ja? Hm, muss ich wohl irgendwas missverstanden haben.

  • #3
    antiandi

    Und wieder ein Text, der "Verkehrswende" und "E-Mobilität" fälschlicherweise als Synonyme benutzt, um dann die abgegriffene Reichweite-Karte zu ziehen. Dabei fordern die Autoren doch selbst "wirklich neu und revolutionär über Mobilität" nachzudenken. Das sind dann aber sicherlich nicht fliegende Autos, sondern integrierte, intelligente Mobilitätssysteme, in denen das eigene Auto (mit welchem Antrieb auch immer) kaum noch eine Rolle spielt. Das nennt man dann "Verkehrswende". Wie das aussehen könnte und warum das nötig ist, kann man hier erfahren: https://www.ruhrbarone.de/heute-beginnt-die-letzte-iaa-oder-die-vorletzte/147345

  • #4
    Christian

    Leider stimmt es das die deutschen Autos keine vollwertige Alternative zu einem Verbrenner sind. Nur Tesla bietet das zu einem hohen Preis. Die 4000 Euro Umwelt-Prämie möchte niemand zur Zeit nutzen. Warum? Weil man den Tesla 3 in Deutschland noch nicht kaufen kann. Alle anderen sind von Reichweite, Beschleunigung, Endgeschwindigkeit und Entertainment (15 zoll Monitor) so weit vom Tesla weg im Bereich um die 40.000 Euro das natürlich jeder der sich ernsthaft ein E-Auto wünscht auf diesen Wagen warten wird. Selbst ein e-Golf mit 15.000 Euro Rabatt wird das kaum ändern. Traurig aber wahr. Vergleichbare Fahreigenschaften zum vergleichbaren Preis würde ich gerne auch ein deutsches Auto fahren.

  • #5
    Gerd

    Child miners aged four at Congo cobalt mine | Daily Mail Online

    http://www.dailymail.co.uk/news/article-4764208/Child-miners-aged-four-living-hell-Earth.html

    DRC: Child labourers must not pay the price for UK’s shift to electric vehicles | Amnesty International

    https://www.amnesty.org/en/latest/news/2017/07/drc-child-labourers-must-not-pay-the-price-for-uks-shift-to-electric-vehicles/

  • #6
    ke

    Für die Stadt und andere kleinere Strecken fand ich auch die BMW C1 als Fahrzeugtyp sehr interessant.
    Final wird es aber darum gehen, Mobilität zu reduzieren.
    Selbst die Fahrrad-Garagen/Abstellflächen verbrauchen viel Platz und die variabel fahrenden Radfahrer sind auch nervend und gefährlich.

    Als temporäre Lösung bin ich für eine Reduzierung des LKW Verkehrs durch höhere Maut-Abgaben, Parkgebühren bei Übernachtung auf öffentlichen Parkplätzen ….

    Es bleibt zu hoffen, dass in dieser Diskussion der Verstand wieder einsetzt. Mobilität/Warenverkehr ist wichtig, er hat aber schon immer Probleme verursacht. Pferde waren ja auch nicht frei von Nahrungsaufnahme und -ausgabe.

  • #7
    antiandi

    Lieber ke,

    denken Sie doch bitte noch mal über ihr Fahrrad(Garagen)-"Argument" nach. Das gilt nämlich nur, solange die Autos (parkend oder fahrend) überall den Platz weg nehmen. Ansonsten nimmt ein abgestelltes Fahrrad ca 1/6 von einem parkenden Auto an Platz ein. Und kommen Sie mir nicht damit, dass in Autos ja mehr als eine Person sitzt – das ist nämlich in den seltensten Fällen so.

  • #8
    thomas weigle

    Der tägliche Stau all überall wird hingenommen wie "Sebastian" oder wie die Stürme sonst noch heißen, die man nicht abbestellen kann. Fährt aber der ÖPNV oder der ICE ein paar Minuten Verspätung ein, dann ist der Teufel los. Gerne wird vergessen, dass seit den 1000 Jahren das Auto und "die Straßen des Führers" absoluten Vorrang vor dem Massentransportmittel Eisenbahn und Straßenbahn hatten und tw. immer noch haben.
    Diese Entwicklung wird sich nicht kurzfristig umdrehen bzw. heilen lassen. Zu mal der PKW für viele die HEILIGE KUH ist, an die nicht Hand angelegt werden darf.

  • #9
    ke

    @#7: Waren sie schon in einer der Fahrradstädt Deutschlands und haben sie die flächen betrachtet , die dort mit Fahrrädern zugeparkt sind. Direkt aneinander funktioniert ja nicht. Das teure Gefährt würde beschädigt sein ….
    Natürlich ist ein Fahrrad kleiner als ein aktuelles Auto. Dennoch wird viel Platz benötigt, wenn eigene Produkte von Ort zu Ort transportiert werden müssen, nur um sich selber zu bewegen.

  • #10
    Achim

    Die hohen kosten der Voll-E-Autos mit ihren grossen Batterien spiegeln
    nur die hohen Produktionskosten und Rohstoffkosten für die Autoakkus
    wieder. E-Autos mit Akkus sind so unsinnig wie Strassenbahnen oder Züge mit Akkus.
    Sie wurden vor langer Zeit gebautm getestet und verworfen.
    In der Nachkriegszeit gab es bei der Bahn den neu entwickelten Akkutriebwagen
    515. Ich fuhr mit ihm gelegentlich auf Nebenstrecken im Ruhrgebiet. Heute
    sind diese Strecken alle stillgelegtm verdieselt oder verfügen über eine
    Oberleitung. Ich glaube in Eisenbahmuseen gibt es noch ein paar nicht
    fahrfähig Exponate. Ich glaube die beiden letzten Triebwagen wurden vor Jahrzehnten von der Regentalbahn zu Dieseltriebwagen umgebaut, da die Industrie damals leine
    Dieseltriebwagen liefern konnte.
    In den Städten fahren neben Dieselbussen nur noch elektrische Strassenbahnen mit Oberleitung.
    Ach ja – im Bereich der Stadt Solingen fahren seit Jahrzehntebn’O-Busse mit
    Oberöeitungen. Man könnte solche Oberleitungen auch über den LKW Spuren der Autobahnen bauen. Die LKW könnten dann bei Bedarf auf Akkus oder Verbrennungsmoteren oder innerstädtische Oberleitungen zugreifen.
    Das E-Auto braucht entweder bssere und billigere Akkus oder ist Plug-in-Hybride.

    Achim

  • #11
    thomas weigle

    Die Akkutriebwagen wurden keineswegs "getestet und verworfen", sondern waren rund 90 Jahre in verschiedenen Ausführungen auf geeigneten Strecken von Ostpreußen bis zum Ruhrgebiet unterwegs. V.a. die DRG und die Bundesbahn übernahmen und schafften diese TFZ an, aber auch Länderbahnen wie die KPEV hatten diese vor 1920 im Bestand. Die Bundesbahn nahm u.a. knapp 240 ETA 150 neu in Betrieb, die letzten wurden 1995 abgestellt.

  • #12
    Till-Ulrich Hepp

    Sehr geehrte Damen und Herren von Ruhrbarone.de.

    was die Fetischisierung von E-Autos, Erneuerbaren Energien wie auch Bio-Agrarindustrie angeht, so ist es leider so, dass all diese sog. "großen Wenden" eben keine sind sondern ziemlich üble Lobby und Klientelpolitik um das Land möglichst reaktionär und unfreiheitlich umzugestalten.

    Allen drei "großen Wenden" ist zu eigen, dass Sie ganze Wirtschaftszweige mit unausgegorenen, anachronistischen und völlig unökonomischen Produkten belasten und all dies überhaupt nur ansatzweise lebensfähig ist, weil die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen mit Billionen belastet werden. Selbiges gilt für die gesamte Kundschaft von Energieversorgern sowie alle, die "Bio" kaufen, was so absurd ist wie es nur geht.

    Lebensmittelskandale aller Art in Agrar-Großbetrieben werden meist absichtlich verursacht weil längst jeder begriffen hat, dass die künstliche Verteuerung der Lebensmittel eine Goldgrube ist – also heißt es "Go Bio".

    Sowohl bei der Energieproduktion als auch beim Essen und der Mobilität hat man nicht verstanden, dass man mit subventionierten Un-Produkten und Un-Technologien nicht weiter kommt bzw. deshalb hat man diese gewählt um so den Fortschritt zu verlangsamen und die breite Bevölkerung zu verarmen.

    Landwirtschaft in D müsste voll-automatisch, nach höchsten Standards überwacht und gerade auch konsolidiert also aus wesentlich weniger, wesentlich größeren betrieben bestehen, welche wiederum freien Welthandel betreiben und nicht von Quoten, Zöllen etc. geschützt werden.

    Energieproduktion und Mobilität leiden unter Innovationsmangel dahingehend, dass Energie längst mit fortschrittlicher Technik wie Fusion erzeugt werden könnte und somit eine langfristig nutzbare, stabile Grundlast bereit stellende und insgesamt günstigere Energiequelle zur Verfügung stehen würde. Dann könnte man leicht über das Synthetisieren alternativer Treibstoffe etc. nachdenken, denn das könnte sich dann lohnen.

    Das ist aber leider dank grünem anti-Fortschrittsaktionismus nicht der Fall und so werden lieber Billionen von € verpulvert und man darf nicht vergessen, dass es schon in den 1980er Jahren Schwarz-Gelb waren, die dies auf politischer und wirtschaftlicher Seite durchboxten während die Grünen damals noch die moralisierenden, skandalisierenden Aktivisten waren. Bei "Jamaika" arbeitet nun also zusammen, wer dies schon immer tat und es wäre gut, wenn Sie ihre Fehler bereinigen und mit diesem ganzen Unsinn aufräumen würden!

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