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Offener Brief an NRW-Kulturministerin: „Es kann doch nicht Ihr Ziel sein, die Vollverschleierung zu normalisieren“

Lale Akgün Foto: © Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0


Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün hat gemeinsam mit vielen anderen Frauen einen offenen Brief an NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste  und das Kulturamt der Stadt Köln geschrieben. Anlass ist die Ausstellung „Munaqabba – Frau in Vollverschleierung, Deutschland“ im Kölner Atelierzentrum Ehrenfeld.

Sehr geehrte Damen und Herren,
vom 21. bis 30. Juni 2019 wird eine Ausstellung mit dem Titel „Munaqabba – Frau in Vollverschleierung, Deutschland“ im Kölner Atelierzentrum Ehrenfeld stattfinden. Die Ausstellung wird durch die Kuratorin Janine Koppelmann und die Fotografin Selina Pfrüner eröffnet. In der Ausstellung werden vollverschleierte Frauen und Ihre Meinungen per Bild oder Video dargestellt und jede Art von Hijab zum Probieren zur Verfügung gestellt. Es werden die Meinungen von den Frauen präsentiert, die nicht möchten, dass ihre Stimme von Männern gehört wird und die die volle Verschleierung als Schutzraum empfinden.

Förderer dieser Ausstellung sind das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste und das Kulturamt der Stadt Köln.
Da die Ausstellung mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, erlauben wir uns als Bürgerinnen dieser Stadt, einige Fragen an Sie, die Förderer, zu richten.

Wir fragen Sie, warum Sie diese Ausstellung fördern. Welche förderwürdige Botschaft sendet diese Ausstellung aus? Auf welches politische Mandat bezieht sich Ihre Entscheidung zur Förderung der Ausstellung?

Wir wollen friedvoll zusammenleben und befürworten eine vielfältige Gesellschaft. Dank der Demokratie in diesem Land können Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, mit verschiedenen Kulturen und Religionen friedlich miteinander oder nebeneinander leben, in einen kulturellen Dialog treten, ihren Glauben praktizieren und nach ihrer Lebensart leben.

Wir fragen uns jedoch, was mit dieser Förderung, die ja nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine ideelle Förderung ist, beabsichtigt ist. Es kann doch nicht Ihr Ziel sein, die Vollverschleierung zu normalisieren. Vollverschleierung ist keine Mode!

Die Zahl der vollverschleierten muslimischen Frauen ist unter den Tausenden in Köln lebenden Musliminnen in Köln sehr gering. Warum sollen sie nun auf diese unreflektierte, ja werbende Art und Weise mit öffentlichen Mitteln in den Vordergrund gerückt werden?

Diese Ausstellung propagiert die „Vorteile” der Vollverschleierung und zwar in diesem Rechtstaat, wo nicht die Schleier, sondern die Gesetze die Menschen schützen sollen. Das Bild von Frauen, das in dieser Ausstellung dargestellt wird, ist Gegenteil davon, was die Frauen weltweit in vielen Jahrzehnten erkämpft und erreicht haben! Hier wird das in patriarchalischen islamischen Ländern existierende und angestrebte Frauenbild, das nach Deutschland getragen wurde, unkritisch und sogar positiv wertend wiedergegeben. Es handelt sich um islamistisch geprägte Länder und Regionen, in denen Frauen von Männern bevormundet und unterdrückt werden. Mittels der Vollverschleierung wird die Existenz der Frau als Individuum im öffentlichen Raum negiert.

Die Vollverschleierung steht in diesen Ländern selbst in der Kritik und die dort lebenden Frauen kämpfen dort gegen den Zwang zur Vollverschleierung und für ihre Selbstbestimmung. Wenn die Vollverschleierung freiwillig ist, warum gibt es dann in islamischen Ländern Gesetze und Strafen für die Durchsetzung? Die Frauen in Afghanistan, Syrien, Saudi-Arabien, dem Iran oder in der Türkei – um nur einige Länder zu nennen – die die Vollverschleierung ablehnen oder gegen die zunehmende Bevormundung und Verdrängung aus dem öffentlichen Raum protestieren, werden entweder verhaftet oder Opfer von gewalttätigen staatlichen oder zivilen Angriffen von Männern.
„Die Andersartigkeit anderer“ zu zeigen sei ein Ziel der Ausstellung. In den vielen Moscheen in Köln, offiziell sollen es 35 sein, in den vielen muslimischen Kulturzentren, in den islamischen Bibliotheken  und Buchläden gibt es viele Bücher über Burka,Chador, Niqab, Hijab und andere Arten der Verschleierung, die in der Ausstellung präsentiert werden. Dort gibt es auch die Möglichkeit, diese  anzuprobieren. Es gibt genug „islamische Läden“, die diese Kleidung anbieten und verkaufen.

Warum soll die Stadt die Aufgabe der Moscheen und bzw. der islamischen Verbände wie DITIB
übernehmen und solche Projekte fördern?

Welches Ziel soll damit erreicht werden? Wenn das Ziel die Stärkung der Frauen aus islamischen Ländern ist, weshalb werden dann mit den Fördergeldern der Stadt nicht solche Projekte gefördert,  die Migrantinnen bei Gewalt in der Familie und der Gesellschaft wirklich weiterhelfen?

Viele von diesen Frauen, die auf sich alleine gestellt sind und Hilfe suchen, gehen in Moscheen oder zu islamischen Vereinen, da unabhängige Frauenprojekte aufgrund von Geldmangel ihnen nicht helfen können. Damit werden Frauen, die bereits im Alltag unter der Scharia leiden, wieder in die islamischen Zentren gelenkt, welche zur Unterdrückung dieser Frauen beitragen.

Bei der Frage der Vollverschleierung der Frau wäre es sicher auch interessant, sich nicht ausschließlich auf die vermeintliche Freiwilligkeit zu konzentrieren, sondern die Frauen und ihre Männer nach ihrer Haltung zu Grundrechten und Freiheiten in einem demokratischen Staat und eine und einer demokratischen Gesellschaft zu fragen. Was wir definitiv nicht möchten ist die Förderung fundamentalistischer Lebensarten und Weltanschauungen mit öffentlichen Mitteln.
Sie erkennen aus unserem offenen Brief unsere große Besorgnis.

Wir bitten um zeitnahe Beantwortung.
Für Rückfragen steht Ihnen Hellen Vaziry ( hellen.vaziry@gmail.com ) zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Hellen Vaziry, Diplom Ingenieurin (FH) (Ansprechpartnerin)
Hamide Akbayır, MdR Köln, MdL a.D.
Dr. Lale Akgün, Diplom Psychologin, MdB a.D., Politikerin, Autorin
Fatoş Aytulun, Diplom Sozialarbeiterin, Supervisorin & Coach
Sousan Bahadori, Krankenschwester/ Rentnerin
Monireh Baradaran, Sozialwissenschaftlerin und Autorin, Frankfurt
Marliese Berthmann
Ayşe Çalışkan, Lehrerin
Sevgi Demirkaya, Vorstand/Programmleitung KULTURBUNKER
Pervin Doğan, Betreuungsassistentin
Hatice Doğan, Reinigungskraft
Claudia Drost, selbständige Handwerkerin, Wuppertal
Birgit Ebel, Lehrerin und Gründerin der Präventionsinitiative „extremdagegen!“ in Herford
Parvin Ebrahimzadeh, Migration & Internationale Frauenarbeit
Tima Engels-Akbari, Diplom Sozialpädagogin
Sakine Esen Yılmaz, Gewerkschafterin
Effat Fani Jazdi Sara Farahzadi
Fahimeh Farsaie, Autorin und Journalistin
Shahla Fasihi, Renterin
Shahla Feyzi, Erzieherin
Çiler Fırtına, Germanistin, Übersetzerin
Birgit Gärtner, Journalistin, Autorin, Hamburg
Zahide Genç
Keivandokht Ghahari, Autorin und Journalistin
Zainab Gharahviski, Psychologie Beraterin Und Gruppenleiterin in Ganztagsschule
Nezahat Gündoğan, Regisseurin
Tooran Hematian, politische Aktivistin
Birsel K., Krankenschwester
Işılaz Karagöz, Pädagogische Hilfskraft
Khatereh Karimi, Diplom Pädagogin
Monireh Kazemi, Frauenrechtlerin, Frankfurt
Neşe Keskin, Betreuungsassistentin
Hatice Kıraç, Betreuungsassistentin
Satı Kızaran, Mediatorin, Buchhalterin
Özge Kızaran, Studentin
Forouzan Lakzadeh, Lehrerin, Köln
Efat Mahbas, Verantwortlich für den Flüchtlings-Gehörlosen-Verein (Shahrzad e. V.)
Mercedeh Mohseni,Menschenrechtsaktivistin
Minu Nikpay, Dolmetscherin, Übersetzerin, Versicherungsfachfrau
Enssi Rafiee
Ipek Recber, Sängerin
Efat Rezai, Hebamme
Elahe Sadr, Sozialarbeiterin
Simin Sayad, Pädagogische Fachkraft
Emek Şenol, Diplom Übersetzerin für Englisch, Französisch, Deutsch, Dozentin für Integrationskurse
Aghdass Shabani, Sozialarbeiterin, Hannover
Soraya Shams, Sozialpädagogische Familienhelferin
Firdevs Sinemillioglu, Erziehungswissenschaftlerin (BA)
Ferdos Tadjdini, Übersetzerin und Mediatorin
Ayşe Tekin, Journalistin
Şükran Ünver, Krankenschwester
Hamila Vasiri, Frauenhaus Mitarbeiterin
Sinem Yıldız, Kosmetikerin
Ilkay Yılmaz, Dipl. Betriebswirtin, Politikwissenschaftlerin, M.A
Ahsen Yücel, Erzieherin
Mina Zarin, politische Aktivistin
Unterstützerin:
Iranisch-Deutscher Frauenverein Köln

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12 Kommentare zu “Offener Brief an NRW-Kulturministerin: „Es kann doch nicht Ihr Ziel sein, die Vollverschleierung zu normalisieren“

  • #1
    Wolfram Obermanns

    Steht diese Ausstellung in irgendeinem inhaltlichen Zusammenhang mit der Frankfurter Contemporary Muslim Fashion Ausstellung?

  • #2
    Nina

    Schwieriges Thema und für mich als Frau fast zum Weinen, wenn ich mir die Statements auf Selina Pfrüners Seite durchlese. Eine junge Frau die nicht möchte, dass (fremde) Männer ihre Stimme hören, denn es könne der Beginn einer "Unzucht" sein. Es stimmt mich unendlich traurig, dass diese junge Frau anscheinend (warum auch immer) ein großes Bedürfnis nach Schutz und Separation hat. Und wie elendig ist dieses antiquierte Männerbild, das da mitschwingt.
    Ich bin absolut für ein Verschleierungsverbot in Deutschland, aber das Thema hatten wir hier bereits zu genüge, es ist alles dazu gesagt.

  • #3
    ke

    Es ist mir ein Rätsel, wie für solche Ausstellungen öffentliche Gelder ausgegeben werden.

    Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass irgendwie auch nur ansatzweise der Eindruck entstehen kann, dass ein portables Gefängnis mit Sehschlitz eine Lösung für irgendein Problem sein kann.

  • #4
    paule t.

    Schön, dass sich jemand die Ausstellung so gründlich angesehen hat und so gut über die Inhalte der Ausstellung informieren kann. Ich konnte sie mir leider nicht selbst ansehen, da ich vom 21. bis 30. Juni 2019 leider keine Zeit hatte, dorthin zu fahren.

  • #5
    anne

    die Lösung ist doch eigentlich ganz einfach. Nicht die Frauen sondern die Männer haben mind. 1 Monat lang die Burka usw. zu tragen, zu gehorchen, den Mund zu halten, die Frauen zu bedienen und den Haushalt zu führen. Dann würde sich sehr schnell herausstellen wer wirklich das stärkere Geschlecht ist.

  • #6
    Nina

    @anne: In der Ausstellung geht es um Mädchen und Frauen, die ohne Zwang und aus sich selbst heraus Verschleierung tragen. Die ihre Gründe dafür nennen. Also eben kein Täter und kein böser Mann in Sicht.
    Diese Mädchen und Frauen gibt es. Aber sie sind eine Minderheit. Ich vermute sogar eine absolute Minderheit.
    Die grundsätzliche Kritik an der Ausstellung teile ich-sie hebt die Verschleierung in einen positiven Stand und normalisiert sie. Frage ist doch-wollen wir das?
    Was das "Frauen Special" angeht, dieser Tag, wo jede Frau mal verschiedene Schleier mit Hilfe der Protagonistinnen anziehen und ausprobieren kann, da würde ich am liebsten ganz viele Trans-Frauen sehen, denen man ihr Trans-Sein noch nicht ansieht. Mal schauen, wie die Sittenwächterinnen darauf klarkommen. 😀

  • #7
  • #8
    Ui

    Wenn ich das richtig sehe, dann könnte die Ausstellung das befördern, was jetzt schon passiert; Diskussion und Kontroverse.
    Und dafür ist Kunst da.
    Falls die Ausstellung etwas "propagiert", wie die Verfasserinnen befürchten, dann ist sie tatsächlich kritikwürdig.
    Aber um das festzustellen, müsste sie erst einmal eröffnet werden.

  • #9
    Nina

    @Ui: Auf der HP von der Fotografin befindet sich bereits viel Material, das einen Einblick gibt.

  • #10
    Ingrid Stiehler

    Ich bin wirklich entsetzt – ein Schlag ins Gesicht für jede moderne Frau, für die schließlich Generationen vor ihr, für Gleichberechtigung und Freiheit gekämpft haben! Die Äußerungen dieser verschleierten Frauen zeigen, wie sehr sie in Ängste (vor einer freien Umwelt, insbesondere vor allen Männern) gedrängt werden – um dann zuerst zwangsverheiratet zu werden und sich danach aus dieser Falle nicht befreien zu können, weil sie ja Angst vor der "Außenwelt" haben – und lieber alles ertragen, was "ihr" Mann von ihnen verlangt! Und das muss hier bei uns nicht "ausgestellt" werden – das gehört nicht zu unserer Auffassung von Gleichberechtigung und Freiheit – und auch eine teure Ausstellung von Steuergeldern wird an dieser Tatsache nichts ändern. Es hat nämlich nichts mit mangelnder Toleranz zu tun – sondern es passt nicht mit unserem Grundgesetz, das klar sagt, dass die Rechte des Einzelnen nur soweit ausgelebt werden dürfen, wie sie die eines anderen nicht verletzen! Meine Rechte werden verletzt, wenn ich mich unwohl/bedroht fühle, weil ich nicht weiß, wer unter dieser Vermummung steckt und ich (mangels Mimik) nicht beurteilen kann, ob man mir nicht doch Böses will!

  • #11
    ursula smolorz

    Diese Ausstellung ist ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen, die vor dieser Form der Unterdrückung geflohen sind oder sich hier in Europa davon FREI gemacht haben. Wenn ich ETWAS DERARTIGES hier in Ehrenfeld präsentiert bekomme, frage ich mich, warum ich mich Jahrzehnte lang für Frauenrechte eingesetzt habe. Ich bin so tolerant, das in meinem Land zu dulden, allerdings ist meine Wertung eindeutig: wer das nötig hat, tut mir unendlich leid. Öffentliche Gelder soll man/frau für NOTWENDIGES ausgeben, z.B. für Frauenhäuser, die unterdrückte Musliminnen unterstützen. Die Künstlerin ist es nicht wert als solche bezeichnet zu werden. Das hat NICHTS mit KUNST zu tun!

  • #12
    M. Elisabeth K.

    Was für eine Geldverschwendung, die ein ungutes Signal fördert. Das ist ein Nachtreten der gefolterten, vergewaltigten und getöten Frauen aus all den islamischen Ländern, die die Hälfte ihrer Bevölkerung knechtet, sie unsichtbar macht. Unsichtbar, weil die Männer des Landes keine Ehre kennen und das Fehlen einer Verhüllung als Aufforderung zum Sex sehen. Selbst Kinder hängen an Kränen, weil sie des Mannes Lust erweckten. Krudes Denken. Nun in D eine Ausstellung, die aufzeigt, wie Frauen selber diese Verdunkelung ihres Seins akzeptieren. Aus Angst vor Ehrenmänner, dem eigenen Mann? Zudem nehmen sie an, dass der Klang ihrer Stimme den Mann enthemmt? Mann und Frau Fälle für den Psychiater? Der Frau war es nie möglich, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Der Mann fühlt sich mit seinen "Rechten" wohl ohne zu hinterfragen. Dazu eine Künstlerin mit einem gewaltigen Problem: Ihr fehlt Empathie. Doch nicht nur ihr, sondern auch den Geldgebern. Frauenhäuser sind voller unterdrückter Frauen aus diesen Ländern. Dort wäre das Geld gut angelegt gewesen.

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