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Paralympics II: Von älteren Herren und harntreibenden Mitteln

doping-hofschlaeger-pixelio Nach der Einführung "Paralympics I" gibt es nun bereits meinen ersten Beitrag im Vorfeld der Spiele, von denen ich hier vermutlich täglich berichten werde und die am morgigen Freitagabend um 18 Uhr Ortszeit (Samstagnacht, 3 Uhr MEZ) beginnen. Es geht um Doping im Behindertensport und um die Probleme, die sich hiermit ergeben. Dopen auch behinderte Sportler? Natürlich ja. Vermutlich aber weniger, als nichtbehinderte Hochleistungssportler. Dafür gibt es für Behindertensportler weitere Möglichkeiten, die Chancen illegal zu verbessern. Der Versuch einer Annäherung.

Vor acht Jahren war der Schock groß, als bei den Winterspielen in Salt-Lake-City ein deutscher Langläufer positiv auf ein Steroid getestet wurde. „Deutscher Gold-Läufer wegen Doping suspendiert“ titelte Spiegel-Online, beim Kölner Stadt-Anzeiger war „Paralympics-Star Thomas Oelsner positiv gestet“. Der fünffache Paralympics-Sieger ist der bis heute einzige Behindertensportler, der bei Winter-Paralympics positiv getestet wurde.

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Nach der Einführung „Paralympics I“ von heute morgen gibt es nun meinen ersten Beitrag im Vorfeld der Spiele, von denen ich hier vermutlich täglich berichten werde und die am morgigen Freitagabend um 18 Uhr Ortszeit (Samstagnacht, 3 Uhr MEZ) beginnen. Es geht um Doping im Behindertensport und um die Probleme, die sich hiermit ergeben. Dopen auch behinderte Sportler? Natürlich ja. Vermutlich aber weniger, als nichtbehinderte Hochleistungssportler. Dafür gibt es für Behindertensportler weitere Möglichkeiten, die Chancen illegal zu verbessern. Der Versuch einer Annäherung.

Vor acht Jahren war der Schock groß, als bei den Winterspielen in Salt-Lake-City ein deutscher Langläufer positiv auf ein Steroid getestet wurde. „Deutscher Gold-Läufer wegen Doping suspendiert“ titelte Spiegel-Online, beim Kölner Stadt-Anzeiger war „Paralympics-Star Thomas Oelsner positiv gestet“. Der fünffache Paralympics-Sieger ist der bis heute einzige Behindertensportler, der bei Winter-Paralympics positiv getestet wurde.

Obwohl es in der Folge Zweifel an seiner Schuld gab, Oelsner Sabotage vermutete und mehrere ihn stützende rechtsmedizinische Gutachten angefertigt wurden, sperrte ihn das Internationale Paralympische Komittee für zwei Jahre. In Turin war der Thüringer 2006 aber schon wieder dabei und auch in Vancouver wird der inzwischen 39-Jährige in fünf Wettbewerben an den Start gehen.

Nach dem positiven Test schmiss Oelsner damals sein kurz vor dem Abschluss stehendes Geografie-Studium, beendete seine zehn Jahre andauernde Beziehung und zog sich komplett zurück. Jetzt gibt Oelsner als Werbekaufmann an der FH Schmalkalden Fortbildungskurse, ist längst wieder glücklich vergeben und auch sportlich zurück in der Spur. Doch noch immer nimmt er keine offenen Getränke mehr an, lässt Trinkgurte und sein Essen niemals unbeaufsichtigt zurück. Der positive Dopingtest wird ihn nie wieder verlassen, er ist der erste und zumindest bislang noch der einzige positive Fall bei Paralympischen Winterspielen.

Mittlerweile ist der Fall Thomas Oelsner beim deutschen Behindertensportverband DBS als unglückliche Episode abgehakt. Delegationsleiter Karl Quade glaubt kurz vor den paralympischen Spielen, dass Doping im Behindertensport „weitestgehend kein Thema ist“. Im Sommer gebe es zwar die Gewichtheber, von denen bei den vergangenen drei Spielen insgesamt 19 Athleten überführt wurden. „Ansonsten haben wir aber keine Probleme.“

Unterstützt wird Quades Ansicht durch eine vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Studie der Uni Münster. Sie schrieb nach einer ausgewählten Befragung von einem Dutzend Trainern, Funktionären und Sportlern, dass Doping im Behindertensport „hauptsächlich ein Problem der Aufklärung“ zu sein scheint. Ob es sich beim Doping im Behindertensport auch um „bewusste Versuche der Leistungssteigerung“ handelt, konnte jedoch nicht geklärt werden. (Zusammenfassung der Studie als PDF)

Die Kontrollen an Behinderten von 1984 bis 2008 hat im vergangenen Jahr Mario Thevis vom Kölner Doping-Labor mit drei Kollegen aufgearbeitet (leider nicht frei online verfügbar, die Zusammenfassung gibt es HIER). Sein Fazit für die Fachzeitschrift „Medzinische Klinik“: Es zeigen sich zahlreiche Parallelen zu nichtbehinderten Sportlern. Anabole Steroide, Diuretika, Kortikoide und Stimulanzien sind bei behinderten Sportlern schon gefunden worden. Allerdings sind inzwischen auch die Kontrollen zumindest zum Großteil mit denen der nichtbehinderten Athleten zu vergleichen. In Vancouver zum Beispiel sollen gut 400 Kontrollen an den etwa 600 Athleten vorgenommen werden.

Auch die Quote von Epo-Kontrollen liegt – zumindest international – mit zehn bis 15 Prozent etwa gleich hoch wie bei den Nichtbehinderten. Besonderheiten gibt es nur bei der Durchführung der Kontrollen. Manche behinderten Athleten dürfen eine Vertrauensperson zur Kontrolle mitnehmen und blinde Sportler bekommen Hilfe beim Ausfüllen des ADAMS-Abmeldesystems im Internet.

In Deutschland führte die NADA im Jahr 2009 insgesamt 276 Trainingskontrollen bei rund 220 behinderten Kadersportlern durch, wie sie auf Nachfrage bekanntgab (der Jahresbericht erscheint im Mai). Zusätzlich nahm der DBS 84 Wettkampfkontrollen. Bei den 360 Tests sind laut Behindertensportverband fünf Athleten mit positiven Kontrollen aufgefallen. Allesamt ältere Herren aus den Sportarten Tischtennis und Sitzball, alle fünf mit dem Wirkstoff Hydrochlorothiazid, der in harntreibenden Diuretika enthalten ist und als Maskierungsmittel auf der Dopingliste steht.

Auffallend oft jedoch werden bei behinderten Sportlern positive Kontrollen wieder zurückgenommen, weil die Sportler Ausnahmegenehmigungen besitzen. So finden die Dopingfahnder vergleichsweise häufig Diuretika oder Beta-Blocker, die bei Querschnittgelähmten medizinisch notwendig sind. Einen Betrug mit unnötig erteilten Ausnahmegenehmigungen hält Thevis für unwahrscheinlicher als bei Nicht-Behinderten, schließlich könne man bei Behinderten in den allermeisten Fällen deutlich erkennen, ob die Behandlung gerechtfertigt sei.

Doch auch wenn Doping bei behinderten Sportlern anscheinend weniger verbreitet zu sein scheint als im Hochleistungssport der Nichtbehinderten: Jürgen Kosel, Chefarzt der Behinderten, würde für keinen seiner Athleten die Hand ins viel beschriebene Feuer legen. Schließlich gibt es für Behindete noch andere Möglichkeiten des Betrugs. So können Querschnittsgelähmte beim so genannten Boosting einen Adrenalinausstoß provozieren, der Studien zufolge fünf bis zehn Prozent Leistungszuwachst bringt. Beispielsweise mit einer übervollen Blase oder bewusst zugefügten Verletzungen in gelähmten Körperteilen. Nachzuweisen ist diese lebensgefährliche Art des Betrugs nicht, weshalb niemand weiß, wie stark sie verbreitet ist.

Konkreter ist das Problem der Klassifizierung. Bei der Einteilung in die verschiedenen Behinderungsklassen verführt die Möglichkeit, sich behinderter zu machen, als man eigentlich ist. So habe es schon Fälle gegeben, bei denen ein angeblich stark sehbehinderter Athlet nach dem Wettkampf mit dem Auto nach Hause fuhr, erzählt DBS-Arzt Kosel. Mittlerweile seien aber die Regeln verschärft und die Probleme der Klassifizierung weitestgehend im Griff. Dennoch kämen Proteste von Konkurrenten gar nicht mal so selten vor. Solche Betrügereien sind nunmal – genau wie klassisches Doping – nie auszuschließen.

Dass auch der Behindertensport nicht frei ist von professionellen Dopern, legt der Fall des ehemaligen spanischen Radprofis Javier Ochoa nahe. Ochoa, der als Kletterspezialist unter anderem eine schwere Etappe der Spanien-Rundfahrt gewonnen hatte, stieg nach einem Unfall im Jahr 2001 auf das Handbike um und gewann bei den Spielen 2004 und 2008 drei Goldmedaillen. Ende vergangenen Jahres wurde Ochoa von der spanischen Polizei befragt, weil er in Verbindung mit dem Walter S. Viru stand, der zentrale Figur eines Dopingnetzwerks sein soll.

Der Beitrag ist in gekürzter, unverlinkter Form unter anderem bei ZDFonline erschienen.

Das Foto ist von S. Hofschlaeger / pixelio.de

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