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Paralympics III: „Nicht die soziale Weihnachtsgans“

bahn-pixelio Beginnen wir mit Frank Höfle, dem deutschen Fahnenträger bei der heutigen Eröffnungsfeier. Frank Höfle ist stark sehbehindert und immer wenn er mit dem Zug fahren will, spürt er seine Behinderung am stärksten. Höfle ist nicht vollkommen blind, aber doch so eingeschränkt, dass er kaum eine Chance hat, Fahrpläne, Bildschirme oder Hinweisschilder zu entziffern. Dann fragt Höfle nach und bekommt meist vernünftige Antworten. Er ist es gewohnt, sich helfen zu lassen - ob zu Hause, im Alltag oder bei der Arbeit.

Wie fühlen sich Behindertensportler, wenn Sie medaillenbehangen von internationalen Einsätzen zurückkehren - und dann zu Hause wieder mit ihren alltäglichen Problemen, ihrer Sehschwäche oder Lähmung konfrontiert werden? Ist der Sport eine kleine, heile Oase und ist es schwerer, als erfolgreicher Athlet Hilfe anzunehmen? Das wollte ich wissen - und bin noch vor meinem Abflug nach Vancouver gleich mal ganz schön auf die Schnauze gefallen. Denn mein erster Gesprächspartner war Jens Jäger, der Mannschaftsführer der deutschen Curler. Und der wollte diese Fragen "nach den armen Behinderten und ihrem schweren Alltag" gar nicht gern hören. Dennoch ist etwas herausgekommen: Fragen müssen macht demütig. Und: Nichtbehinderte können einiges von den Paralympics-Teilnehmern lernen.

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Beginnen wir mit Frank Höfle, dem deutschen Fahnenträger bei der heutigen Eröffnungsfeier. Frank Höfle ist stark sehbehindert und immer wenn er mit dem Zug fahren will, spürt er seine Behinderung am stärksten. Höfle ist nicht vollkommen blind, aber doch so eingeschränkt, dass er kaum eine Chance hat, Fahrpläne, Bildschirme oder Hinweisschilder zu entziffern. Dann fragt Höfle nach und bekommt meist vernünftige Antworten. Er ist es gewohnt, sich helfen zu lassen – ob zu Hause, im Alltag oder bei der Arbeit.

Wie fühlen sich Behindertensportler, wenn Sie medaillenbehangen von internationalen Einsätzen zurückkehren – und dann zu Hause wieder mit ihren alltäglichen Problemen, ihrer Sehschwäche oder Lähmung konfrontiert werden? Ist der Sport eine kleine, heile Oase und ist es schwerer, als erfolgreicher Athlet Hilfe anzunehmen? Das wollte ich wissen – und bin noch vor meinem Abflug nach Vancouver gleich mal ganz schön auf die Schnauze gefallen. Denn mein erster Gesprächspartner war Jens Jäger, der Mannschaftsführer der deutschen Curler. Und der wollte diese Fragen „nach den armen Behinderten und ihrem schweren Alltag“ gar nicht gern hören. Dennoch ist etwas herausgekommen: Fragen müssen macht demütig. Und: Nichtbehinderte können einiges von den Paralympics-Teilnehmern lernen.

Im Sport ist Höfle erfolgreich wie kaum ein anderer. Bei neun paralympischen Winter- und Sommerspielen hat der 42-Jährige 24 Medaillen gewonnen. Und auch beruflich hat er einiges erreicht. Sein Abitur hat er mit der Note 1,1 gemacht, das BWL-Studium gar mit 1,0 abgeschlossen. Jetzt arbeitet er im mittleren Management einer Stiftung für Sehbehinderte und verdient gut. „Ohne Behinderung wäre ich wohl ein ziemliches Ekel geworden“, glaubt Höfle deshalb.

Während andere erfolgreiche Menschen leicht Gefahr laufen, sich irgendwann zu überschätzen, ihre Schwächen zu ignorieren und sich für den Größten zu halten (man denke nur an die Finanzkrise oder einige Politiker wie unseren legendären Gerhard „Acker“ Schröder), wird Höfle tagtäglich mit seinen Grenzen konfrontiert. Ihm wird vor Augen geführt, dass er alleine nicht dort wäre, wo er heute ist. In diesem Punkt, glaubt der Familienvater, könne die Behinderung sogar ein Vorteil sein. „Fragen müssen macht ein Stück weit demütig“, sagt Höfle. Als Chef bei der Arbeit habe er keine Probleme, im Team zu arbeiten. Für seine Mitarbeiter sei er so deutlich näher, vielleicht sogar sympathischer.

Dass jeder seine Schwächen hat, niemand perfekt ist, das ist für manch einen schwer zu akzeptieren. Dabei steckt viel Wahrheit dahinter, wenn Höfles Nationalmannschafts-Kollege Josef Giesen statt von Nichtbehinderten von Normalbehinderten spricht. Für den ostwestfälischen Biathleten ist niemand nicht behindert. Bei manchem sieht man es nur nicht auf den ersten Blick. Bei Giesen schon. Er ist contergangeschädigt und hat zwei stark verkürzte Arme. Oft benötigt Giesen Hilfe. Von seiner Frau und auch von fremden Menschen. Hilfe anzunehmen, falle ihm aber selbst als erfolgreicher Sportler nicht schwer. Auch innerlich, sagt Giesen, tue ihm das nicht weh.

Diesen Umgang mit sich selbst, das Sich-selbst-in-Frage-stellen und das Annehmen von Hilfe, das sieht Frank Höfle durchaus als Vorbild für die Gesellschaft. Oft schon habe er auf einfachste Fragen patzige Antworten bekommen. Dabei habe doch grundsätzlich jeder, der fragt, auch einen Grund dazu. Und wie oft mühten sich Menschen mit Problemen ab, statt ganz einfach um Hilfe zu fragen. Diesen falschen Stolz kennt Höfle nicht. „In diesem Punkt leben wir etwas vor, das für viele gut wäre.“

Dennoch stoßen Fragen nach Problemen im Alltag nicht bei allen Behindertensportlern auf Gegenliebe. Denn das Thema, man kann es sich denken, kommt manch einem längst nicht zum ersten Mal zu Ohren. Jens Jäger ist Mannschaftsführer der Rollstuhl-Curler und fragt sich, warum er und seine Kollegen immer wieder auf ihre Behinderung reduziert werden.

„André Lange oder Tobi Angerer werden auch nicht gefragt, ob es schlimm für sie ist, wenn sie als erfolgreiche Sportler im Alltag manchmal um Hilfe bitten müssen.“ Jäger will nicht die soziale Weihnachtsgans sein, die für „quotenträchtige Rosamunde-Pilcher-Herzschmerzgeschichten über die armen Behinderten“ herhalten muss. Wenn er im Leben nicht klarkommen würde, so Jäger, würde er auch keinen Leistungssport machen. Schließlich sei er Stadtrat und Kreisrat. Doch statt nach sportlichen Aussichten zu fragen, würde von Medien nur der Umgang mit der Behinderung thematisiert.

Frank Höfle stört sich daran nicht. Vancouver werden seine letzten Paralympischen Spiele sein. Zum Ende seiner Laufbahn will er seine Erfolge nutzen, um auf die Probleme anderer Behinderter hinzuweisen. Erfolgreiche Sportler wie er seien letztendlich eben doch selbstbewusste „Luxus-Behinderte“. Er fühlt sich als Eisbrecher und deshalb erzählt er gern von seinen Problemen im Alltag. Im Herzen hätte Deutschland seine Behinderten zwar schon integriert, mit dem Verstand seien viele aber noch nicht so weit.

Dieser Beitrag ist unter anderem auch bei ZDFonline und in der Main-Post Würzburg erschienen.

Bisher von den Paralympics bei den Ruhrbaronen:
Paralympics I: Und ab geht’s hinauf nach Whistler …
Paralympics II: Von älteren Herren und harntreibenden Mitteln

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