10

Political Correctness kann keine Kunst schaffen

Dooley Wilson (links) & Humphrey Bogart in Casablanca - publicity still. Foto: unknown (Warner Bros.) Lizenz: Gemeinfrei

Sam (Dooley Wilson) und Rick (Humphrey Bogart) – Figuren aus einem Propagandafilm – längst zu Mythen des Kinos geworden. Foto: Unknown, (Warner Bros), Lizenz: Gemeinfrei.

Musik- und Kunst-Hochschulen, acht Milliarden Euro jährlich für öffentlich-rechtliche Sender sowie eine ebenso bunte wie unübersichtliche Sammlung an lokalen und regionalen Kulturfördertöpfen – Deutschland gibt wirklich viel Geld aus, von dem sich Kulturschaffende reichlich nähren können. Doch der Output reicht nicht mal, um die Menschen von acht Wochen Kontaktsperre ablenken zu können. Eine von Political Correctness dominierte Kulturlandschaft schafft kaum Unterhaltung – geschweige denn Kunst.

Casablanca ist der perfekte Propaganda-Film. Denn der Zuschauer bemerkt meist gar nicht, dass er einen Propaganda-Film schaut: Es geht um Musik, Alkohol, Glückspiel und leicht zu habende Mädchen. Und natürlich um eine Liebesgeschichte. Ja, Krieg ist auch und da laufen Nazis rum. Aber die werden wir am Ende schon besiegen, jetzt will ich mich erstmal ablenken, mag der geneigte Zuschauer denken – und damit hat er die beiden wichtigen Botschaften schon verinnerlicht.

Solche Ablenkung gab es während der Corona-Krise auch. Auf SAT1 Gold. Als der Spartensender eben Casablanca wiederholte – und „Vom Winde verweht“ oder „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Zeitgenössische Produktionen haben sich außer Shows im Privatfernsehen keine ins kollektive Gedächtnis gespielt. Und das obwohl die Menschen abends zwangsweise zuhause waren und nicht nur Zeit, sondern regelrecht Sehnsucht nach großem Entertainment gehabt hätten.

Man mag einwenden, dass Ablenkung nicht die Aufgabe des Kulturbetriebs sei. Das ist durchaus richtig, bedeutet aber nicht, dass der es nicht versucht hat. Zu den wenigen gelungenen Momenten gehört ein lustiges Lied, das die Ärzte gesungen haben. Doch die traurige Realität hieß: „Comedy gegen Corona“. Eine Produktion des SWR.

Tiefpunkt: Comedy gegen Corona

Moderatorin Lisa Fitz sprach denn auch davon, dass sie die Zuschauer von der Pandemie ablenken wollten mit der Sendung. Nun könnte man auf deren Inhalt eingehen: X-Prominente, die umständlich Clips anmoderierten. Es geht aber auch viel einfacher: Wenn ich von etwas ablenken will, darf ich es nicht permanent erwähnen – und schon gar nicht nehme ich es in den Titel der Sendung auf.

Dann gab es natürlich auch die vielen Spots, die zum Durchhalten ermuntert haben. Scheint nicht richtig funktioniert zu haben. Dafür muss man nicht mal Dschingis Khan Wildmann als Beweis ins Feld führen. Es genügt, sich die Umfragewerte anzusehen: Waren anfangs noch 90 Prozent für die Maßnahmen, schmolz dies auf zuletzt 66 Prozent ab. Und jedes mal wenn ein Promi in die Kamera appelliert „Stayathome“, „Durchhalten“, „Wir alle“, „Gemeinsam“… werden es drei Unterstützer weniger.

Doch eigentlich ist die Generation Political Correctness in diesem Format ganz bei sich. Im Sinne von: Ich und eine Botschaft, die Ich in die Kamera sage… Das ist so intensiv… Das ist so wichtig… Da würden Dramaturgie, originelle Einfälle oder gar handwerkliche Mühe nur ablenken.

Texte von Schimpansen gemacht

Und so kennt die Generation Political Correctness einen reichlich alimentierten wie unproduktiven Kunstbetrieb. Ihre Musik ist so belanglos, dass sich sogar ihr Vordenker Jan Böhmermann schon darüber lustig machte, indem er beliebte Buzz-Wörter in einen Topf warf und die Reihenfolge von Zoo-Schimpansen ziehen ließ. Das Resultat unterschied sich nicht merkbar von dem, was sonst veröffentlicht wird.

Der Kampf für Freiheit, gegen die Sklaverei, gegen den Krieg, gegen Rassismus – sie haben große Literatur zur Folge gehabt. Monumentale Filme. Eindringliche Kammerspiele. Songs, die jedem im Ohr sind – auch denen, die nichts von den jeweiligen Hintergründen wissen. Nichts davon hat die Generation Political Correctness der Menschheit bisher hinterlassen.

Das ist kein Zufall. Es ist nicht nur die Selbstverliebtheit der Akteure, die Kunst verhindert. Die glauben lässt, es genügt, sich vor eine Kamera zu stellen und seine Botschaft herunter zu predigen.

Statik statt Entwicklung

Die Political Correctness ist eine Bewegung, deren Ziel die Begrenzung von Inhalten ist. Sie ist vielleicht in der Lage, Argumente zu sammeln, warum man heute Mark Twain oder Astrid Lindgren nicht mehr veröffentlichen darf – aber sie ist nicht in der Lage etwas annähernd Großes zu schaffen.

Die Welt der Political Correctness ist statisch. Kunst lebt aber von Bewegung. Gute, die gut sind und sich beharrlich gegen die Schlechten wehren. Das ist Western. Munition fürs 24-Stunden-Kino. Nach dem Anschauen vergessen. In Erinnerung bleibt der Säufer, der seine Kumpels an die Nazis ausliefert. Erst wenn selbst ein solcher Zyniker bereit ist, Liebe und Leben für den Kampf gegen das Böse zu opfern, weiß jeder, wie ernst das ist – und dass es tatsächlich das Böse ist.

Wer political correct ist, ist sich seiner Sache sicher: Die Welt besteht aus Gut und Böse. Selbstverständlich gehört er zu den Guten. Er sucht nicht. Er weiß. Doch das bedeutet Vortrag, Kirchenlied, Langeweile. Kunst entsteht so nicht, höchstens subventionierte Kultur. Kunst entsteht in der Suche. Im Selbstzweifel.

Warum kein Film über Alyssa Milano?

Alan Parker hat mit „Mississippi Burning“ dem FBI und dem Kampf gegen Rassismus in den Südstaaten der 60er Jahre ein Denkmal gesetzt. Aus einer bewegenden realen Geschichte, entstanden ein bewegendes Drehbuch und ein ergreifender Film. Warum gibt es so etwas nicht zur Meetoo-Bewegung? Die realen Geschichten dazu sind bewegend, sind wichtig. Das Material ist da.

Warum nicht das Leben von Alyssa Milano verfilmen? Wie sie als Kinderstar in einer Sitcom startet. Wie alle drauf warten, dass aus dem Kind eine Frau wird. Und wie sich diese Frau dann solange nackt und halbnackt in seichten bis absurden Filmen zeigt – bis das schließlich wirklich keiner mehr sehen will. Und sie erst dann zur Meetoo-Aktivistin wird. Es wäre eine gebrochene Heldin. Eine spannende Heldin.

Doch einen vergleichbaren Film dazu wird es in der Welt der Political Correctness nicht geben. Gibt es ihn, kennt ihn keiner. Denn es ist ein Film über eine Frau, die tapfer und gut ist in einer Welt des Bösen. Sie bleibt tapfer und gut in einer Welt des Bösen. Und weil sie bis zum Schluss tapfer und gut in einer Welt des Bösen ist, erringt sie einen Teilsieg. Laaaaaangweiliiiiiiiig.

Der sehenswerte Film über Meetoo wird nicht politisch korrekt sein. Es würde eine Entwicklung notwendig sein. Doch Entwicklung kennt Political Correctness nicht. Würde sie auch nur fünf Sekunden von 120 Minuten in Frage gestellt, würden ihre Vertreter_Innen*ix in ihrem Tugendfuror darüber herfallen. Political Correctness akzeptiert nur Gut und Böse. Nichts dazwischen. Schon gar keine Kunst.

Political Correctness schafft keine Kunst
RuhrBarone-Logo

10 Kommentare zu “Political Correctness kann keine Kunst schaffen

  • #1
    discipulussenecae

    Nun ja. "Die Feuerzangenbowle" war auch ein Propagandafilm und im Sinne der Nazis ja durchaus politisch korrekt – mann denke etwa an die Figur des "Geschichtslehrers" Dr. Brett.

    Ob Ihr berechtigtes Lamento vielleicht damit erklärt werden kann, daß zur Produktion eines guten Filmes die bloß politisch gute Haltung allein nicht ausreicht?

  • #2
    bob hope

    Vielleicht sollte der Autor sich erst einmal darüber informieren, in welchem Kontext die „Political Correctness“ entstanden ist. Seine Interpretation orientiert sich eher an den Anti-PC-Positionen, die sich in den 1990er Jahren entwickelt haben und die ein sehr eindimensionales und undifferenziertes Bild von PC haben.

    Mir scheint hier auch der übliche Übersetzungsfehler aus dem Englischen übernommen worden zu sein. »Correct« heißt übersetzt nicht »korrekt« sondern »richtig«, also meint, für seine Rechte einzutreten – in der Regel von Gruppen, die sich unterdrückt fühlen und sich in einer Minderheitenpostition sehen – und eben nicht bürokratische Regelkonformität. Ist eben auch von Teilen der PC-Befürworter falsch und sehr eindimensional angewendet worden. Man denke nur an Trigger-Warning, was ja letztlich sogar dazu führte, dass allein schon die Ankündigung, über Vergewaltigung etc. zu reden, skandalisiert wurde.

    Den Anti-PC-Kämpfern ging es dagegen immer darum, alte Strukturen, Hierarchien, Machtpositionen zu verteidigen. Es gibt ja auch heute eine breit aufgestellte Szene, in der es Voraussetzung ist, Anti-PC zu sein. Das reicht dann von (ehemaligen) Liberalen und Konservativen wie Matussek, Tichy, Bolz und Co bis hin zu den Rechtsradikalen, die in der „Jungen Freiheit“ schreiben oder sich in der AfD engagieren.

    Wer PC kritisiert, sollte sich über den Gegenstand informieren und nicht solche Plattitüden ablassen wie der Autor. Und die Leute, die damals für PC das Wort ergriffen haben, hatten nicht im Sinn, Filme, Bücher, Songs oder Kunstwerke zu verbieten, in denen es um eine Wirklichkeit geht, die der PC entgegenstehen, das war eher eine Folge von Ausdifferenzierungen und falsch verstandener Correctness. Das wäre die wirkliche Debatte.

    „Das große Fressen“ oder „Die letzten Tage von Sodom“ laufen doch heute ebenso noch in der Flimmerkiste, wie Clips von militanten Rappern oder Dokus über Nitsch und Co. Wer auf Festivals geht, egal ob Musik, Film oder Theater, trifft immer noch auf Aufführungen, die polarisieren und skandalisieren. Die Freiheit der Kunst muss auch gegen vermeintliche, falsch verstandene PC verteidigt werden, aber dann bitte ernsthaft und nicht oberflächlich. So viel Anstrengung muss sein.

  • #3
  • #4
    Helmut Junge

    @Bob Hope,
    eine Kunst, die alles richtig macht, ist eigentlich bereits tot
    Sie ist auch dann tot, wenn ihr Anliegen "Gutes zu tun" wäre.
    Kunst sollte ja gerade ins Mark gehen. Heiß oder kalt sein, aber niemals lau.
    Und wenn jemand Regeln aufstellt, wie seinerzeit die Meistersänger, bleibt beim Rezipienten keine Erinnerung. So wie fast keiner der Meistersänger in Erinnerung geblieben ist. Aber wenn Kunst spritzig ist, kommen die Leute aus Sicht der Despoten vielleicht auf "dumme Gedanken". Deshalb bemühen die Despoten sich um ihre Bändigung.

  • #5
    bob hope

    #3: Rainer Möller
    „Vertreter“ von PC im klassischen Sinne gab es nicht, es war und ist ja auch keine Bewegung. Es ging vor allem darum, Strukturieren offenzulegen, durch die bestimmte Personengruppen (ist jetzt sehr verkürzt) benachteiligt oder diskriminiert werden. Die symbolische Ebene darf man dabei nicht unterschätzen. Sexistische und rassistische Diskriminierungen sind nicht selten gerade sprachlicher Art. Und wenn man sich die frühen 1990er Jahre anschaut, da spielte zum Beispiel sprachliche Radikalisierung eine Rolle in der Asyldebatte (Es gibt natürlich auch andere Beispiele, wie etwa Sarrazin) und man kann hier durchaus sagen, dass auf Worte Taten folgten.

    Wenn wir auf das Binnen-I oder -Sternchen schauen: Was spricht ernsthaft dagegen? Ich will es niemandem vorschreiben, aber die Gegner(Innen 😉) reden immer davon, dass die Sprache verhunzt würde. Als ob es jemals eine natürliche, homogene Sprache gegeben hätte.

    PC hatte ihren zweiten Ursprung (in den 1930er Jahren gab es vergleichbare Debatten) in den 1980ern in den USA, wo es auch darum ging, rassistische und sexistische Strukturen (Letztere übrigens auch in der Black Community) offen zu legen. Es ging auch um die schwulenfeindliche Politik der Reagan-Regierung im Zusammenhang mit Aids. Letztlich war PC aber ein Kampfbegriff, der von rechts benutzt wurde, um durchaus wichtige Anliegen formelhaft zu diskreditieren.

    Das, was als PC wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit ein Zerrbild und dieses Zerrbild wurde wiederum von Menschen, die es „gut meinten“, wieder aufgenommen und weiter verzerrt. Was heute größtenteils als PC wahrgenommen wird, hat sich von den inhaltlichen Debatten soweit entfernt und verselbstständigt, dass es nur noch als Farce rüberkommt. Es findet keine inhaltliche Auseinandersetzung mehr statt; übrig bleiben Schlagworte, Worthülsen etc. Die Fronten sind verhärtet – auf beiden Seiten.

    Deshalb geht auch die Kritik, die im Artikel geäußert wird, am Gegenstand vorbei. Das, was hier als PC bezeichnet wird, ist gut gemeinte und schlecht gemachte Symbolpolitik ohne Substanz. Wenn etwa Claudia Roth von Diskriminierung redet, schalte ich ab. Und wenn Kultur zensiert oder weichgespült wird, weil man Angst davor hat, zu provozieren, wird sie überflüssig. Wozu dann noch Kritik?

  • #6
    Andreas Säger

    Wohin das Gegenteil von PC führt sieht ja nun ein Blinder mit’m Krückstock. Nach rein strategischen Gesichtspunkten ausgerichtete, vollkommen unaufrichtige politische Kommunikation mit eingebautem Spaltpilz führt über kurz oder lang zu völligem Realitätsverlust, Krisen und am Ende auch Krieg. Ich bestehe auf mein Recht, für homoerotische Liebe, Multikulturalismus, Atheismus, freie Gewerkschaften, Sozialismus und das Recht auf Abtreibung einzutreten. Das hat mit PC nichts zu tun. Wenn das irgendeinem Arschgesicht nicht passt kannst er sich ’nen Satz warme Ohren bei mit abholen.

  • #7
    Wolfram Obermanns

    PC wird spätestens dann zum Witz, wenn sie paternalisierend mit geliehener Betroffenheit forciert wird.
    Was dies wiederum mit dem fehlenden Unterhaltungswert von Unterhaltungskünstler zu schaffen hat, erschließt sich mir nicht. Warum eine Agenda behaupten, wenn Phantasielosigkeit, Lustlosigkeit, Überdruss und Stagnation völlig ausreichen? Glattgelutschtschte Marktkonformität mit PC zu übersetzen ist mir auch zu eng betrachtet, die wird rein spielen, aber das gleiche Ergebnis ist auch ohne sie zu schaffen.

  • #8
    Marilou Monroe

    Zumindest der deutsche Film hat andere Probleme als PC
    1.Der deutsche Film leidet darunter, das Inhalt und Thema auf der gleichen Ebene verlaufen.
    2. Der deutsche Film leidet darunter, das alles auf Berlin fokussiert ist.
    3. Der deutsche Film leidet darunter, dass er Kunst sein will und auf’s Handwerk scheißt.

  • #9
    Olli

    Ich mag diesen Begriff PC nicht.

    Er ist so schwammig.

    Kennt jemand die Serie Doom Patrol?

    Die Serie ist ziemlich gut. Eine Parodie auf Superhelden. Und ziemlich das, was viele Leute als PC bezeichnen würde. Ein Homosexueller der lange Zeit seine Sexualität verbergen musste, ein männliches Gehirn im Körper eines Roboters, der auch unter seiner jetzigen Geschlechtslosigkeit leidet, eine Frau mit multiplen Persönlichkeitsstörungen, die diverse Male missbraucht wurde und die erst unter den anderen Freaks akzeptiert so etwas wie Normalität erlebt.

    Ja in einer Folge kommt sogar eine genderqueere Straße vor.

  • #10
    paule t.

    Ich fasse den Artikel mal anhalt eines Beispiellworts – auf das der Autor ja angespielt hat – zusammen:

    "Wenn man nicht ‚N****‘ sagen darf, ist Kunst unmöglich."

    –> Das ist eine reine Behauptung, durch nichts unterfüttert.
    –> Es hat eine falsche Voraussetzung: Man darf das Wort ja benutzen. Wenn seine Verwendung dafür nützlich ist, seinen rassistischen Inhalt aufzuzeigen (statt zu transportieren), spricht mE aus PC-Sicht nichts dagegen.
    –> Ein Künstler, der nur kunsten kann, wenn er auch außerhalb dieses Zwecks unpc-Wörter benutzt, ist ein schlechter Künstler.
    –> Der Zusammenhang mit Corona ist irgendwie … ??

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.