10

Präsident Mursi und der Münchhausen-Check

Mohammed Mursi. Foto: Wikipedia/ Jonathan Rashad, (CC BY 3.0)
Mohammed Mursi. Foto: Wikipedia/ Jonathan Rashad, (CC BY 3.0)

Mohammed Mursi. Foto: Wikipedia/ Jonathan Rashad, (CC BY 3.0)

Der „Münchhausen-Check“ entlastet Ägyptens Präsident Mursi. Zusammen mit „Dokumentationsjournalisten“ vom Spiegel wollte Spiegel Online eine umstrittene Äußerung von Mursi analysieren. Dieser war am vergangenen Mittwoch auf Staatsbesuch in Berlin. Es ging um ein Video, in dem Muris „die Zionisten“ als „Kriegstreiber“, „Blutsauger“ und als „Nachfahren von Affen und Schweinen“ bezeichnete. Das Fazit von Spiegel-Online: Geschmacklos, aber nicht antisemitisch.

Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, beteuerte Präsident Mursi auf einer Podiumsdiskussion mit Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo am Mittwochabend in Berlin. Mascolo hatte ihn direkt zu Beginn der Diskussion auf diese Äußerungen angesprochen: „Es gibt dieses berühmte Video in dem die Sätze fallen, dass die Zionisten Blutsauger sind, Kriegstreiber, die Nachkommen von Affen und Schweinen. Sie sagen, das ist ein Missverständnis. Ich habe mir dieses Video heute noch einmal übersetzen lassen, und kann kein Missverständnis erkennen.“ Mursi entgegnete, er habe lediglich die Verhaltensweise der „Zionisten“ kritisiert. Die Juden habe er nicht gemeint. Wörtlich sagte Mursi damals: „Entweder, man akzeptiert die Zionisten und das, was sie wollen, oder es gibt Krieg. Und das wissen die Zionisten, diese Besetzer Palästinas, diese Blutsauger und Kriegstreiber, diese Nachfahren von Affen und Schweinen.“

„Auch die SPIEGEL-Dokumentation hat sich die umstrittenen Äußerungen Mursis noch einmal prüfend angeschaut“, vermeldet Spiegel Online. „Mursi wettert in dem Interview eindeutig und ohne jeden Zweifel gegen die israelischen Besatzer, gegen die, wie er sagt, ‚Zionisten‘. Er sagt, dass alle Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern nichts gebracht hätten. Die israelischen Besatzer tituliert er in diesem Zusammenhang als ‚Nachkommen von Affen und Schweinen‘. Allerdings richtet er sich nicht gegen Juden oder die jüdische Religion an sich, wie es teilweise fälschlich in deutschen Medien berichtet wurde.“

Damit endet die Analyse des Spiegel-Teams. Es stellt sich die Frage nach dem Sinn der Konsultierung der „Dokumentationsjournalisten“ von der Print-Ausgabe für den großen „Münchhausen-Check“, wenn deren einziger Job darin zu bestehen scheint, sich das altbekannte Video noch einmal ganz genau anzuschauen. So lautet das Fazit:

 „Die Äußerungen Mursis sind in Berlin nicht aus dem Zusammenhang gerissen worden. An den Äußerungen des Präsidenten gibt es keinen Zweifel. Mursis Antwort, er habe nur die ‚Zionisten‘ und nicht ‚das Judentum‘ gemeint, ändert zudem an der geschmacklosen und menschenverachtenden Wortwahl nichts.“ Daraus ergibt sich für den Spiegel das Urteil: „Ungenügende Ausflüchte und eine verpasste Gelegenheit Mursis zum Dialog zwischen den Kulturen“.

„Am muslimischen Stammtisch ist es Gemeinplatz“

Hätten sie ein wenig recherchiert, wären sie vielleicht darauf gestoßen, dass sich die Formulierung „Affen und Schweine“ in einer Koran-Sure wiederfindet. Wenn man diese Sure liest, erkennt man auch als Laie, dass er Bezug auf die Juden relativ eindeutig ist. Natürlich sind Übersetzungen mit Vorsicht zu genießen. Auch der größere Kontext einer Sure erschließt sich Menschen, die den Koran nicht gelesen haben, eher schwerlich. Aber wenn die deutsche Übersetzung halbwegs stimmt, die man etwa den kostenlos verteilten „Salafisten-Koranen“ entnimmt, steht dort:

„‘O Leute der Schrift, ihr grollt uns nur deswegen, (…) weil die meisten von euch Frevler sind.‘ Sprich: ‚Soll ich euch über die belehren, deren Lohn bei Allah noch schlimmer ist als das? Es sind jene, die Allah verflucht hat und denen Er zürnt und aus denen Er  Affen, Schweine und Götzendiener gemacht hat (…).‘ Übel ist wahrlich was sie getan haben. Warum untersagen ihnen die Rabbiner und die Schriftgelehrten nicht ihre sündige Rede und den Verzehr von Verbotenem? Übel ist wahrlich, was sie getrieben haben. Und die Juden sagen: ‚Die Hand Allahs ist gefesselt.‘“ (Sure 5 Al-Ma’ida, 58 – 64. Zitiert aus: Der edle Quran. Die ungefähre Bedeutung in deutscher Sprache. Köln, 2012).

Auf diese Koran-Stelle bezieht sich wohl auch das arabische Mädchen in einer Saudi-Arabischen Kindersendung. Sie wird von der Moderatorin gefragt, ob sie Jude möge. Als sie das verneint, hakt die Moderatorin nach: „Weil sie was sind?“ „Sie sind Affen und Schweine“, antwortet das Mädchen, das noch im Kindergartenalter ist.

Jeder möge aus diesen Fakten seine eigenen Schlüsse ziehen. Es erscheint aber grob nachlässig, dass das Spiegel-Team auf diese Dinge in ihrem „Münchhausen-Check“ nicht einmal eingegangen ist. Die Journalisten machen es sich in ihrer Antisemitismus-Analyse etwas zu einfach, wenn sie ausschließlich darauf achten, ob das Wort „Jude“ fällt. Oder hätten sie wenigstens den Hinweis des ARD-Reporters in Kairo, Jürgen Stryja, zur Kenntnis genommen. Dieser wies vor einigen Tagen darauf hin: „Am muslimischen Stammtisch ist es deshalb Gemeinplatz, die Juden als Nachfahren von Affen und Schweinen zu bezeichnen. Es ist genau dieses antijüdische Stereotyp, das Mursi hier benutzt.“

Im gleichen Beitrag verwies Stryja noch auf eine andere Äußerung Mursis, die er 2010 getätigt hatte: „Meine Brüder, wir dürfen nicht vergessen, unseren Kindern und Enkelkindern den Hass auf die Zionisten und die Juden beizubringen. Mit diesem Hass müssen wir sie füttern, er muss erhalten bleiben.“ Allein mit seiner abschließenden Vermutung lag der ARD-Journalist angesichts der Spiegel-Analyse wohl daneben: „Es wird Mursi schwerfallen, diese Äußerungen zu bagatellisieren.“

RuhrBarone-Logo

10 Kommentare zu “Präsident Mursi und der Münchhausen-Check

  • #1
    Andi

    „die israelischen Besatzer“

    Der ohrenbetäubende Lärm, den man an der Stelle hört, ist übrigens der Bullshit-Detektor. Aber vermutlich ist der in der SpOn-Redaktion ohnehin längst überhitzt. Der Umstand, dass SpOn diese Wortwahl mehrfach völlig gleichmütig verwendet, sagt jedenfalls genug über die Kompetenz der „Fakten“checker aus und eine tiefere Analyse ist da ohnehin nicht mehr zu erwarten.

  • #2
    Nansy

    @Andi – das nenne ich mal ein Statement!
    Jetzt war ich aber gespannt, was man denn nun anstatt “die israelischen Besatzer” sagen sollte, dürfte? Leider kam da kein Vorschlag…

  • #3
    Sebastian

    Ist seine Wortwahl nicht eigentlich schon rassistisch? Ich verstehe nicht warum der Spiegel das nicht sehen will…

    Ne andere Sache, letztens hat doch unsere Regierung wieder gegen Russland geschimpft, wegen dem neuen homophoben Gesetz. Kam das bei Mursi auch zur Sprache? Immerhin ist Ägypten auch nicht unbedingt freundlich gegenüber Homosexuellen. Oder gehört islamische Homophobie zur Folklore?
    Ein Westerwelle sollte sich endlich mal klar sein das er in islamischen Ländern schnell am Kran hängen kann. Gerade bei dem Thema habe ich mir viel mehr von ihm versprochen.

  • #4
    Arnold Voß

    Natürlich ist die Wortwahl rassistisch. Der Mann selbst ist ein Rassist wie er im Buche steht und viele seine Wähler sind es auch. Was die Änderung dieser religiös-kulturellen Basisausstattung betrifft, hat (nicht nur) Ägypten noch eine sehr langen Weg vor sich.

  • #5
    Martin Niewendick Beitragsautor

    Der Zeit ist eine bemerkenswete Verharmlosung gelungen:

    „Ich bin der Meinung, entscheidender für die Beurteilung eines Politikers ist, was er heute sagt, als was er früher einmal gesagt hat. Noch wichtiger: Wie er heute handelt. Das ist der Prüfstein, und nicht so sehr, was er früher für Sprüche geklopft hat.“

    Das Jahr 2010, indem Mursi (s.o.) wie eh und je gegen Juden gehetzt hat, ist dem Autor „früher einmal“? Und dann vergleicht er Mursi auch noch mit Joseph Fischer, da der ja ein Liedchen davon singen könne, wie es sei, als ehemaliger „Radikaler“ auf einmal in Amt und Würden zu sein.

    http://blog.zeit.de/joerglau/2013/02/01/mursi-in-berlin-lehrjahre-eines-antizionisten_5874

  • #6
    Achim

    „Die israelischen Besatzer tituliert er in diesem Zusammenhang als ‚Nachkommen von Affen und Schweinen‘. Allerdings richtet er sich nicht gegen Juden oder die jüdische Religion an sich, wie es teilweise fälschlich in deutschen Medien berichtet wurde.“

    Offensichtlich verfügen diese Medien über einen gesünderen Menschenverstand
    als Spiegeljournalisten.

    Über die Abstammung von Israelis gibt es ein allgemein
    anerkanntes biologisches Fachwissen.
    Jüngeres Israelis stammen von Israelis ab.
    Es gibt keinerlei Hinweise auf die Schaffung von
    israelischen Menschen durch die geschlechtliche
    Vereinigung von Affen und Schweinen. Neutrale westliche
    Medien hätten sicherlich darüber berichtet.
    Haben sie aber nicht, also ist es dadurch als
    eine weitere arabisch-muslimische Lüge entlarvt.

    Auch die Journalisten „anderer deutscher Medien“
    verfügen über gesicherte Erkenntnisse über die
    Abstammung von Israelis.

    Israelis stammen von Juden ab.

    Vor der Schaffung des israelischen Staates gab es
    noch gar keine Israelis. Ein israelisches Staatsvolk
    ist erst aus jüdischen Ureinwohnern, Einwanderen,
    Flüchtlingen und Vertriebenen entstanden.

    Israelis könnten nur dann von Affen und Schweinen
    abnstammen, wenn Juden von Affen und Schweinen
    abstammen würden.

    Tun sie zwar nicht, aber bereits diese Behauptung ist
    antisemiisch.

    Die „anderen deutschen Medien“ haben da natürlich recht, wenn
    sie Mursi irgendwie in die Ecke
    eines Antisemitismus rücken.

    Achim

  • #7
    Andi

    @Nansy: Zum Beispiel „Israelis“. Mursi „wettert“ schliesslich nicht speziell gegen Siedler im Westjordanland, wo man durchaus von Besatzung sprechen kann, sondern gegen den Staat Israel insgesamt, wo es sich bei der Bezeichnung „Besatzer“ um schlichte Aufhetzung handelt. SpOn schlägt sich mit dieser Wortwahl auf eine ideologische Seite, was mit Journalismus und Faktenprüfung rein gar nichts zu tun hat.

  • #8
    Nansy

    @Andi: über die Äußerungen von Mursi brauchen wir wohl, glaube ich, nicht weiter sprechen. Da Du deinen Kommentar aber mit “die israelischen Besatzer” begonnen hast, habe ich mich gefragt, was nun wieder an dieser Bezeichnung falsch sein soll, denn bis mir jemand eine andere treffende Bezeichnung anbietet, beschreibt das für mich den Zustand ganz gut…

  • #9
    Puck

    Okay, Nansy, nehmen wir mal an, Mursi hat tatsächlich „nur“ die Zionisten gemeint, also Juden, die in Israel leben, und gegen die anderen in der Diaspora weltweit hat er nix (was vermutlich nicht der Fall ist), dann ist die feinsinnige Erläuterung von SPON – und besonders der erklärende Begriff „Israelische Besatzer“ – Nonsense. Als „Besatzer“ kann man vielleicht die Siedler in den besetzten Gebieten bezeichnen – Zionisten sind aber alle Israelis. Wenn SPON jetzt alle Isrealis zu „Besatzern“ macht, haben die entsprechenden Redakteure bei SPON offenbar den gleichen Splitter im Hirn wie Mursi.
    In der Arabischen Welt allgemein ist man nicht gegen die Siedlungen im Westjordanland, sondern gegen die Existenz des Staates Israel allgemein, und zwar von Anfang an. Erst dann, und nur dann, macht die Rechnung Zionisten = Besatzer Sinn.

  • #10
    Helmut Junge

    Wenn Islamisten von „Kreuzfahrern“ sprechen, meinen sie nie die historischen Kreuzfahrer, sondern die jetzt lebenden Europäer und Amerikaner. Und zwar alle.
    Da liegt es nahe, anzunehmen, dass der Islamist Mursi „Juden“ meint, wenn er „Zionisten“ sagt. Er nimmt den Satz nicht zurück und erklärt ihn auch nicht. Da wäre es töricht, ihn anders zu interpretieren. Der Satz kann nur direkt 1:1 verstanden werden.
    Er will ihn auch seinen Anhängern zuliebe nicht abschwächen. Warum sollten es dann seine Gegner tun?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.