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Radsport: Der ‚Fall‘ Lance Armstrong – Der letzte ‚Sargnagel‘ für den Profi-Radsport?

Lance Armstrong bei der Tour 2010, Quelle: Wikipedia Foto: Haggisnl Lizenz: cc

Ich habe lange überlegt, ob ich meiner Verärgerung über die jüngsten Entwicklungen im Fall ‚Lance Armstrong‘ dem vor einigen Tagen auch offiziell alle Tour-de-France-Titel aberkannt wurden, hier noch einmal in die Welt hinausposaunen soll. Ich mache es nun doch, denn für mich hat sich das Interesse am Profiradsport damit nun wirklich endgültig erledigt.
Man hat längst den Eindruck gewinnen müssen, dass diesem Sport nicht mehr zu helfen ist. Zu viele Lügen und falsche Beteuerungen in den letzten Jahren. Glaubt da wirklich noch jemand an eine ernsthafte Umkehr im Verhalten der Verantwortlichen? Ich nicht!
Jahrelang gehörte es zu meinen liebgewonnenen Gewohnheiten im Sommern, nach dem Tennis-Turnier von Wimbledon, die ‚Tour de France‘ zu verfolgen.
Ich fand es immer beeindruckend was dort ablief. Diese Leistungen waren, aus meiner Sicht, nicht hoch genug einzuschätzen. Wie sich die Männer dort die Berge hochquälten, wie sie nach hunderten Kilometern Wegstrecke noch um den Sieg sprinteten. Beeindruckend!
Dazu diese herrlich abwechslungsreiche Sommerlandschaft. Tolle Unterhaltung war das für mich über Jahre.
Die Sieger der Frankreichrundfahrt wurden hofiert. Bernard Hinault, Greg LeMond, Miguel Indurain, Laurent Fignon, Pedro Delgado… Alles sportliche ‚Helden‘ für mich damals!
Und dann kamen mit Erik Zabel und Jan Ullrich in den 90-er Jahren auch noch erfolgreiche Deutsche in das erlesene Starterfeld, denen man die Daumen drücken konnte. Beide feierten Erfolge, die für den Bund Deutscher Radfahrer herausragend und scheinbar kostbar waren.
Irgendwann kamen dann aber bereits erste Risse in die scheinbar heile Welt des Profiradsports. Dopingrazzias, Sitzstreiks der drangsalierten Sportler, erste Ausschlüsse und Sperren von Radfahrern, nicht nur bei der vielbeachteten Tour-de-France.
Was war die Reaktion der Betroffenen? Unschuldsbeteuerungen!
Alles natürlich immer nur ein ganz böses Spiel, alles falsche Unterstellungen, manipulierte Dopingproben. Der übliche Reflex halt, wenn Spitzensportler übler Machenschaften bezichtigt werden. Wer will da als Betrachter erkennen können wer die Wahrheit sagt?
Zunächst neigte ich noch dazu vielen von ihnen zu glauben. Das war auch in anderen Sportarten nicht anders. Diese sympathischen Leute können doch keine Betrüger sein, hofft man wohl zunächst noch, und schützt damit wohl auch ein wenig die eigene ‚heile Welt‘ bei der Betrachtung der Geschehnisse.
Das unappetitliche im Radsport: Es wurde immer mehr Verdächtige. In den letzten Jahren kaum noch ein Tour-Sieger der nicht mit üblen Vorwürfen konfrontiert wurde.
Parallel dazu auch am Wegesrand der Radsportgeschichte immer neue Enthüllungen von Fällen aus der Vergangenheit. Ich mag sie hier alle gar nicht mehr aufzählen…
Irgendwann habe ich den Überblick verloren wer überhaupt noch als unbelastet gilt bzw. galt.
Tour-Titel wurden aberkannt, die Siegerlisten der vergangenen Jahre schon vor dieser Woche bereits geändert.
Und immer waren die Reaktionen gleich: ‚Alles nicht wahr! Ich bin unschuldig! Die Behauptungen sind eine Lüge!‘
Die Teamchefs hingegen beteuerten stetig ihren Willen zu einer dopingfreien Zukunft des Radsports. Die Welt sollte von nun an besser werden, die Radsportszene sollte sich von innen heraus reinigen.
Tat sie das? In einigen kleinen Teilen vielleicht, insgesamt blieben die Probleme aber erhalten, trotz all der Beteuerungen!
Irgendwann mochte ich das Alles dann gar nicht mehr sehen und hören. Es nervte!
ARD und ZDF sahen das zuletzt offenbar auch nicht mehr anders und beendeten weitestgehend die Live-Übertragungen aus Frankreich im Sommer.
Nun, am Anfang der Woche, wurde es, mit großem Medienecho, dann offiziell:
Auch dem seit Jahren immer wieder unter Dopingverdacht stehenden Dauersieger der Tour, Lance Armstrong, wurden alle seine sieben Titel der Jahre 1999 bis 2005 aberkannt. Bums! Das saß bei mir noch einmal!
Wer hat die Tour denn in den letzten 10 Jahren nun eigentlich offiziell gewonnen? Das kann ich gar nicht mehr sagen! Will ich auch nicht! Die gefundenen Antworten müsste man sich wahrscheinlich ohnehin sicherheitshalber erst einmal mit einem inneren ‚bisher noch so gewertet‘ -Vermerk im Gehirn abspeichern… Mir ist der Spaß daran endgültig vergangen.
Hier richtet sich eine Sportart über Jahre schon selber zu Grunde!
Oder glaubt hier noch immer jemand an den seit Jahren immer wieder gebetsmühlenartig versprochenen ‚sauberen Radsport‘ der Zukunft? Ich nicht!
Natürlich kann man die jüngste Aberkennung der Titel für Armstrong auch als ein positives Signal werten, dass der Anti-Doping-Kampf funktioniert, das offenbar nun wirklich aufgeräumt werden soll und auch wird, das man auch die größten Namen nicht verschont, das nun zum x-ten Mal ein sauberer Neuanfang gemacht werden soll und wird.
Ich kann das Alles nicht mehr glauben. Warum sollte diesmal gelingen, was schon zuvor dutzende Male so angekündigt wurde und immer scheiterte? Es wird nicht lange dauern und der nächste Sieger wird aus den Geschichtsbüchern des Sports getilgt werden müssen… Wetten, dass…?
Und das war es dann jetzt auch von mir zu dem Thema. Soll da doch im nächsten Juli gewinnen wer will…. Wozu sich tagelang einer Sportart widmen, wenn man sich am Ende doch nicht sicher sein kann ob da der endgültige Titelträger mit dem Pokal winkend auf dem Siegertreppchen steht?

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11 Kommentare zu “Radsport: Der ‚Fall‘ Lance Armstrong – Der letzte ‚Sargnagel‘ für den Profi-Radsport?

  • #1
    Helmut Junge

    Robin, Du stehst mit Deiner Einschätzung im deutschen Mainstram.
    Aber bei der Tour de France sind die Strecken bis in die Gipfel der Alpen voll mit begeisterten Menschen.
    Es gibt nämlich mehr als nur Doping. Mit Doping lassen sich auch keine taktischen oder strategischen Pläne erklären. Das will bedeuten, dass ein Radsportler, der nichts in der Birne hat, auch dann solche Touren nicht gewinnen kann, wenn er mit Dopingzeugs bis zum Stehkragen voll ist.
    Doping machen angeblich nur die Radfahrer. Da kann ich nur lachen.
    Aber in anderen Sportarten, wo es auf körperliche Kraft und Ausdauer ankommt, wird auch gedopt.
    Nur wenn es nur auf körperliche Fähigkeiten ankommt ist Doping ein wirklicher Vorteil des Dopers. Aber da sagt kein Reporter was.
    Übrigens ist die Zahl der deutschen Sportjournalisten, die vom Radsport ein Minimum verstehen bedenklich in die Nähe von Null gerückt.
    Bei der Olympiade z.B. hat der ZDF-Journalist nicht mal den Namen eines der beiden Ausreißer gewußt, obwohl ich sogar im Fernseher die Rückennummer lesen konnte. Davon abgesehen hat der das Prinzip nicht kapiert, dass auf einer Sprinterstrecke gelegentlich auch schon mal Ausreißer gewinnen.

  • #2
    Thomas

    Soll ich Dir jetzt mal die ganze schmutzige Wahrheit verraten?

    Spitzenradsport ist ohne Doping gar nicht vorstellbar. Das ist ne Show. Die ganze Veranstaltung.

    Kein Sterblicher kann mit einer Durchschnittsleistung von spitzenmässigen über 400 Watt mit über 43 km/h die Tour durchstehen.

    Und Doping ist nur das, was über der Nachweisgrenze liegt.

    Warste mal auf einem Sechstagerennen?
    Egal: Ohne Bier und Speed geht da nix.

    So geht’s: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/04/Dossier-Doping-Geschichte

    Ich kenn auch im Ausdauersport, bei den Randonneuren, ab 200 km, niemand, der sich nicht erst mal 1000 mg Ibuprofen reinhaut. Um den Kniegelenkschmerz geschmeidig zu machen. Das mach‘ ich auch.

    Der Unterschied ist: Ihr glaubtet an hehre Helden. Und das waren Profis.

    Bei Amateuren tut nur am Wochenende das linke Knie weh.

  • #3
    Robin Patzwaldt

    @Thomas: Ja, war ich. In Dortmund. Hatte mal einen Kumpel der es als Radfahrer in die erweiterte Nationalmannschaft geschafft hatte. Der hat mich damals ‚mitgenommen‘. War aber nicht meine Welt dort.
    Die Straßenrennen gefielen mir immer besser.

  • #4
    Helmut Junge

    Warum wird Doping dann nicht freigegeben, wenn es doch alle machen und Armstrong nach sieben Toursiegen bei robuster Gesundheit der lebende Beweis dafür ist, dass es „so gefährlich“ wie es von Experten immer dargestellt wird, gar nicht sein kann?

  • #5
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Helmut: Darüber habe ich auch schon häufiger nachgedacht, nachdem ich vor Jahren einmal eine Sendung des ‚heißen Stuhls‘ bei RTL gesehen hatte, wo Manfred Ommer (ehemaliger Leichtathlet und Präsident des FC Homburg) damals genau das öffentlich gefordert hatte.

  • #6
    Helmut Junge

    Robin, ich sag`s Dir warum das in Deutschland nie freigegeben wird.
    Weil Deutschland vom Land der Bedenkenträger zum Land der Leute mit mahnend erhobenen Zeigefinger geworden ist, und weil viele hier allein auf der Basis des erhobenen Zeigefingers gefragte Experten geworden sind.
    Querdenker sind nicht gefragt. Dagegen haben Volkserzieher aller Schattierungen Zulauf. Das zeigt sich auch bei anderen Debatten.

  • #7
    Robin Patzwaldt

    @Helmut: Wobei das Thema dann auch sehr schnell, sehr komplex wird. Denn was im Spitzensport ja vielleicht einfach so zu machen wäre, frei nach dem Motto ‚Macht doch was ihr wollt, ist ja Eure eigene Gesundheit‘, wäre in unteren Klassen sicher schnell sehr problematisch. Denn während das Doping im Spitzensport sicher in der Regel gut ‚überwacht‘ über die Bühne ginge, wäre es bei Amateuren und Jugendlichen sicher arg gefährlich, da von Laien durchgeführt. Und solche Experimente würden sicher auch häufig mal größere ‚Schäden‘ verursachen. Ist also wohl nicht so einfach. Von der ‚moralischen‘ Komponente mal ganz abgesehen.

  • #8
    Helmut Junge

    Robin,
    den Armstrong mal nach seinen Erfahrungen fragen. Der kennst sich da sicher aus.
    Ein Mann der Praxis.
    Aber sicher ist es wie bei den sogenannten Drogen. Wo die weichen Drogen frei sind, entwickelt sich der Markt für die Dealer nicht so gut, wie dort, wo die verboten sind.
    Und:
    Durch die restriktive Drogenpolitik hat sich nichts verbessert. Sie ist erfolglos.
    Weil sie erfolglos ist, gibt es auch diese Kritik daran. Klar kommt dann wieder der erhobene Zeigefinger, aber der ändert nichts an der Erfolglosigkeit der der derzeitigen Drogenpolitik.
    Man suggeriert allerdings den Leuten, dass alles andere als diese erfolglose Politik noch erfolgloser wäre.
    Ein Test auf bestimmte Zeit wird aber nicht zugelassen.
    Die Leute, meist junge Leute steigen dann auf solche Designerdrogen um, die der Staat nicht kennt, bzw. nicht kontrollieren kann, weil es jede Woche eine andere gibt.
    Das ist gefährlich.
    Dieses unkontrollierte Einnehmen von Substanzen, deren Wirkung unbekannt ist, ist gefährlich.
    Bei den Dopingmittel wird es auch welche geben, deren Wirkung erforscht ist, und die keine bleibenden Schäden verursachen, siehe Armstrong.
    Die könnte man für Erwachsene freigeben.
    Wer Kindern welche gibt, macht sich sogar dann noch strafbar.

  • #9
    Thomas

    Ihr diskutiert total lächerlich.

    Sport ab einem gewissen Niveau geht nicht ohne Drogen. Nicht ohne Doping.

    Das ist ja der Pfiff: Lauft doch mal 20 km, danach kannste noch vier Stunden Pogo tanzen gehen, das machen die selbstproduzierten Endorphine.

    Andererseits: Ab der B-Jugend kriegen die Jungs beim Handball von den Trainern und Ärzten angesagt, vor dem Spiel erst mal Analgetika werfen, denn Handball tut weh.

    Nun gibt es erörterte und weniger erörterte Dimensionen des Dopings.

    Der Radsport ist eine mittlerweile besonders erörtete.

    Das hat damit zu tun, daß Doping in dieser härtesten Ausdauersportart von allen besonders hilft.

    Aber – wie war das denn mit den chinesischen Schwimmerinnen bei den vorletzten olympischen Spielen?

    Die sind doch alle auf Mutanten gezüchtet worden: Erst optimale genetische Prädisposition, selektiert via DNS-Test, dann aufgeplustert mit Hormonen.

    Leute, es heißt: Brot und Spiele. Panem et Circensis. Zirkus bei Ciabatta auf dem Sofa.

    Ihr kriegt, was Ihr haben wollt.

    Und Doping ist immer definiert als über der Nachweisgrenze.

    Da beißt die Maus keinen Faden ab.

    Dann noch eins:

    Spitzensport war niemals Idealismus. Coubertin war nur Staffage. Die olympische Bewegung ist Lüge.

    Profisportler wissen das. Aber – sie sind doch nicht bescheuert deswegen. Nicht bescheuert genug, ihr Geschäftsmodell in Frage zu stellen, sofern sie davon nicht profitieren.

  • #10
    Radler

    Wer sich in den Profi-Spitzensport begibt, riskiert, darin umzukommen, Pantani ist dabei schon tragisch gescheitert, ich hoffe, dass LA mehr persönlichen Rückhalt hat. Was in der Medienlandschaft da abläuft, ist grausam, allen voran der Springer Konzern (insb. *Die Welt* mit ihren Couch-Potato-Kommentatoren). Man sollte wirklich mal den Bericht der USADA studieren, da werden alte Kamelle aufgelistet, vorwiegend von Leuten, die seit Jahren bekannt sind, überwiegend basiert das Ganze auf deren Aussagen, Beweise sähen in einem rechtsstaatlichen Verfahren anders aus.. aber ok, darum geht’s schon lange nicht mehr, der millionenschwere Zirkus (UCI, FIFA, IOC usw.) muss weiterleben, das Volk jubelt..basta…

    .. meine 5 Cents dazu

    PS: LA hat mir als *Radler* viel gegeben (Motivation, seine Bücher etc.), das wird auch so bleiben.. und er hat eine Sche&%-Erfahrung durch seine Erkrankung absolviert, die man weiterhin respektieren sollte und er wird vmtl. einen nicht unerheblichen Teil seiner Einnahmen darein gesteckt haben. Wie Titanic so treffend schrieb: der einzige Gewinner in der ganzen Sache wird der Krebs sein..

  • #11
    Robin Patzwaldt

    Habe gerade gesehen, dass man ausgerechnet Pinocchio zum Maskottchen der Rad WM 2013 gemacht hat. Kein Witz!

    http://www.toscana2013.it/?page=12

    Passender geht es kaum. 😉

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